Zeitschrift für Spiritualität und Transzendentale Psychologie 2013, 3 (2)



Hinduistisches Tantra:

Sich Götter einverleiben und die Schöpfung unterwerfen

 

Vanamali Gunturu

 

 

 

Wortklärung

In den westlichen Ländern ist das Wort Tantra anrüchig. Es wird mit skurrilen Menschen der Gesellschaft und deren Praktiken in Verbindung gebracht. Von einer Fernsehsendung zum Thema Tantra erwartet der Durchschnittseuropäer pornographische Unterhaltung – nur selten wird er enttäuscht. In den dargebotenen Meditationen und Massagen im Namen indischer Esoterik sieht er die vorherrschende Meinung bestätigt, Tantra sei ein Zombie-Sex.

 

In seinem Ursprungsland Indien ist Tantra jedoch eine uralte religiöse Strömung, die dem Hinduismus, dem Buddhismus und dem Jainismus gemein ist. Sexualität ist darin bloß ein Teil einer gesamten Weltanschauung und deren Praktiken.

 

Das Sanskritwort „tantra“ hat verschiedene Bedeutungen, die jedoch nicht unbedingt auf Religion oder Spiritualität verweisen, geschweige denn auf Sexualität. So listet ein altes Sanskrit-Lexikon „Vaijayanta Nighantu“  unter anderem folgende Bedeutungen auf: „Fisch, Arzneimittel, das Gewebe, Sanftheit, Wissenschaft, das Gedärm, das Wichtigste, Regeln für Feuerrituale, ein Homonym sowie der Haushalt“. „Trikanda sesham“, der Anhang des berühmten Lexikons „Amarakosa“ nennt es „die Pflicht; ein Strategem; und eine Mehrzweckübung.“ Die meist akzeptierte etymologische Definition von Tantra stammt aus dem Lexikon „Halayudhakosha[1]„. Demnach bedeutet Tantra etwas, welches sich ausbreitet und den Verehrer sich ausbreiten (wohl dessen Bewusstsein ist hier gemeint – Anmerkung des Autors) lässt - („tanoti tanyate iti tantram“). Dasselbe Werk nennt das Tantra “shivokta shastram“, eine von Gott Shiva verkündete Wissenschaft, „catusshasthi sankhyakam“, die aus 64 Werken besteht. Jedes dieser Werke trägt wiederum den Namen Tantra wie zum Beispiel „Rudrayamala Tantra“. So bedeutet das Wort Tantra im religiösen bzw. spirituellen Kontext ein spezielles Wissensgebiet, ja eine Bewegung innerhalb des Hinduismus mit eigener Philosophie und eigenen rituellen Formen.



Veden, Tantra und Buddhismus

Viele Elemente des Tantrismus deuten darauf hin, dass er eine der ältesten philosophisch-religiösen Strömungen Indiens ist. Es ist zu vermuten, dass es ihn bereits in irgendeiner Form in der Industal-Zivilisation (2500 v.Chr.-1700 v.Chr.[2]) gegeben hat. Zu den im Industal ausgegrabenen Kultobjekten gehören unzählige Terrakottafiguren der Muttergöttin. Wissenschaftler meinen, die breiten Massen von damals verehrten die Figuren der Muttergöttin, was als Hinweis auf ein Matriarchat, zumindest auf der Ebene der Religion, zu verstehen ist. Der Mittelpunkt des späteren bzw. heutigen Tantras ist die Muttergöttin mit ihren verschiedenen Erscheinungsformen – wohlgemerkt nicht Gott oder Götter. Das Weibliche spielt im Tantra die zentrale Rolle, nicht das Männliche; die Mutter, nicht der Vater.

 

Zum anderen verehrten die Industaler Shiva als Pasupati, den Herrn der Tiere. Im späteren Hinduismus ist diese Gottheit der Gemahl der Muttergöttin und als Lehrmeister unterweist er sie im Tantra. Die Verkündung tantrischer Wissenschaft ist ihm zu verdanken, und jedes tantrische Werk beginnt mit einer Bitte der Muttergöttin Parvati an ihn, er möge sie das tantrische Wissen lehren. Man denke an den Spruch, sivokta sastram tantram (s. o. Halayudhakosha).

