Zeitschrift für Spiritualität und Transzendentale Psychologie 2013, 3 (2)


Buchbesprechung

Richard Dawkins: The Magic of Reality /
Der Zauber der Wirklichkeit[1]


Timmo Strohm

 

 

Sollten Sie dieses Buch lesen?


Weit über 70.000 Bücher erscheinen jedes Jahr in Deutschland neu, und mit den 70.000 vom Jahr davor sind Sie zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich auch noch nicht fertig.


Die ebenfalls fünfstellige Zahl deutschsprachiger Blogs und der Online-Ausgaben der kränkelnden Printmedien trägt weiter zur Notwendigkeit bei, die Frage genauer zu fassen:


Warum sollten gerade Sie gerade dieses Buch lesen?


Fangen wir hinten an und beschäftigen wir uns mit dem Buch.



Das Buch

Nicht jedes Buch muss im Licht der Persönlichkeit seiner Urheber gesehen werden. Gera­de dieses Buch jedoch verlangt das, denn es ist, kurz gesagt, eine Rekapitulation der wis­senschaftlichen Erkenntnisse der letzten eineinhalb Jahrhunderte. Da es derer bereits etli­che[2] gibt, muss sich der Autor fragen lassen, warum eine weitere notwendig war. Seine – Richard Dawkins' – bisherigen Veröffentlichungen[3]  umfassen eine breite Vielfalt an The­men, wobei ein Wandel vom rein naturwissenschaftlichen Weltbild zu einer stärker poli­tisch-weltanschaulich gefärbten Sicht festzustellen ist. Vereinfacht ließe sich sagen, dass die Evolution der Dawkins’schen Weltsicht vom Darwinismus zu einem darwinistisch be­gründeten Atheismus verläuft.

 

Um auf das Buch einzugehen, muss man sich daher klar machen, dass es einer der Stütz­pfeiler der Dawkins'schen Argumentation ist und in dieser Funktion eine bisher bestehen­de Lücke ausfüllt: nämlich die, ein jüngeres Zielpublikum zu erreichen. Als einer der ein­flussreichsten Biologen der Jahrtausendwende hat Dawkins in den Büchern zuvor den theoretischen Unterbau seines Standpunktes und dessen leidenschaftliche Verfechtung in diversen Streitschriften verfasst. Ebenso leidenschaftlich wird er von „Kreationisten“ und Teilen des Publikums angegriffen, die ihm teils vorwerfen, Wissenschaft zum Angriff auf die Gesamtheit aller Religionen zu missbrauchen, teils, polemisch und oberflächlich zu ar­gumentieren[4].

 

Eine weitere Eigenheit dieser Argumentation ist dabei ein Wandel vom Missionarischen[5] zum Didaktischen. Wie jeder ernsthafte Autor, der eine bestimmte Meinung zu verbreiten sucht – um den Ausdruck „Missionar“ zu vermeiden – wendet sich Dawkins in „Der Zauber der Wirklichkeit“ an die kommende Generation. Denn: ein durchschnittlich gebildeter Er­wachsener des heutigen Mitteleuropa wird die meisten Fakten des Buches bereits gehört oder gelesen haben, nicht wenige davon in der Schule. Was an Inhalten darüber hinaus­geht, sind Dawkins’sche Thesen, die in anderen Bänden des Autors bereits vorgetragen wurden.

 

Dies muss bedacht werden, wenn man das reich illustrierte Buch in die Hand nimmt (eine weniger grafik-lastige Ausgabe ist als Paperback erhältlich): dieses Werk ist als Jugend­buch konzipiert.



Der Auftrag

Gehen wir davon aus – was ich für unbestreitbar halte –, dass das Buch junge Menschen nicht nur instruieren, sondern auch in gewisser Weise beeinflussen soll und dass es seine Leser vom Standpunkt des Verfassers überzeugen will; nicht jedes Sachbuch hat dieses Anliegen. Zugleich fällt bei Dawkins angenehm auf, dass er seine Überzeugungsarbeit of­fen und offensiv leistet und in allen Kapiteln klar dazu steht. Wer nichts dagegen hat, „missioniert“ zu werden (nun schreibe ich es doch), mag die Ehrlichkeit schätzen.

