Zeitschrift für Spiritualität und Transzendentale Psychologie 2013, 3 (2)



Transzendieren zur Transzendenz[1]

Eckart Ruschmann


 

Zusammenfassung

Der Text möchte aufzeigen, dass die im Deutschen mögliche und gebräuchliche Unterscheidung der Begriffe „Transzendenz“ und „Transzendieren“ bedeutsam ist. Unter dem Einfluss des englischen Sprachgebrauchs („transcendence“), in dem diese Unterscheidung nicht gemacht wird, scheint diese Differenzierung auch im Deutschen zunehmend verlorenzugehen, insbesondere im soziologischen und psychologischen Kontext. Mit „Transzendenz“ ist eine ontologische Dimension gemeint (der Bereich des Transzendenten), während „Transzendieren“ einem anthropologischen bzw. epistemischen Kontext angehört und den Vorgang oder Prozess des Transzendierens bezeichnet, erfahrungsmäßig und konzeptuell. Vor diesem Hintergrund wurde im englischen Original, das diesem Text zugrunde liegt, die Differenzierung von transcendence und transcending vorgeschlagen, deshalb der englische Titel „Transcencending towards Transcendence“. Mit Beispielen aus der Soziologie (Thomas Luckmann, Hubert Knoblauch) und der Psychologie (Abraham H. Maslow) soll veranschaulicht werden, dass die fehlende Unterscheidung zwischen den beiden Bedeutungen Reduktionismen unterstützen oder sogar hervorbringen kann, die eine angemessene Differenzierung zwischen humanistischen (säkularen) und spirituellen/religiösen Weisen der Konstituierung von Sinn und Werten behindern. Ein struktureller epistemologischer Zugang wird beschrieben und empfohlen, als eine respektvolle Rekonstruktion unterschiedlicher ontologischer und metaphysischer Positionen und Hintergrundüberzeugungen in persönlichen Weltbildern und Weltsichten.

Schlüsselwörter:  Transzendenz, Transzendieren, Ontologie, Metaphysik, Religion


Abstract

The following analysis aims to illustrate how, over the course of time, different meanings have become associated with the term transcendence. The article proposes distinguishing between the ontological meaning (i.e. the realm of transcendence) and the anthropological or epistemic use (i.e. the act or process of transcending, experientially and conceptually). Presenting examples from sociology (Thomas Luckmann, Hubert Knoblauch) and psychology (Abraham H. Maslow) it will be illustrated that lack of discrimination may support or even foster an ontological reductionism which impedes adequate differentiation between humanistic (secular) and spiritual/religious ways to constitute values and meaning. A structural epistemological approach is described and recommended, as a respectful reconstruction of various ontological and metaphysical positions and background convictions in personal world-views.

Keywords: Transcendence, transcending, ontology, metaphysics, religion

 


Konzepte und Theorien

Konzepte haben ihre Geschichte. Sie sind keineswegs isolierte „Träger“ von Bedeutungen, sie haben vielmehr eine bestimmte Stellung innerhalb eines spezifischen Netzwerks anderer Konzepte und größerer kognitiver Einheiten. Mit Bezug auf die Weltsicht von Individuen wurden sie als „persönliche Konstrukte“ beschrieben (G. Kelly) oder als „subjektive Theorien“ (N. Groeben) bezeichnet. Diese sind wiederum bezogen auf Theorien als Elemente wissenschaftlicher oder gesellschaftlicher Gruppierungen oder Gemeinschaften und ebenso auf grundlegende Hintergrundüberzeugungen, die zu einer spezifischen Weltanschauung bestimmter nationaler, kultureller oder religiöser Gruppen und Untergruppen gehören.

 

Die Untersuchung persönlicher Weltsichten war in den letzten 15-20 Jahren ein zentraler Schwerpunkt meiner Arbeit.[2] Wegen der großen Bandbreite von Inhalten bei den wichtigsten Themen – die es in allen Kulturen und zu allen Zeiten der menschlichen Geschichte gegeben hat – finde ich es hilfreich, von einer strukturellen Ordnung persönlicher Weltsichten auszugehen. Dafür verwende ich die Kategorien oder Disziplinen der Systematischen Philosophie, besonders die folgenden vier Gruppen:[3]

 

Ontologie: Konzeptionen der Welt / des Universums

Metaphysik: Vorstellungen (Bilder) der Transzendenz / von Gott

Anthropologie: Menschenbilder

Ethik: Werte-Orientierungen

 

 

Die wichtigsten Fragen und die darauf bezogenen Antworten können so in den Kontext einer dieser Disziplinen gestellt werden. Das liefert eine reiche und komplexe Struktur aller grundlegenden Themen von „Welt, Mensch und Gott“.

 

Diese Strukturierung kann auch beim Umgehen mit Konzepten und ihrer Geschichte hilfreich sein, denn die philosophischen Disziplinen und ihre Themen werden gewöhnlich in dem jeweiligen historischen Kontext präsentiert. Wann und wo eine philosophische Idee entstand, ist ein wichtiger Aspekt bei der Beschäftigung mit dieser Vorstellung. Innerhalb dieses Rahmens können so auch Veränderungen in der Bedeutung bestimmter Konzepte besser untersucht und verfolgt werden.

