Zeitschrift für Spiritualität und Transzendentale Psychologie 2013, 3 (1)



Über die Sorge, „nicht gelebt zu haben“

Edgar W. Harnack

 

 

 

Allenthalben hört man heutzutage in spirituellen Kreisen einen Satz, den ich sehr bemerkenswert finde: „Es wäre doch schlimm, am Ende des Lebens festzustellen, dass man gar nicht gelebt hat“. Dieser Satz wird so hingestellt, als wäre an seiner unbedingten Richtigkeit kein Zweifel angebracht, als wäre er ganz selbstverständlich wahr. Und sofort löst er auch bei demjenigen, der ihn hört, den Reflex aus zu sagen: „Oh ja, wäre das nicht schrecklich? Ich muss sofort überprüfen, wo ich selbst versäumt habe zu leben, nicht dass mir dasselbe geschieht“. Ist es nicht eigenartig, welche Wirkung solch ein Satz auf spirituell suchende Menschen besitzen kann, der doch so ganz und gar unausgegoren, so ganz und gar inhaltslos und so ganz ohne spirituellen Bezug ist? Denn was heißt eigentlich „gelebt haben“? Wann hat man denn gelebt? Und wann nicht? Und was heißt: „es wäre schlimm“? Wieso wäre es schlimm, nicht gelebt zu haben? Was wäre etwa schlimm daran, wenn meine Existenz niemals stattgefunden hätte? Dann wüsste weder ich von mir und könnte meine Nichtexistenz bedauern noch irgendein anderes begrenztes Wesen, das meiner versäumten Geburt eine Träne nachtrauern würde. Wie viele potentiell segensreiche Geburten haben vielleicht niemals stattgefunden? Ist die Welt nicht vielmehr voller Geburten, die uns hätten erspart bleiben können?

 

Natürlich weiß ich, dass mit diesem Satz nicht das Leben im biologischen Sinne, sondern ein ganz bestimmtes Leben gemeint ist. Es ist ein Leben gemeint, das „am Leben teilnimmt“, um eine andere Suggestivformel zu gebrauchen. Damit ist dann meistens gemeint, dass man sämtliche Vergnügungen nutzt, die unsere Gesellschaft zu bieten hat. Am „Leben“ nimmt man also teil, wenn man an Vergnügungen teilnimmt – Leben und Sich-Vergnügen sind mithin dasselbe. Man geht also ins Kino, auf Parties, zum Baden ans Rote Meer und in den Internet-Sexshop, man kauft sich jeden Ramsch, den unsere Konsumwelt zu bieten hat. Wer dazu aufgrund mangelnder finanzieller Ausstattung nicht in der Lage ist, der hat Pech: Er kann nicht „am Leben teilnehmen“, er ist also eigentlich tot. Leben wird gleichgesetzt mit einer bestimmten Form von Leben, mit einer solchen, die unsere Gesellschaft als das angenehme, das bessere Leben definiert. Wer dieses angenehme, bessere Leben nicht in vollen Zügen auskostet, ist für diese Gesellschaft tot. Er ist tot, weil er als Konsument im internen Kundenranking von Banken und Dienstleistungskonzernen nicht vorkommt. Er ist tot, weil er für die Anderen, die Teilnehmenden, die Konsumierenden nicht sichtbar wird, nicht unter ihnen auftaucht. Er ist auch tot – und das ist der Aspekt, der die Pseudo-Esoteriker immer so sehr interessiert – weil er die Lebendigkeit des Sinnesgenusses in sich nicht verspürt. Und diese Lebendigkeit des Sinnlichen ist es doch, weshalb wir leben, nicht wahr?

 

