Zeitschrift für Spiritualität und Transzendentale Psychologie 2013, 3 (2)



Kongressbericht:

 

Mind and Life und die Tabuisierung von Spiritualität

Europäisches Symposium für kontemplative
Wissenschaften in Berlin

 

Edgar W. Harnack

 

 

 

 

Vom 10.-13.10.13 fand in Berlin das erste Europäische Symposium für kontemplative Wissenschaften statt. Wissenschaftler aus verschiedenen Bereichen wie der Neuropsychologie, Ökonomie und Pädagogik sprachen vor rund 400 Teilnehmern aus 29 Ländern zum Thema „persönliche und gesellschaftliche Veränderungsmöglichkeiten aus der Perspektive einer kontemplativen Wissenschaft“. Wie gesellschaftliche Veränderungen durch Anregungen aus den kontemplativen Traditionen angestoßen werden könnten, interessierte die überwiegende Mehrheit der Vortragenden, so den Buddhologen Rupert Genthin, der zu „Buddhismus, Lebensfertigkeiten und soziale Subversion“ sprach, oder den in Kiel lehrenden Wirtschaftswissenschaftler Dennis Snower, der sein Konzept eines „Globalen Problemlösens mit der Stimme des Sich-Sorgens“ vorstellte, demzufolge die „Stimme der Vernunft“ als (angebliche) Motivation wirtschaftlichen Handelns durch die Stimme des Sich-Sorgens (angelehnt an das buddhistische Konzept von Mitgefühl) abzulösen sei. Ein Schwerpunkt lag auf Vorträgen zur Verbreitung meditativer Techniken im Kontext von Schule und Erziehung und ihren Effekten auf klinisch-psychologische Parameter. So stellten Ilina Singh und Elena Antonova vom Londoner Kings College und Walter Osika aus Stockholm eine Studie über die Effekte von Achtsamkeitsmeditation auf Kinder mit ADHS vor.

 

Veranstalter war Mind and Life Europe, der 2008 gegründete europäische Zweig des Mind and Life Institute mit Sitz in Zürich. Das Mind and Life Institute entstand 1990 als Ergebnis von Konferenzen zwischen Naturwissenschaftlern und dem Dalai Lama, die erstmals 1987 in Dharamsala stattfanden. Erklärtes Ziel des Instituts ist es, „gründliche, multidisziplinäre wissenschaftliche Untersuchungen des Geistes zu fördern und zu unterstützen, die zur Entwicklung und Verbreitung von Praktiken führen, welche die mentalen Qualitäten von Aufmerksamkeit, emotionaler Balance, Güte, Mitgefühl, Vertrauen und Glück kultivieren“ (übersetzt von der Homepage). Diese Aufgabe hat das Institut nach Auskunft einiger seiner Unterstützer recht gut erfüllt. So betonte die Neuropsychologin Tania Singer, dass Suchbegriffe wie Mitgefühl oder Achtsamkeit in wissenschaftlichen Datenbanken in den letzten fünfzehn Jahren mit exponentiellem Wachstum häufiger erschienen. Der Maßstab aller zeitgenössischen Naturwissenschaft, das Science Magazine, habe in diesem Jahr einen Artikel über ihre (Singers) Forschung zu Auswirkungen von Mitgefühlstraining in der neurowissenschaftlichen Sektion veröffentlicht, eine gerade von ihr supervidierte Langzeitstudie über Mitgefühl werde von der Europäischen Union gefördert und die Zahl der diesbezüglichen Presseanfragen in ihrem eigenen Institut habe sich auf rund 25 wöchentlich gesteigert. Ein Hauptgrund, warum östliche kontemplative Fertigkeiten ein immer stärker akzeptiertes Element westlicher Kultur werden konnten, ist die Tatsache, dass meditative Techniken und ihre Effekte dekontextualisiert und von allen religiösen (z. B. buddhistischen) Implikationen befreit wurden und dadurch ein Gegenstand einer nicht weltanschaulich gebundenen Wissenschaft und öffentlichen Meinungsbildung werden konnten. Das ist zum größten Teil das Verdienst von Wissenschaftlern wie denen, die mit dem Mind and Life Institut verbunden sind und die ein neues Forschungsparadigma schufen, nämlich die Kombination aus klassischer Dritter-Person-Perspektive (der Forscher beobachtet Probanden von außen) mit der älteren und fast vergessenen Erste-Person-Perspektive (die introspektiven Berichte der Probanden). Hier sind insbesondere gut trainierte Meditationsexperten als Probanden von Interesse. Vieles an neuem Wissen konnte aus dem wechselseitigen Vergleich zwischen ihren inneren Erfahrungen und der messbaren Aktivität ihrer Gehirne gewonnen werden.