 

Es zeigt sich dabei, dass einige Konzepte von einer Gruppe zu einer anderen übertragen wurden. Die wichtigste und häufigste Veränderung ist die von der Ontologie zur Theologie und dann zur Anthropologie. Konzepte, die in ihren Ursprüngen (in der griechischen oder römischen Philosophie) klar zur Ontologie (bzw. Metaphysik) gehörten, wurden später oft in einen theologischen Kontext platziert. Im Verlauf der Säkularisierung wurden sie dann teilweise vom theologischen Feld in den Bereich der Anthropologie bewegt – denken wir etwa an das Programm von Ludwig Feuerbach: „Die Aufgabe der neueren Zeit war die Verwirklichung und Vermenschlichung Gottes – die Verwandlung und Auflösung der Theologie in die Anthropologie“.[4]

 


Das Konzept „Transzendenz“

Die Begriffsgeschichte des zentralen Konzepts in diesem Text, nämlich „Transzendenz“, zeigt viele wichtige Aspekte des Prozesses auf, in dem sich die allgemeine Weltanschauung über die Jahrhunderte in wichtigen Aspekten verändert hat, von den Zeiten des Mythos (vor der Entstehung der Philosophie) bis zur Gegenwart.

 

Es ist ein recht langer Weg von den griechischen Konzepten, die dem lateinischen „transcendere/transcendens“ entsprechen (von denen sich „Transzendenz“ ableitet) bis hin etwa zum Gebrauch durch den Soziologien Thomas Luckmann (1967/91) in seinem einflussreichen Buch „Die unsichtbare Religion“ oder, vergleichbar, der Verwendung durch den Psychologen Abraham H. Maslow (1969a) in seinem Aufsatz Various meanings of transcendence, bei dem der englische Begriff transcendence nicht als „Transzendenz“ übersetzt werden sollte, sondern als „Transzendieren“ („Verschiedene Bedeutungen von Transzendieren“).

 

Die meisten Soziologen und ebenso Psychologen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts scheinen nicht mehr bereit gewesen zu sein, über Metaphysik in einer ontologischen Art und Weise nachzudenken. Sie waren mehrheitlich reduktionistische Monisten und so musste „Transzendenz“ (und ebenso der verwandte Begriff „Religion“, der eher zur Theologie als zur Philosophie gehörte) einen Platz in diesem Kontext finden bzw. diese Begriffe wurden zu anthropologischen Konzepten mit soziologischen oder psychologischen Beschreibungen ihres Gebrauchs und ihrer Funktion für Individuum und Gesellschaft.

 

Indes war die Veränderung des konzeptuellen Rahmens für „Religion“ anders als für „Transzendenz“. Die „Naturalisierung“ von Religion war möglich, indem sie mit Werten und Sinn identifiziert wurde, wie es Luckmann tat (und vergleichbar auch Edward Bailey mit seinem Konzept der „Impliziten Religion“), so dass der Begriff der Religion hier eher metaphorisch gebraucht wurde. Wenn jeder Prozess und jedes Ergebnis der Konstitution von Werten und Sinn als „Religion“ bezeichnet wird, schrumpft die ursprüngliche Bedeutung dieses Begriffs (mit ihrem Bezug zu etwas „Übernatürlichem“, Spirituellem, Göttlichem etc.) zu einer spezifischen Quelle einiger Menschen für Werte und Sinn, jedoch ohne Relevanz für andere.

 

Die Begriffsgeschichte von „Transzendenz“ folgt einem anderen Muster, und zwar wegen des Umstands, dass dieses Wort eine doppelte Bedeutung hat, besonders ausgeprägt im Englischen, aber heute ähnlich auch im Deutschen – es bezeichnet primär eine ontologische Dimension, den Bereich des Transzendenten, eben „die Transzendenz“, kann aber auch den Prozess des Transzendierens bezeichnen, ein „Überschreiten“, das verschiedene Formen annimmt, wobei dann auch die Transzendenz ein solches (letztes) Ziel von Transzendierungsprozessen sein kann.

 

In der griechischen Philosophie waren der Prozess des Transzendierens und das „Ziel“ dieses Vorgangs begrifflich noch deutlich getrennt. Die griechischen Wörter ánhodos oder anábasis zum Beispiel, die in der platonischen Philosophie zentral sind, in der Bedeutung von „sich aufwärts bewegen“ zu höheren Seinsbereichen, bezeichnen eben diesen Prozess, den der Titel dieses Textes bezeichnet: Transzendieren zur Transzendenz.

 

In der christlichen Periode wurden die verschiedenen Beschreibungen „höherer ontologischer Bereiche“ bis hin zu dem „Einen“, das sogar alle beschreibbaren Formen des Seins überschreitet (so schon bei Platon, sehr klar beschrieben im neuplatonischen Kontext bei Plotin) durch das christliche Konzept eines persönlichen Gottes ersetzt. Immerhin lassen sich einige Reminiszenzen früherer metaphysischer Konzeptionen in den unterschiedlichen Beschreibungen der Trinität auffinden, besonders in den Definitionen der Aspekte von Gott dem Vater und dem Heiligen Geist. Andererseits entsprachen die ontologischen Konzepte von Himmel und Erde deutlich den Vorstellungen der (vorphilosophischen) griechischen und jüdischen Mythologie.

 

Dennoch gab es immer noch einige Elemente der platonischen und neuplatonischen Beschreibungen des Transzendierungsprozesses und ebenso der transzendenten Natur Gottes, die alle Fähigkeiten unseres Denkens überschreitet – Augustinus beschrieb dies als einen Vorgang, bei dem das mentale Bewusstsein sich selbst überschreiten muss („Venimus ad mentes nostras et transcendimus eas“, Confessiones IX, 10,24). Auch war im Mittelalter die Bedeutung von „Transzendenz“ als Bezeichnung des Bereichs, auf den hin der Transzendierungsprozess zielt, durchaus noch gebräuchlich, besonders auch durch die „Negative Theologie“ des Pseudo-Dionysius Areopagita und später durch Nikolaus von Kues - er beschrieb diesen Transzendierungsprozess mit dem Ziel, die Natur des transzendenten Gottes als „Zusammenfall der Gegensätze“ (conicidentia oppositorum) zu „verstehen“.