Fragen wir, wenn es erlaubt ist, einmal den Buddha und den Christus, was die dazu meinen. Der Buddha scheint seit seinem Auszug aus dem väterlichen Haushalt nicht mehr daran geglaubt zu haben, dass der Sinnengenuss das erstrebenswerte Ziel dieses Lebens sein sollte. Er scheint ganz andere Vorstellungen von Spiritualität gehabt zu haben. Auf die erste Phase der Askese folgt die zweite Phase des „mittleren Weges“, das lustvolle Leben nicht zu verdammen, aber auch nicht zu suchen, gleichgültig ihm gegenüber zu sein. In seiner Vorstellung besteht ein Kernpunkt des spirituellen Lebens darin, sich von der Gier zu befreien. Gier tritt in grobmateriellen und sehr subtilen Facetten in uns auf, doch im Wesentlichen handelt es sich um zwei wiederkehrende Themen: Es ist die Gier nach materiell-sinnlichen Genüssen und die Gier nach Existenz, nach Leben, die uns fesseln. Beide fesseln uns, so die Erfahrung des Buddha, weil sie uns an dieses Leben binden und damit an die Notwendigkeit, uns immer wieder in ihm zu inkarnieren. Interessanterweise werden beide Komponenten zum einen großen Ideal unserer Gesellschaft verbunden, dem langen, vergnüglichen Leben, wie wir an der Gleichsetzung von Leben und Vergnügen sehen konnten. Nun könnte man sagen: Wenn du kein Problem damit hast, immer wieder in dieser Welt inkarniert zu werden, dann ist doch alles bestens, dann hast du kein Problem mit deiner Gier. Das ist natürlich richtig, würde der Buddha sagen: Wer nicht durchschaut, dass selbst ein noch so angenehmes Leben in dieser Inkarnation unweigerlich voller Leiden steckt, der mag einfach so weiterleben. Aber das ist keine Spiritualität. Für den Buddha beginnt Spiritualität erst an dem Punkt, wo jemand entdeckt, dass diese Welt nicht nur hier und da Leiden enthält, sondern dass sie in ihrer Tiefe, in ihrer Essenz Leiden ist. Die Tatsache der Verblendung, nicht zu wissen, wer man und diese Welt eigentlich ist (also die Trennung vom Göttlichen, wie es in theistischen Religionen heißt) schafft ein Leiden, dessen wir uns oft gar nicht bewusst sind: es trennt uns von der nie versiegenden Quelle allen Glücks, die wir eigentlich sind. Die weltlichen Vergnügungen hingegen halten uns nur davon ab, dieses Eigentliche zu suchen. Sie verstricken uns in Haben-Wollen und Enttäuschung, Ärger, Hass, wenn wir es nicht bekommen. Das Wechselspiel zwischen Wollen und Wut erzeugt das gesamte psychologische Leiden auf diesem Planeten. Es ist nichts als eine Farce zu glauben, man könnte diesem Wechselspiel entkommen, indem man die Bilanz auf der Seite des Wollens erhöht, indem man möglichst alles dafür tut, um gut zu leben oder – in der verkürzten Suggestivformel ausgedrückt: „um zu leben“. Freilich kann man diese Vorstellungen etwas altmodisch nennen, sind sie doch auch 2500 Jahre alt. Aber dann kann man gleich die ganze Lehre des Buddha auf den Müllhaufen der Geschichte schmeißen, denn die Lehre von der Leidensstruktur des Begehrens ist ihr Kernthema.

 

Und Jesus von Nazareth? Hat nicht das Christentum stets die Entwicklung des materiellen Wohlstands oder zumindest die Reichen und ihren Reichtum gefördert? Hat nicht die westliche kapitalistisch-industrialisierte Zivilisation dem Christentum ihre Existenz zu verdanken? Nun ja, die Differenz zwischen Jesus von Nazareth und dem Religionsgebilde Christentum ist ein anderes Thema. Jesus von Nazareth lebte einfach, aber nicht asketisch, wie auch der Buddha. Nicht durch die totale Abkehr von der Welt, so lehrten beide am Vorbild ihres eigenen Lebens, sondern durch das rechte Leben in ihr gewinnt man das Reich Gottes. Aber dieses rechte Leben, das ist nicht durch materielle Güter gesegnet („Eher geht ein Kamel durchs Nadelöhr als ein Reicher ins Himmelreich“), sondern durch Hingabe an Gott und das Durchlässigwerden für seine Liebe zur gesamten Schöpfung. Diese Liebe zu allen Geschöpfen ist schwerlich in Übereinstimmung zu bringen mit der Idee unbegrenzten Konsums. Sie ist ihr zumindest so lange entgegengesetzt, so lange nicht alle von den Möglichkeiten unbegrenzter Sinnesfreuden profitieren und die Gemeinschaft der Tiere und Pflanzen auf diesem Planeten unter unserem Konsum nicht zusammenzubrechen droht. Und selbst dann ist das Reich Gottes nicht von dieser Welt. Es ist von einer anderen, subtileren Qualität als das, was Menschen im Grobsinnlichen erfahren können.

