Zeitschrift für Spiritualität und Transzendentale Psychologie 2013, 3 (2)



Religion und Gehirn

Rezension des gleichnamigen Buches von Georg Milzner[1]

 

Edgar W. Harnack

 

 

 

 

 

Georg Milzner, mehrfacher Buchautor und Psychologe, hat ein neues Werk vorgelegt, in dem er sich, wie der Titel verrät, mit „Religion und Gehirn“ und der „Integration von Hirnforschung und religiöser Erfahrung“ beschäftigt. Der Untertitel muss gleichwohl stutzig machen, denn wenn es um die Integration von Hirnforschung und religiöser Erfahrung geht, muss man sich fragen, ob da das eine in das andere – und welches wohinein – oder ob beides in eine dritte Synthese integriert werden soll. Die Antwort auf diese Frage gibt der Autor ganz am Ende des Buches – und jeder Leser möge selbst beurteilen, ob sie ihm gelungen ist.[2] Jedenfalls darf man Milzners Buch wohl nicht als eine Apologie des Religiösen angesichts der Angriffe durch eine – nicht weltanschaulich neutrale, sondern – atheistische Wissenschaft ansehen, vielmehr tritt es als ein Versuch der Versöhnung auf: mit den Argumenten und der Perspektive der Naturwissenschaft geht der Autor nur soweit ins Gericht, als sie ihre Kompetenzen überzieht. Die grundsätzlichen Fragen von Gehirn und Geist, von der Möglichkeit einer Erkenntnis jenseits des eigenen Gehirns werden von ihm schon früh (wo er auf den radikalen Konstruktivismus zu sprechen kommt) abgewiesen. Stattdessen geht es ihm um die Grenzen der Aussagekraft nicht nur der Hirnforschung, sondern auch der Notwendigkeit der Religion, sich mit Fragen auseinanderzusetzen, die legitimerweise seitens der Naturwissenschaft an sie gerichtet werden.

 

Dass dies gleichwohl mit einem zwar nicht einseitigen, aber deutlichen Wohlwollen für die Religion geschieht, wird von Anfang klar. Denn der Autor macht keinen Hehl daraus, dass er selbst nicht anders kann als die Welt aus einem religiösen – präzise gesagt: theistischen (gottgläubigen) – Blickwinkel zu sehen. Das heißt nicht, dass er etwa versuchen würde, ein spezifisch christliches Gottesbild zu verbreiten. Ihm geht es doch weniger um die Überlegenheit eines bestimmten religiösen Gebäudes gegenüber dessen atheistischen Belagerern, sondern um eine erfahrungsbasierte Religiosität, die eigentlich eher Spiritualität zu nennen wäre. Diese Unterscheidung allerdings wird hier nicht getroffen (weshalb nicht?), Begriffe wie Religion und Spiritualität werden unterschiedslos gebraucht, aber es scheint doch immer die Erfahrung des Numinosen im spirituellen Erleben und nicht der religiöse Überbau gemeint zu sein. Das legt schon Milzners doppelter, persönlicher und akademischer Hintergrund nahe.

 

Denn Milzner ist jener „ambi-kompetente“ Experte neuen Typs, der für die Erforschung besonderer Bewusstseinszustände aus gutem Grund heute zu fordern ist: Als Psychologe und Hypnotherapeut besitzt er wissenschaftliche Expertise aus der Perspektive des objektiven „Draufblicks“. Aber zugleich besitzt er jenes Expertenwissen aus der Ersten-Person- oder Innenperspektive, das es ihm tatsächlich ermöglicht zu wissen, wovon die Dritte-Person-Perspektive spricht. In anderen Veröffentlichungen hat er sich bereits als einer offenbart, der mit veränderten Bewusstseinszuständen ungeniert experimentiert. Und nun zeigt er noch einmal deutlicher, dass dahinter auch eine Erfahrung des Anderen als des Göttlichen, der spirituellen (bei ihm: „religiösen“) Dimension steht, die sich im veränderten Bewusstsein zuweilen offenbart.

 

„Religion und Gehirn“ ist eine Sammlung von Argumenten gegen einen reduktionistischen Blickwinkel, der überall nur elektrische Verbindungen zwischen Nervenzellen am Wirken sieht. Diese Argumente aber sind keine schlagenden Beweise für einen Gott, sie sind Infragestellungen der materialistischen Thesen, die diese zu schwächen und in die ihnen gemäßen Schranken zurückzuverweisen geeignet sind. Das Buch wird also einen eingefleischten Materialisten wohl kaum vom Gegenteil überzeugen, aber es zeigt der allzu selbstherrlichen Haltung des „Wir können alles naturwissenschaftlich erklären“ auf, bis wohin und nicht weiter das materialistische Argument wirklich reicht. Dieses Hinterfragen wird allein schon an der Sprachform deutlich, die sich oft der Frageform bedient.

