Zeitschrift für Spiritualität und Transzendentale Psychologie 2013, 3 (1)



Begegnungen mit immateriellen Wesen

Eine Literaturstudie als Beispiel psychologisch-kritischer Hermeneutik spiritueller Erfahrungen

Edgar W. Harnack

 

 

 

 

Ausgangsfrage

Ist es möglich, dass es nicht-biologisches Leben gibt, Leben außerhalb der Dimension unserer heutigen naturwissenschaftlichen Weltordnung? Die Existenz solchen intelligenten Lebens wird von Vertretern eines materialistischen Weltbildes oft affirmativ (d. h. im Sinne einer Behauptung) geleugnet. Diese Leugnung aber ist gänzlich irrationaler Natur. Vernünftig wäre allenfalls eine agnostische Bescheidenheit: Wovon man nichts weiß, davon kann man nicht sprechen. Die Nichtexistenz eines Phänomens lässt sich wissenschaftslogisch niemals aufgrund empirischen Wissens behaupten, sondern immer nur aufgrund theoretischer Überlegungen, aufgrund derer die Existenz dieses Phänomens schlichtweg unmöglich wäre. Eine solche kategorische Ausschlussbehauptung aber ist im Falle von nicht an Materie gebundenen Lebens nicht möglich. Wo sie getroffen wird, beruht sie auf religiösem Glauben an die alleinige Existenz des Materiellen (an einen materiellen Monismus).[1]

 

Bereits im Jahre 1861 widersprach Alan Kardec, der Begründer des romanischen Zweigs des Spiritismus, der Behauptung, die Existenz von Wesen ohne materiellen Körper sei mit den Naturgesetzen unvereinbar: „Kennt man denn diese Gesetze so gut, dass es möglich ist, die Grenzen von Gottes Allmacht zu umreißen?“ schreibt er und in Bezug auf die Kritiker an der Authentizität mediumistischer Erfahrung: „Wir beweisen sie ihnen auch, durch Wirklichkeiten und Vernunftgründe, wenn sie aber weder das eine noch das andere annehmen wollen, wenn sie sogar das noch leugnen, was sie selbst sehen, so ist es ihre Sache, zu beweisen, dass unser Urteil falsch ist und die spiritistischen Tatsachen unmöglich sind“.[2] Da es grundsätzlich möglich ist, dass nicht-materielle Wesen existieren, dass sie von materiellen Wesen (Menschen und Tieren) in Einzelfällen wahrgenommen werden und dass sie selbst wiederum materielle Wesen und Welten wahrnehmen, und da es zweitens Hinweise auf deren Existenz gibt, so dreht Kardec die Beweislast um und fordert diejenigen auf, ihre Inexistenz zu beweisen oder die Erfahrung dieser Wesen zu erklären, die ohne jede vernünftige Begründung ihre Existenz bestreiten. Uns interessieren deshalb keine Existenzbeweise, uns interessiert, was die Erfahrungen mit derartigen Wesen anscheinend authentischer Menschen uns über deren Natur (die zugrundeliegenden „Naturgesetze“) aussagen.

 

Bei einer Durchsicht der Literatur zu Begegnungen mit immateriellen Wesen finden wir verschiedene psychologische Erfahrungsweisen:

1.       Die Wahrnehmung von Toten: Bei der unmittelbaren Wahrnehmung von Toten handelt es sich um die meist visuelle Wahrnehmung von menschlichen Personen, die vermutlich oder sicher zum betreffenden Zeitpunkt tot sind.

2.      Die unmittelbare Wahrnehmung von nicht-menschlichen Wesen: Wesen, die nicht-menschlich zu sein scheinen und die unmittelbar optisch und/oder akustisch, taktil etc. wahrgenommen werden. Hierbei lassen sich wiederum verschiedene Klassen von Wesen unterscheiden (v. a. Gottheiten, Engel oder Dämonen, Naturgeister)

3.      Die Wahrnehmung der Wirkung immaterieller Wesen: Die Wahrnehmung der unmittelbaren Auswirkung eines im positiven Fall wohlwollenden Wesens (Schutzengelerleben) oder die unmittelbare Belästigung durch ein negativ gesinntes Wesen (Wahrnehmung dämonischen Einflusses; Umsessenheit). Eine andere Subkategorie betrifft das Spukphänomen: Beim Spuk handelt es sich um physikalische Phänomene (Veränderung der Anordnung von Gegenständen, Beeinflussung elektrischer Geräte, evt. Teleportation etc.). Hierbei wird jedoch ebenfalls nicht unmittelbar ein diese Phänomene ausführendes Wesen beobachtet, sondern ein solches (z. B. ein Totengeist) lediglich als Ursache angenommen.

4.      Besessenheit: Die erlebte Wirkung eines anderen Wesens im Inneren einer Person (vollständige Übernahme des Bewusstsein oder partielle Einwirkung auf das psychische Funktionieren einer Person; auch temporäre mediumistische Besessenheitszustände); ist in der Unmittelbarkeit des „Anderen“ eine Zwischenkategorie zwischen sinnlicher Wahrnehmung und der bloßen Wahrnehmung der Wirkung.

5.      Die Wahrnehmung aktuell lebender Menschen in immaterieller Form: Diese besondere Kategorie betrifft Begegnungen während außerkörperlicher Erfahrungen entweder des Erfahrenden oder des Wahrgenommenen (z. B. Visionen, in denen Meditationsschülern deren Meister begegnen). Diese Kategorie wird hier nicht behandelt.

 

Bei all diesen Kategorien treffen wir keine Vorentscheidung darüber, ob die Erfahrung wie eine innere oder wie eine äußere Wahrnehmung gemacht wird, welchen Realitätscharakter die Erfahrung also für die betroffene Person besitzt.

 

 

Methodik

In meinem Artikel zur Transzendentalen Semiotik (Teil II) in dieser Ausgabe habe ich dargestellt, dass zur Generierung von Wissen über Phänomene, die nicht dem vorherrschenden materialistischen Weltbild entsprechen, eine hermeneutische Methode angemessen ist. Die hermeneutische Methode trägt Fragen an einen Text heran, deren Beantwortung in einem nächsten Schritt wiederum ein besseres Verständnis des Textes und anderer, ähnlicher Texte ermöglicht. Ein solches hermeneutisches Vorgehen habe ich angewandt, um einige publizierte Werke durchzusehen, die zwei Kriterien miteinander verbinden: Erstens sollte allen Publikationen ein Thema gemeinsam sein, in diesem Fall das Thema der Erfahrung von immateriellen Wesenheiten. Zweitens handelte es sich bei der getroffenen Auswahl ausschließlich um Werke, in denen Berichte aus erster Hand enthalten waren. Daneben wurden andere Kriterien angelegt: Neuere Publikationen wurden bevorzugt und es wurden nur bei der Deutschen Nationalbibliothek gelistete Printpublikationen in deutscher Sprache einbezogen. Unter den noch verbleibenden zahlreichen Büchern wurde eine willkürliche, exemplarische Auswahl getroffen.[3]

                  

Als Leitfaden wurden die folgenden Fragen angelegt:

I) Personkriterien:

Ist es möglich, etwas über die Person zu sagen, die das Erleben macht, besonders im Hinblick auf ihr psychosoziales Funktionsniveau als Hinweis auf gesellschaftlich akzeptierte kognitive Funktionen? Diese Frage sollte primär die Glaubwürdigkeit der Person zu verstehen helfen.

 

II) Situationskriterien:

Gibt es Hinweise darauf, dass die identische Situation oder ähnliche Situationen in dieser Weise auch von anderen Personen erlebt wurden? Diese Frage dient dem Verstehen einer Erfahrung unabhängig von einer einzelnen Person.