 

Dann stellt sich die Frage, ob das Buch seinen eigenen Auftrag erfüllt. Überzeugt es? Wie schon im „entzauberten Regenbogen“ legt Dawkins dar, dass die wissenschaftlich be­gründete Realität ihren eigenen Zauber habe. Diese Magie der beweisbaren Wirklichkeit, der technisch erweiterten Wahrnehmung, stellt Richard Dawkins der unbegründeten, unlo­gischen und widersprüchlichen Wundergläubigkeit alles Religiösen entgegen. Die Dichoto­mie Ma­gie-Realität soll also dahingehend aufgelöst werden, dass der Zauberwelt des Irra­tionalen der Boden entzogen wird; Stück für Stück will Dawkins sie zu zauberhaft-faszinie­render Naturwissenschaft um-erklären.

 

Am einfachsten und überzeugendsten gelang ihm dies im erwähnten Werk am Beispiel des Regenbogens, den Newton als nicht-göttliche, einfache Lichtbrechung entlarvte. Statt der Göttin Iris waren schlichte Wassertropfen Urheber des Phänomens; und es ist un­schlagbar geistreich von Dawkins, die enttäuschte Reaktion des Poeten Keats als Leitidee seines Buches zu nutzen. Denn der Dichter beklagte empört, der Regenbogen sei durch Newton seiner Romantik und Magie beraubt.[6]

 

Wie Thurber schreibt, ist der Bilderstürmer – der Mythenzerstörer – stets ein Hoffnungs­räuber, ein Fröhlichkeitstöter.[7] Fraglich ist, ob dieser zauberhaft-realistische Wandel auch in „Der Zauber der Wirklichkeit“ gelingt. Und, ob die Übertragung des „Regenbogens“ in ein Jugendbuch notwendig war.



Aufbau

Das Buch setzt mit dem Versuch ein, Magie und Realität voneinander abzuscheiden. Die folgenden Kapitel – ihre Überschriften sind stets Fragen – wenden sich sichtlich an junge Geister, die beim Erwachsenwerden nach Antworten dazu suchen, woher Menschen kom­men, warum es Artenvielfalt gibt, woraus die Dinge bestehen, kurz: Antworten auf Grund­sätzliches. Dies macht die ersten vier Kapitel des Buches aus. Die nächsten Kapitel beant­worten Fragen, die viele Eltern ihren Kindern auf der Bettkante beantworten müssen, meist, weil Kinder wissen, dass man das Wachbleiben damit vorteilhaft verlängern kann: Warum gibt es Jah­reszeiten, was sind die Sonne und der Regenbogen, wie alt ist die Welt, gibt es Außer­irdische, was sind Erdbeben – und warum gibt es überhaupt solche Dinge wie natürliche und andere Katastrophen?

 

Das Buch schließt mit der Frage: Was ist ein Wunder? Ich will an dieser Stelle nicht vorwegnehmen, was Dawkins sich selbst antwortet. Als evan­gelischem Mitteleuropäer drängt sich mir nur auf, dass etliche dieser Fragen in nicht un­ähnlicher Weise im Konfirmanden-Unterricht meiner eigenen Jugend vorkamen; woran mich die Lektüre denn auch unwiderstehlich erinnerte.

 

Vereinfachtes Sachwissen über die Jahreszeiten und das Sonnensystem, Erdgeschichte und kontinentale Plattentektonik kommt zudem in buchstäblich jedem Lehrplan Mitteleuro­pas vor. Die Auswahl der Themen erscheint willkürlich; es wäre vermutlich für junge Köpfe ähnlich erbaulich, etwa die Entstehung von Kometen, das hydrostatische Paradoxon oder den Vulkanismus erklärt zu bekommen. Schädlich ist die Auswahl auf keinen Fall; und es macht Spaß, die launig und lebhaft geschriebene Zusammenstellung naturwissenschaftli­cher Fakten zu lesen. Dies sei umso mehr betont, als der lehrerhafte Ton geeignet sein mag, erwachsene Leser etwas zu verärgern.

