Zeitschrift für Spiritualität und Transzendentale Psychologie 2013, 3 (2)



Editorial

 

 

 

 

In der Sektion Wissenschaft und Essay erwarten Sie diesmal die folgenden Beiträge: Der kultur- und religionsgeschichtliche Artikel über „Das Lachen“ des Psychologen, Theologen und Historikers Bernhard Wegener stellt in enzyklopädischer Form eine Form des Emotionsausdrucks vor, der tatsächlich etwas Subversives anhaftet: Das Lachen war manchen Herrschern und Verteidigern des rechten Glaubens suspekt, weil sich in ihm die Möglichkeit zur Distanzierung ergibt, der Verfremdung von Normen und der Insubordination gegenüber dem als sittlich korrekt Erachteten. Eckart Ruschmann, Philosoph und Psychologe, beschäftigt sich in „Transzendieren zur Transzendenz“ mit den Fallstricken einer Verwechslung zwischen Transzendenz und dem auf die Transzendenz Verweisenden in Psychologie und verwandten Wissenschaften. Er liefert mit seiner Unterscheidung zwischen dem metaphysischen Bereich der Transzendenz und dem erkenntnistheoretisch zugänglichen Bereich des Transzendierens zudem eine wichtige Begründung für die im Titel dieser Zeitschrift programmatisch erscheinende Bezeichnung der „transzendentalen (man könnte sagen: transzendierenden) Psychologie.

 

Der Sozialpsychiater Wolfgang Hasselbeck stellt die Fallgeschichte eines jungen Mannes dar, der ihm als möglicherweise psychotisch zur psychiatrischen Begutachtung vorgestellt wurde und dem er stattdessen eine glaubhafte Mystik attestiert. Daher stellt sich ihm die grundlegende Frage: „Darf ein Mystiker gesetzlich betreut werden?“. Der Autor schildert den Fall präzise anhand ausführlicher Aktenauszüge. Gerade durch die Ausführlichkeit der Kasuistik wird deutlich, dass hier die landläufige Einschätzung als typischer Fall einer psychotisch oder depressiv verursachten „Lebensunfähigkeit“ zwar naheliegend ist, jedoch zugleich ein profundes und echtes religiöses Berufenheitserleben vorliegt, so dass die oben gestellte Frage von einer breiten Community psychiatrischer und psychologischer Praktiker als „eine Diskussionsanregung“ aufgenommen werden sollte.

 

Der Herausgeber reflektiert im ersten von zwei Beiträgen unter der Rubrik Meditationes den Unterschied zwischen einer spirituell orientierten und einer materialistischen Psychotherapie („Die Begrenzung herkömmlicher Psychotherapie am grenzenlosen Horizont der Transzendenz“). In seinem zweiten Beitrag („Alltags-Tantra“) geht es um die Alltagskompatibilität buddhistisch-tantrischer Methoden. Kshitija D. Kulkarni, eine junge Frau aus Indien, schildert in der dem subjektiven spirituellen Erleben gewidmeten Rubrik Hagia Empeiria ihren eigenen Weg zur und mit der Meditation. In lebendiger Sprache stellt sie dar, was Meditation für sie bedeutet und welchen Nutzen sie darin bislang für sich erfahren hat. Der aufklärende Artikel (in der Rubrik Spirituality Check) des indischstämmigen Gelehrten Vanamali Gunturu über „hinduistisches Tantra“ greift sozusagen das tantrische Thema des vorgenannten Artikels des Herausgebers wieder auf. Gunturu versteht es, hier die historische, soziologische und religionssystematische Dimension des indischen Tantrasystems überblicksartig und gut nachvollziehbar darzustellen. In der Reihe Der Praxistest geht es diesmal um einen äußerst überraschenden Einblick in die Möglichkeit,  durch die von Milton Erickson bekannt gemacht Technik des „Utilisierens“ alltäglicher Phänomene für hypnotische Effekte Geld zu verdienen.

 

In der letzten Rubrik (Kommentar & Rezension) findet sich zunächst ein Kongressbericht, in dem der Herausgeber über eine Tagung des Mind & Life Institute Europe berichtet, das unter der Schirmherrschaft des Dalai Lama die Idee verfolgt, Naturwissenschaft und Buddhismus in einen Dialog zu bringen. Die Buchrezensionen dieser Ausgabe beschäftigen sich mit einem Jugendbuch, in dem die bekannte Galionsfigur eines zeitgenössischen Atheismus, Richard Dawkins, die Überlegenheit eines naturwissenschaftlich-materialistischen über alle anderen Weltdeutungssystem zu beweisen sucht; mit dem neu erschienenen und ersten wirklichen Handbuch, das explizit der Transpersonalen Psychologie gewidmet ist; mit dem Versuch des Psychotherapeuten Josef Rabenbauer, die Selbsterforschung wieder zum Thema einer spirituell motivierten Suche nach dem eigenen Sein zu machen; und mit dem neuesten Buch des Hypnotherapeuten und Bewusstseinsforschers Georg Milzner, das sich das Ziel gesetzt hat, Neurowissenschaft und Spiritualität miteinander zu versöhnen.

 

 

 

Viel Freude bei der Lektüre wünscht Ihnen        

 

 

 

Edgar W. Harnack                        

 

Herausgeber