 

III) Textkriterien:

Kann aus dem Kontext, in dem die Aussage erfolgt, auf eine Beeinflussung des Wirklichkeitsgehalts der Aussage geschlossen werden? Gibt es aussagenpsychologische Hinweise auf erfundene Inhalte? Gibt es klinisch-psychologische Hinweise auf formale Denkstörungen? Diese Frage bietet einen Hinweis auf die Glaubwürdigkeit des Berichts selbst.

 

IV) Schlussfolgerungen auf die Konstruktebene:

Lassen die Vergleichswerte der solchermaßen als authentisch identifizierten Einzelberichte Schlüsse auf die Konstruktebene zu, die wiederum hilfreich zur Bewertung der Einzelberichte sind? Lassen sich strukturierende Ordnungsprinzipien (Kategorien) generieren?

 

Um den Leser und den Autor nicht mit einer unendlich kleinteiligen Analyse jedes einzelnen Sachverhalts zu langweilen, wird die Methode an dieser Stelle nicht systematisch vorgeführt, sondern nur spot-light-artig einige ihrer Ergebnisse dargestellt. Zweck dieser Publikation ist also keine methodengerechte exakte Studie, sondern eine exemplarische Besprechung der herangezogenen Literatur unter Einbezug einer hermeneutischen Perspektive.

 

 

1. Unmittelbare Wahrnehmung Verstorbener

Es gibt eine ganze Reihe zeitgenössischer Bücher mit unmittelbaren Schilderungen von Geisterwahrnehmungen. Unter diesen habe ich (in Übereinstimmung mit einem möglichst günstigen Person-Kriterium, Punkt I der obigen Systematik) all jene Personen von vorneherein ausgeschlossen, die ein erhöhtes Interesse an öffentlicher Aufmerksamkeit zu besitzen schienen[4] oder aus anderen Gründen von vorneherein Zweifel an ihrer Authentizität aufkommen ließen. Schließlich habe ich den Schweizer Förster Sam Hess ausgewählt, der sich selbst in seinem Buch Diesseits – Jenseits vorstellt und dessen Werdegang und Erleben in Wanderer in zwei Welten von Pier Hänni[5] als Extrakt von Gesprächen mit Hess geschildert wird.

 

Sam Hess hatte „im Alter von sieben Jahren seine erste Begegnung mit einem Geistwesen. Damals war es sein lieb lächelnder Großvater, den er neben dem Sarg sitzen sah. In den folgenden Jahren erwarteten ihn verschiedene andere Begegnungen, die ihm zu Beginn gehörig Furcht einflössten. Das einfühlsame Verständnis von Mutter, Vater und seinen Onkeln sowie der spirituelle Unterricht durch einen Priester des örtlichen Klosters halfen ihm, mit seiner außergewöhnlichen Veranlagung zu leben“[6]. Die Entwicklung dieser besonderen Gabe – die Versuche, sie zu verdrängen, zu verschweigen, schließlich die innere Notwendigkeit sie zu integrieren, für sie zu leben – wirken als psychologischer Entwicklungsgang überzeugend und decken sich mit Erfahrungen anderer Personen, die außergewöhnliche Erfahrungen machen.[7] Die Ausbildung zum Förster und der berufliche und private Werdegang deuten zumindest an, dass es sich bei Hess um einen bodenständigen Menschen handelt. Das Personkriterium der Authentizität wird durch die plastische Überzeugungskraft der im Bericht von Hänni aufscheinenden Persönlichkeit unterstützt.

 

Die von Hess berichteten Begegnung mit Totengeistern sind aufschlussreich: Sie decken sich häufig mit dem, was jahrhundertelange Tradition über die Gesetzmäßigkeiten zu berichten weiß, denen Verstorbene, die in der „Zwischenwelt“ gefangen sind, unterworfen zu sein scheinen: [8] Sam Hess kann von vielen Erfahrungen berichten, nach denen es gewaltsam Verstorbenen (etwa auf dem Schlachtfeld Gefallenen, Ermordeten und Selbstmördern) schwerer fällt, in die jenseitige Welt weiterzugehen als in Frieden Verstorbenen. Durch eindrucksvolle Beispiele erfahren wir, dass Geistwesen sich an Orte und auch Gegenstände anklammern, die ihnen einst zu Lebzeiten wichtig waren. Deshalb gilt, dass Hinterbliebene, die ihre Verstorbenen noch lange nach deren Ableben bei sich halten wollen, ihnen das endgültige Gehen erschweren. Totengeister sind aber keineswegs grundlegend missgünstig gegenüber den Lebenden: „Geistwesen sind auch nur Menschen, auch wenn sie keinen Körper mehr haben. Entsprechend gibt es unter ihnen all die Verhaltensweisen oder Eigenarten wie unter den Lebenden.“ [9] Und so berichten Hess/Hänni von Geistern, die ihre Boshaftigkeit nicht zu überwinden im Stande sind, und solchen, die auch nach dem Tod hilfreich weiterwirken. Selbst Geistergemeinschaften (man denke nur an die Wilde Jagd oder die Sage von Geisterschiffen) lassen sich nach Sam Hess erleben, in denen die einzelnen Gestalten jedoch unbezogen und solipsistisch isoliert wirken wie die Schatten, deren Odysseus im Hades ansichtig wurde.

 

Das Erleben von Hess weist eine hohe Übereinstimmung beispielsweise mit den Berichten aus manchen indigenen Kulturen auf. Die Ahnen werden als mächtige Helfer der Gemeinschaft verehrt, sofern sie den richtigen Weg in die Anderswelt angetreten haben. Tote, die durch plötzliche Todesfälle, durch Unfälle und mehr noch Gewaltverbrechen, aber auch Selbsttötungen, ums Leben kommen, werden hingegen gefürchtet: das Unfassbare, das sie unvorbereitet und ohne Abschluss mit den irdischen Geschäften aus dem Leben gerissen hat, lässt solche Geistwesen noch besonders intensiv an der Welt der Lebenden anhaften und kann dann Schaden anrichten.

 

Sam Hess erlebt, dass auch die Störung der Grabesruhe oder die Tatsache, dass ein Leichnam nicht bestattet worden ist, den Toten nicht zur Ruhe kommen lässt. In ähnlicher Weise hören wir in vielen Kulturen und bereits in den Erzählungen der griechischen Antike von der besonderen Bedeutung, die der richtigen, rituellen Bestattung zukommt. So begibt sich Antigone in größte Gefahr, nur um ihren Bruder Polyneikes zu bestatten, der nach dem Urteil des thebanischen Despoten als Hochverräter nicht nur irdische, sondern ewige Strafe leiden soll. Die wiederkehrenden Muster in den unmittelbaren Erfahrungen mit Totengeistern überspannen ganze Menschheitsepochen und Kulturräume.[10] Liegt dem Bedürfnis, die Toten zu bestatten, das bis auf die phylogenetischen Wurzeln der Menschheit vor mindestens 70.000 Jahren zurückgeht, kein aus Naivität entstandener Aberglaube zugrunde, sondern eine reale Erfahrung mit Toten, die – für manche sichtbar – noch unter den Lebenden verweilen, solange sie nicht mit ihrem vorherigen Leben abschließen können? Die Erlebnisse von Sam Hess lassen uns mit der weiter zu verfolgenden Hypothese zurück, „dass dies nicht einfach aus der Luft gegriffen ist, sondern auf den Erfahrungen und Einsichten beruht, welche spirituell hoch entwickelte Menschen seit Jahrtausenden gemacht haben und noch immer machen“[11].