 

Didaktisch gesehen, baut Dawkins zunächst durch den „allgemeinen Teil“ der ersten vier Kapitel  Neugier zu grundsätzlichsten Fragen auf. Die dann folgenden Kapitel dienen stets dazu, anlässlich des dargelegten Sachwissens Wunderglauben und magische Irrlehre ad absurdum zu führen. Das ist vergnüglich zu lesen und stellt die Allge­meinbildung der Le­senden ein wenig auf die Probe. Dass Materie zum größten Teil aus leerem Raum besteht – sprich, dass sehr viel unausgefüllter Raum zwischen Atomkern und Elektronenhülle liegt – baut Dawkins zu einer starken Pointe auf. Einer Pointe, die al­lerdings an Lesern, die die Mittlere Reife hinter sich haben, ein wenig verpufft. Dies umso mehr in einem Zeitalter, in dem Menschen es gewohnt sind, dass Funkwellen als GPS-Signal, W-Lan oder Radiopro­gramm das Feste durchdringen, sei es eine Wand, ein menschlicher Körper oder ein Ge­genstand. Andererseits mag die Information jene Zeitgenossen überraschen, die erstmals zum Röntgen gehen und verblüfft vom Sinn der Bleischürze erfahren.

 

Speziell in Mitteleuropa wird die Mehrheit der Leser – und damit meine ich auch die jun­gen – also bereits den größten Teil der Fakten des Buches kennen. Wobei es be­stimmt nicht schlecht ist, sie nochmals in einer interessanten Übersicht dargeboten zu bekom­men.

 

In einer Hinsicht scheint mir didaktische Kritik angebracht. Jugendliche, denen ein verein­fachtes Atommodell noch fremd ist (in Deutschland ge­hört es zum Lehrplan der 7. Klas­senstufen), werden mit vielen der vorgetragenen Konzepte eben­falls nichts anfangen kön­nen, es seien die Wellentheorie des Lichtes, das Zusam­menspiel von Masse, Gewicht und Gravitation oder der generelle und ausgesprochen star­ke Eklektizismus der Themengebie­te. Der durchschnittliche Siebtklässler mag auch mit et­lichen der wissenschaftlichen Termi­ni Schwierigkeiten haben, die sich eben nicht vermei­den lassen, selbst wenn man zuge­stehen muss, dass Dawkins seine Sprache in diesem Buch stark vereinfacht.

 

Ein didaktisches Meisterstück mag diese Problematik allerdings aufwiegen: die Dawkins'schen Analogien. Wie viele seiner Werke, so zeigt auch dieses Buch ein unge­heures Allgemeinwissen und eine geradezu spielerische Beherrschung des naturwissen­schaftlichen Verständnisses in gleich welchem Bereich. Die Idee, die Sprache des Mittelal­ters der heutigen gegenüberzustellen und aufzuzeigen, wie beide sich ähneln, aber eben doch deutlich unterscheidbar sind und dies mit Genen und Verwandtschaft zu vergleichen, ist unschlagbar eingängig.



Warum gerade SIE dieses Buch lesen sollten

Kommen wir zu Ihnen: Als Leser, der/die gern populärwissenschaftliche Werke liest, wer­den Sie von derart elegantem Um­gang mit fächerübergreifender Analogie begeistert sein und von der Vielfalt der Beispiele – wenn auch etwas breit angelegt – inspiriert; dennoch verliert sich das Buch ein wenig in der eigenen Themenvielfalt. Es richtet sich eindeutig an junge Leser und dürfte daher ruhig etwas allgemeiner gehalten sein. Dass buchstäblich ALLE Naturwissenschaften zu übereinstimmenden Ergebnissen kommen, ist eine Aussa­ge, die das Buch vermissen lässt. Stattdessen beruft es sich immer wieder auf Logik, Wahrscheinlichkeit und Beweis­barkeit.

