Zeitschrift für Spiritualität und Transzendentale Psychologie 2013, 3 (2)



Der Praxistest:

Hypnotische Phänomene gewinnbringend nutzen –

Wie dich die Matrix in Form bringt und den Geldbeutel füllt[1]

(Utilizing Hypnotic Phenomena Profitably –
How the Matrix Informs You about Filling Your Purse)

 

Edgar W. Harnack

 

 

 

 

Die biblische Aussage „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen“ (Mt. 7, 16) wollen wir wörtlich nehmen. Was sind die Früchte, die Personen und Gemein­schaften aus dem spirituellen oder esoterischen Bereich wirklich hervorbringen? Ein „Warentest“ für solche Angebote darf nicht nur innerweltlichen Kriterien genügen; er muss die Möglichkeit außergewöhnlicher Erfahrung und echter persönlicher Transformationserlebnisse vorbehaltlos einbeziehen. Aber er muss gleichwohl kritisch dazu in der Lage sein, weniger zielführende von hilfreicheren Angeboten zu trennen. Solange wissenschaftliche Kriterien hierfür kaum existieren, müssen die Erfahrungsberichte einzelner herangezogen und veröffentlicht werden. In der Reihe „Der Praxistest“ stellt eine Autorin oder ein Autor ihre/seine Erfahrungen mit einer Institution oder Person in kritischer Reflexion dar. Der Bericht gibt die subjektive Erfahrung des Autors (der Autorin) wieder und ist nicht als objektives Verdikt zu verstehen.

 

 

Der vielleicht Mitte-dreißig-Jährige mit sich sträubendem Haar, in legerer Geschäftskleidung und einem Gesicht, als müsse er sich die nervigen Seminare abends mit Bier aus dem Hirn waschen, versucht zur Auflockerung einige gewinnende Scherze ins Publikum zu werfen, die aber eher verkrampft rüberkommen. Gut 60 Menschen, die meisten im mittleren Lebensalter, die meisten bieder-bürgerlich gekleidet, und ganz überwiegend weiblich, sitzen in einem großen, oben an der Videopräsentationswand nicht ganz geschlossenen Stuhlkreis. Drei Personen haben dort auf deutlich vom Stuhlkreis der Teilnehmer abgehobenen Stühlen Platz genommen und blicken prüfend ins Publikum wie eine kleine Mannschaft von Geschworenen. Einige Zeit später wird klar werden, dass es sich um Assistenten der Seminarleiter handelt. Am Ende der Veranstaltung aber wird sich diese Einschätzung wieder verwischen und der erste Eindruck zurückkehren, als ob es sich doch um so etwas wie eine Jury handelt, die nur so dasitzt, um dem Publikum das Gefühl zu geben, von der mächtigen Seminarleitung in jedem Augenblick überwacht zu werden. Schräg neben ihnen sitzt die Kollegin des Juniorchefs, ruhig und aufrecht wie eine indische Prinzessin, eine schlanke, große, ausgesprochen gutaussehende Frau mit einer ruhigen und dominanten Ausstrahlung. Ich fühle mich sofort an eines dieser psychologischen Managementseminare erinnert, in dem adrette Damen und bierbäuchige Herren die besten Tricks zur Manipulation des Käuferverhaltens präsentieren. Schnell wische ich den Gedanken wieder beiseite, denn hier geht es schließlich darum, ein erfülltes, durch und durch heiles Leben zu finden, wie es der orange Hochglanzprospekt andeutet, ohne irgendein Heilsversprechen klar zu benennen.

Dann erklären die beiden die Gruppenregeln: Ton- und Videoaufzeichnung seien nicht zulässig (zum Schutz der Teilnehmer natürlich) und man müsse viel trinken, weil der Körper sich durch die angewandten Techniken entgifte, was die Techniken, die uns hier erwarten, bei mir sofort assoziativ in eine Reihe mit den wirkungsvollsten ayurvedischen und schamanischen Heilmethoden stellt. Vor allem aber solle man sein kritisches Denken bitte vorne an der Garderobe des schicken Tagungshotels abgeben, in dem das ganze (Berlin, Ku’dammnähe) vor der eindrucksvollen Kulisse von Business Class und materiellem Erfolg stattfindet. Nein, das wird natürlich so nicht formuliert, die Formulierung der Gruppenleiter klingt weitaus eleganter: „Es gibt unter euch ja auch einige, die schon sehr viele andere Verfahren erlernt und angewandt haben [Woher wissen die das – wurde ich durchschaut?]. Wir möchten euch nur darum bitten, damit wir hier wirklich über die Matrix informieren können, dass ihr euch einfach auf das konzentriert, was wir euch hier sagen, und dass ihr das nicht ständig mit anderen Verfahren vergleicht“. Also: Erst mal einlassen und abschalten. Als die einmalige Methode für inneres Wachstum, körperliche Heilung und persönlichen Erfolg bei mir dann später an diesem Tag nicht funktioniert, sagt eine Teilnehmerin ganz in diesem Sinne und sehr wohlmeinend zu mir: „Du bist noch am Nachdenken. Da kann das ja gar nicht klappen. Hör einfach mal auf zu denken und lass dich ein. Dann wird das schon!“