 

Die Ankunft der so genannten vedischen „Arier“ (ca. 1700 v. Chr.) in Indien drängte die Industaler und deren religiöse Praktiken in den Hintergrund. So musste sich mit ihnen auch der „Tantrismus“, auch wenn er damals vermutlich nur in einer rudimentären Form vorhanden war, von der Bühne indischer Spiritualität zeitweilig verabschieden.

 

Im Zuge der unzähligen Protestbewegungen in den vorchristlichen Jahrhunderten, die sich gegen die erstickende Dominanz vedischer Orthodoxie auflehnten und die indische Gesellschaft zu humanisieren suchten - die buddhistischen Texte berichten davon[3]-, meldete sich der Tantrismus zurück und prägte den Hinduismus so maßgeblich, dass sich diese Hochreligion insgesamt verändern musste, ja, sich „tantrisieren“ musste.



Das Tantra und der Hinduismus

Obwohl es sich in vieler Hinsicht dem Geist der Protestbewegungen von vorchristlichen Jahrhunderten anschließt, hat das Tantra eine zwiespältige Beziehung zum orthodoxen Hinduismus, nämlich dem Vedismus. Im Gegensatz zum Buddhismus akzeptiert das Tantra zu einem gewissen Grad die Autorität der Veden mit ihrem Pantheon. Insofern ist es verwandt mit den Eremiten der Upanishaden, die, obwohl sie vieles am Hinduismus auszusetzen hatten, ihm jedoch nicht abschwörten, sondern ihn von innen verändern wollten. Anderseits macht das Tantra der vedischen Orthodoxie deren Lufthoheit streitig, indem es eine interessante Grundansicht vertritt: Die Veden mit ihren Geboten und Verboten seien nicht zeitgemäß, nicht geeignet für Menschen des Kaliyugas, des jetzigen Zeitalters. Sie seien erweiterungsbedürftig. Daraus leiten sich auch einige andere rebellische Charakterzüge des Tantras ab.

 

Das Tantra übernimmt die Wirklichkeitslehre der Sankhya-Yoga Philosophie – die eine eigene Erklärung für die Entstehung und Entwicklung der Welt aufstellt und keinen großen Wert auf die vedische Weltanschauung legt - und gestaltet sie nach eigenen Ansichten um. Nach der Sankhya-Yoga lässt sich die Entstehung der Welt und deren Entwicklung (parinama) anhand des Dualismus von „Prakriti“ der Ursubstanz, und Purusha, dem Bewusstsein, erklären. Erstaunlicherweise macht sie dabei keinerlei Gebrauch vom Gottesbegriff. Das Tantra übernimmt das metaphysische Schema des Sankhya-Yoga, verändert und erweitert es nach eigenen Gottesvorstellungen.

 

Das Tantra verwandelt Sankhyas dynamische „Prakriti“ mitsamt ihren Eigenschaften („Gunas“) von Sattva, Rajas und Tamas in die Muttergöttin. Diese Muttergöttin, die auch Shakti, die Kraft, ist, erscheint in den Formen aller weiblichen Gottheiten, sei es Kali, Sarasvati, Lakshmi, Varahi oder Bagalamukhi. Aus ihr entsteht alles. Selbst die drei Hauptgottheiten Brahma, Vishnu und Shiva sind ihre Manifestationen. Daher heißt sie Mulaprakriti, die Quelle von Prakriti, eine Art Ursubstanz. Die sich aus ihr entwickelnde Welt ist ihr Spiel. Das Tantra nennt sie daher Lalita, die Spielerische. Da die drei Gunas (von Sankhya) ihr innewohnen, ist sie „gunanidhi“, das Domizil der Gunas. Wie in Sankhya-Yoga hängt die Bindung, die Fesselung des Menschen an diese Welt – der Hauptgrund des gesamten Leids, die allergrößte Illusion, Maya – mit ihr zusammen. Daher heißt sie auch Mahamaya, die große Illusion. Sie ist aber auch die Erlöserin von allen Illusionen – Vimocini. [4]