 

So waren der Prozess des Transzendierens und „Transzendenz“ als Ziel dieses Prozesses, eine transzendente Wirklichkeit oder (später) der transzendente Gott, auf tiefe Weise verbunden.

 


Das mentalistische Paradigma

Die Entwicklung eines philosophischen Konzepts von „Transzendenz“ nach der „Entlassung“ der Philosophie aus ihrer jahrhundertelangen Stellung als „Magd der Theologie“ war schwierig und veränderte sich zunehmend von einer ontologischen Perspektive zu einer epistemologischen (anthropologischen), in der das Subjekt und dessen Art und Weise, sich mit der Welt zu befassen und Wissen über sie zu erlangen, zum zentralen Gesichtspunkt wurde. Diese Veränderung wurde von dem deutschen Philosophen Herbert Schnädelbach (1991) als Wandel vom ontologischen zum mentalistischen Paradigma beschrieben.

 

Descartes kennzeichnet diesen Wendepunkt sehr deutlich – für ihn war Gott zwar immer noch mit Notwendigkeit vorhanden, doch mehr als „eingeborene Vorstellung“ denn als ontologische Wirklichkeit. Die ontologische „Kette des Seins“ (neuplatonisch: Materie/Stoff, psychē, nūs, das Eine) wurde mehr und mehr reduziert, bis schließlich nur noch zwei Elemente dieser Kette übrigblieben: das Mentale[5] und die Materie. Da jedoch das Mental (Descartes „res cogitans“) kein auch ontologisch verwendeter Begriff mehr war, wie in der Antiken Philosophie psychē und nūs, wurde so ein ontologischer (materialistischer) Monismus vorbereitet und möglich gemacht. Dazu musste nur eine weitere, letzte Reduktion stattfinden, indem Bewusstsein als eine Funktion des Gehirns verstanden wurde und so den Status eines „materiellen Phänomens“ erhielt. Damit war es endgültig unmöglich geworden, „Transzendenz“ noch als ontologische Dimension zu verstehen.

 

Der deutsche Philosoph Immanuel Kant spielte bei diesem Prozess eine wichtige Rolle. Er stellte Gott (und damit den Bereich der Metaphysik, d. h. eben „die Transzendenz“) außerhalb des Feldes der theoretischen Philosophie, in das der praktischen Philosophie. Das bedeutete tatsächlich einen „Export“ der Metaphysik in den Bereich der Theologie / Religion / des persönlichen Glaubens.

 

Kant brachte eine weitere Schwierigkeit des Umgangs mit dem Begriff „Transzendenz“ hervor, indem er einen neuen erkenntnistheoretischen Begriff aus dem lateinischen transcendens prägte, nämlich „transzendental“. Dieser erkenntnistheoretische Begriff bezeichnet den Bezug auf die Bedingungen menschlicher Erkenntnisprozesse und -fähigkeiten. Er hat kaum noch etwas mit „Transzendenz“ zu tun, und das trägt bis in unsere Zeit zu den Schwierigkeiten bei, die dieses konzeptuelle Feld betreffen – eben Transzendenz, Transzendieren, transzendent, transzendental.

 

Der problematische Status ontologischen/metaphysischen Denkens hatte seinen Höhepunkt in der weit verbreiteten philosophischen Annahme vom „Tod der Metaphysik“ im 20. Jahrhundert.

 


Transzendenz und Religion

So bewegten sich Ontologie und Metaphysik (letztere wurde mehr und mehr mit „Religion“ identifiziert) zunehmend auseinander. Einerseits gab es diese Welt, den Gesetzen von Zeit und Kausalität unterworfen und beschrieben von den Wissenschaften, auf der anderen war „Gott“ (als Schöpfer dieser Welt), für Kant ein notwendiges Element unserer praktischen Vernunft, für andere – wie z. B. Laplace in seiner berühmten Antwort auf eine Frage Napoleons – nur noch eine Hypothese, die nicht mehr benötigt wurde.

 

Im 20. Jahrhundert (zumindest ab der zweiten Hälfte) war diese Veränderung der Perspektive von der Ontologie bzw. Metaphysik zur Anthropologie eine natürliche Grundlage im Weltbild und für dieses bei den meisten Wissenschaftlern.

 

Mit Bezug auf die Arbeiten der Soziologen Thomas Luckmann und Hubert Knoblauch sowie des Psychologen Abraham H. Maslow lässt sich – so meine ich – aufzeigen, wie das säkularisierte Konzept von Transzendenz bzw. Transzendieren auch als ein Mittel dazu diente, den Begriff „Religion“ in ein deskriptives Konzept bestimmter soziologisch oder psychologisch beschreibbarer Prozesse von Individuen zu verwandeln, statt „Religion“ als eine Repräsentation spezifischer ontologischer und metaphysischer Annahmen zu sehen, die dann selbstverständlich auch anthropologische Charakteristika mit sich bringen.

 

Während im englischen Wort transcendence die fehlende Unterscheidung zwischen Substantiv (Transzendenz) und substantivierter Verbform (Transzendieren) den Wechsel von der ontologischen Perspektive zur anthropologischen kaum bemerkbar werden lässt, ist der Vorgang im Deutschen konzeptuell etwas anders verlaufen, weil der Begriff des Transzendierens gerade auch bei Soziologen (in der deutschen Übersetzung des zunächst englisch erschienen Buches von Luckmann, später dann z. B. bei Hans Joas) eine wichtige Rolle spielt. Bereits Luckmann definierte diesen Vorgang – in dem für ihn selbstverständlich auch der Ursprung der Religion zu suchen ist – in einer „grundlegenden anthropologischen Tatsache: Das Transzendieren der biologischen Natur durch den menschlichen Organismus“ (Luckmann, 1991, 108). Ähnlich beschreibt wenig später Hans Joas diesen Vorgang als die grundlegende Funktion der Sinnkonstitution – „Werte entstehen in Erfahrungen der Selbstbildung und Selbsttranszendenz“ (Joas, 1997, 10). Der Begriff „Selbsttranszendenz“ dient hier wie ein Brückenglied zwischen „Transzendenz“ und „Transzendieren“. So wird „Transzendenz“ ganz selbstverständlich zu einem „Ergebnis“ von menschlichen Transzendierungsprozessen und auf diese Weise „anthropologisiert“.