 

Interessant ist in diesem Zusammenhang ein Vergleich mit einem Klassiker der Erforschung paranormaler Erfahrung, der Studie Geistererscheinungen und Vorzeichen der Jung-Schülerin Aniela Jaffé.[12]

 

Kategorien, die man aus populären Spukgeschichten kennt, werden bei Jaffé zu Kapitelüberschriften, hinter denen sich Erlebnisberichte von Menschen verbergen, die auf eine Annonce hin ihr Erlebnis an die Autorin sandten: Die weiße Frau etwa, eine gänzlich in weißes Licht oder weiße Kleidung gehüllte Gespenstergestalt, wird offenbar auch in unserer Zeit noch zuweilen gesehen. Eine Frau schreibt: „Da plötzlich sehe ich vor mir eine mittelgroße schneeweiße Gestalt eine weibliche. Sie schwebte vor mir her, dann, neben mir, wieder etwas weiter entfernt und wieder näher schwebend etwas ab Boden“[13]. Und eine andere berichtet: „…erschien dort auf der Schwelle … eine mir gänzlich fremde weibliche Gestalt, groß, schön, in weiß niederfließendem Gewand, mit lang herunterhängenden schwarzen Locken“[14]. Selbst die aus zahlreichen Parodien bekannten „Geister ohne Kopf und Gesicht“ verdanken ihre humoristische Existenz offenbar einer langen Tradition des Erlebens, wie die hier gesammelten Berichte zeigen: Eine Frau berichtet davon, wie sie all ihren Mut zusammennimmt und auf einsamer, dunkler Straße einen vor ihr Gehenden in langem Kapuzenmantel anspricht. „Er kehrte sich blitzschnell um, wir standen einander gegenüber. Vor Schreck war ich fast zu Eis erstarrt: nur die leere Kapuze – ein schwarzer Hohlraum! Von einem Gesicht sah ich keine Spur“[15].

 

Interessant ist auch das methodische Herangehen dieser Jungianischen Forschung: Ohne über den ontologischen Status (die „Realität“) des Berichteten etwas auszusagen, wird das Phänomen ernst genommen als Ausdruck einer zum Menschsein schlechthin gehörigen Möglichkeit der (archetypischen) Wahrnehmung. Jaffé belässt den Berichten ihren subjektiv authentischen Gehalt, interpretiert sie aber weitreichend mittels der Jungschen Methode der Amplifikation, d. h. sie fügt sie in mythologische Gesamtzusammenhänge ein. Dabei geht zuweilen allerdings das Primat der Erfahrung verloren. So erklärt sie die weiße Frauengestalt mythologisch als Venus-Aphrodite, als Erdmutter und fragt sich: „Warum hat sich die Erdmuttergestalt, die doch auch Liebesgöttin ist […], ins Unheilvolle gewandelt?“. Das setzt den Mythos, den Archetyp eben in die Position des wirkmächtigen Agens und macht die Erfahrung abhängig von einem kollektiven kulturellen Gedächtnis. Im Unterschied zur Jungschen Theorie aber erscheint mir die Erfahrung (im Sinne der phänomenologischen Zurückhaltung von jedem theoretischen Zusatz) erst einmal für sich zu stehen: primär macht hier ein Mensch eine Erfahrung – und diese gilt es erst einmal an und für sich zu verstehen.

 

Wieso aber sollten die Schreiber solcher postalisch eingesandter Berichte überhaupt real Erlebtes berichten und sich nicht einfach alles nur ausgedacht haben? Auf diesen Einwand antwortet C. G. Jung selbst in dem von ihm verfassten Vorwort: „…solche Berichte gibt es aus allen Zeiten und Orten. Es besteht darum kein zureichender Grund, an der Wahrhaftigkeit eines einzelnen Berichtes prinzipiell zu zweifeln. Ein berechtigter Zweifel ist nur dort angebracht, wo es sich um eine absichtliche Lüge handelt. Die Anzahl solcher Fälle ist verschwindend klein, denn die Urheber solcher Fälschungen sind zu unwissend, um richtig lügen zu können“.[16]

 

 

2. Unmittelbare Wahrnehmung nicht-menschlicher Wesen

(a) Engel

Geistwesen nicht-menschlichen Ursprungs manifestieren sich durch vielfältige Formen der Einflussname und Begegnungen auf allen Sinneskanälen und in allen Realitätsabstufungen. Das wird besonders deutlich bei den aus vielen Kulturen stammenden Berichten über die Lichtgestalten, die bei uns Engel heißen. Engelsbegegnungen sind (wie alle derartigen Phänomene) häufiger als angesichts des tabuisierenden Stillschweigens über solche Erlebnisse normalerweise angenommen wird.[17] Geschichten von Menschen, die berichteten, eine Engelserscheinung erfahren zu haben, wurden von Glennyce Eckersley gesammelt.[18]

 

Hier erfahren wir von John, der von den riesigen Flügeln eines liebevollen Geistwesens vom suizidalen Sprung in die Tiefe abgehalten wurde. Wir hören von Roy, der von einem Lastwagen überfahren wird und eingeklemmt unter ihm liegend von einer weiblichen Stimme Mut zugesprochen bekommt, und der mit unheimlich geringen Verletzungen den schweren Unfall übersteht. Wir erfahren von Caroline, die in einer dunklen Unterführung, in der sie an Alkoholisierten vorbei muss, eine Antwort auf ihr Stoßgebet erfährt, indem sie sich einer plötzlich auftauchenden und ebenso plötzlich wieder verschwindenden Frau anschließen kann, die sie mit sicheren Schritten an den furchteinflößenden Gestalten vorbeigeleitet.

 

Zwar beeindruckt auch in der Sammlung die schiere Zahl der persönlichen Erlebnisse. Dennoch erscheint in diesem Werk der Boden der Spekulation breiter als der schmale Steg überzeugender Fakten. Das liegt schon an einer Schwäche bei dem, was wir als Textkriterium bezeichnet haben: Die Autorin will zwar alle Ereignisse aus erster Hand berichtet bekommen haben, erzählt aber die meisten Episoden selbst. Selbst da, wo sie die Berichtererstatter angeblich im O-Ton zur Sprache kommen lässt, klingen diese Zitate „frisiert“ und zumindest in die Sprache der Autorin transponiert. Jeder der, wie der Autor dieses Surveys, selbst Berichte seltener Vorfälle sammelt, weiß, dass jeder Bericht in völlig anderem Stil abgefasst ist und die Einheitlichkeit eines leicht lesbaren Buches daran stark leiden würde. Hier aber scheint die Lesbarkeit über die Authentizität gestellt worden zu sein. Da auch andere Details zur Überprüfung der Echtheit der Berichte fehlen, dürfte selbst die Möglichkeit der freien Erfindung nicht von der Hand zu weisen sein.

 

Dagegen spricht allenfalls die enorme Vielfalt und unterschiedliche Qualität der Berichte, die selbst mit viel Phantasie sehr schwer zu ersinnen gewesen sein dürfte. Zumindest widersprechen sie in ihrer Erzählstruktur nicht den diversen Engelserlebnissen, die andere Fallsammlungen (etwa das Alister-Hardy-Archive) enthalten. Dann aber bleibt eine andere spekulative Seite des Buches, dass nämlich die Berichte teilweise nur deshalb etwas über Engel auszusagen scheinen, weil entweder die Kompilatorin oder die Berichtenden selbst darin eine Engelsbegegnung sahen, ohne dass diese Bewertung intersubjektiv immer überzeugt. Ob etwa die hochschwangere Carol, die von einem intensiven Licht in ein Gefühl der Ruhe und Glückseligkeit getaucht wird, einer Engelserscheinung oder eines anderen mystischen Erlebens zuteil wurde? Was war es, das dem 14jährigen Michael half, dessen Fahrrad von einer unsichtbaren Kraft auf stockdunkler Straße ohne sein eigenes Zutun um einen gefährlichen Abgrund herum gelenkt wird. War die Stimme, die David zwei Mal in seinem Leben vor schwerem körperlichen Schaden bewahren konnte, einem Engel zuzuschreiben? Nur wenn wir als Engel (von griechisch angelos, der Bote) alles bezeichnen, was dem Menschen aus überirdischer Quelle Botschaften sendet, ihn schützt und ermutigt. Dann aber handelt es sich um schlussfolgernde und nicht um wahrgenommene Engelsbegegnungen, so dass wir manche Erlebnisse dieses Bandes an anderen Stellen unserer Systematik einordnen müssen.