 

Sehr schön wird hier aufgeklärt über Missverständnis vorschneller Ausweitungen neurowissenschaftlicher Befunde: Dass eben ein einzelnes Gen niemals ein so komplexes soziologisches und psychologisches Gebilde wie die Religion erklären kann, dass bei genauerer Betrachtung auch Versuche der künstlichen Erzeugung mystischen Erlebens nicht dasselbe produzieren können, was Menschen außerhalb des Labors natürlicherweise erleben und dass die Pathologisierung mystischer Erlebnisse dem Phänomen selbst oft in vielen Punkten nicht gerecht wird. Das zeigt sich etwa bei Hildegard von Bingen, die eben – wie Milzner klarstellt – weit mehr als nur „migränetypische“ Visionen hatte. Dass die Hirnforschung nur physiologisch (beispielsweise mit elektromagnetischer Reizung der Hirnrinde) oder bewusstseinsmäßig hergestellte Zustände (z. B. durch Meditation oder Gebet) unmittelbar erforschen kann und ihr deshalb alle außergewöhnlichen und einmaligen Erfahrungen (Erscheinungen) verschlossen bleiben, führt Milzner zu einer Unterscheidung zwischen den möglichen und den nicht möglichen Aussagebereichen neurowissenschaftlicher Empirie.

 

Die Thesen des Buches werden durch eine vielfältige Sammlung von spirituellen Erlebnissen prominenter Persönlichkeiten der Geistesgeschichte illustriert, die sämtlich Opfer unwissenschaftlicher, aber als Wissenschaft getarnter Schmähungen als „Hirnkranke“ wurden. Nachträgliche klinische Interpretationen der Erlebensweisen von Mystikern sind ja seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert nicht selten und werden von Milzner auch direkt in ihrem begrenzten Aussagewert als unbeweisbare Post-hoc-Behauptungen thematisiert. So erfahren wir von Rilkes engelhafter Einflüsterung zu Beginn der Entstehung seiner Duineser Elegien. Wir hören nicht nur von den mystischen Erlebnissen katholischer Heiliger wie Hildegard von Bingen, sondern auch von den spirituellen Erfahrungen von Zeitgenossen wie Anselm Kiefer oder der Neuroanatomin Jill Bolte Taylor, die nach einem Schlaganfall die Welt aus einem erweiterten (nicht verengten) Bewusstseinszustand heraus wahrnimmt. Der Grundtenor derartiger, vielfältiger Fallbeispiele ist: Was subjektiv als ein alle Schranken des Physischen einreißendes, transzendentales Erleben imponiert, das kann niemals auf bloße Biologie reduziert werden. Die Reduktion wird dem Erleben einfach nicht gerecht. So macht er am Beispiel des Paulus und der psychiatrischen These seiner „Epilepsie zu Damaskus“ klar, es sei doch reichlich konstruiert, „dass ein fanatischer Christenhasser einen [noch dazu einmaligen] epileptischen Anfall (…) erlebt, dabei eine Stimme hört wie ein Schizophrener und hinterher dann als bekehrter Christ aus dem Erlebnis hervorgeht“ (S. 146).

 

Milzner richtet sich an „einen interessierten Leser, der kein Fachmann sein muss“ (18). Dem Anspruch, auch den nicht entsprechend vorgebildeten Interessierten über die Fallstricke einseitiger Erklärungsmuster aufklären zu können, wird das Buch durchaus gerecht. Die Schreibe ist entsprechend absichtlich einfach gehalten – manchmal allerdings auch vereinfachend statt einfach, so dass man sich doch einen gehobeneren und dafür präziseren Stil gewünscht hätte von einem, der in vorherigen Veröffentlichungen gezeigt hat, dass er mit Sprache sehr wohl umzugehen weiß. Wie die Amerikaner es gerne vormachen: Sich schwieriger Ausdrucksweise zu enthalten, muss nicht auf Kosten sprachlicher Exaktheit gehen, die hier leider zuweilen fehlt, so dass man eben gerade vor lauter Vereinfachung nicht mehr versteht, was gemeint ist (z. B. bei der Kapitelüberschrift: „Wird Hirnforschung spirituell überschätzt?“ – überschätzt also die Spiritualität die Hirnforschung? Das wäre mir zumindest neu…).