 

Alle männlichen Gottheiten des Hinduismus wie Brahma, Vishnu und Shiva haben jeweils ihr weibliches Pendant: Sarasvati, Lakshmi und Parvati, die ihre Gemahlinnen sind. So auch im Tantra. Nun haben diese Göttinnen in dieser esoterischsten aller Wissenschaften („guptam, gopyataram“, d.h. das Geheimste) keine untergeordnete Stellung wie in der üblichen Hochreligion. Sie sind mächtiger als die männlichen Götter. Nach dem Tantra haben Brahma, Vishnu und Shiva – der Schöpfer, der Erhalter und der Zerstörer - ihre gesamte Kraft den Göttinnen, ihren Gemahlinnen, zu verdanken. Das ist die wesentliche Botschaft der heiligen Schrift „Durgasaptasathi“, des aus siebenhundert Versen bestehenden tantrischen Textes, der den Krieg der Muttergöttin gegen die bösesten Dämonen in der Schöpfungsgeschichte beschreibt. Wie darin zu erfahren ist, unterlag Vishnu am Anfang der Schöpfung der Schlafkraft (yoganidra) der Muttergöttin und lag reglos auf seinem Schlangenbett. Die bösen Dämonen Shumbha und Nishumbha wollten den Schöpfergott Brahma angreifen, woraufhin Brahma den Behüter der Welt, Vishnu, um Hilfe rief. Dieser jedoch vernahm die Hilferufe nicht, da er vom Schlaf außer Gefecht gesetzt war. In seiner Verzweiflung betete Brahma zur Muttergöttin Durga. Als sie sich seiner erbarmte und den Weltenbehüter, Vishnu, durch alle seine Körperporen verließ, erwachte er und brachte die Dämonen um. Erst danach konnte Brahma mit der Schöpfung beginnen. Darum beschreibt Shankaracarya, einer der größten Philosophen und Exponenten des Hinduismus, Shiva, den Zerstörer der Welt, als jemanden, der so kraftlos ist, dass er unfähig sei, ein eigenes Haar zu bewegen. Es sei denn, er stünde in Verbindung mit seiner Gemahlin Parvati. Also schöpft er seine Kraft von der Göttin. Der Weg zu solch einer weiblichen Urkraft, der die Götter und die Welt unterliegen, ist das Tantra, die älteste feministische Theologie weltweit.



Die Kraftfelder und die göttlichen Schwingungen: Yantra und Mantra

Es sind Yantra und Mantra, die den Kern des Tantras darstellen und es vom Rest der Religion und Spiritualität abheben. Yantras sind geometrische Zeichnungen, die aus Dreiecken, Quadraten sowie aus Kreisen und Punkten bestehen. Diese sind oft zwei dimensional auf quadratische Kupfer-, Silber- oder Goldplatten eingraviert und stellen das Wesen der jeweiligen Gottheit dar, die der Aspirant gerade verehrt -  mit der er sich durch seine Handlungen in Verbindung setzen will. In der rituellen Handlung erhalten Yantras die Kraft der Gottheiten und werden verehrt, wobei die Kultfiguren selbst eine sekundäre Rolle spielen. Verglichen mit den Yantras sind die Götterfiguren im Tantra relativ unbedeutend. Es sind eigentlich Yantras, auf die der Aspirant die Kraft der Gottheiten überträgt. Eine so auf das Yantra herabgestiegene Kraft bildet den Mittelpunkt tantrischer Rituale oder Meditationen. Zu diesem Zweck werden Mantras, die andere Seite der Gottheiten, verwendet.

