Zeitschrift für Spiritualität und Transzendentale Psychologie



Was ZSTP will…

Die Herausforderung einer spirituellen Wissenschaft

 

Das Webersche Wertfreiheitspostulat ist als Ideal einer möglichst objektiven Wissenschaft der zentrale Glaubenssatz des ungeschriebenen Katechismus heutiger Wissenschaftler. Wissenschaftler beziehen einen Großteil ihrer Reputation aus der scheinbaren Einlösung des Versprechens der Aufklärung, Wissenschaft fördere Wahrheit zutage, weil sie keine subjektiven Wertungen in ihre Ergebnisse mische. Aber selbst wenn der Forschungsprozess in diesem Sinn wertfrei sein sollte, selbst wenn man also dem einzelnen Wissenschaftler zugesteht, dass er nicht zur Verbesserung der eigenen Karriere betrügt (wobei bei weit gefasstem Betrugsbegriff der Betrug in der Wissenschaft das Übliche und nicht die Ausnahme ist)[1], selbst dann bleibt noch genügend Spielraum für den Einfluss des Forschungsinteresses auf Durchführung und Ergebnis der Forschung, völlig unabhängig davon, dass der Kontext der Wahl des Forschungsgegenstands und der Forschungsfrage unbestritten interessengeleitet sind.

 

Angesichts dieser Situation ist es völlig verfehlt zu behaupten, Wissenschaft könne und müsse wertfrei sein. Tatsächlich ist sie es nie. Sie muss sogar eine weltanschauliche Basis zum Axiom machen. Dieses Axiom ist in unserer Kultur das Axiom des Materialismus (des Glaubens an die alleinige Existenz materiell-physischer Seinssphären). Aus Gründen, die etwas mit einer Revieraufteilung zwischen christlicher Religion und Wissenschaft seit der Aufklärung und insbesondere nach den Weltkriegen zu tun haben, gibt es einen breiten gesellschaftlichen Konsens bis tief in die Kirchen hinein, dass Wissenschaft kein religiös-spirituelles Axiom besitzen darf, während sie dafür die Religion als irrationale Nische in keiner Weise tangiert. Umgekehrt nimmt die (monotheistische) Religion für sich in Anspruch irrational sein zu müssen, weil sie ihre Wahrheitsansprüche aus einem reinen Glaubensakt bezieht. Diese Spaltung führt dazu, dass Religion ganz wie zur Zeit der Aufklärung immer noch als per se irrational angesehen wird, Wissenschaft als objektiv wahr und rational. Dem hat der US-amerikanische Philosoph und Psychologe William James widersprochen und den Vorschlag einer universalen Wissenschaft des Religiösen gemacht, die er sich als Synthese der empirischen Wahrheiten in allen Religionen dachte. Ungeachtet dieses einsamen Rufers in der Wüste gilt der Gedanke einer empirischen Fundierung von Religion (bzw. Spiritualität) und einer spirituellen Fundierung der Wissenschaft als Tabuzone wissenschaftlichen und religiösen Denkens.

 

Der Graben zwischen Wissenschaft und Religion ist aber an der Stelle absurd und künstlich konstruiert, wo die institutionalisierte Religion durch den Begriff der Spiritualität ersetzt wird oder genauer durch den Begriff der spirituellen Erfahrung. Spirituelle Erfahrung ist ein möglicher Forschungsgegenstand einer intersubjektiven Wissenschaft wie jeder andere. Wird aber die spirituelle Erfahrung reduziert auf das materialistische Axiom, das (und dies ist unbedingt zu beachten!) eine weltanschauliche Vorentscheidung des Wissenschaftlers ist und nicht selbst das Ergebnis wissenschaftlicher Objektivität, dann wird sie in ihrem eigentlichen Gehalt vernichtet. Wenn ich meine, den Gegenstand meiner Forschung aus seinem Kontext reißen und ihn somit seines Wesens beraubt besser verstehen zu können, dann betreibe ich Wissenschaft am toten Objekt. Diese mag ihre Berechtigung besitzen, wo der tote Schmetterling in den Augen eines Biologen anatomisch interessanter ist als er es als lebendiges Wesen (ethologisch) wäre. Die Wissenschaft am toten Objekt (d. h. ohne ökologischen Kontext) in der Psychologie ist jedoch langfristig eine Sackgasse, wie man heutzutage vielerorts erkannt hat.