Ich kann aber nicht aufhören zu denken. Es will einfach weiterdenken in mir. Es gelingt mir nicht, meinen Verstand zu beruhigen, als mir die beiden Seminarleiter etwas über die Matrix erklären wollen, es gelingt mir nicht, als sie mich dazu bringen wollen, rückwärts auf eine Yogamatte zu plumpsen und es gelingt mir nicht, als mir die vielfältigen Einsatzmöglichkeiten der berühmten und originären Zwei-Punkt-Methode (bei den eigenen Kindern, im Kollegenkreis, beim Aufbau eines höheren energetischen Levels) erläutert werden. Und die anderen Teilnehmer, gelingt es ihnen denn, ihr Denken abzuschalten? In der Tat scheinen sie darin schon alle recht geübt zu sein. Wie die pietistischen Mütterlein auf der schwäbischen Alb bei der Sonntagspredigt hängen sie mit glänzenden Augen an den Verheißungen der beiden Verkaufstrainer – pardon: spirituellen Lehrer, Selbstverwirklichungsgurus, Hypnotiseure – ich kann das ganze Seminar über nicht herausfinden, was sie denn nun sind – und denke folglich, denke ohne Unterlass: Wofür habe ich hier 350 Euro bezahlt und welche psychologische Theorie erklärt, dass die anderen Teilnehmer sich diese Frage offenbar nicht stellen? Aber der Reihe nach: Vor die Praxis haben die Götter bekanntlich die Theorie gesetzt und ich bin jetzt, am Anfang, noch sehr erpicht darauf, so viel wie möglich an neuer spiritueller Erkenntnis aus diesem Seminar zu ziehen. Aber spirituell ist vielleicht falsch gesagt, hier geht es ja um Wissenschaft – oder doch nicht? Aber was dann? Schon an dieser Frage scheitere ich erneut: Die sanfte Domina und der von der Show zutiefst gequält wirkende Juniorchef sprechen weder von Spiritualität noch von Wissenschaft, führen weder spirituelle Autoritäten an noch diskutieren sie wissenschaftliche Theorien in irgendeiner Tiefe, sie sprechen einfach davon, dass das eben so sei – das mit der Matrix und ihren fünf-plus Dimensionen.

Also kurz gesagt: Das Universum hat Paralleluniversen und diese ergeben dann irgendwie mindestens fünf Dimensionen und weil wir nur drei Dimensionen wahrnehmen können, wissen wir halt eben nichts von der vierten und die heißt dann eben morphogenetisches Feld und erschafft die Dinge in den drei Dimensionen; und wenn man auf diese Ebene „geht“, dann kann man schwarze Magie machen, also Sachen erzeugen, die aber nicht in diese Welt gehören. Deshalb „gehen“ wir nicht auf die vierte, sondern auf die fünfte und so weiter Ebene und dort ist die Urmatrix, also das, von wo alles herkommt, und deshalb kann dort nichts Negatives passieren, anders als bei den Magiern auf der vierten Ebene. Alles klar? Wenn nicht: Doktor Quantum aus dem Film Bleep kann es noch viel besser erklären (übrigens „sieht man in diesem Film die führendsten Wissenschaftler dieser Erde“ und die bestätigen das dann so ungefähr, das mit der Matrix).