 

Es wäre aber interessant gewesen, festzustellen, dass die Erkenntnisse der Evolutionsbio­logen darüber, wann einzelne Arten auf bestimmten Kontinenten ausstarben, hervorragend zu den Aussagen der Geologen passen, die uns mitteilen, wann ein anderer Kontinent, der die entsprechende Art noch heute beherbergt, von der Plattentektonik davongetragen wur­de. Was der Grund ist, warum Madagaskar mit seinen Lemuren noch heute von besonde­rem Interesse für Artenkundler ist.

 

Auch die Aussagen der Physiker über das Alter des Sonnensystems, der Erde und archäo­logischer Fundstücke, die so unwiderstehlich gut zu den Aussagen der Geologie und Ar­chäologie passen, die heutige Genetik, die die Lehre Darwins auf molekularer Ebene be­stätigt – und auf welche Weise sie das tut –, all das sind Dinge, die im Buch vor lauter Ein­zelfall-Begeisterung zu kurz kommen. Der Leser soll sie sich selbst zusammenreimen, und gerade das wird der typische Vertreter der Zielgruppe eben nicht können.

 

Ebenso wird der Anspruch des Buches, die Realität als ein Konstrukt unserer Sinnesorga­ne – und unserer Psyche – zu verstehen, vielen Jugendlichen etwas zu viel zumuten. Dass die Wissenschaft unsere Welt durch Erweiterung der Wahrnehmung verändert hat, sei ihre Magie; meint Dawkins; allerdings erst nach über 150 Seiten in Kapitel VII, und er­neut anlässlich seines geliebten Regenbogens. Hier ließe sich anmerken, dass ein funda­mentales Argument im Buch völlig fehlt: nämlich eine Stellungnahme dazu, inwiefern eine erweiterte naturwissenschaftlich-empirische Weltsicht auch unseren seelischen und emo­tionalen Horizont zwangsläufig verändert. Schließlich ist ein häufig gebrauchtes Argument vieler Religiöser, dass etliche Naturwissenschaftler, Einstein allen voran, sich zur Religion bekannten[8]. Am elegantesten drückt dies vielleicht der Physiker Werner Heisenberg aus: „Der erste Schluck aus dem Becher der Wissenschaft führt zum Atheismus, aber auf dem Grund des Bechers wartet Gott.“ Sie sollten als Leser des Buches daher willens sein, Logik und Vernunft als etwas anzuse­hen, das Wundern und allem Transzendenten diametral gegenübersteht.

 

Eine weitere Eigenschaft, die als Leser von Ihnen gefordert wird, ist die, zahlreiche zitierte Aussagen verschiedenster Religionen wörtlich zu nehmen.

 

Dies mag seine Berechtigung darin haben, dass der „Kreationismus“, falls man die diver­sen fundamentalistisch-puritanischen Denkströmungen der Wissenschaftsleugnung so nennen möchte, viele seiner Argumente aus wörtlicher Auslegung heiliger Texte zieht.

 

Auf der anderen Seite besteht die heutige Christenheit zum weitaus überwiegenden Teil eben nicht aus Fundamentalisten, die die Bibel wortwörtlich nehmen. Soweit im US-ame­rikanischen Bibelgürtel unter Hinweis auf die Bibel kolportiert wird, unsere Welt sei 4000 Jahre alt, ist die Widerlegung dieser Idee natürlich interessant. Dies umso mehr, als buch­stäblich jede ernsthafte Wissenschaft, sei es die Bio-, Geo-, Archäo-, Paläonto- oder Zoo­logie, die Astronomie oder die Genetik, den Gegenbeweis a priori enthält. Aber ist das wirklich für aufgeklärte, „normal“ gebildete Christen in der westlichen Welt ein Problem?

