Zeitschrift für Spiritualität und Transzendentale Psychologie 2013, 3 (1)


Modernes Heidentum – Asatru

Eine kurze Skizze

GardenStone

 

 

Wenn von Religion die Rede ist, denken viele Menschen noch immer zuerst an die großen Weltreligionen Christentum, Islam und Buddhismus, die sogenannten Offenbarungsreligionen.

 

Daneben gibt es auch in Europa mehrere neuheidnische Religionen, deren Wurzeln weiter zurückreichen als die Ursprünge erstgenannter Religionen und die gemeinhin unter dem Überbegriff Naturreligionen zusammengefasst werden.

 

Ein skizzenhafter Vergleich von Offenbarungs- und Naturreligionen zeigt:

 

Offenbarungsreligionen

-        sind fast immer monotheistisch

-        Gott offenbart sich zu bestimmten Zeiten bestimmten Personen (Propheten) und der Inhalt dieser Offenbarungen umfasst religiöse und gesellschaftspolitische Handlungsanweisungen, die zu befolgen sind.

-     Inhalt und Basis der vermittelten Information sind nicht empirisch zugänglich, sondern sind unverfügbar und unableitbar.

-        Neue Offenbarungen finden immer statt in einer Umbruch- oder Krisensituation und dienen der gesellschaftlichen Stabilisierung.

- Sozial- und gesundheitspolitische Regelungen werden gleichfalls als Offenbarungen ausgegeben, weil sie damit ohne weitere Begründung Rechtsstatus erlangen können.

-        Kirchen usw. werden als Wirkung der Offenbarung(en) gesehen.

-        Aus der Offenbarung leitet sich ein absoluter Wahrheitsanspruch ab.

Naturreligionen

- sind gekennzeichnet durch Ihren Polytheismus.

-        Erkennen Naturkräfte an als ursprünglich, elementar und alles durchdringend, was belebt und unbelebt ist.

-      Es gibt keine Interpreten, die aufgrund ihrer Sicht religiöse und gesellschaftspolitische Handlungsweisen vorschreiben, keine Mittler zwischen Menschen und Göttern, keine authentische Religionsurkunde, keinen Gründer und keine fixierten Lehren.

-       Grundlage ist die Sicht, dass Götter nicht außerhalb ihrer eigenen Schöpfung stehen. Sie sind Teil davon und agieren in Wechselwirkung mit den Menschen.

-  Die Seele ist nicht eine Art höheres ätherisches Wesen, das als Gegensatz zum physischen Körper angesehen wird.

-   Vernetztes Denken im Gegensatz zum linearen und zielorientierten Denken wird bevorzugt. Nicht einfache Kausalität, sondern die Verknüpfung aller Dinge wird beachtet.

 

Naturreligionen werden manchmal auch Erfahrungsreligionen genannt, wobei mit ‚Erfahrung‘ eine besondere Art des Glaubens gemeint ist, die sich von dem hier verbreitetsten Glaubensverständnis in den westlichen Industrienationen grundsätzlich unterscheidet. Statt der Frage „Glaubst du an Sturmgötter?“ müsste es heißen: „Bist du bereit, den Sturm als Ausdruck einer oder mehrerer Gottheiten anzuerkennen?“ Die Frage „Hast du schon einmal einen Waldgott gesehen?“ ist ebenso falsch, denn es muss heißen: „Hast du je im Wald ein Erlebnis gehabt, das dich davon überzeugte, dass ein Waldgott sich dir auf besondere Weise gezeigt hat?“ Das macht auch klar, dass die Elemente an sich und Naturerscheinungen keine Gottheiten sind, sie sind Medien, in denen Gottheiten sich zeigen und mit uns kommunizieren.

 

Die Denkart ‚sich die Natur untertan zu machen‘ passt daher auch nicht zur Naturreligion, denn sie impliziert den Versuch, sich die Götter untertan zu machen! Und die Götter lassen nicht mit sich spotten. Menschen stehen nicht über der Natur, sie sind daher auch nicht deren Hüter, sie sind Teil der Natur.

 

Einer dieser heidnischen Naturreligionen ist Asatru. Mit Asatru wird sowohl die Religion als auch einer oder mehrere ihrer Anhänger bezeichnet. Die sinngemäße Übersetzung von Asatru, so wie sie heute innerhalb der weltweiten Asatru-Gemeinschaft akzeptiert wird, lautet: ‚Treue zu den Göttern‘ oder ‚der Götter Getreue‘.