 

Immerhin ist es einem anderen Soziologen, Hubert Knoblauch – ein Schüler von Luckmann – in einer neueren Publikation aufgefallen, dass er eigentlich auf eine grundsätzliche Weise den Begriff der Transzendenz mit dem des Transzendierens gleichsetzt. Doch das ändert nichts mehr an dem Vorgang, die Unterscheidung zwischen Transzendenz und dem Prozess des Transzendierens steht ihm ganz offensichtlich nicht (mehr) zur Verfügung. Knoblauch formuliert diese Einsicht folgendermaßen:

 

„Die Transzendenz ist also weder die Grenze noch das Begrenzte. Das liegt vor allem darin begründet, dass es sich eigentlich nicht um einen Sachverhalt, sondern um einen Prozess handelt. In der Tat bezeichnet das Wort ursprünglich eine Aktivität, geht es doch auf das aktivische Partizip Präsenz „transcendens“ zurück. Um diesen aktivischen Charakter zu unterstreichen, sollte ich statt „Transzendenz“ eigentlich immer „Transzendieren“ schreiben – doch widersteht diese Substantivierung häufig dem grundlegenden Stilempfinden, so dass ich das Wort „Transzendenz“ beibehalten möchte“ (Knoblauch, 2009, 56).

 


Unsichtbare Religion (Luckmann)

Unter Bezug auf Transzendierungsprozesse, die für den Soziologen Thomas Luckmann eben zur Natur des Menschen gehören, konnte er eine Beschreibung der Entwicklung einer individuellen Weltansicht durch die Übernahme sozialer Beschreibungen der Welt liefern, also von kollektiven Konstruktionen der Wirklichkeit.

 

Die Unterscheidung von „kleinen, mittleren und großen Transzendenzen“ (hier müsste es natürlich korrekterweise heißen: Formen des Transzendierens, der Transzendierungsprozesse) ermöglichte ihm, „Transzendenz“ als eine natürliche Fähigkeit jedes Individuums zu verstehen, bei dem Prozess der Entwicklung von einem biologischen Wesen zu einem sozialen, einer „Person“, die Teil einer spezifischen Gesellschaft und deren kulturellen Traditionen ist, dem jeweiligen interpretativen System von Beschreibungen.

 

Durch diesen Prozess wird „Sinn“ hervorgebracht, und da Luckmann Religion als eine primäre Quelle von Bedeutungen versteht, die es seit den Anfängen der Menschheit gibt, hat er keine Schwierigkeiten, den Begriff der [unsichtbaren] Religion für alle Arten von Transzendierungsprozessen zu verwenden. „Religion“ in der historischen Bedeutung, mit Bezug auf eine transzendente Wirklichkeit, kann in diese Beschreibung dann leicht integriert werden – als „große Transzendenzen“. Luckmann versucht bei seiner Beschreibung „objektiv“ zu sein, die inklusivistische (vereinnahmende) Beschreibung lässt jedoch seine eigene implizite Ontologie sichtbar werden, in der „Transzendenz“ als eine ontologische / metaphysische Wirklichkeit für ihn kaum, wenn überhaupt, vorstellbar ist.

 

Um es noch provokanter zu formulieren: Luckmanns persönliche implizite metaphysische Annahmen ermöglichen ihm, den Begriff „Religion“ so zu säkularisieren, dass fast nichts von dessen ursprünglicher Bedeutung übrigbleibt.

 

In seiner „Paul Hanly Furfey Lecture“ (Luckmann 1990) beschreibt er diesen Prozess als „Transzendenz verringern („einschrumpfen“), Religion ausweiten“ (shrinking transcendence, expanding religion). Natürlich kann „Transzendenz“ nicht schrumpfen, das würde in einer Art von „Schrumpf-Gott“ resultieren. Doch hat Luckmann in der Tat selbst einen wesentlichen Beitrag zu einer konzeptuellen Veränderung geliefert, die das Konzept der Religion ausgeweitet und so die historisch enge Verbindung zwischen „Religion“ und „Transzendenz“ durchtrennt hat. Ganz offensichtlich verwendet er in diesem (englischen) Text die zwei Bedeutungen von transcendence ohne jede klare Unterscheidung. Korrekt formuliert müsste man sagen: Luckmann blickt aus der Perspektive einer „geschrumpften Ontologie“, in der „Transzendenz“ nur noch in der Bedeutung von „Transzendieren“ verwendet wird und mit der der Begriff der Religion leicht ausgeweitet werden kann, um schließlich den Inhalt oder das Ergebnis jeglicher werte-konstituierender Prozesse zu bezeichnen.

 

Der Soziologe Andrew J. Weigert beschreibt das in seinem Aufsatz: Whose Invisible Religion?“ (Wessen unsichtbare Religion?) folgendermaßen: „Luckmann geht so weit, das Etikett „Religion“ jedem System zu verleihen, das seinem Urteil nach ein universelles und funktionales oder spezifisches, substantielles Bedeutungssystem für eine Gesellschaft oder ein Individuum darstellt“ (Weigert, 1974, 181).

 

Aus dieser Perspektive ist ein solcher Gebrauch des Begriffs „Religion“ mehr eine Analogie oder ein Vergleich und so bezweifelt Weigert sogar die Angemessenheit des Begriffs „Unsichtbare Religion“: „Wir können vielleicht von unsichtbaren Werten sprechen, nicht aber von „unsichtbarer Religion““ (Weigert, 1974, 188).