 

(b) Naturgeister

Manche Menschen nehmen nicht Totengeister oder Engel wahr, sondern (außerdem oder ausschließlich) Wesenheiten, die in der Natur oder in Verbindung mit Naturphänomenen auftreten. Solche Natur- und Elementargeister sind seit geschichtsloser Zeit und bis in unserer Tage Teil der Sagen und Mythen auch unseres Kulturkreises, ebenso wie der animistischen Religionen vieler indigener Völker sowie der hermetischen, okkulten Wissenschaften des Westens (Magie, Alchemie). Wie Aniela Jaffé[19] in anderem Zusammenhang feststellt, spricht die Zugehörigkeit zum Reich der Mythen jedoch keineswegs gegen die Authentizität des Erlebens, denn bevor der Mythos zu seiner typischen kristallinen Erzählform erstarrte, mag eine Reihe von wirklichen Erfahrungen ihm zugrunde gelegen haben. So finden sich sowohl in den Briefen, die Jaffé auswertete, als auch in anderen Archiven spiritueller Erfahrungen immer wieder Berichte über Begegnungen mit Naturgeistern, und auch der Schweizer Sam Hess nimmt sie wahr. Allerdings ist die Quellenlage in diesem Bereich weniger üppig als bei den Totengeisterscheinungen.  Eine Kompilation von Primärquellen findet sich in Marjorie Johnsons Buch Naturgeister, für das die Autorin 50 Jahre lang Hunderte von Berichten aus aller Welt sammelte.[20] 

 

Johnson scheint die Namen und Wohnorte der Berichterstatter ohne Anonymisierung bekannt zu geben, was in derartiger Literatur eine große Ausnahme ist, auch wenn m. W. bisher niemand versucht hat, die reale Existenz der Quellen zu überprüfen. Die Berichte über kleine hell leuchtende Elfen, erdfarbene Zwerge und Gnome sowie Wasser-, Baum- und Feuergeister und viele andere Erscheinungsformen sind erstaunlich konkret. Bay Kirkaldy aus London (S. 53) etwa berichtet, zusammen mit anderen Menschen im St. James Park einmal eine Ansammlung von sehr kleinen, fliegenden Wesen gesehen zu haben. Die männlichen schienen eng anliegende Hosen, rote, blaue oder grüne Wamse und eine Art Fischermütze zu tragen. Die weiblichen waren in leuchtende Gewänder gehüllt. Frau G. K. Evason aus Kent schreibt, dass sie einen Gnom gesehen hat, der einen winzigen Schubkarren vor sich her schob: „Er bemühte sich um den Vorgarten, den die Mieterin über mir pflegt“, schreibt sie (S. 70). Und Doris King aus Nottingham erinnert sich, als Achtjährige frühmorgens unter dem Esstisch einen vierzig Zentimeter großen Kobold mit blauer Tunika, Schnabelschuhen und Zipfelmütze sowie zwei weitere, halb so große Gestalten gefunden zu haben und angsterfüllt davon gelaufen zu sein. 

 

Die hier versammelten Geschichten verblüffen, weil sie so natürlicherweise Erlebtes wiederzugeben scheinen wie ein Sonntagsausflug mit der Familie. Doch die kleinen Zwerge mit ihren Westen, die Wassernymphen mit Frosch- oder Fischkörper, die Elfen, die wie Irrlichter wirken oder wie geflügelte winzige Frauengestalten mit Kleidern in leuchtenden Farben, wirken so sehr dem Bilderbuch entsprungen, dass man sich fragt, ob hier das menschliche Gehirn mit seiner Neigung zur Konstruktion der Wahrnehmung nach dem Schema des Bekannten nicht eine Übersetzungsarbeit geleistet hat, um aus einem unsinnlichen Eindruck eine sinnliche Erscheinung zu formen. Die Fälle wirken jedoch textanalytisch unmittelbar und unverfälscht wiedergegeben, direkt aus der Feder ihrer sehr verschiedenen Autoren stammend, was einerseits den großen Gewinn dieses Buches darstellt, was andererseits die Lektüre nach einer gewissen Zeit etwas sperrig macht.

 

Was für die meisten Heutigen unmöglich anderes sein kann als einfältige Kindergeschichten oder die animistischen Erklärungen primitiver Völker für naturwissenschaftliche Tatsachen, behaupten andere als Realität zu erfahren: die Existenz von geistigen Wesenheiten, die mit der physischen Natur verbunden sind, aber dennoch ein Eigenleben führen. Die okkulte Tradition arbeitete schon seit ihren Anfängen mit Elementargeistern. Um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert wurde von bekannten Persönlichkeiten der Theosophie wie Annie Besant und Charles Leadbeater, später von Rudolf Steiner reklamiert, dass sie Naturgeister unmittelbar wahrnahmen. Auch Arthur Conan Doyle, Mitglied der Society for Psychical Research, versuchte die Existenz von Elfen, Gnomen und anderen in der Natur wohnenden Geistwesen dem Reich der Märchen und Mythen zu entheben und sammelte eifrig Belege für ihre Sichtungen und Wirkungen.[21] Die Berichte, die beispielsweise Johnson zusammentrug, wirken zwar unglaublich, aber auch unglaublich authentisch und unverfälscht und verdienen es, als Berichterstattung über außergewöhnliche Erfahrungen ernst genommen zu werden.

 

 

3. Wirkungserleben nicht-menschlicher Wesen

Die Wahrnehmung eines Einflusses „von oben“, der als Wirkung eines Schutzengels interpretiert wird, ist ein relativ häufiges Phänomen spiritueller Erfahrung. Wir haben derartige Berichte bereits summarisch in der Besprechung der unmittelbaren Engelswahrnehmung (in dem Buch von Glennyce Eckersley) gestreift. Manche okkulten Autoren meinen übrigens, dass solche Schutzengelwirkungen tatsächlich nicht von einer anderen „Spezies“ (Engeln), sondern von wohlmeinenden verstorbenen Menschen ausgehen, was zeigt, wie schwierig ist, diese Berichte einer bestimmten Quelle zuzuordnen. Das gegenteilige Phänomen ist glücklicherweise seltener: Veröffentlichte Berichte, die aus erster Hand von Belästigung durch Dämonen („Umsessenheit“; Circumsessio) berichten, sind mir in deutscher Sprache aktuell nicht bekannt.

 

 

4. Besessenheit

Bevor wir uns zwei Berichten zur Besessenheit durch Totengeister zuwenden, können wir einen Überblick über die Diversität des Phänomens der Besessenheit durch einen kurzen Ausflug in die ethnologische Literatur gewinnen.

 

Isabella Krauses Buch über Phänomene der Besessenheit durch Dämonen und Gottheiten in Tibet und Ladakh[22] trägt religionsethnologische Forschungsergebnisse aus dem tibetisch-ladakhischen Kulturraum systematisch zusammen. Sie ist damit für das exemplarische Studium von Besessenheitsauffassungen in traditionalen Kulturen generell gut geeignet. Zusammenfassend extrahiert die Autorin folgende Klassen von Besessenheiten:

 

„1. Von Beginn an als positiv und erwünscht werden folgende Besessenheitsphänomene gewertet:

- die durch das Los bzw. durch Vererbung bestimmten Klosterorakel;

- der besessene Barden-Typ;

- die absichtlich herbeigeführte dämonische Besessenheit eine Leichnams (der tantrische Ro-langs-Typ);

 

2. Als negativ und unerwünscht werden folgende Besessenheitsphänomene gewertet:

- dämonische Besessenheit bei Menschen;

- dämonische Besessenheit bei Leichnamen (der dämonische Ro-langs-Typ);

- Besessenheit durch Hexen sowie Besessenheit durch Wesen, die von Hexen durch ihre negativen Emotionen erzeugt werden;

 

3. Zunächst negativ, weil als Krankheit interpretiert, später jedoch positiv, weil als göttliche Besessenheit interpretiert, werden folgende Besessenheitsphänomene gewertet:

- die durch göttliche Berufung auserwählten Klosterorakel;

- die Dorforakel“[23].