 

Selbst wenn diese Dekontextualisierung ihre unbestreitbaren Vorteile hat, bleibt eine zentrale Frage offen, nämlich wie Forschungsergebnisse zu interpretieren sind, die eine reale Auswirkung auf buddhistische und andere religiöse Weltanschauungen besitzen. Man kann diese Auswirkung anhand der Demarkationslinie zwischen materialistischen und spiritualistischen Interpretationen beschreiben, obwohl diese Unterscheidung eine grobe Vereinfachung darstellt. Als Michael Persinger in den 1980er Jahren Probanden einen Helm aufsetzte, der ihre Schläfenlappen stimulierte, erzeugte dieser bei einigen von ihnen den Eindruck einer Präsenz, einer unsichtbaren Kraft. Vilayanur Ramachandran, der dieselbe Hirnregion bei Probanden mit Epilepsie untersuchte, nannte dieses Areal das „Gottmodul“, wodurch suggeriert wird, Religion sei ein Nebeneffekt von Schläfenlappenepilepsie. Noch herausfordernder für den Buddhismus könnten jedoch wissenschaftliche Untersuchungen sein wie die, über die Andrew Newberg (in seinem Buch mit Eugene d’Aquili (2002): Why God won’t go away) berichtete. Er sah bei Meditierenden eine reduzierte Aktivität einiger Stellen des Temporallappens und konnte neurophysiologisch erklären, wieso dies mit einem Gefühl von Einheit mit dem Universum einherging. Das buddhistische Konzept von Non-Dualität, Zustände wie der nirwanische Zustand des (tibetisch) Rigpa oder (japanisch) Satori können heutzutage nach weiteren Jahren der Forschung leicht als Effekte von meditativ ausgelösten anomalen Hirnzuständen gedeutet werden. Newberg betont jedoch im Unterschied zu Persinger/Ramachandran, dass es hier auf die Interpretation ankomme. Ob man eine Richtung betrachtet (Gehirn wirkt auf Geist ein) oder die andere, wie Newberg es tut (Gehirn ist eine Vorrichtung, um aus einer Geistsphäre zu empfangen, was von dort auf es einwirkt), ist eine bloße Frage des Geschmacks, eine Frage unserer persönlichen Weltanschauung, nicht der wissenschaftlichen Fakten. Wie Newberg glaubte einer der frühen Neurowissenschaftler, der Nobelpreisträger John Eccles, an einen christlichen Gott und war sich sicher, dass ein dualistischer Ansatz richtig sein müsste, demzufolge Gehirn und Geist prinzipiell unterschiedliche Substanzen sind, die in einer Weise interagieren, wie ein Pianist auf einem Klavier spielt. Interessanterweise scheinen Wissenschaftler, die eine solche, einem spirituellen Weltbild gegenüber offene Interpretation favorisieren, heutzutage nicht als ernsthafte Mitspieler in der Liga seriöser Gelehrsamkeit gesehen zu werden.

 

Mein Hauptinteresse ging deshalb, wie immer, auf die Gretchenfrage aus: „Wie halten die es mit der Spiritualität?“. Vor der Konferenz hatte ich Gelegenheit, diese Frage an vier der Protagonisten der Konferenz zu richten: Tania Singer, Direktorin des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig; Arthur Zajonc, Direktor des Mind and Life Institute und früherer Professor für Physik am renommierten Amherst College (USA); Diego Hangartner, Direktor von Mind and Life Europe; und Matthieu Ricard, Biologe und buddhistischer Mönch der tibetischen Tradition. Die hauptsächliche Antwort auf diese Frage blieb im neutralen Rahmen wissenschaftlicher Korrektheit. Die Daten, die von Forschern auf dem Gebiet von Meditation und ihrem Einfluss auf das menschliche Gehirn, Verhalten und innere Erleben gesammelt werden, sind nur Daten – und sonst nichts. Wissenschaftliche Daten dieser Art sind korrelativ und nicht kausal und können die These der Existenz eines Geistes unabhängig vom Gehirn, die im Buddhismus wie in allen spirituellen Traditionen vertreten wird, weder beweisen noch zurückweisen. Das heißt, sie sind offen für jede Art der Interpretation, und keiner der Angehörigen des Mind and Life Instituts favorisiert offen eine einzige Interpretationsmöglichkeit. Arthur Zajonc erklärte dazu, dass eine der beiden großen Gründerfiguren des Instituts (neben dem Dalai Lama), der chilenische Neurowissenschaftler Francisco Varela, eine phänomenologische Sichtweise betont habe, in der Daten nur Phänomene sind, die als solche betrachtet und nicht für theoretische Extrapolationen über ihren erkenntnistheoretischen Status hinaus herhalten sollten. Das ist ein sehr gutes Argument, aber es berücksichtigt nicht, dass viele Wissenschaftler und die öffentliche Meinung Forschungsergebnisse (wie diejenigen Newbergs) als Argument gegen eine spirituelle Perspektive missbrauchen.