 

Er gibt eine Empfehlung, die ich teile, und zwar „dass der universelle Prozess der Sozialisation als ein symbolischer Prozess definiert werden kann, der Werte sucht (Weltsicht) und Identität. Es gibt keine theoretische Notwendigkeit oder empirische Rechtfertigung dafür, Sozialisation als einen im Wesentlichen „religiösen Prozess“ zu definieren“ (Weigert, 1974, 187).

 

Hier möchte ich den Begriff „Sinn“ (meaning) hinzufügen, denn „Sinn“ wird primär durch Zusammenhang und Bezogenheit konstituiert, sogar in der semantischen Bedeutung dieses Begriffs. Als psychologische Beschreibung verwendet, sehen wir alle Arten von Transzendierungsprozessen als „Mittel“, um Sinn zu konstituieren, indem der Bereich des Individuums erweitert wird. Dabei werden vorhandene Werte-Systeme verwendet oder auch neuen Arten von Werten hervorgebracht.[6]

 

So können alle Arten von Prozessen einbezogen werden, die mit Sinn und Werten in Zusammenhang stehen, solche mit einem religiösen (spirituellen, metaphysischen) Weltbild und solche, die auf einer säkularen, humanistischen Weltanschauung basieren.

 


Verschiedene Bedeutungen von Transzendieren (Maslow)

Wenden wir uns nun dem psychologischen Feld zu. Der bekannte amerikanische Psychologe Abraham H. Maslow interessierte sich in seinen späten Jahren mehr und mehr für den Prozess des Umgehens mit Werten, mit Sinn, mit „höheren“ Bewusstseinszuständen, besonders in der Form von Gipfelerfahrungen und/oder Plateau-Erfahrungen.

 

Maslow war kein systematischer Forscher; die meisten seiner Einsichten gewann er als Ergebnis persönlicher Erfahrungen mit vielen verschiedenen Menschen, zum Beispiel Besuchern seiner Vorträge über diese Themen, die dabei in Kontakt mit ihm kamen, ermutigt durch seine positive Beschreibung solcher Phänomene.

 

In einem seiner letzten Aufsätze, „Verschiedene Bedeutungen von Transzendieren“ (Various Meanings of Transcendence“) verwendet er den Begriff transcendence als zentrale Perspektive für den Umgang mit Erfahrungen, die tieferen Sinn hervorbringen. Für Maslow, vergleichbar dem Luckmannschen Konzept, handelte es sich bei diesem Prozess um „natürliche Vorgänge“, die Teil der menschlichen Natur sind, wenn man sie in einem weiteren Horizont betrachtet und auch solche Aspekte mit einbezieht, die gewöhnlich als „religiös“ oder „spirituell“ bezeichnet werden.

 

Aus dieser Perspektive ist deutlich, dass transcendence kaum als ontologisches Konzept (dt. „Transzendenz“) verwendet wird, sondern primär den Prozess des „Transzendierens“ bezeichnet – der englische Begriff transcendence umfasst beide Bedeutungen.

 

Als Psychologe beschreibt Maslow die von Luckmann als „kleine, mittlere und große Transzendenzen“ bezeichneten Phänomene aus einer anderen Perspektive, und zwar als psychologische Prozesse des Individuums. Sie bringen somit ein tieferes Verständnis des persönlichen In-der-Welt-Seins hervor und gewinnen zusätzliche Möglichkeiten, Sinn im Leben zu finden, eben durch verschiedene Formen des „Transzendierens“ des engen Raums eines psychologischen „Ego“. Ich möchte einige Beispiele geben, mit Maslow eigenen Worten – in Klammern stehen jeweils die Nummern, die Maslow im Text für die 35 verschiedenen Beschreibungen von Transzendierungsprozessen gegeben hat.

 

·        Transzendieren im Sinne eines Verlustes des Selbst-Bewusstseins (1)

·        Transzendieren der Zeit (3)

·        Transzendieren der Kultur (4)

·        Transzendieren der eigenen Vergangenheit (5)

·        Transzendieren des Ego, des Ich, von Egoismus, Egozentrik usw. (6)

·        Transzendieren als mystische Erfahrung. Mystisches Verschmelzen, mit einer anderen Person, mit dem ganzen Kosmos oder mit irgendetwas dazwischen (7)

·        Transzendieren der Grundbedürfnisse (11)

·        Transzendieren der Meinungen von anderen (15)

·        Transzendieren von Dichotomien (Polaritäten, Gegensätzen von schwarz und weiß, entweder - oder usw.) (19)

·        Transzendieren bedeutet auch, göttlich oder gottähnlich zu werden, über das nur Menschliche hinauszugehen (23)

·        Transzendieren kann bedeuten, im Bereich des Seins zu leben, die Sprache des Seins zu sprechen, Seins-Erkenntnis zu haben, auf dem „Plateau“ zu leben (24)

·        Ein Transzendieren des Negativen (das Böses, Schmerz, Tod usw. einschließt, aber noch mehr als dies umfasst) zeigt sich in Berichten über Gipfelerlebnisse (27)

·        Transzendieren des Raumes (28)

·        Transzendieren des eigenen Credo, des Systems von Werten oder Überzeu­gungen (beliefs) (35)

 

 

Zusammenfassend formuliert Maslow: „‚Transzendieren’ bezieht sich auf die allerhöchsten und umfassendsten oder ganzheitlichsten Ebenen menschlichen Bewusstseins, die sich - eher als Ziel denn als Mittel - auf die eigene Person richten und beziehen, auf wichtige andere Menschen, auf menschliche Wesen im allgemeinen, auf andere Gattungen, die Natur und den Kosmos“ (Maslow, 1969a, 66). So bedeutet Transzendieren für Maslow in einem zentralen Sinn ein Überwinden von Egozentrizität, Egoismus und Selbstbezogenheit und ein Öffnen über sich selbst hinaus.