 

Spirituelle Erfahrung darf nicht ihres Kontextes beraubt werden, um verstehbar zu sein. Diese Online-Zeitschrift fördert die Idee, eine Wissenschaft zu erschaffen, in der das Spirituelle unter einem anderen als dem materialistischen Axiom erforscht wird. Ein anderes Axiom einzuführen ist wissenschaftstheoretisch völlig legitim, da Axiome gesetzt und nicht gefunden werden. Das Axiom des Materialismus ist eine willkürliche Setzung, und eine Wissenschaft, die sich nicht bewusst macht, dass sie unter einer weltanschaulichen Prämisse arbeitet, läuft Gefahr, sich ihrer unreflektierten, irrationalen Basis nicht bewusst zu werden. Das Axiom wird dann zum unbewussten Schatten (im Sinne C. G. Jungs) dieser Wissenschaft, die nie offen da hinschauen darf, wo sich ihre irrationale, verdrängte Seite befindet – ein Grund, weshalb ein Großteil der Wissenschaftler das Axiom des Materialismus, dem man unreflektiert folgt, zugleich ignoriert statt es zu diskutieren. Man erkennt dessen Wirksamkeit jedoch, wenn man einem Wissenschaftler begegnet, der in seiner Funktion als Wissenschaftler alles Religiöse/Spirituelle implizit negiert, aber im Privaten zugibt, ein religiöser/spiritueller Mensch zu sein: er wird vom Axiom des Materialismus in seiner Wissenschaft dazu gezwungen, als Wissenschaftler sein eigentliches Weltbild zu leugnen. Das zeigt sehr deutlich, dass Wissenschaft selbst Teil eines Weltbildes, einer Ideologie ist und nicht ideologieneutral, ansonsten könnten sich derartige Wertekonflikte niemals ergeben. Es scheint also so, dass Wissenschaft heutzutage den Stellenwert einer Religion angenommen hat – mit Wissenschaftlern als ihren Priestern -, denn nur dadurch wird verständlich, wieso ein Wissenschaftler, der seine Wissenschaft unter dem Axiom der Transzendenz statt desjenigen des Materialismus ausübt, öffentlich gebrandmarkt werden kann, obwohl er sich ansonsten nach exakt denselben Regeln der Wissenschaft verhält wie jeder andere.[2]

 

Ein Axiom der Transzendenz, das hingegen behauptet, dass der menschliche Geist einen transzendenten Bezug besitzt, d. h. jenseits seiner materiellen Basis existiert, dass es mit anderen Worten eine Welt jenseits des Materiellen gibt, dieses Axiom wird im Mainstream der Wissenschaft heute – nicht aus wissenschaftlichen, sondern aus eindeutig und unbestreitbar ideologischen Vorentscheidungen – abgelehnt. Zu fordern wäre hingegen, dass Wissenschaft unabhängig sein muss – unabhängig von einzelnen weltanschaulichen Vorentscheidungen – und deshalb das Transzendenzaxiom ebenso Basis wissenschaftlicher Forschung sein muss wie das materialistische Axiom. Die Möglichkeit der Existenz anderer als materieller Daseinsbereiche oder Wirkungsursachen zu leugnen, ohne diese Denkmöglichkeit erforscht und geprüft zu haben, hat mit dem Anspruch der Wissenschaft der Erforschung des Wirklichen unter intersubjektiven (oder gar objektiven) Gesichtspunkten nicht das Geringste zu tun. Es handelt sich lediglich und ausschließlich um die Reproduktion von Vorurteilen (wie sie immer vor einer entscheidenden Entdeckung in der Wissenschaftlergemeinde üblich waren; vgl. den Widerstand gegen Charles Darwin, gegen die Einführung der Krankenhaushygiene durch Semmelweis, gegen die Quantenphysik durch z. B. Einstein). Die Ablehnung der Möglichkeit einer Forschung unter dem Transzendenzaxiom ist mithin so weit von der reinen Wissenschaft entfernt wie jede andere vorurteilsbelastete pseudo-wissenschaftliche Aussage. Zugleich aber werden vom Mainstream der materialistischen Wissenschaft, einfach aufgrund der Mehrheitsverhältnisse, nicht aber aufgrund des besseren Arguments, alle Forschungen, die dem vorherrschenden materialistischen Paradigma widersprechen, als Pseudo-Wissenschaft bezeichnet. Dadurch entsteht bei allen wissenschaftlich interessierten wie ungebildeten Bevölkerungsschichten, die derartige (z. B. parapsychologische) Forschungen nicht selbst zu prüfen vermögen, der Eindruck, es habe nicht in hundert Jahren anomalistischer Forschung genügend Hinweise gegeben, dass das materialistische Paradigma durch ein anderes wissenschaftliches Paradigma abgelöst werden muss. Qualitativ hochwertige anomalistische Forschungsergebnisse werden heutzutage ebenso durch öffentliche Meinungsbildung unterdrückt wie abweichende religiöse Auffassungen zur Zeit der Inquisitoren und für so absurd gehalten wie die Welt-Anschauungen Galileo Galileis oder Giordano Brunos ihren Zeitgenossen erschienen sein mussten.