 

Auffällig ist, dass es neben Totengeistern und Dämonen auch lebende Menschen gibt (als Hexen bezeichnete Frauen), die mit einem Teil ihres Unbewussten (!) in den Körper einer anderen Person eindringen und dort Schaden anrichten können. In jedem Fall löst die negative Besetzung von Lebenden psychische und ggf. auch physische Krankheit sowie Fehlverhalten aus. Andererseits können auch höhergestellte Wesenheiten sich in einem Menschenkörper manifestieren, was zunächst ebenfalls Krankheitssymptome auslösen kann, dann aber stets äußerst positiv bewertet wird: im Falle der tibetischen menschlichen Orakel sind die positiven besetzenden Wesen meist so genannte „Schützer der Lehre“ (sanskr. Dharmapala; tibet. Chos-skyong, gesprochen: Chö-kyong), bei denen es sich um Gottheiten der niederen Regionen (der samsarischen Daseinsbereiche) handelt. Buddhas und Bodhisattvas, die sich bereits jenseits der gewöhnlichen Daseinsbereiche befinden, manifestieren sich hingegen niemals auf diese Weise in den Körpern von Lebenden oder den leeren Hüllen von Toten. Den tibetischen Lamas gilt deshalb die Behauptung, von einem Buddha besessen zu sein, als Ausweis des (absichtlichen oder selbstgetäuschten) Betrügers.[24]

 

Die Bessenheitserfahrungen aus unserem Kulturkreis, mit denen wir uns exemplarisch befassen wollen, betreffen jedoch ausschließlich die Art der Besessenheit durch Verstorbene. Diese können sich – einem gar nicht selten anzutreffen Berichtsmuster zufolge – aus provozierten Geisterkontakten in Seancen ergeben. Viele Geisterseher warnen eindringlich vor den Gefahren naiver Kontaktaufnahme zu anderen Welten. Schon Alan Kardec schreibt: „Die praktische Ausübung des Spiritismus ist mit vielen Schwierigkeiten verknüpft und nicht immer frei von Unannehmlichkeiten und Gefahren“[25]. Unterstützung erhält diese Warnung von dem 1989 erschienen Erfahrungsbericht Medialität, Besessenheit, Wahnsinn von Carola Cutomo:[26]

                                                                          

Dieser Bericht verdient hier deshalb Erwähnung, weil er sehr plastisch den Verlauf einer psychischen Situation aufzuzeigen vermag, die verschiedentlich als mediumistische Psychose bezeichnet wurde. Persönliche Prädisposition trifft bei Cutomo auf gefährliche Praktiken und eine kontinuierliche Steigerung: Sie schildert zum einen, dass schon ihre Großmutter mehrfach in der Familie durch das „zweite Gesicht“ aufgefallen sei, dass sie den Tod von Menschen voraussah. Zum anderen machte Carola Cutomo selbst Erfahrungen mit spontanen Reinkarnationserinnerungen und Eingebungen, die sie auf ihre dann verstorbene Großmutter zurückführte. Bei einer spontanen Wachtranceerfahrung hat sie den Eindruck, der Geist ihres Idols Elvis Presley manifestierte sich in ihrem Hotelzimmer. Dabei blieben solche Erlebnisse singulär, verdichteten sich noch nicht zu Denkstörungen, Ichstörungen und anderen pathologischen Erlebensformen wie nach Beginn der Seancen.[27]

 

Sobald sie aber aktiv mit spiritistischen Seancen experimentiert, wird aus der Prädisposition eine unkontrollierbare Öffnung für fremde Einflüsse. Schon ihr erstes Seance-Experiment hinterlässt bei allen Beteiligten Ratlosigkeit und Erstaunen: Woher stammen die beeindruckenden Details, die sich durch das automatisch schreibende „Westerwälder Tischchen“ offenbaren? Als ihren ersten großen Fehler sieht sie es später an, dass sie bald darauf in einer weiteren Seance die Geister bittet, ihr die Geisterwelt zu zeigen. Ihr wird eiskalt und sie fühlt sich mit einem Mal wie auf einem Trip halluzinogener Substanzen körperlos die Aura der Umsitzenden betrachtend. Von hier an wird aus den Seancen, so ihre Einschätzung, mehr als nur eine Begegnung mit Wesen aus anderen Dimensionen: Es beginnt das, was sie auf den folgenden 130 Seiten als Besessenheit durch wechselnde Geistwesen ausführlich schildert.

 

Immer tiefer lässt sie sich darauf ein, nicht nur Botschaften in Seancen zu empfangen, sondern durch die Technik des automatischen Schreibens zu jeder Tages- und Nachtzeit mit Geistwesen in Verbindung zu treten. Schließlich hört sie die Stimmen der Geister sogar in sich. Und die sind nicht ohne. Sie befehlen ihr, absurde Dinge zu tun, nur um ihren Gehorsam zu prüfen, sie geben sich als allwissend und göttlich aus, sie drohen, die Berichterstatterin aus Strafe für Ungehorsam zu quälen und sogar ihre Angehörigen sterben zu lassen. All diese Botschaften sind uns von den Stimmen mancher als psychotisch diagnostizierten Patienten bekannt. Hier aber stehen sie ganz im logischen Entwicklungsgang eines aktiv herbeigeführten Kontaktes mit Geistwesen. Die Erschütterungen eines gesunden, stabilen Verstandes aber gingen noch weiter: bald sieht sie Gegenstände im Raum sich von selbst bewegen, bald schwebt sie selbst über ihrem eigenen Körper. Und immer wieder erstaunt die innere Abhängigkeit von diesen Botschaften, so dass die Berichterstatterin nicht zu durchschauen vermag, dass es sich bei ihren Geistern um aufgeblasene Lügner und Manipulatoren handelt: brav folgt die mittlerweile (partiell) Besessene allen Anweisungen, teils aus Glauben, teils aus Angst vor den Konsequenzen.

 

Im letzten Teil des Buches schildert sie, wie sie trotz (nicht wegen) einer autoritären psychiatrischen Behandlung und dann mit der Hilfe eines verständnisvollen Psychologen von ihrer Geisterabhängigkeit loskommt, wie sie das automatische Schreiben beenden und den Kontakt zu Geistern innerlich zu blockieren vermag. Schließlich ist sie dazu in der Lage, sich auch von dem letzten, ihr am nächsten stehenden Geist zu verabschieden, dem ihres Ex-Freundes, der sie aus Rache für einstige Abweisung postum gequält wie geliebt hatte. Sie lässt ihn gehen, schickt ihn nach mehreren Rückfällen endgültig fort und hat fortan keine Symptome mehr, die in irgendeiner Weise auf psychotische Ausnahmezustände hinweisen würden.