 

Matthieu Ricard fügte zur Erklärung an, weshalb der Dalai Lama eine neurowissenschaftliche Forschung zur Meditation so freimütig unterstützt. Ihm zufolge lasse sich Buddhismus in drei Bereiche unterteilen: Buddhistische Wissenschaft, Praxis und Philosophie. Die buddhistische Wissenschaft handelt von der materiellen Welt und muss sich deshalb in Übereinstimmung mit Naturwissenschaften wie der Neuropsychologie befinden. Buddhistische Praxis bezieht ihre Motivation aus der Absicht, das Wohlergehen aller (menschlichen) Wesen zu fördern und kann deshalb nicht auf den Nutzwert für Buddhisten beschränkt bleiben. Die dritte buddhistische Abteilung, die Philosophie, beschäftigt sich mit der Interpretation des Lebens, seines Sinns und Ziels, und nicht nur unseres täglichen Lebens, sondern auch der Phänomene, die als Befunde der Wissenschaften erscheinen. Es ist die Aufgabe des Metaphysikers, wie des buddhistischen Lehrers, diese Daten zu interpretieren, nicht diejenige des Wissenschaftlers selbst. Aber Wissenschaftler treffen als Menschen metaphysische Annahmen, und es könnte einiges zu klären helfen, wenn diese offen ausgesprochen würden. Wenigstens Arthur Zajonc gibt offen zu, dass seine persönliche Interpretationsweise eine spirituelle ist.

 

Die Wissenschaftler, die im Mind and Life Institute engagiert sind, machen eine gute Arbeit, indem sie dazu beitragen, Meditation als eine wesentliche Komponente eines gesunden Lebensstils für Westler zu verbreiten. Es ist offensichtlich, dass sie das Ziel des Instituts, wissenschaftliche Kompetenz zu versammeln und mittels der eigenen Expertise kontemplative Methoden als nützliches Werkzeug für die Entwicklung der Menschheit zu fördern, nicht erreichen könnten, wenn sie ihre Daten mit einem so abgeschmackten Wort wie Spiritualität interpretierten. Durch diese Beschränkung vereinen sie Wissenschaftler mit einem im Privaten spirituellen Blick, wie Arthur Zajonc, Wissenschaftler, die offensichtlich Agnostiker ohne Verwurzelung in einer spirituellen Weltsicht sind, wie Tania Singer, und altmodische Materialisten, wie ihr Vater, Wolf Singer, der (in einer von mir hier übersetzten Zusammenfassung seines Vortrags) schreibt: „Alles Verhalten resultiert [meine Hervorhebung] aus einer dynamischen Interaktion zwischen Neuronen“, was offenbar eine kausale Wirkung von Materie auf Geist impliziert, nicht nur eine bloße Korrelation. Indem man also ein Ziel erreicht (die Verbreitung des Interesses an Meditation), neigt man aus Furcht, die eigene Reputation als „korrekt denkender Gelehrter“ aufs Spiel zu setzen, leicht dazu, ein anderes aus dem Auge zu verlieren, nämlich die materialistische Weltanschauung durch nicht-materialistische Interpretationen von Phänomenen herauszufordern. Es wurde schon oft in diesem Journal gesagt und kann nicht oft genug wiederholt werden: Es ist in einem herrschaftsfreien Diskurs keineswegs hinzunehmen, dass eine von zwei Interpretationen einer wissenschaftlichen Beobachtung öffentlich ausgesprochen werden kann und als völlig korrekt von einer großen wissenschaftlichen und öffentlichen Meinungsmehrheit akzeptiert wird, obwohl es sich um eine bloß subjektive und unbeweisbare Glaubenaussage handelt, die noch dazu zu einem Axiom für weitere Forschung wird (z. B. die materialistisch-reduktionistische Interpretation), während eine andere Interpretation tabuisiert ist und nicht ernsthaft erwähnt werden darf (die Interpretation des unabhängigen Geistes, die spirituelle oder spiritualistische Perspektive).