 

Die Bezeichnung „Mantra“ besteht aus den beiden Sanskritwörtern „manana“, denken, und „trana“ Errettung oder Erlösung[5]. Demnach beschützt ein Mantra jemanden, der darüber meditiert. Es ist eine geheime Kommunikation mit göttlichen Kräften (mantrayate guptam bhashate in mantram a.a.O.). Allgemein gesagt, ist Mantra ein Wort, Satz oder Vers, der die göttliche Kraft schwingungsmäßig in sich trägt. Durch die Meditation tritt der Aspirant mit göttlichen Kräften in Verbindung. Die Kraft und Funktion eines Mantras hängt von den Biijaaksharas (Samenbuchstaben) ab, die in ein Mantra eingebettet sind. Ein Mantra kann aber auch aus einem einzigen Biijaakshara bestehen, selbst wenn es keinen rationalen Sinn aufweist. In der Meditation aktivieren sich die schlummernden Kräfte der Samenbuchstaben. Solche Buchstaben sind zum Beispiel „Om“, „hrim“, „krim“ oder „hraim“.

 

Jede Gottheit besteht aus Schwingungen oder Tönen, die die Biijaaksharas verkörpern. So sind Götter und Göttinnen letzten Endes Töne. Tantrisch gesehen entspricht jede Gottheit einer Kombination von Biijaaksharas. Nach dem Tantra besteht nicht nur das Wesen der Götter aus Biijaaksharas, sondern sie bilden auch das Fundament der gesamten Welt. Bestehen die Götter und die Welt aus Biijaaksharas, so bedeutet deren Beherrschung auch die Beherrschung der Götter und der Welt. Die tantrischen Rituale zielen eben darauf.

 

Eine Betrachtung der tantrischen Rituale und Techniken der Meditation legt einen erstaunlichen advaitistischen (nicht-dualistischen) Aspekt offen:

 

Am Anfang, beim Samkalpa des jeweiligen Rituals oder der jeweiligen Meditation, formuliert der Aspirant deutlich den Zweck, den er erreichen möchte, und verkündet ihn. Diese Zweckgebundenheit der rituellen Handlungen ist typisch nicht nur für das Tantra, sondern für den ganzen Hinduismus. Die Zwecke sind vielfältig: der Wunsch nach Kindern, Arbeit, Geld, guter Ernte, Gesundheit, Heilung von Krankheiten, freundlicher Umstimmung von Machthabern, Willfährigmachen von Frauen, Versklavung von Männern, Erstarrung oder Verjagung der Feinde oder aber auch deren Tod sind einige davon. Wenn kein dringendes Anliegen vorliegt, setzt man die vier Purusharthas: dharma, artha, kama und moksha zum Ziel oder aber auch die brahmavidya, das absolute Wissen.

 

Im Mittelpunkt tantrischer Rituale stehen die Gottheiten mit einer konkreten Vorstellung wie deren Hautfarbe, Zahl der Arme oder der Waffen, die sie tragen, und mit Eigenschaften wie Nachsicht, Zorn, Wut, Liebe, Zuneigung etc. Das Tantra befürwortet Sagunopasana: die Verehrung anthropomorpher Vorstellung von Göttern mit konkreten Eigenschaften. Vor dem Beginn der Meditation vereinigt sich der Aspirant mit der Gottheit; mittels des Mantras verleibt er sich die Gottheit Stück für Stück den eigenen Körpergliedern ein. Sich so mit Kali, Durga, Bagalamukhi oder Bhairava (männlicher Gottheit) zuerst vereinigt, beginnt er zu meditieren. Dieser Teil des Rituals, worin der Tantriker die Gottheit auf eigene Körperglieder „platziert“, und sie für die Dauer der Meditation festhält, indem er durch digbandhah alle Himmelsrichtungen versperrt und dadurch dafür sorgt, dass die Gottheit nicht aus dem eigenem Körper entweicht, heißt karanyasa und anganyasa: Platzierung Gottes auf eigene Hände und Körperglieder. Durch digvimokah, Entsperrung der Himmelsrichtungen am Ende der Meditation, wird die Gottheit wieder freigesetzt. Tantra verbietet Meditation ohne anganyasa und karanyasa. Wie von Woodroffe zitiert, heißt es im Gadharva Tantra: Leib und Seele erst in die Gottheit verwandelt, soll man sie verehren (auf sie meditieren)[6]. Erst selbst Gott geworden, soll man auf Gott meditieren.