Was für ein Glück, dass aus all der Theorie die praktischen Anwendungsmöglichkeiten gleich folgen. Dass diese im Privatleben gut anzuwenden seien und die familiäre Harmonie davon profitieren oder würde, dass man nach dreijähriger Anwendung Knieschmerzen mit der Methode loswürde (bei Belegung weiterer Kurse allerdings in doch noch kürzerer Zeit) wurde sehr schön und ausführlich betont. Und was war es nun, was der familiären Harmonie dabei so gut tat? Ich bemerkte schon wieder, dass ich unzulässigerweise dabei war zu denken: Hatte ich nun eigentlich irgendetwas Konkretes über die Wirkungsweise dieser Methode erfahren? Eigentlich blieb es bis zum Schluss doch mir, dem neuen Adepten überlassen, ob ich das ganze als den Einfluss einer überirdischen Kraftquelle ansah oder als eine Art Selbstheilungskraft in meinem Inneren oder als eine psychologische Wirkung oder, oder, oder… Nein, worum es sich dabei handelt, habe ich nicht erfahren, weil ich mich nicht eingelassen, sondern nachgedacht habe und mein Verstand deshalb noch zu trennscharf unterschied zwischen dem was, und dem was nicht gesagt worden war. Hätte ich es doch bloß gelassen, dann wäre mir anschließend das Debakel bestimmt erspart geblieben. Denn „die Methode“, dieses kryptische Etwas, das alles Mögliche zu versprechen schien (aber was genau, auch das wurde mit sprachlichen Variablen bezeichnet, die alles und nichts heißen konnten, und was die Phantasie daraus macht, das ist doch die Sache des Zuhörers, nicht des Sprechers…), diese Methode also wurde jetzt endlich gelehrt. Eine echte Offenbarung, ein Geschenk für ein neues Dasein, ein Spalt in eine unbekannte Dimension tat sich auf, als die Gruppenleiter uns tatsächlich zeigten, was es denn war, das die Verbindung mit der fünften-plus Dimension herstellte.

Na ja, ich weiß nicht, wie ich es sagen soll, ohne jetzt unglaubwürdig zu wirken: Man stellte sich auf eine Yogamatte, wurde von einem anderen Teilnehmer leicht an der Brust angestupst und ließ sich dann in die Arme eines weiteren Teilnehmers fallen, der hinter einem stand und einen auffing. Dabei floss dann die Matrix – oder war es die Energie der Matrix oder die Energie des Teilnehmers oder… War das jetzt alles? Ich wartete bis zum Ende des Seminars auf die Antwort, aber ja: das war jetzt eben doch alles! Aber wir wollen es – wie die Ethnologen sagen – „emisch“ betrachten, aus der Perspektive der primitiven Stammeskultur also, die wir gerade untersuchen. Also: Was denkt sich der Seminarteilnehmer dabei, wenn er angestupst wird und sich nach hinten fallen lässt? Er denkt sich: Wow, das war ich ja gar nicht! Das ging ja ganz von alleine! Das war die Energie selbst, das Universum, das mich da gerade umgehauen hat. Und jetzt liege ich da auf dieser Matte und frage mich: Wie war das da gerade möglich?

Zugegeben: Ich fiel irgendwann auch nach hinten. Ich musste zwar ein halbes Dutzend oder mehr erfolglose Berührungen meiner Brust durch verschiedene bemühte Teilnehmer über mich ergehen lassen und – was viel schlimmer war – mir anhören, ich sei noch nicht offen, sei noch zu fest innerlich und überhaupt. Aber irgendwann kam dann die Domina vom Leitungsteam und berührte mich höchst persönlich mit sanftem Nachdruck an der Brust – und die wusste, was sie zu tun hatte. Gerade genügend Druck vorne, um nicht gewaltsam zu wirken, die andere Hand unter den Schulterblättern gerade sanft genug vom Körper entfernt, um diesen in einen konsekutiven Automatismus zu zwingen – und mit einer dominanten Erwartungshaltung, die keinen Widerspruch zuließ, so dass ich nur noch dachte: Nun lass dich doch mal endlich fallen! und sanft zu Boden glitt.

Alle waren zufrieden mit mir. Ich war wieder ein akzeptierter Teil der Gemeinschaft, ich hatte niemandem die Show gestohlen, wurde nicht mehr misstrauisch beäugt, weil ich nicht umfiel, weil ich seltsam war, anders als die Normalen (dass glückliche geistig Behinderte normaler seien als unglückliche Vieldenker hatte es kurz zuvor auch noch geheißen; und dass diese Seminargruppe bestimmt gute Effekte hervorbringen könne, weil hier viele offene Menschen mit guter Energie seien – wer wollte da nicht dazu gehören…). Und so war es geschehen: „Es“ hatte mich auf die Matte gelegt. Und da lag ich nun – leider ohne den entspannenden Schauer höherer Energie, ohne die beglückende Gewissheit, etwas Großes erfahren zu haben, ohne das Gefühl von Kraft und künftigem Erfolg in mir zu spüren, das die anderen Teilnehmer doch offenbar beflügelte. In mir dachte es. Es dachte schon wieder: Ist das mit dem tierischen Magnetismus Messmers wirklich allein auf Bernheim’sche Suggestionseffekte zurückzuführen oder gibt es doch ein Fluidum, eine Auraenergie, die von Körper zu Körper fließt, und die einmal mehr, einmal weniger stark das Bedürfnis auslöst, ihr nachzugeben? Gleichgültig, ob oder ob nicht, ich wusste, dass ich nicht von etwas, sondern von meinem Wunsch zu fallen zu Boden geworfen worden war. Ich hatte stundenlang verbale Suggestionen über die umwerfende Wirkung der Methode über mich ergehen lassen, war durch den Aufbau der ersten Stunden (totale Fokussierung auf die Seminarleitung durch Verhinderung jeglicher Interaktion der Gruppenteilnehmer – keine Fragen, keine Vorstellungsrunde, prüfende Blicke der Assistenten) in einen Gruppendruck oder Gruppensuggestionseffekt eingetreten (die Vorstellung, als einziger in der Gruppe nicht auf Befehl umzufallen, woraufhin sechzig gleichgeschaltete Zombies über mich herfallen würden, machte mir tatsächlich Angst); und schließlich musste ich mich nur noch den nonverbalen Suggestionen der Hände der schönen Hypnotiseurin öffnen.

