Zeitschrift für Spiritualität und Transzendentale Psychologie 2013, 3 (1)



Brauchen wir eine neue Spiritualität der
germanischen Göttinnen und Götter?

Rezension zu
Ralph Metzner: Der Brunnen der Erinnerung[1]

Edgar W. Harnack

 

 

 

Ralph Metzner ist ein profilierter transpersonaler Psychologe. Obwohl er fast ein Leben lang in den USA lebt und wirkt, ist er in Deutschland aufgewachsen – und diese Wurzeln werden ihm ohne eigenes Suchen wieder bewusst, als Odin, der alte Gott der Germanen, ihn in verschiedenen persönlichen Erlebnissen aufsucht. Sein Buch „The Well of Remembrance. Discovering the Earth Wisdom Myths of Northern Europe“ (1994) handelt von diesem Gott, von der großen Göttin in ihren wechselnden Gestalten und den übrigen Gottheiten der germanischen Vorfahren. Es ist jetzt in zweiter, erweiterter Auflage in deutscher Sprache erschienen. Metzner unternimmt eine Rehabilitation der nordischen Mythologien, die während Jahrhunderten der Unterdrückung durch christliche Doktrinen, durch die bildungsbürgerliche Dominanz der griechisch-römischen Mythenwelt, durch die Vereinnahmung im Nationalsozialismus desavouiert und jeder Seriosität beraubt wurden. Metzner räumt auf mit dem Vorurteil, die martialische und rassistische Dumpfheit des Nationalsozialismus spiegele die Mentalität der germanischen Götterwelt wieder. dOCH warum wendet sich ein transpersonaler Psychologe wie Metzner gerade diesen Gottheiten zu? Liegt denn in den verschütteten, nur in Bruchstücken überlieferten Mythen von damals noch eine Bedeutung für uns Heutigen, lassen sich die Göttinnen und Götter der Asen und Wanen in der menschlichen Seele wieder zum Leben erwecken, so dass sie lebendige spirituelle Kräfte entfalten können, obwohl das Wissen um sie längst nicht mehr von Mutter zu Tochter weitergegeben wird?

 

Den ersten Teil dieses informativen Buches bildet eine pointierte geschichtliche Darstellung der beiden dramatischen Umwälzungen, die der alte autochthone Glaube an die Mutter-Erde und die naturverbundenen Göttinnen durchmachen musste: Als die alten matrizentrischen (d. h. Frauen einen besonders würdigen Platz einräumenden) Gesellschaften Europas durch die indogermanischen Invasoren im vierten bis zweiten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung unterworfen wurden, musste mit der matrizentrischen Gesellschaftsordnung auch die Muttergöttin (und entsprechend gestaltete gynomorphe Götterbilder) dem von Vatergöttern dominierten, weibliche Gottheiten aber weiterhin respektierenden (anthropomorphen) Gottesbild der neuen Herrscher weichen. Metzner schließt sich einer altbekannten – etwas aus der Mode gekommenen – historischen Theoriebildung an, wenn er den Kampf der Asengötter gegen die Wanengottheiten, wie er in den Eddas beschrieben wird, als Widerspiegelung dieses kulturellen Prozesses der Vereinnahmung des alten eingeborenen Glaubens durch die indogermanischen Invasoren deutet. Wie in vielen Regionen, in denen Indogermanen die alten Kulturen verdrängten (Etrusker, Griechenland, Nordindien) wurden naturverbundene, an Lebenslust, Schönheit und Harmonie orientierte Werte eher femininer Kulturen durch die harten Werte des Maskulinen ersetzt. Die indogermanischen Götter wurden (jedenfalls in Europa) in einer zweiten Umformung vom Christentum abgelöst mit seiner noch stärkeren Dominanz des Männlichen und seiner starren Trennung zwischen der abstrakten himmlischen Welt des Heils und der sündhaften Erdenwelt. Der männlich dominierte Polytheismus der Indogermanen wich dem rein maskulinen Monotheismus der Christen (mit einem andromorphen Gottesbild), einem Gott, der fernab seiner naturhaften Schöpfung thront. Den Preis für diese Entwicklung zahlte nicht nur die Bedeutung der Frau mit ihrer Verbindung zu den mütterlichen und sinnlichen Werten, sondern auch die Natur selbst – innerhalb wie außerhalb des Menschen –, die fortan nicht mehr Teil einer heiligen Ordnung war, aus der einst Kraft bezogen worden war, sondern die beherrscht und geknechtet werden musste.