 

Die Annahme Cutomos, ihre schizophreniformen Symptome seien auf die Seancen und deren Folgen zurückzuführen, wirkt angesichts der Schilderung des Beginns und der Remission (Beendigung) ihrer Symptome, nachvollziehbar. Während die Personkriterien hier der Natur der Sache nach nicht für einen pathologiefreien Zustand Frau Cutomos sprechen können, weist die Aussageebene m. E. auf Echtheit und Ehrlichkeit des Erlebten hin. Die Situation ist durch ähnliche Berichte bestätigbar, eine Generalisierung auf die Phänomenklasse der „Besessenheit durch provozierte Jenseitskontakte“ erscheint zulässig. Dass es sich hier tatsächlich um den Einfluss von Geistwesen handelt (eine substantialistische These der Geisterbesessenheit), ist damit noch nicht gesagt, wie auch in dem Klassiker Besessenheit und Heilung der Psychologin Edith Fiore[28] eine solche ontologische Erkenntnis des „Dings an sich“ zurückgewiesen wird. Fiore meint zwar, siebzig Prozent der Patienten in ihrer psychotherapeutischen Praxis verdankten ihre psychischen Störungen der Besetzung mit Geistwesen, doch zugleich verneint sie, dass sie sich der Existenz solcher Wesen sicher sei. Lediglich der Erfolg ihrer Methode, bei der in hypnotischer Behandlung der besetzende Geist zu gehen gebeten wurde, genügt ihr als Hinweis auf die Möglichkeit solcher Existenzen. Nach hypnotherapeutischen Gesetzmäßigkeiten muss die hypnotische Suggestion jedoch mit der tatsächlichen Ursache der seelischen Probleme nicht substantiell übereinstimmen, um dennoch heilsam zu sein. Wirksam ist bereits das hypnotische Bild als Symbol für den psychischen Zustand. Unabhängig ob als real oder als symbolisch gedacht, wirken zwischen dem Besessenheitserleben und dem psychischen Zustand Wechselwirkungen in beide Richtungen: sei es, dass die unter Hypnose wahrgenommene Besessenheit, wie Fiore meint, die psychische Problematik bedingt, oder umgekehrt, dass die psychische Situation passende Besetzungserfahrungen anzieht (oder abstößt).

 

Letzteres wird deutlich bei der Lektüre des 2011 veröffentlichten Erfahrungsberichts des Ehepaares Shaneta und Roland Sitte, Heimgesucht und besetzt[29]:

 

Das Buch, ausschließlich aus der Sicht von Shaneta Sitte erzählt (obwohl auch der Ehemann als Verfasser zeichnet), geht über den Agnostizismus Edith Fiores weit hinaus und beschreibt die Geschichte einer Geisterbesessenheit affirmativ: da am Ende des Erfahrungsberichts eine Heilung durch Befreiung der anhaftenden Geistwesen steht, beweist dies für die Sittes, dass sie lange Zeit Opfer verschiedener Geistwesen waren. Bei diesen Geistwesen handelt es sich um eine Schneiderin, die bei Frau Sitte angestellt war und die selbst wiederum zu Lebzeiten von ihrem vor ihr verstorbenen Ehemann besetzt gewesen sei, sowie um die Schwiegermutter Frau Sittes. Schon die Auswahl der Personen, die zu Geistwesen werden, ist wegen der ambivalenten Beziehung der Berichterstatterin zu ihnen auffallend. In einer bestimmten Weise sehr passend, bezieht sich der Schaden, den beide anrichteten, zum einen auf die eigene Tochter, welche von der Schneiderin besetzt wird, zum anderen auf den von der Schwiegermutter besetzen Ehemann. Passend sind diese Besetzungen insofern als sich die Tochter zu jener Zeit emotional von den Eltern zunehmend entfernt und sich renitent zeigt. Herr Sitte wiederum hat sich zunehmend gereizter gezeigt, hat begonnen, reichlich Alkohol zu konsumieren (die Schneiderin und ihr Ehemann waren alkoholkrank, inkonsistenterweise aber nicht die Schwiegermutter, die ihn besetzt hielt, während er schon reichlich dem Alkohol zusprach). In Folge dieser Besetzung läuft Frau Sittes Boutique nicht mehr so gut wie früher. Und selbst der Hund verhält sich merkwürdig. Die Berichterstatterin zeichnet ein katastrophenartiges Bild des zunehmenden Verfalls einer einst intakten, harmonischen Mittelstandsfamilie.

 

Dem psychotherapeutisch geübten Blick fallen die zahlreichen potentiellen Projektionen eigener innerer Konflikte der Autorin auf die Geisterwelt sofort auf. Haben wir es hier nicht mit einer typischen Familie in einer Übergangskrise mit dem Eintritt ins Rentenalter und einem Empty-nest-Syndrom zu tun? Das Abnabeln der erwachsenen Kinder und der Eintritt in den Herbst des Lebens werfen Paare regelmäßig krisenhaft aufeinander zurück. Suchtmittelmissbrauch ist in diesen Phasen nicht selten. Der Ehemann Sitte scheint nach der Pensionierung wenig mit sich anfangen zu können, die Tochter emanzipiert sich, und Frau Sitte selbst befindet sich in Konflikten, wie dem, ob sie das Haus in Deutschland aufgeben und in ihre bulgarische Heimat umziehen soll. Da wird die Wahrnehmung einer Besessenheit von Mann und Tochter zum geeigneten Mittel, um diese bedrohliche Krise zu erklären und nach extern zu kanalisieren, um die Idee einer heilen Familienwelt aufrechterhalten zu können (sie wolle ja nur „die Familie wieder zusammenbringen“ liest man sehr oft). Dies wird überdeutlich, wenn sie alle Autonomieregungen ihrer Tochter als beeinflusst vom Geist der Schneiderin deutet: „Ihr Benehmen war viel selbstbewusster als sonst“ [30] vermerkt sie beunruhigt. Und als die Tochter glücklich ist, wirtschaftlich auf eigenen Füßen zu stehen, spricht auch dies für ihre Besessenheit: „Ich wollte ihr eine Freude machen und kaufte ihr vieles, was sie sich ausgesucht hatte. Früher sagte sie ganz lieb: ‚Danke, Mutti’. Jetzt bekam ich in einem kühlen Ton zu hören: ‚Du brauchst mir nichts zu kaufen, ich habe selber Geld.’“ [31].

 

Als sie Tochter und Ehemann über die Besessenheit der Tochter aufklären will, stößt sie nicht gerade auf offene Ohren. Als Reaktion darauf fühlt Mutter Sitte sich isoliert, spürt eine Solidarisierung von Tochter und Vater gegen sich und interpretiert diese als inzestuös-erotische Anziehung zwischen beiden, ausgelöst vom bösen Geist der Schneiderin. Völlig außer sich, konfrontiert sie den aufgebrachten Ehemann damit, „…dass Frau Renner [die Schneiderin] sich in ihn verliebt hat, dass sie sehr neidisch auf mein Leben war und so leben wollte wie ich, dass sie in die Sonja [die Tochter] reingefahren ist und versucht, durch die Tochter den Vater zu verführen“[32]. Als die Tochter ihrerseits die Besessenheit der Mutter vom Besessenheitsglauben ansprechen will, legt die Berichterstatterin ihr das als sicheres Zeichen für ihre Besessenheit aus: „Mir kullerten die Tränen. Sie versuchte, mich zu umarmen und zu trösten, ich sah aber nur die Frau Renner in ihr und ließ es nicht zu. ‚Sie ist in dir, Sonja, sie ist in dir, das weiß ich’ sagte ich leise und ging“ [33]. Schließlich sieht sie auch die eigene Schwägerin gegen sich und selbst die eigene Schwester „war die Kopie der Frau Renner“ [34].

 

Schließlich kommt sie zum Schluss, dass auch der Ehemann seinerseits besessen sein muss, diesmal von seiner eigenen kürzlich verstorbenen Mutter. Sie erkennt den Einfluss des Bösen an seinem hasserfüllten Blick: „…ich versuchte, ihn nicht zu provozieren, aber in bestimmten Momenten war dieser eiskalte Blick mit einer unterdrückten Wut da“[35]. Dass ihm bei dieser Art der Unterstellung nun auch in anderer Hinsicht die Lust verging, kann nicht verwundern: „Weiterhin war seine Manneskraft wieder weg“[36], vermerkt sie. Als der Ehemann sich ein anderes Pensionärshobby anstelle des Trinkens zulegen will, beklagt sie sich: „Nach der Besetzung durch sie [die Schwiegermutter] hat sich mein Mann fast nur noch in der Küche aufgehalten. Er hat angefangen, Torten zu kreieren. Er hat vorher noch nie eine Torte gebacken“[37]. Natürlich war die Schwiegermutter backwütig und liefert so eine leichte Erklärung für das befremdliche Verhalten des Ehemanns.