 

Dieses Gebot verweist auf eine unverkennbare Verwandtschaft zwischen dem Tantra und dem Advaitavedanta, dem Nicht-Dualismus. Nun besteht aber ein großer Unterschied zwischen den beiden. Advaita erklärt, dass das richtige, widerspruchslose Denken unweigerlich zum Nichtdualismus führt. Die Ansicht, dass Gott und seine Schöpfung von einander nicht verschieden sind, sei eine logische Notwendigkeit. Advaita zeigt aber keine Methode, wie diese Erkenntnis in eine Erfahrung zu verwandeln ist. Das Tantra tut eben dies durch die Technik von kara- und anganyasa und macht sie zu einer unabdingbaren Voraussetzung für erfolgreiche Meditation.

 

Die Methode und die Technik des Tantra sind einerseits sehr geheim, guptam. Anderseits sind sie allen Menschen, unabhängig von ihrer Kastenzugehörigkeit, zugänglich. Das Tantra kennt keine Kastenbarrieren. Obwohl gewisse Eigenschaften aufgrund ihrer Geburt den Menschen angeboren sind, ist jeder Einzelne veränderungsfähig. Durch Befleißigung (shrama, daher das Wort Ashrama, der Ort fleißiger Arbeit), kann sich der Mensch seinem eigenen Wunsch gemäß ändern.

 

Die vedische Gesellschaft organisiert sich nach dem Prinzip des Kastensystems. Die Kaste, in die ein Mensch hineingeboren wird, bestimme sein Wesen. Und es sei unabänderlich. Es gibt vier Kasten, denen vier Grundtypen von Menschen zugeordnet werden – der Intellektuelle, der Krieger, der Erwerbstätige und der Arbeiter. Der Erwerb und die Verbreitung des sakralen Wissens war das Privileg der Brahmanen, der Angehörigen der Priesterkaste. Niemand außer Brahmanen waren befugt, andere Menschen in religiöse Riten einzuweihen. Noch dazu durften nur die Angehörigen der drei oberen Kasten die Einweihung erhalten. So beinhaltet der orthodoxe Hinduismus eine gewisse Diskriminierung gegen Angehörige niederer Kasten. In dieser Hinsicht vertritt das Tantra rebellische Ansichten und weist die Benachteiligung eines Menschen auf Grund seiner Geburt zurück.

 

Nach dem Tantra bestimmt nicht die Kaste die Eigenschaften eines Menschen. Es sind vielmehr die drei Gunas, Grundeigenschaften, bzw. Stränge in der Ursubstanz Prakriti (s. oben), aus der die ganze Welt entsteht, die den Typus des Menschen bestimmen. Diese Ansicht verdankt das Tantra der Sankhya-Yoga-Philosophie. Dem Tantra zufolge gibt es drei Typen unter den Menschen: die göttlichen (divya), die heldenhaften (vira) und die tierischen (pashu),[7]die den Menschen unabhängig von seiner Kaste prägen. Für die damalige indische Gesellschaft war dies eine revolutionäre Ansicht.

 

Nach dieser Ansicht gehören einige Menschen der Kategorie „Pashu“, dem Tier, an. Diese sind überwiegend von dem Guna (Eigenschaft) Tamas geprägt. Da Tamas die Finsternis, Unkenntnis, Trägheit, Unfreiheit und Anhaftung vertritt, sind auch Pashu-Menschen dumm, träge und gefesselt wie das Vieh. Das Wort pashu leitet sich von „paasa“, Schlinge, ab und kennzeichnet eben diese Tatsache. Bemerkenswert ist, dass Tantra den Pashus die Verbote der vedischen Orthodoxie (etwa die Einschränkungen in Bezug auf Geschlechtsverkehr, Alkohol-, Fleischverzehr) als Gebote vorschreibt. Dem Tantra zufolge sind Angehörige der Priesterkaste, die brav vedische Vorschriften befolgen, Pashus.