 

Eine Wissenschaft unter dem Transzendenzaxiom lässt sich hingegen folgendermaßen vorstellen und in Ansätzen bereits finden: Wissenschaftler betreiben Biologie, Physik oder Ethnologie, Geschichtswissenschaften oder Germanistik. Dabei beschränken sie sich in ihrem Forschungsinteresse und dem Aufbau ihrer Forschung jedoch nicht auf die alleinige Existenz einer materiellen Welt. Sie beziehen die Möglichkeit der Existenz einer immateriellen Welt ein und prüfen die sich daraus ergebenden Konsequenzen ebenso gründlich und ergebnisoffen. Ein Ethnologe beispielsweise, der vom Transzendenzaxiom ausgeht, muss die paranormalen Erfahrungen, die er in einer noch wirklich ursprünglich lebenden indigenen Kultur zwangsläufig macht, nicht leugnen; er kann sie als das darstellen, als was die Kultur sie selbst sieht: die Erfahrung eines numinosen Anderen. Ein Historiker, der über die Hexenverfolgungen schreibt, braucht sich nicht aus ideologischen Gründen der Möglichkeit zu verschließen, dass neben allen anderen bekannten soziologischen Gründen in der frühen Neuzeit ein Kern von magischen Kulten vorhanden gewesen sein mag, der – wie der Ethnologe bestätigen wird – tatsächlich in einzelnen Fällen Schadenswirkungen auf unbeteiligte Personen gezeigt haben mag. Der breite Konsens der Leugnung dieser Möglichkeit wird nicht dadurch wahrhaftiger, dass man das angeblich Unmögliche nicht ebenso offen und exakt untersucht wie das ideologisch einzig für wahr Gehaltene. Dieser Leugnung der Erforschung ganzer Bereiche, der Unmöglichkeit, das ideologisch Tabuisierte auszusprechen, der totalen Reduktion des Menschseins auf seine materielle Basis, will diese Zeitschrift etwas entgegen setzten.

 

 

Edgar W. Harnack

   Herausgeber




[1] Wissenschaftliche Arbeiten, zumindest der Geistes- und Sozialwissenschaften, werden häufig durch „Zitieren“ anderer Arbeiten verfasst, die der veröffentlichende Wissenschaftler nur unzureichend zur Kenntnis genommen hat; es werden Forschungen unter dem Namen des Projektleiters an erster Stelle publiziert, der zu der Forschung persönlich nichts beigetragen hat; es werden Forschungsergebnisse eliminiert und nicht veröffentlicht, die der These widersprechen, oder so lange geforscht, bis eine passende Datenreihe auftritt; es werden sogar – und vermutlich nicht in Einzelfällen – Daten statistisch frisiert, beschönigt oder schlicht gefälscht.

[2] Vgl. die öffentlichen Schmähungen, die sich Wissenschaftler der Universität Frankfurt/Oder im Jahre 2012/2013 von Presseorganen wie Spiegel online und taz gefallen lassen mussten, einzig und allein, weil sie nicht dem Axiom des Materialismus folgten.