 

Alle heidnischen Götter der germanischen Völker aus unterschiedlichen Epochen und Gebieten – von den ersten Jahrhunderten der Zeitrechnung inner- und außerhalb des Römischen Reiches bis zur Zeit Karls des Großen, aus dem angelsächsischen Bereich und von den späteren nordischen Wikingern – bilden heute das Asatru-Pantheon. Dazu gehören die bekannten Gottheiten wie Wodan, Frigga, Donar und Freyja aber auch viele weniger bekannte wie z. B. Tanfana, Holle, Maguzjaz, Nehalennia und Forseti. Insgesamt sind es weit über hundert Göttinnen und Götter. Diese werden aber nicht alle von jedem Asatru verehrt, meistens hat jede und jeder einige bevorzugte Gottheiten, mit denen man sich verbunden fühlt. Durch kleine und größere Rituale, die entweder allein oder in Gruppen praktiziert werden, wird der Kontakt und diese Verbundenheit immer wieder erneuert. Aber nicht nur Götter, auch Haus- Feld- Wald- und Wassergeister werden nicht vergessen. Überregionale Vereinstreffen sind für die Teilnehmer in sozialer und religiöser Hinsicht jedes Mal wieder Höhepunkte und reich an Möglichkeiten richtig ‚aufzutanken‘.

 

Auf die Frage, was denn Asatru nun so genau für eine Religion sei, gibt es mehrere Antworten, aber in Kurzform umfasst sie:

 

1.       Asatru ist eine junge und zeitgemäße Religion. Sie baut auf überliefertes Wissen der alten Germanen und Wikinger auf, ist aber dennoch jung, denn es gibt keine nachweisbare ununterbrochene Entwicklungslinie vom Glauben der alten Germanen bis zur heutigen Asatru. Deshalb ist der der Begriff Wiederentdeckung passender. Aber auch das stimmt nicht ganz, denn dafür müsste es ausreichende Kenntnisse über die religiöse Praxis früherer Zeiten geben. Daran mangelt es aber. Asatru ist daher keine Jahrtausende alte Religion, wie oft so gerne geglaubt wird. Das mindert ihren Wert und ihre Validität aber nicht im geringsten!

2.     Asatru ist deshalb eine (re)konstruierte Religion. Das bedeutet, dass auf Basis des Wissens aus Geschichte und Mythologie der Germanen versucht wird, die Grundlagen germanischer Religionen zu (re)konstruieren und aus diesen ein praktikables Glaubenssystem zu formen. Die vielen Wissenslücken werden dabei in geeigneter Form ausgefüllt. Da es an überliefertem Wissen mangelt, kann nicht von einer echten Rekonstruktion gesprochen werden, es handelt sich zum größten Teil um eine neue Religion.

3.      Asatru ist eine Naturreligion. Dies gilt in dem Sinn, dass sie die Merkmale erfüllt, die zuvor bei ‚Naturreligionen‘ genannt wurden. Aber der Begriff naturbezogen passt eher, weil damit das Wechselverhältnis zwischen Mensch und Natur (dabei sind die Götter eingeschlossen) besser charakterisiert wird. Das geht freilich nicht ohne ein Mindestmaß an Umweltbewusstsein; eine Umwelt, in der nicht nur die Götter sich vielseitig manifestieren, sondern auch die vielen anderen ‚Wesen‘, die Asatru kennt, leben, wie z. B. die verschiedenen Landgeister. Es gibt in Asatru keine einheitliche Darstellung, wie nun genau so eine Nähe zur Natur und den darin lebenden Geister erlebt wird, das kann und darf für Jeden und Jede unterschiedlich sein; das Spektrum geht hier von der kognitive Anerkennung der Natur und Respekt für sie generell und die vielen körperlichen und unstofflichen Wesen, die darin wohnen, bis zu einer starken spirituellen Bezogenheit auf Aspekte davon. Das ist alles individuell und Gruppenrituale ändern das auch nicht.

4.     Asatru hat als zentrale Begriffe Treue zu den und Vertrauen in die Götter. Das impliziert ein Partnerschaftsverhältnis, bei dem Treue von beiden Seiten Bedingung ist. Es besteht eine wechselseitige Abhängigkeit. Götter und Menschen brauchen einander. Innerhalb des beiderseitigen Treueverhältnisses ist das Opfer eine wichtige Kommunikationsform; es ist die menschliche Initiative, mit den Göttern in Kontakt zu treten. Den Göttern wird etwas geschenkt, entweder als Dank für eine empfangene Gabe, oder weil eine nachfolgende Gegengabe erwartet wird.