 

Etwas mehr Wertschätzung genießt der „Vira“, der heldenhafte Typ, dessen wesentliche Eigenschaft Rajas ist. Rajas bedeutet Dynamis, Veränderung und Aktionismus. Der Vira-Typ besitzt die Fähigkeit, eine der zwei anderen Eigenschaften (tamas und sattva), die in ihm schlummern, zu aktivieren, und sich auf diese Art in einen anderen Typus zu verwandeln. Er kann sich durch seine Handlungen und Willenskraft in einen Pashu, ein Tier, verwandeln, aber auch in den Divya, göttlichen Typ. Wobei der letztere vorzuziehen ist. Also versteht das Tantra das Wesen des Menschen nicht als eine schicksalhafte Gegebenheit, die bereits vor der Lebensführung entschieden worden, und dadurch statisch wäre. Der Mensch ist änderungsfähig. Es sind seine Taten, die er in seinem Leben vollzieht, die sein Wesen verändern und es neu definieren.

 

Bei der Verwandlung des Vira-Typus in den Divya, göttlichen Typ, in dem der Sattva-Guna vorherrscht, spielen die fünf Makaaras: madya, maamsa matsya, mudra und maithuna (Alkohol, Fleisch, Fisch, esoterische Gestik und Geschlechtsverkehr) eine wichtige Rolle. Diese fünf werden dem Vira-Typ vorgeschrieben. Durch kontrollierten Genuss der fünf Makaaras sollen die tamasika (tamas-artigen) Neigungen des Viras überwunden werden. Man denke an das ayurvedische Prinzip „unshnam ushnena shitalam“, Hitze wird durch Hitze überwunden, das Gift soll durch gezielten Einsatz eines anderen Giftes beseitigt werden. Ähnlich verhält es sich mit den Makaaras. Die Erwartung ist, dass man sich durch Fleischverzehr mit der Zeit zu einem Vegetarier entwickelt, durch Alkoholkonsum zu einem Abstinenten wird, und ebenso soll der Geschlechtsverkehr einen zur Enthaltsamkeit führen. Dahinter steckt die Grundüberzeugung des Tantras, nämlich „yoga“ durch „bhoga“, Vergöttlichung des Menschen durch das Schwelgen in Genüssen.

 

Auch der Divya-Typ hat die fünf Makaara-Gebote zu befolgen. Nur werden sie bei ihm in einer sublimierten Form anders verstanden. So bedeutet der vorgeschriebene Alkoholkonsum Ekstase, die im Geiste des Menschen aufgrund seiner Brahman-Erkenntnis zustande kommen sollte. Das Fleischessen ist einer Opferhandlung gleichzusetzen, wobei der Aspirant den Göttern nicht Tiere, sondern die Früchte der eigenen Handlungen darbietet; Fisch symbolisiert seine Einfühlsamkeit allen Lebewesen gegenüber; durch die Mudras entsagt er jeglicher  Bindung zum Bösen. Der berüchtigte Geschlechtsverkehr Maithuna ist kein Beischlaf. Vielmehr hat er die Erweckung der in jedem Menschen schlummernden Kundalinikraft zum Ziel. Durch die Meditationen wird sie in das tausendblättrige Chakra im Kopfbereich gelenkt. Dies ist schließlich die Erlösung.

 

So haben die tantrischen Texte, und überhaupt die religiösen Texte des Hinduismus, einerseits eine gewöhnliche Bedeutung und anderseits eine verborgene (gupta) Bedeutung, die nur die Kenner wissen können. Solche Kenner oder im besten Fall vollkommene Menschen (siddhas) sind Gurus. Sie sind ein unverzichtbarer Bestandteil des tantrischen Weges. In der tantrischen Tradition ist der Guru nicht nur eine funktionale Notwendigkeit. Nüchtern betrachtet ist er jemand, der sich mit den Tücken der tantrischen Praxis auskennt und daher den Aspiranten betreuen kann. Er ist aber viel mehr als ein Betreuer. Nach der tantrischen Auffassung ist die Kraft einer Einweihung oder eines dabei erhaltenen Mantras letzten Endes dem Guru zu verdanken. Je vollkommener der Guru ist, desto wirksamer sind die Mantras. Er ist viel mehr als die Mantras und die Gottheiten zusammen. Sein Wort ist das Mantra, und das zu befolgende Gesetz; des Gurus Körper ist der Wohnort aller Gottheiten[8].