 

Und das „schlagende“ Argument des Richard Dawkins, dass jemand, der die heiligen Tex­te nicht wört­lich nehme, sich nur die Rosinen heraussuche (in: „Der Gotteswahn“), ist nur dann be­rechtigt, wenn man die Vorstellung ablehnt, dass auch die wörtliche Auslegung ei­nes Tex­tes eben eine Form der Auslegung ist. Und diese findet immer statt, wenn Texte re­zipiert werden. Schließlich lehrt das Neue Testament an vielen Stellen eine Auslegung der heiligen Texte, die eben gerade nicht wortwörtlich ist.[9]

 

Wer am Zusammenspiel von wissenschaftlicher Erkenntnis und Religion nicht nur als ei­nem reinen Antagonismus, sondern als einer Wechselwirkung interessiert ist, wird von Dawkins also enttäuscht sein. Dass Glaube und Wissenschaft in Unabhängigkeit vonein­ander, aber auch in Konflikt, Dialog oder in Integration existieren können, erwähnt das Buch nicht. Vielmehr stellt es alle Formen der Religion auf eine Stufe, es seien die Mythen der Bantu (Kap. VIII, S. 162) oder Science-Fiction-inspirierte Sekten der Neuzeit wie den Kult „Heaven's Gate“, dessen Mitglieder gemeinschaftlich Selbstmord begingen, um ein UFO im Kometenschweif des Hale Bopp zu erreichen. Es ist, als sollten die großen Welt­religionen und ihre Integration in ein modernes Weltbild geleugnet und den irrationalsten oder primitivsten Kulten gleichgesetzt werden.

 

Das ist starker Tobak, der eindeutig polarisiert. Die Entstehung von Galaxien, ihre Entste­hung und der Beweis ihrer Bewegung durch den in der Rotverschiebung sichtbaren Dopp­ler-Effekt mögen faszinieren – den Pantheisten oder auch nur den fortschrittlich gesinnten Mitteleuropäer werden sie nicht als schlagende Ge­genbeweise gegen die Existenz Gottes oder gegen das Transzendente-an-sich treffen. Schon deshalb, weil die Evolutionslehre weder an staatlichen noch an christlichen Privat­schulen in Deutschland als etwas betrach­tet wird, das mit dem Christentum nicht verein­bar sei. Ebenso wenig wird man aufgeklärte Christen damit provozieren können, dass man Weltreligionen mit obskuren Kulten, denen nur wenige Dutzend Sektierer angehören, ver­gleicht.

 

Ob derartige Schwarz-Weiß-Malerei geeignet ist, Jugendlichen bei der Entwicklung eines reifen Standpunktes zu helfen, sei dahingestellt. Interessant ist die Beschäftigung mit dem Buch allemal, eine Herausforderung ebenfalls. Doch sollte interessierten Jugendlichen zu­gleich mit dem Buch vermittelt werden, dass Einstein bereits 1941 postulierte, dass Religi­on und Wissenschaft eben gerade NICHT mehr unvereinbar seien und dass die Idee, sie seien es, der Geschichte angehöre.[10]

 

Denn es ist durchaus erstaunlich, dass die These ihrer Unvereinbarkeit bei Dawkins so taufrisch erscheint, als sei sie der aktuelle Stand der Wissenschaft. Dass sie in vielen sei­ner Werke gebetsmühlenartig wiedergekäut wird, mag vielleicht den „Zauber der Wieder­holung“ ausmachen. Wenn die Thematik Sie interessiert, kennen Sie möglicherweise Ste­phen Hawking's „Kurze Geschichte der Zeit“, in der dieser seine Weltsicht des Astrophysi­kers darlegt und erklärt, in diesem Universum bliebe einem Schöpfer „nichts zu tun“. Auch Hawkings unumstrittene Erkenntnisse haben die Religion ja nicht beseitigt oder aufgelöst, denn seit Beginn der Forschung wichen die Religionen vor den Ergebnissen der For­schung stets in das „Noch-Unbekannte“ aus. Die Verortung Gottes von Berggipfeln in den Himmel, vom Himmel ins Weltall und, als dieses bis hin zu den Quasaren vermessen war, in ein Jenseits außerhalb oder hinter der Erfahrbarkeit war mit Beginn der Ära der Radiote­leskope eigentlich abgeschlossen. Das Unbeweisbare bleibt ein für allemal das ewige Refugium zahlreicher Weltanschauungen.

 

Es mutet daher seltsam an, dass Dawkins meint, mit der erneuten Darlegung sattsam be­kannter Erklärungen dem „magischen Denken“ den Todesstoß versetzen zu können.