5.     Asatru ist keine einheitliche Religion. Asatru bezieht sich auf Überlieferungen aus unterschiedlichen Epochen, auf unterschiedliche Völker und auf unterschiedliche Interpretationen der vorhandenen Informationen. Gleichwohl trennen diese großen Unterschiede nicht, eher im Gegenteil, sie regen an zu Austausch und Diskussionen, die das Wir-Gefühl verstärken.

6.     Asatru ist eine Erfahrungsreligion. In der Asatru ist die Existenz der Götter eigentlich nicht so sehr eine Sache des Glaubens im gängigen Sinne. Die historischen Germanen glaubten nicht an ihre Götter, sie erfuhren sie und lebten nach diesen Erfahrungen. Götter zeigen sich im Wirken der Natur im weitesten Sinne, und dieses Wirken erfahren Asatru auch heute noch jeden Tag. Durch das Feuer, durch den Wind, durch das Wachsen der Pflanzen und viele andere Erscheinungen erfahren Asatru Manifestationen der Götter, die darin ‚Atmosphären‘ erschaffen, in denen Menschen ihnen begegnen können, ihre Nähe spüren und mit ihnen kommunizieren.

7.     Asatru versteht sich als eine Ahnenreligion. Damit meinen Asatruar, dass das Leben durch die Seelen der verstorbenen Vorfahren mitbestimmt wird. Die Vorfahren werden deshalb auch in Ehren gehalten, denn dieses Mitbestimmen wird durchaus positiv gesehen. Die Toten nahmen bei den Germanen eine wichtige Stelle ein. Sie lebten im Jenseits weiter, auf ähnliche Weise wie die lebendigen Menschen im Diesseits. Auch wenn verstorben, blieben sie Teil der Sippe (Familien- und Verwandtschaftsgruppe). In ihren Grabhügeln waren die Ahnen Wächter über das Glück der Nachkommen. Ahnen ist ein anderes Wort für Vorfahren, damit sind alle verstorbenen Männer und Frauen gemeint, von denen man abstammt. In der Asatru heute geht es aber nicht um die Frage, ob man durch eine biologisch-genetische Linie mit irgendwelchen historischen Germanen oder Wikingern aus der Zeit, als sie noch nicht christianisiert waren, verbunden ist. Abgesehen vielleicht von seltenen Einzelfällen gibt es dafür keine Beweismöglichkeit. Für Asatru geht es darum, die eigenen Ahnen in Ehren zu halten, unabhängig davon, welche religiöse Auffassungen sie hatten. Zu den Ahnen gehören Großeltern, Onkel und Tanten, Neffen und Nichten, Cousins und Cousinen, und das über viele Generationen zurück. Unter diesen Voraussetzungen kann jeder Mensch im Prinzip Asatru sein, unabhängig davon, ob es irgendeine genetische Verbindung zwischen ihm und den historischen Germanen und Wikingern gibt.

8.      Asatru versteht sich als ethnische Religion. Hier geht es um Inhalte, die viele Asatru für ihre Religion sehr wichtig finden, gemeint wird im Prinzip eine Gruppe Menschen, deren Gruppenidentität auf einem Glauben an eine gemeinsame Abstammung und Kultur basiert. Kleidung, Schmuck, Brauchtum, Religion und oft auch Sprache sind dabei die Mittel, mit denen man sich dabei nach innen und außen profiliert. Abgesehen von überlieferten Relikten handelt es sich auch hier meistens um Neubildungen. Es gibt hier innerhalb Asatru mehrere Strömungen. Es gibt die Auffassung, dass jemand genetisch jedenfalls teilweise von den heidnischen Germanen abstammen sollte, um ‚richtiger‘ Asatru sein zu können, andere sehen das ohne solch ein Dogma und meinen, dass Asatru für jeden offen steht, der oder die sich wirklich von Herzen davon angezogen fühlt.