 

Unberührt von der Tatsache, dass hier ein Paradebeispiel für eine rein psychologisch interpretierbare Besetzungsschilderung vorliegt, bleiben allerdings die möglicherweise paranormalen Aspekte, die das Buch enthält: Poltergeistphänomene, das hellseherische Wissen eines weit entfernt in Warna lebenden Mediums, manche Veränderungen, die die Betroffenen (Tochter und Ehemann) nach der Heimsendung der Geister spontan erleben (ohne persönliche Anwesenheit beim Ritual). Die unbeschränkte Kraft des menschlichen Geistes wird durch die beschränkte Annahme, Opfer eines fremden Geistes zu sein, nicht geringer. Bemerkenswert auch, dass es die konsultierten psychotherapeutischen Fachleute nicht vermochten, irgendeinen „Beziehungsdraht“ zu Frau Sitte aufzubauen, aus dem heraus man ihre Bessenheitsannahme hätte wohlwollend prüfen und dabei zugleich die familiensystemischen Aspekte therapierend ansprechen können. So oder so: Nur die Austreibung der Geister konnte diesem Familiensystem helfen, wieder zu einer Art von Normalität zurückzukehren!

 

Hier sprechen also die Aussagekriterien für ein reduziertes Personkriterium im Sinne einer geringeren Verlässlichkeit des Erlebten für eine unabhängige Erkenntnis der Phänomenklasse der Besessenheit durch Totengeister. Wie sieht es aber mit den Situationskriterien aus? Dass der Tote vom Zwischenzustand des erdgebundenen Geistes in eine jenseitigere Welt entschwinden muss, um die Lebenden nicht zu schädigen, scheint in vielen Völkern Gewissheit zu sein. Auch dass die Geister von Menschen, die im Diesseits bereits als wenig vertrauenswürdig galten, nachwirken können, ist ein weit verbreiteter Glaube. Damit widerspricht der Bericht nicht dem bereits Bekannten, aber er kann auch kaum zu seiner Stützung und Bereicherung herangezogen werden. Ob wir die Besetzung durch Geistwesen nun für bare Münze halten oder als eine Metapher für ein „Besetzungsgefühl“ nehmen, dessen Ursachen im „Egostate“ des Betroffenen oder irgendeiner anderen psychologischen Erklärung zu finden sein mag, psychologische und transzendentale Erklärungen können sich niemals im Grundsatz widersprechen (so das grundlegende erkenntnistheoretische Prinzip einer transzendentalen Psychologie), weil beide sich als Erkenntnisgegenstand innerhalb der menschlichen Psyche abbilden. Das von Alan Sanderson in der vorherigen Ausgabe von ZSTP rezensierte Buch Soul Centered Healing von Tom Zinser ist ein Beispiel, wie eine Synthese von Ego-state-Therapie und dem Umgang mit Geistwesen theoretisch und praktisch gelingen kann. Dass Besetzungen und psychische Ursachen miteinander einhergehen, lässt sich auch so formulieren: Anscheinend bekommt jeder die Besetzung, die er verdient. Das ist keineswegs zynisch oder moralisch gemeint: Im Fall der Sittes war es keine moralische Schuld, die die Besessenheit eingeladen hätte. Es war die psychologische Ausgangssituation der Berichterstatterin und die familiensystemische Situation insgesamt, die für eine bestimmte Wahrnehmung von Besessenheit sorgte. Dass die psychische Verfassung der Lebenden und der Toten gemeinsam für die Wirkung von Totengeistern verantwortlich ist, lehren schließlich auch versierte Geisterseher wie Sam Hess.

 

 

Fazit

Es besteht für jeden die Möglichkeit und die Empfehlung, die hier herangezogenen, leicht zugänglichen Quellen selbst zu lesen und meine Schlussfolgerungen zu prüfen. Mich als Leser hat bereits bei der hier getroffenen sehr selektiven Auswahl aus den vielen Bänden mit (angeblich) authentischen Berichten über Begegnungen mit Geistwesen die echte Betroffenheit fasziniert, mit der viele Menschen meines Erachtens Erlebnisse schildern, die kaum jemand ihnen abnimmt, und die sie oft nur schildern, weil endlich einmal jemand (oft eine Zeitungsanzeige) darum bat. Dabei enthält sich die vorliegende Analyse aufgrund unzureichender Erforschung des Phänomens natürlich eines abschließenden Urteils über die Art und Weise, in der immaterielle Wesen existieren: ob als Phantasieprodukt (die derzeit am häufigsten vertretene, radikal materialistische Position), ob als rein innere Erfahrung (die symbolistisch-psychologische Variante: das Erleben einer inneren Wirklichkeit, die sich in das Bild eines Geistwesens kleidet; so verstehen viele Jungianer ihren Ahnherrn C. G. Jung), als Resultat der Interaktion von innerpersonalen und transpersonalen Bedingungen (so verstehe ich die Position von C. G. Jung) oder (die substantialistische oder spiritualistische Variante) in einer ähnlichen externen Wirklichkeitsform wie inkorporierte Menschen und Tiere. Dass wir hierbei auch die spiritistische Position nicht ohne bessere Gründe zurückweisen sollten, liegt an einem Grundsatz jeder Wissenschaftlichkeit, der als Occam’s Razor bekannt ist: Man gebrauche die einfachste Theorie, die eine Beobachtung zutreffend abbildet – und bisher lässt sich die einfachste, nämlich die dem Augenschein entsprechende spiritistische These, nicht ohne weiteres zurückweisen. Ein weiteres Argument, dass für die Weiterverfolgung der spiritistischen Theorie spricht, ist ethischer Natur. Denn wenn auch nur eine sehr geringe Möglichkeit besteht, dass Menschen, die in diesem irdischen Leben durch die Art ihres Lebens, ihres Sterbens und der Einstellung, die sie nach ihrem Sterben fortführen, in einer jenseitigen Welt entweder leiden oder Glück finden, dann ist es unbedingt erforderlich, diese Möglichkeit weiter zu verfolgen. Denn es wäre in höchstem Maße unethisch, eine völlig ungeklärte Frage nicht sorgfältig zu erforschen, die möglicherweise vielen Menschen Leiden nach dem Tod oder Angst vor dem Tod ersparen könnte.

 




[1] Der Materialist schafft damit den Schulterschluss mit manchen dogmatischen Christen, nicht nur weil auch diese einen „Geisterglauben“ oft ablehnen, sondern auch weil für sie ebenfalls gilt: „Credo quia absurdum“ – gerade weil es keine rationalen Argumente für meinen Glauben gibt, muss ich um so vehementer daran glauben, denn ansonsten verliere ich den Weg des Heils, das heißt: ich verliere ein kohärentes Selbst- und Weltbild, in dem ich mich (im materialistischen Fall) als der wahrhaft aufgeklärte und rationale Jünger einer „wahren“ Weltordnung fühlen darf.

[2] Kardec, Allan (1987): Das Buch der Medien, Freiburg i. Br.: Bauer, 19.

[3] Man könnte auch sagen: Es wurde randomisiert. Tatsächlich kommt es für eine einwandfreie Methodik nur darauf an, dass die Ausschlusskriterien transparent sind, dann ist die zufällige Auswahl eines Repräsentanten zur näheren Betrachtung der beste gangbare Weg, will man nicht alle verbleibenden Publikationen bearbeiten, was nicht Ziel und Zweck dieser Arbeit war.

[4] Selbstverständlich ist dieses Kriterium subjektiv, aber leicht belegbar beispielsweise anhand der Zahl der eigenen Publikation über die eigene Medialität, anhand der Zahl öffentlicher Auftritte, aber auch der kommerziellen Bedeutung der medialen Tätigkeit.