 

An der Bedeutsamkeit einer Wiederentdeckung unserer vorchristlichen Wurzeln besteht für Metzner kein Zweifel: Haben nicht gerade wir Nordeuropäer mit der Ersetzung der germanischen und keltischen Mythologien durch die christliche einen Teil unserer positiven Verbindung zur Mutter, der Erde, verloren, haben die Verdrängung des Mütterlichen, des Naturhaften bis zur Auslöschung unserer eigenen Lebensgrundlage getrieben? Und betreiben wir nicht die Selbstzerstörung unserer natürlichen Lebensgrundlage auch aus dieser Entwurzelung und dem daraus resultierenden schlechten Gewissen gegenüber der Mutter, der Erde? Metzner ist durchaus an der Verbindung der ökologischen Frage mit einer verantwortungsbewussten Spiritualität interessiert. Mahnend schreibt er: „Auf der ganzen Welt erlebt der Mensch jetzt, wie er von den lebendigen, geistigen Wesen der Naturwelt abgetrennt ist und ein Leben in gottloser und empfindungsloser Entfremdung fristet“ (S. 68). Und an anderer Stelle: „In den nordisch-germanischen Mythen und anderen indoeuropäischen Überlieferungen existiert die Vorstellung, dass die Götter und insbesondere die männlichen Himmels- und Kriegsgötter die Aufgabe haben, die zerstörerischen Ungeheuer und Dämonen zu fesseln oder ihre Kräfte auf andere Weise zu neutralisieren. Solange sie das tun, bleibt die Welt für Menschen und andere Wesen bewohnbar. Üben sie diese Funktion jedoch nicht mehr aus, dann kommen die Ungeheuer frei oder brechen von außen in die Welt ein“ (S. 262).

 

Es scheint, dass wir die männlichen Wächter der Erde bewusst aus unserem Bewusstsein gedrängt haben, um der männlichen Gewalt und Machtbesessenheit mithilfe der Rechtfertigung des Vatergottes zu huldigen. Metzners Buch ist auch ein Lob auf die Güte und Warmherzigkeit der großen Göttin, aber es versucht nicht die Göttin gegen den Gott auszuspielen. Metzners eigene Odin-Begeisterung fordern ein ausgeglichenes Verhältnis der Polaritäten, die Erde und Himmel, Sonne und Mond, Tag und Nacht, Mutter und Vater bilden.

 

Im zweiten Teil beschreibt Metzner die germanischen Göttinnen und Götter und ihre Mythen anschaulich und den historischen Quellen (vor allem Snorri Sturlusons Prosa-Edda) folgend: von den Himmelsgöttern der Asen und den Erdgottheiten der Wanen erfahren wir, vom Aufbau der Welten entlang des Weltenbaumes, von den Machenschaften des listigen Loki, den Kämpfen und der schließlichen Versöhnung der Asengötter mit den Wanen. Aber Metzner ist kein Mythologe, sondern transpersonaler Psychologe. Sein besonderes Interesse gilt den psychologischen Haltungen dieser Gottheiten, vor allem dem spirituellen Wissensdurst Odins, der sich als erster der Schamanen selbst am Weltenbaum opfert, der ein Auge am Brunnen des Wissens hergibt, der den Riesen den Met des Wissens raubt. So stellt sich ihm jene eben gestellte zweite Frage, welche Bedeutung die alten Mythen für unser heutiges Leben besitzen gar nicht mehr explizit. Dass es sich hier um Wesenheiten, Archetypen oder Mächte handelt, die tatsächlich bis heute in unserem Bewusstsein Wirklichkeit entfalten können, die unabhängig von jeder persönlichen Tradierung wieder aufzutauchen und zu uns zu sprechen vermögen, das scheint Metzners eigene Erfahrung zu beweisen. Wie sich Odin bei Metzner immer wieder „zufällig“ aufdrängt, so scheinen auch andere Zeitgenossen von den alten Gottheiten besucht zu werden. Metzner lässt nicht nur seine eigene Erfahrung mit Odin einfließen, sondern durchbricht die mythologische Darstellung durch die Texte dreier Be-Geisterter: Norbert Mayer, Psychotherapeut und Dozent der Initiatischen Therapie Graf Dürckheims und Bärbel Kreidt, Ärztin und feministische Psychotherapeutin, erfuhren in visionären Reisen von der Existenz der Göttin der Vorfahren. Und Christian Rätsch, Altamerikanist und Ethnopharmakologe, berichtet fachkundig von den psychoaktiven Getränken, die den germanischen Met und das Bier der Alten zu mehr als nur einem alkoholischen Genussmittel machten.