 

Insbesondere in Deutschland haben Asatru oftmals zu kämpfen mit Teilen einer ‚Außenwelt‘ die, sobald das Wort Asatru fällt oder jemandem begegnet wird, die oder der einen Thorshammer um den Hals trägt, Rechtsextremismus unterstellt. Durch viele Gespräche wird versucht, das zu korrigieren. Auch hat z. B. der Asatruverein „Eldaring“ eine ganz klare öffentliche Distanzierung von jeglicher rechten politischen Gesinnung vorgenommen und wird keine Mitglieder akzeptieren, die eine solche Gesinnung proklamieren. In der Praxis hat es sich gezeigt, dass der Verein keine ‚braune Unterwanderung‘ zu fürchten braucht, ein religiöser Verein, der sich hauptsächlich nach innen um seine Mitglieder kümmert, scheint nicht interessant zu sein für so etwas. Anhänger der Asatru Religion findet man in vielen Lagern der politischen und wirtschaftlichen Landschaft.

 

Wenn ein Mitglied der Asatru heute behauptet, seine Religion sei die Fortsetzung der alten Religion der Germanen, dann darf und soll man eine solche Aussage seiner Unwissenheit zuschreiben. Schon genauer wäre zu sagen, dass Asatru ihre Wurzeln sucht in den religiösen Vorstellungen der isländischen oder norwegischen Germanen oder der Wikinger oder der Germanen, die in den ersten Jahrhunderte der Zeitrechnung in West- und Mitteleuropa wohnten. Auch dann bleibt der Bezug ungenau und beruht hauptsächlich auf nicht-wissenschaftlichen Rekonstruktionen, aber die Aussage kommt den tatsächlichen Umständen schon etwas näher. Aber nicht nur geografisch, sondern auch zu verschiedenen Zeitepochen hat es große Unterschiede gegeben.

 

Asatru versuchen nach einem Kanon von erstrebenswerten Tugenden zu leben. Teilweise sind diese neu, teilweise werden sie aber auch den heidnischen Germanen aus früher Zeit zugeschrieben; nicht weil es schon damals so einen ‚Kanon‘ gegeben hätte, sondern auf Grund vieler historischer Berichte und mythologischer Darlegungen, die dann entsprechend interpretiert werden. So haben sich z. B. sowohl einige römische Kaiser als auch der Hunnenführer Attila mit einer germanischen Leibwache umgeben, nicht nur, weil diese nicht nur ausgezeichnete Krieger waren, sondern auch, weil sie auf deren gegebenes Versprechen der Treue und Loyalität bauen konnten. Dafür gab es sicher auch entsprechendes Entgegenkommen der jeweiligen Herrscher.

 

Auch gibt die Edda, das Buch der nordischen Mythologie, an mehreren Stellen klare Verhaltenshinweise, eine Grundlage für die ‚noblen Werte‘, die in ihrer jetzigen Form und Zusammenstellung aus heutiger Zeit stammen. Oftmals wird von neun solcher Werte gesprochen, manchmal wir das zu zwölf ausdifferenziert.

 

Diese Werte sind religiös begründet, denn das Leben nach den Werten ist von großem Einfluss auf das ‚Wyrd‘, das ist das individuelle Schicksal, das im germanischen Glauben nicht unveränderlich, sondern in bestimmten Grenzen bestimmbar ist. Außerdem bereitet jeder Mensch durch sein Handeln den Nährboden für neue Taten, der Endpunkt einer Handlung ist der Ausgangspunkt der nächsten und dieser Nährboden beeinflusst wiederum das Wyrd.

 

Die ‚nobel‘ genannten Tugenden sind:

-      Kühnheit, Mut und Tapferkeit braucht man, um den Aufgaben und Problemen des Lebens entgegen zu treten, auch wenn diese manchmal ängstigen. Angst ist oft ein schlechter Ratgeber, blockiert mögliche Lösungen eines Problems oder die Erfüllung einer Aufgabe. Es braucht ebenfalls Mut, die eigenen Stärken und Schwächen entdecken zu wollen und sich selbst zu akzeptieren.

-    Standhaftigkeit, Zähigkeit und Ausdauer sind unabdingbar, um gesetzte Ziele zu erreichen, Probleme zu lösen oder an sich zu arbeiten. Jedem begegnen im Leben Situationen, bei denen Durchhaltevermögen erforderlich ist und Aufgeben nicht in Frage kommt.

-     Treue versteht sich als ein Verhalten, das bei Freunden, Verwandten, Arbeitgebern und allen anderen Menschen, mit denen man zusammenkommt, Vertrauen begründet. Man soll in den Augen Anderer jemand sein, auf den gebaut werden kann. Dazu gehört, eingegangene Verpflichtungen einzulösen, freiwillige Versprechen einzuhalten und das eigene Wort ernst zu nehmen.