 

Es ist in diesem Text von Maslow offensichtlich, dass das Wort transcendence ausschließlich im Sinne von „Transzendieren“ verwendet wird, als eine (höhere) Funktion des menschlichen Bewusstseins. Die unterschiedlichen „Ziele“ der verschiedenen Transzendierungsprozesse sind bedeutsame andere Personen, weiterhin die menschlichen Wesen im Allgemeinen, andere Lebewesen, die Natur, und schließlich „der Kosmos“ – ein vager Begriff, der vielleicht auch den im Englischen als heaven von sky begrifflich unterschiedenen Bereich einschließen soll, ein recht schwacher Nachklang des philosophischen (ontologischen, metaphysischen) Begriffs „Transzendenz“ als einer letzten Wirklichkeit.

 

Verwenden wir die vielfach gebrauchte raumsymbolische Unterscheidung von „horizontal“ und „vertikal“, um zwischen Transzendierungsprozessen hin zu anderen Menschen und der Natur (= horizontal) und zu einer spirituellen / göttlichen Wirklichkeit (= vertikal) zu unterscheiden, dann könnte man sagen, dass Maslow es geradezu vermieden hat, irgendeine Beschreibung des letzteren Prozesses zu geben.

 

Dennoch scheint er realisiert zu haben, dass es einen Unterschied gibt zwischen Menschen, die einen Bezug zu einem spirituellen Bereich haben, im Sinne eines expliziten Transzendenzbezugs, und solchen, die nicht an diesem Bereich interessiert sind und auch keine Erfahrungen hatten, die damit in Beziehung stehen.

 

In einem Aufsatz, der kurz danach erschien („Theorie Z“, Maslow 1969b) gab er eine Beschreibung von zwei Arten selbstaktualisierter Menschen, mit unterschiedlichen Weltsichten und entsprechend verschiedenen „Präferenzen“ hinsichtlich des Transzendierungsprozesses. Eine Gruppe berichtet hauptsächlich Erfahrungen, die auf dem Prozess des „horizontalen Transzendierens“ beruhen (hin zu anderen Menschen und zur Natur), die zweite ist zusätzlich am „Transzendieren zur Transzendenz“ interessiert, um die Formulierung zu verwenden, mit der ich mich im Titel auf den zentralen Aspekt dieses Textes beziehe.

 

Verständlicherweise hatte Maslow einige Schwierigkeiten, angemessene Begriffe für die Beschreibung dieser Unterschiede zu finden, schließlich hatte er ja den Begriff transcendence als einen psychologischen Begriff im Kontext einer erweiterten naturalistischen Weltsicht verwendet.

 

Nur einmal in dem ersten Text (Nr. 23) verwendet Maslow die Begriffe „göttlich“ und „Gott“, aber eher in einer anthropologischen / psychologischen Art und Weise. In seinen Worten: „Transzendieren bedeutet auch, göttlich oder gottähnlich zu werden, über das nur Mensch­liche hinauszugehen“. Doch warnt er den Leser sogleich, „nicht etwas Außer-Menschliches oder Übernatürliches aus einer solchen Aussage zu machen“ (Maslow, 1969a, 61). Mir scheint, dass Maslow eine ontologische Konzeption einer spirituellen/göttlichen/metaphysischen Wirklichkeit nicht akzeptieren wollte oder konnte.

 

Und doch hatte er offensichtlich keine Alternative, als diesen Begriff auch im Sinne von „transzendent/Transzendenz“ zu verwenden, wenn er mit Menschen konfrontiert war, die in einem expliziten Bezug zur ontologischen Transzendenz standen. Er beschrieb diese Gruppe als „solche, für die transzendentes Erleben wichtig und sogar zentral ist“. Die andere Gruppe beschrieb Maslow als „solche, die eindeutig gesund sind, aber mit geringen oder keinen Erfahrungen im Bereich des Transzendenten“ (Maslow, 1969b, 31). Auf die letzteren bezieht er sich auch als „nur-gesunde“ selbstaktualisierende Menschen (32).

 

Maslows Verwendung des Begriffs transcendence wirkt hier auf den ersten Blick überraschend, denn in dem Aufsatz über Various Meanings of Transcendence hatte er diesen Begriff ausschließlich im Sinne von „Transzendieren“  verwendet und zwar als Transzendierungsprozess in eine horizontale Richtung.

 


Transzendieren versus Transzendenz

Diese irreführende Doppeldeutigkeit stellt – so meine These – ein starkes Argument für eine klare Unterscheidung zwischen diesen beiden Bedeutungen des Begriffs transcendence auch im englischen Sprachgebrauch dar, denn es ist schwierig, einen angemessenen Begriff zu finden, frei von spezifischen religiösen oder metaphysischen Konnotationen, der dieses Wort in seiner ontologischen/metaphysischen Bedeutung ersetzen könnte.

 

Die deutsche Sprache bietet die Möglichkeit der Unterscheidung zwischen den beiden erwähnten Bedeutungen als „Transzendieren“ und „Transzendenz“.

 

Der aus Österreich stammende Psychologe und Philosoph Eugene Gendlin war mit einem ähnlichen Problem konfrontiert, als er nach einer englischen Übersetzung des deutschen Wortes „Erlebnis“ suchte, das von dem Philosophen Wilhelm Dilthey verwendet wurde. Das englische experience entsprach eher dem deutschen „Erfahrung“ und entsprach für Gendlin nicht seinem Bedürfnis, den Prozesscharakter des gemeinten Phänomens zu bezeichnen. So prägte er die im Englischen unübliche substantivierte Form experiencing – heute ist das ein terminus technicus sogar in den deutschsprachigen Ländern!