 

Nun mag man sagen, es gäbe spirituelle Lehrer, die das alles anders sahen. Immerhin gibt es den Tantra, gibt es die noch ältere indigene Spiritualität der so genannten Naturvölker (ein schöner, altmodischer Ausdruck, finde ich, der doch nahe legt, wie eng diese Völker noch mit ihrer eigenen Menschennatur verbunden sind), in der alles mit allem verbunden ist und in der es keinen Ausschluss von Sexualität, von Lebensfreude, von Genuss aus dem spirituellen Bereich geben kann. Das ist wahr und völlig richtig. Aber dann muss man auch dazu sagen, dass sowohl im Tantra als auch in diesen Kulten, den Urkulten der Menschheit, das Weltliche im Spirituellen aufgehoben ist und nicht umgekehrt. Das Sammeln süßer Früchte dient dem Yanomami zum sinnlichen Genuss, aber es ist in seinem integrierten Weltbild ein völlig spiritueller Akt. Er sammelt nicht nur Früchte, er kommuniziert dabei zugleich mit den Fruchtgottheiten, der Mutter Erde, die ihm diese Geschenke darbringt. Alles geschieht, weil die Vorfahren, die von den Göttern abstammten oder hervorgebracht wurden, es so eingerichtet haben, alles geschieht in spiritueller Ordnung. Desgleichen im Tantra: Der Tantra ist nicht gedacht als Entschuldigung für den spirituellen Menschen, um sich eine Auszeit von der spirituellen Übung nehmen zu dürfen, indem er einmal ordentlich einen drauf macht. Der Tantra ist die spirituelle Übung in jeder Lebenssituation, und zwar gerade in derjenigen, die Begierde am stärksten entfacht. Begierde wird im Tantra zu spiritueller Energie umgewandelt, sie ist kein Selbstzweck, ganz im Gegenteil: sie ist nur erwünscht, weil sie nützlich ist, um damit ihre eigene Überwindung zu praktizieren.

 

Wenn ich von jemandem den Satz höre: „Es ist wichtig, gelebt zu haben“, dann denke ich, dass dieser Mensch nicht spirituell praktiziert. Seine Vorstellung von einer spirituellen Praxis scheint sich vermischt zu haben mit dem, was unsere Wohlstandgesellschaft als ihre eigene „Spiritualität“ lehrt. Dafür gibt es ein Wort: Hedonismus. Man könnte auch „Konsumismus“ sagen: Das Prinzip, dass ich glücklich bin, wenn ich möglichst viel an Sinnesreizen erfahre und dass ich dazu Geld ausgeben muss. Tue ich das nicht, dann lebe ich so, als wäre ich tot. Und wer – außer ganz besonders depressiven Menschen – will schon tot sein? Ich persönlich halte diese Einstellung für das Produkt einer antispirituellen, materialistischen Kultur, für die es nichts jenseits des sinnlich erfahrbaren Bereichs gibt. Ich halte diese Einstellung für spirituellen Unsinn, für eine Lüge, für eine böswillige Täuschung. Ich glaube nicht daran, dass diese Form des Lebens das ist, was zu Glück führt, sondern zu Unglück, zu Anhaftung an eine Existenz, die überwunden werden will. Es sei denn, man gründet eine Sekte des heiligen Konsums, wie die freiwillig unkomischen Parodisten der „Church of Stop Shopping“ es taten (oder eben nicht), eine Sekte, die sich in den Tempeln der erdumspannenden Macht, den großen Einkaufszentren und Shopping Paradiesen samstags nachmittags zum heiligen Kaufrausch trifft und die nur eine große Vision besitzt: eine Welt des unbegrenzten Konsumierens, eine Welt, in der alle Menschen mit unnützen materiellen Gütern versorgt sind und in der eine wundersame Pille alle dann noch übrigen Leiden vertreibt. Eine solche schöne neue Welt lässt sich errichten. Aber sie hat nichts mit einer spirituellen Welt zu tun. Sie ist nicht das Paradies, das alle spirituellen Traditionen schon immer hinter dieser materiellen Wirklichkeit erkannten, erfahren haben. Es gibt diese andere, hintergründige Wirklichkeit, das ist ihre Botschaft, und indem wir diese sinnliche Welt hinter uns lassen, gelangen wir in Sphären, in denen wahres Glück zu finden ist. Diese Welt ist nur die Außenseite von jener. Das ist die Botschaft der spirituellen Lehrer. Das Glück im Sinnesgenuss dieser Welt zu finden, ist Spiritualität entgegengesetzt.