 

Für Jugendliche scheint dieser Ansatz vor allem deshalb gefährlich, weil gerade in Mittel­europa eine Koexistenz von Naturwissenschaft und Religion bereits seit der Auf­klärung möglich war. Das heliozentrische Weltbild hat schließlich auch nur das diesbe­zügliche ka­tholische Dogma, nicht aber den Monotheismus beseitigt. Ein weiterer entschei­dender di­daktischer Fehler ließe sich also in der Behauptung sehen, dass in der aktuellen Diskussi­on des beginnenden 21. Jahrhunderts ein „Kampf“ zwischen Beweisbarkeit und Magie stattfände.

 

Tatsächlich gibt es einen derartigen Meinungskrieg, aber eben nur zwischen „Kreationis­ten“ und Atheis­ten, und er findet in Europa auf einer weit geringeren Skala als in den Ver­einigten Staaten statt. Das Buch mag für junge Menschen, die in den USA mit Kreationis­ten über das Ja oder Nein der Evolution diskutieren möchten, eine glänzende Vorbereitung sein. Für Chris­ten oder andere Religiöse, die ein zentraleuropäisches Bildungsniveau für ebenso gültig halten wie ihre Vorstellungen von Transzendenz, sind derartige Diskussio­nen sinnlos und überholt.

 

Soweit eine Buchbesprechung eine Empfehlung sein kann, könnte sie daher so klingen: Lesen, wenn Sie einer der folgenden Gruppen angehören:

 

-      amerikanische Jugendliche

-      eingefleischte Dawkins-Fans

-      Menschen, die an einem atheistisch gefärbten naturwissenschaftlichen Repetitori­um interessiert sind.



Fazit

Richard Dawkins kämpft um ein Weltbild, in dem der Atheismus und die Naturwissen­schaft, insbesondere die Evolutionslehre, das Magische und Religiöse ad absurdum füh­ren. Entfacht wurde dieser Kampf ganz augenscheinlich durch die Evolutions-Leugner des „Kreationismus“; das Bemühen, diese zu widerlegen, spricht aus jeder Zeile seines Bu­ches.

 

Sieht man darüber hinweg, ist es ein ansprechendes und lesenswertes Buch für den na­turwissenschaftlich Interessierten; Jugendliche in Zentraleuropa sollten darauf hingewie­sen werden, dass die strenge Dichotomie „Wissenschaft – Religion“ oder „Beweisbarkeit – Magie“ selbst nur eine lnterpretation darstellt, und dass man auch der Meinung sein kann, dieser Gegensatz bestünde nicht. Jungen Lesern sollte auch klargemacht werden, dass (nur) der Au­tor davon ausgeht, es gäbe in allen Spielarten der Weltreligionen ausschließ­lich wortwörtliche Auslegung religiöser Texte. Wenn man im Blick behält, dass nicht jeder Mensch, der an Transzendentes glaubt, ein Fun­damentalist ist, sind die Thesen und Fak­ten des Werkes anregend.

 

Vollends lesenswert ist das Buch, wenn man sich für den Meinungskrieg der „Kreationis­ten“ interessiert, denn es trägt eine in jeder Hinsicht erschöpfende Fülle von Argumenten zusammen.

 

Letztendlich gehört das Buch also – weil es Stellung bezieht – zu einer neuen Ka­tegorie: derjenigen der politisch motivierten Wissenschaft nämlich. Insofern überträgt es ein Ele­ment der amerikanischen Publizistik nach Europa.

 

Die Evolutionslehre, das rein naturwissenschaftliche Denken und auch das Bedürfnis des Menschen nach Transzendenz werden den Meinungskrieg vermutlich überdauern; die Em­pirie auf der einen Seite und das Bedürfnis der Psyche, Methoden des Coping zu finden und irrational-magisch zu sein, auf der anderen, werden der Menschheit zweifellos erhal­ten bleiben. Transzendenz und Logik stehen schließlich nur dann in einem gegenseitigen Ausschluss-Verhältnis, wenn man wie Dawkins denkt. Mehr noch als die reine Naturwis­senschaft propagiert „Der Zauber der Wirklichkeit“ eben diese Unvereinbarkeit.