 

Ähnlich (so mein Vorschlag in der englischen Version dieses Textes) könnte man im Englischen transcending für den Prozess des Transzendierens verwenden, der eine Überschreitung der Ego-Grenzen meint, in allen Aspekten, horizontal und vertikal, während transcendence dann primär als ein Begriff für eine „höhere Wirklichkeit“ reserviert bliebe, in verschiedenen ontologischen Formen und Bezügen zur Immanenz.

 

Eine Alternative (im Deutschen wie im Englischen) könnte darin bestehen, dass man die Begriffe „Selbst“ und „Transzendenz“ verbindet, um damit einen ohne Zweifel anthropologischen (psychologischen/soziologischen) Begriff zu bilden, also „Selbst-Transzendenz“, wie wir es z.B. bei dem schon erwähnten Soziologen Hans Joas (1997) finden und ebenso bei der Psychologin und Sinnforscherin Tatjana Schnell (2008).

 

Dann würde auch die enge Verbindung von „Transzendieren“ und „Werten/Sinn“ für alle Arten von Transzendierungsprozessen nicht länger mit dem Bereich der Transzendenz oder Religion interferieren, auch wenn diese für viele Menschen in der Tat eine wichtige Quelle für Sinn und Werte bereitstellen, aber offensichtlich nicht für alle. Menschen mit einer säkularen, humanistischen Weltsicht („ethischer Humanismus“) gewinnen ihre Werte ebenfalls durch Transzendierungsprozesse,[7] begrenzen diese jedoch auf den horizontalen Modus und verneinen die Wirklichkeit von Transzendenz als einer ontologischen Wirklichkeit oder beachten sie nicht. Somit verbindet der Transzendierungsprozess humanistisch und spirituell ausgerichtete Menschen, als Mittel der Konstitution von Werten und Sinn, während die Bezogenheit auf Transzendenz spirituelle oder religiöse Menschen von den ethischen Humanisten unterscheidet.

 


Horizontales und vertikales Transzendieren

„Horizontales Transzendieren“ kann so als wesentlicher Aspekt einer humanistischen (säkularen) Weltsicht beschrieben werden, wodurch Sinn und Werte entstehen. Der Prozess des „Transzendierens zur Transzendenz“ in Erfahrungen und Konzepten fügt dem eine zusätzliche Quelle von Sinn und Werten hinzu, unter Einschluss der humanistischen Werte, und bildet so Sinnformen, die über den Bereich der humanistischen Perspektive hinausgehen. Weitergehende Fragen können hier Platz finden, wie etwa: Woher komme ich und wohin gehe ich? Gibt es (ontologisch) eine spirituelle/göttliche Dimension und (anthropologisch) etwas Spirituelles/Unsterbliches in uns menschlichen Wesen?

 

Um mit diesen Positionen als unterschiedlichen Weltsichten umzugehen, ohne wertende oder reduktionistische Beschreibungen, benötigen wir ein strukturelles Modell der möglichen Weltsichten, denn die Akzeptanz verschiedener ontologischer und metaphysischer Perspektiven ist dafür erforderlich. Das sollte geschehen, ohne dass metaphysische (spirituelle, religiöse) Konzepte auf den Bezugsrahmen einer naturalistischen Weltsicht reduziert werden, die „Standard-Weltanschauung“ vieler zeitgenössischer Wissenschaftler, die oft unreflektiert und unhinterfragt bleibt. Wenn das der Fall ist, bleibt sie „implizit“ im psychologischen und philosophischen Sinn und konstituiert die Welt des Individuums auf eine „transparente“ (für das Individuum selbst „unsichtbare“) Art und Weise. Die Person selbst mag dann glauben, dass die Welt „so ist“, statt sich dessen bewusst zu sein, dass es sich um die persönliche Weltsicht handelt, und dass es durchaus andere ontologische und metaphysische Optionen gibt.

 


Transzendieren zur Transzendenz

Der Prozess des Transzendierens zur Transzendenz macht nur dann Sinn, wenn ein gewisses Maß an „ontological commitment“ (ontologischer Verpflichtung, ein Begriff des amerikanischen Philosophen Willard van Orman Quine) in Bezug auf Transzendenz zugestanden wird. „Transzendenz“ hat dann einen ontologischen Status, der sich deutlich von „Immanenz“ unterscheidet, der „materiellen Welt“ usw., und eine Weltsicht, in der „Transzendenz“ einen Platz hat, sollte als eine mögliche und vernünftige Art und Weise akzeptiert werden, das Universum zu betrachten und Sinn zu konstituieren.

 

Diese „Verpflichtung“ bezieht indes keineswegs irgendeine spezifische Form des Bezugs zwischen Transzendenz und Immanenz ein – die historischen (philosophischen) Modelle dafür gehen von absoluter Getrenntheit bis hin zu einer tiefen Verbundenheit der beiden ontologischen Bereiche, mit unterschiedlichen Weisen oder Zuständen/Stufen des Seins.

 

Heute haben viele Menschen einen persönlichen Bezug zur Transzendenz oder suchen danach. Doch sind sie häufig mit großen Schwierigkeiten konfrontiert, Beschreibungen, Symbolisierungen zu finden, also ontologische Modelle zu entwickeln, um ihre Überzeugungen, ihre Weltsicht, ihre Lebensphilosophie, auf angemessene Weise zu artikulieren.

 

Ich hoffe, dass dieser Text einen Beitrag zur begrifflichen Klärung von „Transzendenz“/„Transzendieren“ leisten kann. Soziologen und Psychologen, die diese Begriffe verwenden,  könnten beträchtlichen Nutzen aus einem „strukturellen Input“ aus dem Bereich der Philosophie ziehen.