[5] Hänni, Pier (2010): Wanderer in zwei Welten. Sam Hess – Begegnungen mit Totengeistern und der anderen Dimension des Lebens. Aarau: AT und Sam Hess (2007): Diesseits - Jenseits: Ein Blick über die Schwelle des Todes. Huttwil: Bröhl

[6] Hänni (2010), S. 37/38

[7] Vgl. z. B. Harnack, Edgar W. (2011): Außergewöhnliche Wahrnehmungen und schizoptype Sprachmuster im Kreislauf von gesellschaftlicher Ursache und Wirkung. Bewusstseinswissenschaften 18 (2), 68-79

[8] Selbstverständlich ist über die Wirkungsrichtung dieses Zusammenhangs (ob also Sam Hess seine Erfahrungen nur gemäß der Tradition konstruiert oder ob sie als autonome Ereignisse diese bestätigen) damit nichts gesagt. Noch einmal: hier geht es um Plausibilitätsargumente, die nur als Ergebnisse einer vorangehenden hermeneutischen Befragung des Textes gesehen werden können, es geht niemals um den sicheren Beweis.

[9] a.a.O. S. 126

[10] Deren Authentizität lässt sich vielleicht gerade an ihrer Unausrottbarkeit ablesen: Nicht nur die christlichen Missionare Europas, auch die buddhistischen Geistlichen Asiens können nicht verhindern, dass dort auch heute noch Totengeistern begegnet wird. Tatsächlich bestehen volkstümliche Ansichten über Geistwesen oft neben offiziellen buddhistischen Lehren, die diese Ansichten nicht gleichermaßen teilen; vgl. etwa Tambiah, S. J. (1970): Buddhism and the spirit cults in North-East Thailand. Cambridge: University Press. Das Fortleben von Menschen als Totengeister ist für den Buddhismus theoretisch schwer begründbar, falls das Verbleiben in der Zwischenwelt als Aussteigen aus dem Kreislauf der Wiedergeburten und als Existenz einer substantiellen Seele interpretiert wird (und nicht nur als eine „Verspätung“ im Fortlauf). So gibt es in der Sechsteilung der Lebenswelten des Mahayana-Buddhismus zwar die Pretas („Hungrigen Geister“), nicht aber erdgebundene Totengeister. Dieser theoretischen Schwierigkeit scheinen auch buddhistische Lehrer wie der vom Dalai Lama anerkannte Lama Tsem Tulku Rinpoche nicht leicht begegnen zu können. Tsem Tulku, der sich auf seiner mit viel Zeiteinsatz von ihm selbst betriebenen Website dem Thema der Geistererscheinungen ausgiebig widmet, wusste auf meine Frage in seinem Blog, wie sich die Nachexistenz von Totengeistern in buddhistische Doktrinen einordnen lasse, keine Antwort und verwies nur auf einen anderen Eintrag, in dem er die Frage ebenfalls nicht zu beantworten vermocht hatte.

Eine vernünftige Antwort findet sich jedoch bei Isabella Krause (2012): Schamanen, Hexen, Barden und Orakel: Phänomene der Besessenheit durch Dämonen und Gottheiten in Tibet und Ladakh, Ulm: Fabri-Verlag, S. 56: „Nach buddhistischer Auffassung wird der Bewusstseinsstrom, der den Sterbenden verlässt, durch die Gedanken der jeweiligen Person beim Eintritt des Todes bestimmt. Ist diese Person voller Furcht, Hass oder Panik und klammert sich an das Leben, so kann sich diese negative emotionale Energie durch eine Projektion zu einem Geist verfestigen. Bestimmte Todesarten, wie Selbstmord oder Ermordung, bringen fast zwangsläufig einen Geist hervor, weil sie mit sehr starken negativen Emotionen verbunden sind“. Hier finden wir eine mit buddhistischen Auffassungen kompatible und zudem mit der Schattenhaftigkeit der Geistwesen übereinstimmende Erklärung: Es handelt sich bei solchen Geistwesen um Projektionen eines Geisteskontinuums, das sich in der materiellen Welt teilweise verfangen hat.

[11] a.a.O., 31

[12] Jaffé, Aniela (1997): Geistererscheinungen und Vorzeichen. Freiburg: Herder (Orig. 1958, Zürich: Rascher).

[13] a.a.O., 115

[14] a.a.O., 116

[15] a.a.O., 179

[16] a. a. O., 13

[17] Im Online-Meinungsumfrageportal sozioland.de (Quelle: Tabellenband Mystery & Esoterik Umfrage 2005/2006, sozioland.de, Huhnsgasse 34b, 50676 Köln) gab fast ein Drittel der befragten Stichprobe an, entweder sicher (“Ja”; >10%) oder möglicherweise (“kann sein, ich bin mir nicht sicher”) (>20%) “schon einmal Kontakt zu einem Geist oder einer anderen übernatürlichen Erscheinung” gehabt zu haben.

[18] Glennyce Eckersley (2003): Schutzengel. Geschichten von Nahtodeserfahrungen und Begegnungen mit Engeln. München: Goldmann. Orig. (1996): An Angel at my shoulder. London: Rider  und (2002): Saved by the Angels. London: Rider.

[19] Jaffé, a.a.O., 129

[20] Johnson, Marjorie (2008): Naturgeister. Wahre Erlebnisse mit Elfen und Zwergen. Grafing: Aquamarin (1. Aufl. 2000). Dabei handelt es sich laut Verlagsauskunft um die Erstausgabe des bisher unveröffentlichten, aus dem Englischen übersetzten Manuskripts. Ein Großteil der darin enthaltenen Berichte stammt aus den 1950er Jahren, als die Autorin als Sekretärin der damaligen britischen Fairy Investigating Society durch Zeitungsannoncen zur Einsendung von Erlebnisberichten aufrief.

[21] Der Publizist Peter Tompkins hat solche möglichen Belege zusammengetragen und berichtet über spektakuläre Erfahrungen hellsichtiger Personen mit Naturgeistern: Tompkins, Peter (1998): Das geheime Leben der Natur. Bern: Ansata. Orig. (1997): The secret life of nature. New York: Harpercollins. Darin wird auch auf die Behauptung eingegangen, der berühmteste von Conan Doyle untersuchte Fall habe sich angeblich als Betrug herausgestellt.

[22] Vgl. Anm. 10

[23] a.a.O. S. 167f

[24] Es ist interessant, ob diese Unterscheidung sich auch in unterschiedlichen empirischen Konsequenzen beider Arten von Besessenheit abzeichnet oder nur auf der theoretischen Annahme beruht, dass Buddhas sich nicht so verhalten. Die Kategorien scheinen hier ohnehin anders abgesteckt als im westlichen Diskurs, wo – schon durch die biblische Tradition – eine substantialistische Sichtweise Dämonen und Menschen in strikt getrennte Gattungen einordnet, während im tibetischen Buddhismus sich eine (allerdings überwindbare) Kluft zwischen gewöhnlichen Wesen (Mensch oder Dämon) und Buddhas auftut. So wird in den tibetischen Quellen die Verwandlung ehemaliger Menschen in die Klasse der Dämonen für möglich gehalten.

[25] Kardec, a. a. O., 8

[26] Cutomo, Carola (1989): Medialität, Besessenheit, Wahnsinn. Flensburg: Flensburger Hefte

[27] Zur Abgrenzung pathologischen und normalpsychologischen außergewöhnlichen Erlebens vgl. Harnack, Edgar W. (2012): Die diagnostische Trennung von Psychose und spiritueller Erfahrung II: Unterscheidungskriterien für die klinische Praxis. ZSTP 2 (1), 35-75

[28] Fiore Edith (1997): Besessenheit und Heilung. Güllesheim: Silberschnur

[29] Sitte, Shaneta und Roland (2011): Heimgesucht und besetzt. Halle: Projekte-Verl. Cornelius

[30] a.a.O. S. 49

[31] a.a.O. S. 75

[32] a.a.O. S. 77

[33] a.a.O. S. 85

[34] a.a.O. S. 51

[35] a.a.O. S. 147

[36] a.a.O. S. 149

[37] a.a.O. S. 148