 

Diese Auffassung teilt das Tantra mit dem mainstream-Hinduismus, der den Guru nicht nur mit den tri-murtis – Brahma, Vishnu und Shiva – gleichsetzt, sondern ihn auch für den die Dreiheit transzendierenden absoluten Geist „parabrahman“ erklärt. Vom Hinduismus unterscheidet sich das Tantra jedoch in Bezug auf weibliche Gurus. Allgemein werden Frauen in der Tantra-Tradition positivere Eigenschaften zugedacht als den Männern. Frauen werden für die besten Gurus gehalten. Hier sei erwähnt, dass in allen „Nigama“-Texten des Tantra Parvati die Lehrmeisterin ist, ihr Gemahl Shiva ist ihr ergebner Schüler. Während in den vedischen Traditionen der Vater der erste und am besten geeignete Guru für seine Kinder ist, ist es dem Tantra zufolge die Mutter. Die von der Mutter oder von deren Mutter, also der Großmutter mütterlicherseits durchgeführte Einweihung ist die wirksamste. Das Tantra geht noch ein Stück weiter in der Verherrlichung der Frau: Während die Witwen in der Hindugesellschaft allgemein unter schlechtem Ansehen leiden, wird ihnen vom Tantra die Eignung zugesprochen, ein guter Guru, Lehrmeister, zu sein.

 

Das Tantra hat sich in der indischen Gesellschaft ursprünglich als eine Protestbewegung gegen den vedischen Hinduismus etabliert, und einen Gegenentwurf in  Sachen Religion und Gesellschaft aufgestellt. Mit der Zeit hat der Hinduismus so sehr vom Tantra profitiert, sich so sehr „vertantrisiert“, dass heute das Tantra aus dem Hinduismus nicht mehr wegzudenken ist. So finden wir in jeder Hindu-Zeremonie tantrische Elemente, wie Anganyasa und Karanyasa, oder wir sehen unter fast jeder Götterstatue in den Hindutempeln ein Yantra. Bei ernsthaften Hindus geschieht der Zugang zu den Gottheiten über die rituelle Einweihung in Mantras mit Biijaaksharas. Gewollt oder ungewollt sind alle Hindus Tantriker.



Über den Autor:

S. V. Gunturu wurde 1956 in Nellore/A.P., Indien, in einer Gelehrtenfamilie geboren und studierte in Hyderabad Sanskrit-Literatur, englische Literatur und Geschichte. 1995 promovierte er in westlicher Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Er lebt als freier Autor und Dozent in der Nähe von München. Zu seinen Veröffentlichungen zählen, neben Romanen: Krishnamurti: Leben und Werk, Diederichs 1997; Mahatma Gandhi: Leben und Werk, Diederichs 1999; Hinduismus: Die große Religion Indiens, Diederichs 2000; Hinduismus, Diederichs Kompakt 2002; Mensch sucht Sinn, Gabriel Verlag 2004; Der Kamasutra-Ratgeber: Sex, Lust und die Kunst der Verführung, Atmosphären Verlag 2004; Heiliger Sex: Die erotische Welt des Hinduismus, Eugen Diederichs Verlag, 2009.

Homepage: http://www.gunturu.de/. Email: vanamali.sg[at]arcor.de

 

 




[1] Jayashankar Joshi (Hrsg.), Halayudhakosha/Abhidhana ratnamala, 1957 Hindi samiti, Lucknow, India

[2] S. Vanamali Gunturu, Hinduismus: Die große Religion Indiens; München 2000, S. 34

[3] a.a.O. S.66

[4] s. Lalitasahasranamavali

[5] „mananat trayate yasmat tasmat mantrah prakirtitah“, so definiert es Halayudhakosha, a.a.O., S. 514.

[6] Woodroffe, J., Principles of Tantra II, Madras, India, 1986, S.442

[7] Pashu ist verwandt mit dem deutschen Wort Vieh

[8] M. P. Pandit, Gems of Tantra, Bd. II, Madras, Indien, S. 11