 

 

Literatur:

Joas, Hans (1997): Die Entstehung der Werte, Frankfurt/M.: Suhrkamp

Knoblauch, Hubert (2009): Populäre Religion. Auf dem Weg in eine spirituelle Gesellschaft. Frankfurt/New York: Campus

Luckmann, Thomas (1991): Die unsichtbare Religion, Frankfurt/M.: Suhrkamp) (Engl. Original 1967)

Luckmann, Thomas (1990): Shrinking Transcendence, Expanding Religion? Sociological Analysis 50:2, 127-138

Maslow, Abraham H. (1969b): Theory Z, Journal of Transpersonal Psychology 1,2, 31-47

dt. Übers. von Eckart Ruschmann (Theorie Z) in: Zs. f. Transpers. Psychologie, Jg. 1 (1982/83), 89-113

Maslow, Abraham H. (1969a): Various meanings of transcendence, Journal of Transpersonal Psychology 1, 1: 56-66

dt. Übers. von Eckart Ruschmann (Verschiedene Bedeutungen von Transzendieren) in: Zs. f. Transpers. Psychologie, Jg. 1 (1982/83), 115-129

Ruschmann, Eckart (1999): Philosophische Beratung, Stuttgart: Kohlhammer

Ruschmann, Eckart (2004): Philosophie und Beratung. In: Das Handbuch der Beratung, hrsg. von F. Nestmann, F. Engel, U. Sickendiek. Tübingen: dgvt-Verlag 2004, Bd. 1 (Disziplinen und Zugänge), 141-153

Ruschmann, Eckart (2012): Weltanschauungen und Gottesbilder. Reflexionen für (und von) Laienphilosophen. Bielefeld: tao.de

Schnädelbach, Herbert (1991): Philosophie. In: Martens, E. / Schnädelbach, H. (Hg.) Philosophie. Ein Grundkurs. 1, 37-76

Schnell, Tatjana (2009): Implizite Religiosität, Lengerich: Pabst (2..verb. Aufl.)

Schnell, Tatjana (2009): The Sources of Meaning and Meaning in Life Questionnaire (SoMe); Relations to demographics and well-being, Journal of Positive Psychology, 4 (6), 483-499

Weigert A. J (1974): Whose Invisible Religion? Luckmann Revisited, Sociological Analyses, 35,3, 181-188

Wong P.T.P / Fry P.S (Eds.) (1998): The Human Quest for Meaning. A Handbook of Psychological Research and Clinical Applications. London: L. Erlbaum Assoc.

 

 

Über den Autor:

Univ.-Doz. Dr. Eckart Ruschmann hat Psychologie studiert (Dipl.-Psych.), Indologie (Dr. phil.) und Philosophie (Habilitation 2002 an der Universität Klagenfurt, mit einer Arbeit über „Philosophische Beratung"). Er ist seit vielen Jahren als Philosophischer Berater, Psychotherapeut und Ausbilder für Beratung sowie als Dozent für Philosophie und Psychologie an Universitäten und verschiedenen Bildungsinstitutionen tätig. Seine Seminare zur „eigenen Weltsicht" sind eine wichtige Quelle für die 2012 erschienene Darstellung der von ihm entwickelten Form der Weltbildanalyse („Weltanschauungen und Gottesbilder").

Email: ruschmann[at]aon.at

 




[1] Erweiterte deutsche Fassung eines Artikels, der zuerst in englischer Sprache erschienen ist (“Transcending towards Transcendence”) in: Implicit Religion, 14 (4), 421-432 © Equinox Publishing Ltd 2011. Deutsche Übertragung mit freundlicher Genehmigung von Equinox Publ. Ltd.

[2] Eine detaillierte Beschreibung dieses Ansatzes findet sich in Ruschmann (1999) und Ruschmann (2004)

[3] Eine auf diesem Ansatz beruhende Darstellung der beiden ersten Disziplinen, Ontologie und Metaphysik, gibt Ruschmann (2012). Darin finden sich auch viele Beispiele von „Laienphilosophen“ zu diesen Aspekten ihrer persönlichen Lebensphilosophie.

[4] In: Ludwig Feuerbach: Grundsätze der Philosophie der Zukunft (1843)

[5] Im englischen Original-Text steht „mind“ für gr. psychē bzw. lt. mens. Im Deutschen gibt es kein entsprechendes Wort – „Geist“ würde eigentlich dem griechischen nūs oder pneuma entsprechen bzw. dem lateinischen spiritus, doch ist die im Englischen noch repräsentierte Unterscheidung von mind und spirit in den deutschen Begriffen „Seele“ und „Geist“ nicht mehr gegeben. Ich verwende deshalb für „mind“ in der Regel den noch eher ungebräuchlichen Begriff „das Mental“, das adjektivisch (etwa in „mentale Prozesse“) vertrauter ist.

[6] Dieser Zugang bildet die Grundlage der psychologischen Sinnforschung, ein Feld, das zunehmend Interesse findet, vgl. dazu das Handbuch „The Human Quest for Meaning“ (Wong/Fry 1998). Tatjana Schnells Konzeption von „Impliziter Religiosität“ (Schnell 2008) geht ebenfalls von Transzendierungsprozessen als Grundlage der Sinnstiftung aus und unterscheidet klar zwischen „Sinn“ als Ergebnis von Prozessen horizontaler (humanistisch, säkular) und vertikaler (spirituell, religiös) Formen des Transzendierens.

[7] Vgl. die bereits zitierte inzwischen recht einflussreich gewordene Definition von Werten bzw. der Wertekonstitution durch den Soziologen Hans Joas: „Werte entstehen in Erfahrungen der Selbstbildung und Selbsttranszendenz“ (Joas, 1997, 10).