 

Man könnte polemisch und provozierend behaupten, dass solche Propaganda vor allem der Steigerung der Buchverkaufszahlen des Richard Dawkins und weni­ger dem Ansehen der Evolutionstheorie dient. Vielleicht gefällt diese polemische provozierende Behauptung Ihnen ja. In dem Fall wäre dann auch die Lektüre des Buches durchaus zu empfehlen.

 

 

Über den Autor:

Timmo Strohm, Jahrgang 1969, ist IT-Spezialist mit Schwerpunkt Online-Publikation. Er betreibt die Vermehrfachung Internet Agentur (www.vermehrfachung.de) und die Literaturseite gedichtautomat.de.

Email: info[at]vermehrfachung.de

 




[1] Richard Dawkins, The Magic of Reality: How we know what's really true, London: Bantam, 2011; dt. Ausgabe: Der Zauber der Wirklichkeit: Die faszinierende Wahrheit hinter den Rätseln der Natur, Berlin: Ullstein, 2012

[2] Eine der lesenswertesten ist wahrscheinlich Bill Brysons A Short History of Nearly Everything, New York City 2003

[3] Richard Dawkins wurde mit dem populärwissenschaftlichen Buch „Das egoistische Gen“ (1978) weltbe­rühmt. In „Der entzauberte Regenbogen“ (1998) legt er seine naturwissenschaftlich begründete Weltsicht dar. Spätere Bücher wie „Der Gotteswahn“ (2006) und „Die Schöpfungslüge“ (2010) sind deutlich atheis­tisch geprägt. In den Medien nimmt Richard Dawkins immer stärker die Rolle eines hoch prominenten Atheisten bzw. Anti-Kreationisten ein.

[4] Eine Stringsuche nach dem (exakten) Ausdruck „why Dawkins is wrong“ erbringt allein über 30.000 Tref­fer in der Suchmaschine „Google“ (Anzahl > 30.000 gleichbleibend von Juli bis November 2013). Statt vieler: eine geistreiche und zugleich knappe Stellungnahme gegen den „Gotteswahn“ findet man im Internet unter http://www.ukapologetics.net/07/wheredawkinswentwrong.htm; ein prominenter Gegner (Mehdi Hasan, Poli­tical director der Huffington Post UK) nimmt Stellung zu Dawkins' Atheismus unter: http://www.huffingtonpost.co.uk/mehdi-hasan/dawkins-is-wrong-religion-is-rational_b_2358000.html

[5] Richard Dawkins unterstützt zahlreiche Kampagnen zur Verbreitung des Atheismus, z.B. die „Atheist Bus Campaign“, 2008

[6] Zitiert nach: Richard Dawkins, Unweaving the Rainbow, London: Penguin Books 1999, p. xii (preface)

[7] James Thurber, 75 Fabeln für Zeitgenossen, Reinbek: Rowohlt 1967, S. 178

[8] Einstein selbst bezeichnete sich stets als gläubig, wenn auch in einem eher allgemeinen, pantheisti­schen Sinne. Nachweis bei: Isaacson, Walter (2008). Einstein: His Life and Universe. New York: Simon and Schuster, pp. 390. Zitiert nach: Wikipedia, engl., http://en.wikipedia.org/wiki/Religious_views_of_Al­bert_Einstein

[9] Im Neuen Testament finden sich zahlreiche Stellen, die zeigen, dass Jesus Christus die Heilige Schrift auslegt oder von ihren Vorgaben abweicht. Beispiele: „Der Sabbat ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat.“ (Mk 2,27);  „Als sie nun anhielten, ihn zu fragen, richtete er sich auf und sprach zu ihnen: Wer unter euch ohne Sün­de ist, der werfe den ersten Stein auf sie.“ (Jh 8, 7) – In Ablehnung der alttestamentarisch vorgeschriebe­nen Todesstrafe In der Bergpredigt stellt Jesus dem Wortlaut der Thora eine eigene Auslegung der alttestamentarischen Regeln (in den „Antithesen“) gegenüber (Mt 5–7).

[10]Albert Einstein: Science and Religion Part II, in Science, Philosophy and Religion, A Symposium, 1941