 

Norbert Mayer erfährt in Trance seine innere Verbindung zum Berserker, dem germanischen Krieger, der in heiliger Raserei übermenschliche Kräfte zur Überwindung seiner Feinde entwickelte – doch nicht von Odin, sondern von Freya, der Wanengöttin, wird dieser neue Berserker überraschenderweise geleitet. Deshalb nur gewissermaßen polar dazu wird Bärbel Kreidt in einem Vision Quest in der kalifornischen Wüste erstmals vom Besuch der großen Göttin überrascht, die sich ihr in Gestalt der vier Göttinnen der Himmelsrichtungen offenbart, jede in anderer Form, von archetypischen Ausmaßen und Attributen begleitet, mit durchdringenden, transformativen Botschaften an die Empfängerin der Visionen. Auch später, im Fieber, in der Melancholie kommt sie mit der Göttin und ihren Kräften immer wieder in Berührung, nimmt deren Wirkung unvermittelt und verwandelnd wahr, wird von ihr in einen Prozess der inneren Ganzwerdung, der Integration von Schatten und Licht, von Destruktion und Lebenslust geführt.

 

Wenn Kreidt schreibt „Und mir wird klar, dass wir nur überleben können, wenn wir Lust dazu haben. Es muss Freude machen zu leben“, dann wirkt dieser bescheidene, aus der Überwindung der eigenen Lebensunlust geborene Satz im Gesamtkontext des Buches wie der Schlüssel zur Lösung der prekären Menschheitsprobleme: Wir vernichten die Lebensgrundlagen auf diesem Planeten, die nährende Erde, weil wir tief in uns, durch Jahrhunderte von Machtinteressen vergifteter Moral und Verachtung gegenüber dem Natürlichen geprägt, den Schatten der Autodestruktion, der Schuld, der Lebensunlust spüren. Nicht allein die Entfremdung von den Gottheiten der Natur, sondern der Hass gegenüber dem Natürlichen in uns selbst lässt uns den kollektiven Selbstmord vorantreiben, der nur durch die Wiedererweckung der Lust am Leben überwunden werden kann. Diese Lust ist die weibliche Seite der Spiritualität, ist die Lust der kämpferisch-selbstbewussten Liebesgöttin Freya mit ihrem instinktiven Gefühl für die Schönheit der Welt, der Menschen, Tiere und Pflanzen, dem unverfälschten Genuss, der keine Ausbeutung beinhaltet.


Auf die beiden eingangs gestellten Fragen – welche Berechtigung besitzt eine Rückbesinnung auf die autochthonen Gottheiten Nordeuropas und welchen transformative Kraft im Sinne einer spirituellen Psychologie lässt sich aus ihnen gewinnen – antwortet das Buch, dass die alten spirituellen Kräfte in Form archetypischer Verknüpfungen immer noch für uns erreichbar sind. In jeder Frau, so spricht die Göttin zu Kreidt, ist sie, die Göttin, noch immer vorhanden, sie will nur wiederentdeckt werden. Es ist möglich, die alte Verbundenheit des spirituellen Wesensgrundes im Menschen mit der Natur und den naturhaften Seelenkräften wiederzuerwecken, wenn wir uns darauf einlassen. Und zum zweiten ist es notwendig, überfällig, dass die patriarchalen Strukturen des christlichen Vatergottes durch die matrizentrischen Strukturen der mütterlich-nährenden Erdgöttin und der unbezähmbaren Liebesgöttin ergänzt und mit ihren gleichberechtigten männlichen Partnern verbunden wiederbelebt werden. Die Spiritualität der großen Göttin ist nicht männerfeindlich – obwohl mancher politische Feminismus und manche Wicca-Hexe es sein mag –, sondern menschenfreundlich, wird nicht von typisch männlichen, moralisch gestützten Machtstrukturen, von technokratischer Kälte und Aggression als Mittel zur Herrschaftssicherung gestützt, sondern von der Liebe zum Leben, der Nähe zum Emotionalen in all seinen Formen. Für Metzner ist die Wiederentdeckung des germanischen Polytheismus die Wiederentdeckung einer wahrhaft ökologischen Spiritualität, die den Menschen mit all seinen Facetten als Teil der göttlichen, heiligen Natur ansieht und rückbindet an seine irdischen Wurzeln, ohne ihn im Materialismus, der Ausgeburt seiner Entfremdung, an die entheiligte Natur zu fesseln. Und diese Spiritualität ist nicht künstlich, nicht gewollt, es ist die Möglichkeit der Anknüpfung an ein spirituelles Potential, das in uns schlummert und wieder erweckt werden will und vielleicht sogar wieder belebt werden muss, wenn der Ragnarök, die große Vernichtung der Erde, die Metzner in seinem letzten Kapitel schildert, nicht das letzte Wort haben soll.

 




[1] Ralph Metzner (2012, 2. erw. Aufl.): Der Brunnen der Erinnerung. Die mythologischen und schamanischen Wurzeln unserer Kultur. Uhlstädt-Kirchhasel: Arun.