 

Dabei wird eben nicht nur der sprachliche Ausdruck, sondern auch die Argumentation zuweilen unpräzise. So weiß man – um nur einige herausgegriffene Beispiele zu nennen –, wenn der Autor die kulturellen Unterschiede bei Nahtoderfahrungen kursorisch (S. 132ff.) erwähnt, nicht, ob er sagen will, dass spirituelle Erfahrungen nur kulturell geprägte Mythen seien, da er versäumt, neben Unterschieden auch Gemeinsamkeiten in Nahtoderfahrungen atheistisch (z. B. durch die DDR), theistisch oder fernöstlich geprägter Personen genauer unter die Lupe zu nehmen. Statt herauszuarbeiten, dass es sowohl universelle als auch kulturelle Muster solcher Erfahrungen gibt, zitiert er anschließend nur einige Daten zur religiösen Bevölkerungsstatistik, ohne dass klar wird, welchen Aufschluss diese in seiner Argumentation (wofür wird eigentlich argumentiert?) geben sollen. Um ein anderes Beispiel zu nennen: Die Begründung, wieso es einen gegenwärtigen Trend hin zu mehr autoritär-mythologischer Religiosität (= Fundamentalismus ?; S. 143f.) geben sollte, bleibt er uns schuldig angesichts der Tatsache, dass viele Religionssoziologen eher eine Entwicklung hin zu einer autonomen, verinnerlichten Spiritualität sehen (wobei eine Polarisierung in beide diametralen Trends durchaus plausibel wäre, wenn man sie eben begründen könnte). Und derselbe Mangel an Präzision begegnet uns bis in einzelne Begriffe hinein, wenn etwas der Gesichtsfeldausfall der Migräne-Aura als „Schwärze“ (S. 145) bezeichnet wird, obwohl das hierfür typische „negative Skotom“ viel eher als „Nichts“ imponiert denn als „Schwärze“ und noch typischere Erscheinungen – das Flimmerskotom (eben ein Flimmern) oder die Fortifikation (ein Zackensehen) – mit Schwärze schon gar nichts zu tun haben.

 

Jedenfalls kann auch der Leser ohne wissenschaftliche Vorbildung dem Buch entnehmen, dass wissenschaftliche Forschung allzu oft wie eine heilige Kuh daherkommt, die nicht angetastet werden darf, weil sie die Wahrheit – und nichts als die Wahrheit – verkünde; während sie eigentlich nichts weiter ist als ein mögliches System, Wissen zu generieren: nicht das einzige und nicht dasjenige, das zur Beurteilung religiöser Fakten am besten geeignet ist. Es ist bedauerlich, dass durch eine mangelnde Elaboration in einzelnen Passagen das an sich wertvolle Projekt leidet. Denn Milzners ausgewogener Ansatz kann durchaus ein Gegengewicht bilden zu einem Wald von Veröffentlichungen, die mit suggestiven Behauptungen und einseitigen Darstellungen die alleinige Wirklichkeit des physischen Kosmos zu behaupten versuchen. „Religion und Gehirn“ ist hingegen einem abwägenden Stil verpflichtet und enthält sich jeder Stammtisch-Argumentation, aber traut auch nicht blind jener „wissenschaftlichen“ Suggestivrhetorik, mit der die Gegner des Spirituellen gerne daherkommen. Insofern ist es als nachdenkliche und feinsinnige Lektüre gedacht, nichts für Leute, die ein fertiges Menü aus schweren Zutaten in sich hineinschaufeln möchten, eher für Menschen, die das Nachdenken eines Anderen gerne in statu nascendi goutieren. Dem Buch mag man des guten Ansatzes wegen Erfolg und eine (überarbeitete) Neuauflage wünschen, wie man dem Verlag (Via Nova) ein besseres Lektorat wünschen muss, das die Schwächen der sprachlichen Form und Gedankenführung (die man von Milzners vorherigem, nicht bei diesem Verlag erschienen Werk so nicht kannte) verhindert und nicht am Ende gar erst hervorbringt. 

 

 

 

Über den Autor:

Der Autor ist Diplom-Psychologe, Psychotherapeut, zertifizierter Supervisor und spezialisiert auf Transpersonale Psychologie. Er lebt in Berlin.

Email: edgar.harnack[at]gmail.com

 

 




[1] Milzner, Georg (2013): Religion und Gehirn. Die Integration von Hirnforschung und religiöser Erfahrung. Petersberg: Via Nova.

[2] Milzner schlägt dort so genannte Schaltkreise des Religiösen vor, die sowohl Beschreibungen religiöser Phänomene bilden als auch so verstanden werden können, dass die ihnen korrelierenden neuronalen Verbindungen auch auf dieser Ebene spezifiziert werden könnten. Das lässt allerdings die Frage offen, was man davon hat, solches zu tun; abgesehen davon, dass keine Vorschläge für solche Hebbschen Schaltkreise im Gehirn gemacht werden. Ich könnte mir gleichwohl vorstellen, dass es sich um eine brauchbare Heuristik religiöser Zustände handelt.