 

Natürlich verbreitet das Mind and Life Institut Meditationsforschung dadurch, dass es die Tabuisierung von Spiritualität im öffentlichen Diskurs mitträgt. Die Version von Meditation, die hier verbreitet wird, ist eine überwiegend weltliche Variante, zum Zwecke des Wohlergehens aller Wesen, wie der Dalai Lama sagt, was auch materialistisch eingestellte Wesen einschließt, aber nicht zum Zweck ihres spirituellen Wohlergehens, das als inexistent ausgeklammert wird. Das Problem ist nicht, dass buddhistische Meditationsmethoden nicht hilfreich für diejenigen sein könnten, die keine buddhistischen Doktrinen mit einkaufen wollen (was sie bereits sind, seit Jon Kabat Zinn die Idee der achtsamen Stressreduktion verbreitete und Marsha Linnehan Achtsamkeit in die klinisch-psychologische Praxis bei der Behandlung von Borderline-Persönlichkeiten einführte), sondern dass es kein Potential der weiteren Entwicklung und Veränderung wissenschaftlicher Paradigmen gibt, wenn die zentralen metaphysischen Inhalte von Meditation völlig ignoriert werden. Interessent ist doch nicht, dass es eine Übereinstimmung alter buddhistischer Lehren und moderner naturwissenschaftlicher Erkenntnis gibt. Interessant ist doch allein, wie es sein konnte, dass solche naturwissenschaftlich bestätigbaren Thesen von buddhistischen Geistesexperten vor Jahrtausenden überzufällig häufig korrekt bestimmt werden konnten. Daraus folgt doch etwas für die Möglichkeit der unmittelbaren korrekten Welterkenntnis durch mystische Bewusstseinsmodi, das schwerlich im mind-life-Diskurs zu thematisieren wäre.

 

Tania Singer brachte es auf den Punkt, als sie sagte, die einzige offene Frage, die hinter eine rein phänomenologische Handhabung von Forschungsergebnissen führen könnte, sei, ob der Geist vor oder nach dieser inkorporierten Lebensspanne existiere. Aber diese könne, wie sie ergänzte, wissenschaftlich ohnehin nicht geklärt werden. Dem kann ich mich nachdrücklich nicht anschließen. Der springende Punkt ist, dass Wissenschaft nicht nur als ein einziger methodologischer Ansatz zur Gewinnung mehr oder weniger (und immer nur mehr oder weniger!) sicheren Wissens definiert werden darf. Es mag richtig sein, dass die Art von Wissenschaft, die vom Mind and Life Institut gefördert wird, diese Art von Fragestellung nicht zu beantworten vermag. Aber wo es ein unvoreingenommenes Interesse an parapsychologischer Forschung gibt, ändert sich das Bild schlagartig. Die Parapsychologie, einschließlich der Nahtodesforschung, hat in den vergangenen einhundert Jahren eine ungeheure Menge an wirklich zuverlässigen quantitativen Daten hervorgebracht, die fast vollständig von der Wissenschaftlergemeinde ignoriert werden, und sie hat ganze Archive voller Einzelfallberichte von Personen zusammengetragen, deren subjektive Erlebnisse nicht besser (von einem unvoreingenommenen Beobachter!) erklärt werden können denn mittels dem Eingeständnis, dass der Geist die Grenzen der Materie weit zu überschreiten vermag. Es ist (wie Charles Tart immer wieder deutlich unterstreicht) die Feigheit oder Kleingeistigkeit von Wissenschaftlern, die nicht dazu bereit sind, diese Phänomene redlich zu prüfen oder öffentlich darüber zu reden, durch die das weit verbreitete Vorurteil genährt wird, es gäbe keine ausreichenden Hinweise auf die partielle Unabhängigkeit des Geistes von unserem physischen Gehirn (wobei das Wort „partiell“ beispielsweise so verstanden werden muss, dass es eine stetige Interaktion zwischen Gehirn und Geist gibt, solange der physische Körper, der mit diesem Geist verbunden ist, funktioniert). Aber das ist nicht der Fall. Der Geist kann in Weisen arbeiten, in denen die Materie nicht funktionieren kann, und kann Effekte verursachen, die weit über lokal begrenzte biologische Systeme hinausgehen. Es ist die verbleibende Aufgabe einer postmodernen Wissenschaft, diese unmögliche Möglichkeit zu erforschen und nicht, sie zugunsten des alten Paradigmas zu ignorieren. Die Unabhängigkeit des Geistes vom Körperlichen als zentrale Annahme jeder spirituellen Tradition mitsamt aller anderen Inhalte, für die der Buddha einst das Meditieren lehrte, zugunsten eines Kniefalls vor der materialistischen Wissenschaft auszuklammern, nährt nur die Religion des Materialismus.