Hypnotiseurin? Irgendwann fiel mir auf, dass die Worte Hypnose, Suggestion oder Trance hier gar keine Verwendung fanden. Jedenfalls nicht in Bezug auf das, was hier geschah. Ja, man hatte vorher – eigentlich wie alles ganz zusammenhangslos – etwas davon gehört, dass Hypnose Wiedergeburt beweisen könne. Aber das klang doch eher wie die Suggestion: „Falls irgendjemand den Eindruck hat, er werde hier hypnotisiert, dann möge er wenigstens wissen, dass das, was man da erlebt, auch ganz real ist“. Aber war das nicht exakt dasselbe, was jeder Bühnenhypnotiseur mit seinen armen Opfern veranstaltete? Nur, dass dieses Spektakel kein Publikum hatte, sondern nur aus Opfern – Verzeihung: Teilnehmern – der hypnotischen Suggestion bestand. Genauer gesagt: Wir alle waren einander das Erwartungsdruck aufbauende Publikum und die zur Willenlosigkeit Hypnotisierten zugleich. Dass niemandem das aufzufallen schien, könnte daran gelegen haben, dass nur so ein verkopfter Ericksonianer wie ich auf die Idee kommen konnte, dass zur hypnotischen Trance gar keine klassische Tranceinduktion („Ihre Augen werden jetzt ganz schwer“) und kein scheinbarer Schlafzustand („Sie schlafen jetzt ganz tief ein!“) nötig sind, dass hypnotische Suggestionen auch ohne Hypnose-Brimborium wirken. Aber warum sprach denn niemand von den Seminarleitern davon, dass man hier Bühnenhypnose live erleben konnte? War es am Ende wirklich so, dass die Teilnehmer glauben sollten, hier etwas ganz Metaphysisches zu erleben? Wurde hier einfache Bühnenhypnose eingesetzt, um Menschen den Kauf eines Produktes zu suggerieren, das gar nicht existierte? Undenkbar! So schlecht konnte doch wohl niemand sein – bzw. umgekehrt: So naiv konnte doch keiner sein, darauf hereinzufallen! Aber als ich mich umsah, sah ich nur begeisterte Gesichter, die sicherlich in den Folgeseminare auch noch zu sehen sein würden. Abgesehen vielleicht von der einen Teilnehmerin, die so oft nach hinten umgefallen war, bis sie auch auf der Toilette umfiel. Die musste sich dann im Nebenraum auf eine Couch legen, bis der Notarzt kam, der offenbar nichts richtig Handfestes diagnostizieren konnte. Wie sollte er auch. Wenn man ihm erklärt hätte, dass man das Absinken des Blutdrucks oder Schwindelgefühle bei erhöhter Suggestibilität suggestiv auslösen und konditionieren kann, hätte man ja sagen müssen, dass hier bewusstseinsverändernde Prozesse bis hinab auf die physiologische Ebene und nicht „die Matrix“ wirksam waren. Also war der Teilnehmerin eben schlecht geworden, weil ihr schon öfter im Leben schlecht geworden sei. Mir war mittlerweile ebenfalls schlecht geworden. Aber es war nicht der Magen, es war der Kopf, der mir Übelkeit verursachte. Ich hatte wohl, entgegen dem ausdrücklichen, gut gemeinten Rat, mittlerweile schon viel zu viel nachgedacht.

 

 




[1] In diesem Bericht geht es um einen Anbieter von Seminaren aus dem Bereich von „Metaphysik“ und „energetischen Heilweisen“, dessen Name der Autor – trotz geklärter presserechtlicher Unbedenklichkeit – nicht nennen möchte.