 

Wer Angst hat, nicht gelebt zu haben, wenn er sich in ein Kloster, eine Einsiedelei oder einfach in sich selbst zurückzieht, wenn er in (freiwilliger) Armut lebt oder einfach auf die meisten so genannten Vergnügungen verzichtet, der hält offenbar diese Existenzform für ungemein wichtig. Er glaubt, dass dieser Körper und seine Freuden das wichtigste sind, das es zu erhalten gilt. Er glaubt folglich weder an eine Existenz jenseits dieses Körpers noch ein Glück, das höher ist als das irdische. Er fürchtet sich, das einzige aufzugeben, das sein Verstand und seine irdischen Sinne als erstrebenswert erkennen können: das kleine, einfache Glück dieses Lebens. Ihm bedeutet „gut“ leben stets materiell-sinnliches Leben. Das Leben des Eremiten oder der Nonne macht ihm Angst. Das ist wohl die Verfassung der meisten Wesen in dieser Existenzform. Es ist ein natürlicher, selbstverständlicher Reflex: da weiß ich, was ich habe (was mein Ego hat). Da bekomme ich meinen irdischen Lohn, da gibt es keinen Betrug, denn ich sehe ja, was ich herausbekomme. Dass genau dies für den wahrhaft spirituellen Menschen eben der Betrug ist, der unserer gesamten Existenz zugrunde liegt, erkennt er nicht.

                           

Es mag schwer sein, das zu akzeptieren, aber wer die alten Traditionen verwässert, indem er eine „moderne Note“ einführt und die Sinnenfreuden um ihrer selbst willen zum Teil des spirituellen Weges erklärt, macht sich schuldig, die wertvollen Botschaften der spirituellen Pfade in ihr Gegenteil zu verkehren. Er macht sich zudem an denjenigen schuldig, die nicht Teil der schönen neuen Konsumwelt sein können, weil sie zu unser aller Nutzen in Armut und Hunger dahinvegetieren müssen. „Leben“ mit materialistischem Vergnügen gleichzusetzen ist ein sarkastischer Hohn auf diejenigen, die nicht einmal biologisch leben dürfen, damit wir konsumieren können, was sie benötigten. Es ist zudem eine suggestive Botschaft, die diabolischer nicht sein könnte, um uns vom spirituellen Pfad abzubringen: Konsum macht frei, macht lebendig. Ich glaube nicht an diese geschickt platzierten Werbebotschaften einer Ideologie, die das, was sie hasst, nicht bekämpft, sondern infiltriert und schließlich einverleibt, wie schon die Frankfurter sozialwissenschaftliche Schule in den 1960er Jahren wusste: Spiritualität wird bei uns – anders als im realen Sozialismus – nicht plump bekämpft, die alles beherrschende Wirtschaft macht sich auch dieses ihr eigentlich so völlig entgegen gesetzte Gebiet zu nutze und züchtet „spirituelle“ Konsumidioten, die glauben, auf dem Pfad zur Erleuchtung schade es nichts, gut zu leben. Es schadet auch nicht. Aber es nützt auch nichts. Und – das ist das Entscheidende – das so genannte „gute Leben“ ist nicht der Pfad zur Erleuchtung! Das wahre gute Leben ist ein solches, das allein dem spirituellen Fortschreiten dient. Was dabei auf der weltlichen Ebene an Genüssen stattfindet oder nicht stattfindet, spielt schlicht und ergreifend keine Rolle. Für Jesus von Nazareth wie für den Buddha war weder Sinnengenuss noch sein Gegenteil, selbstkasteiende Askese, der Weg, den sie selbst gingen. Es spielte einfach keine Rolle, ob man viel oder wenig Spaß im Leben hatte. Spaß ist gleichgültig. Spaß wird im Leben des spirituellen Suchers ersetzt durch die tiefe Freude der Einheit mit dem göttlichen Geist. Diese Verbindung mit Gott oder dem Erleuchtungsgeist anzustreben, das allein ist Ziel und Weg der spirituellen Suche. Dass der kosmische Geist sich auch im Materiellen manifestiert, macht das Materielle noch längst nicht zu Gott.