-      Großmut und Großzügigkeit sind besondere Stärken und in unserer Gesellschaft oft auch eine Notwendigkeit. Wer in Not ist, dem muss geholfen werden, andere sollen so akzeptiert werden, wie sie sind. Dem liegt die Überzeugung zugrunde, dass nicht jeder Mensch mit den gleichen Chancen und Möglichkeiten auf die Welt gekommen ist, nicht nur in materieller Hinsicht, sondern auch in Bezug auf erfahrene elterliche Fürsorge, Erziehung und Bildung.

-         Gastfreundschaft und Gastlichkeit waren schon bei den Germanen Kernwerte. Tatsächlich gab es noch kein geordnetes Hotelwesen, und es hätte für manch einen das Todesurteil bedeutet, die Nacht im Freien verbringen zu müssen. Gastfreundschaft bedeutet selbstverständlich auch, als Gast die Lebensweisen der Gastgeber zu respektieren.

-        Sanftmut, Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit bedeuten, sich offen und aufrichtig zu verhalten, und zwar ohne Aggressivität. Es geht gerade nicht darum, jemandem „die Wahrheit ins Gesicht zu sagen“, was häufig einer Kampfansage gleichkommt. Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit sind zuerst einmal Haltungen, die sich auf das eigene Verhalten beziehen, sie schließen Hinterlist und Hinterhältigkeit aus.

-      Rache und Vergeltung war bei den alten Germanen Teil der Rechtspflege. Es gehörte zu den Pflichten eines freien Mannes – wenn nötig auch einer Frau – Rache oder Vergeltung zu üben, wenn einem Verwandten körperlicher oder materieller Schaden zugefügt worden war. Asatru können heute den Weg über Anzeige und Verurteilung durch Gerichte gehen, damit Schuldige nach den geltenden Gesetzen bestraft werden. Rachegefühlen selber nachzugeben bedeutet, absichtlich die Gesetze der Gesellschaft zu verletzen, denn in unserem Rechtsstaat ist Selbstjustiz als Rache die Fortsetzung von Unrecht.

-    Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit: In unserer Gesellschaft wird die formale Gleichheit durchbrochen durch hierarchische Verhältnisse in der Arbeitswelt und der Politik, ungleiche Wertigkeit je nach Schulbildung, Konsumgewohnheiten (Kauf von Markenartikeln) und andere Merkmale, die Menschen angeblich mehr oder weniger wertvoll machen, was völlig dem Menschenbild der Germanen widerspricht. Deshalb ist die Tugend der Gleichwertigkeit eine der wichtigsten für Asatru und auch eine, deren Erlangung die größten Schwierigkeiten bereitet.

-         Loyalität und Freundschaft sind Werte in mitmenschlichen Beziehungen, mit deren Einhaltung man seine Verlässlichkeit zeigen kann. Galt früher die Loyalität dem gewählten Anführer oder dem Lehnsherrn, so ist es heutzutage hauptsächlich die Arbeitswelt, wo sie eine Rolle spielt. Es handelt sich allerdings um eine Tugend, deren Einhaltung von beiden Seiten gefordert wird. Während Loyalität gefordert werden kann, beruht Freundschaft auf der bewussten Wahl, einen bestimmten Menschen aus Sympathie zum Freund oder zur Freundin haben zu wollen. Freundschaft ist ein Teilen und Mitteilen im sehr persönlichen Bereich, Freunde freuen sich gemeinsam und streiten sich, sie loben einander und kritisieren sich wenn nötig, sie trösten sich und helfen sich gegenseitig in der Not.

-      Freiheit, Selbstbestimmung und Toleranz waren schon den Germanen wichtig genug, um dafür gegen die Römer und andere Invasoren zu kämpfen und ihr Leben zu geben. In unserer Demokratie regelt das Grundgesetz das größtmögliche Maß an Selbstbestimmung für Bürgerinnen und Bürger. Freiheit bei den Germanen war immer die Freiheit in der Gemeinschaft, wer sich außerhalb stellte, war nicht frei, sondern verbannt und hatte unter den damaligen Umständen wenig Überlebenschancen. Heute bedeutet Schutz der Freiheit, für ein Verhalten einzutreten, das die Freiräume in der Gemeinschaft nutzt und nicht ihre Reglementierung herbeiruft. Kernpunkt bei Freiheit und Selbstbestimmung ist immer, dass die individuelle Würde gewährleistet bleibt und die Erkenntnis, dass Freiheit und Selbstbestimmung Hand in Hand gehen mit Selbstverantwortlichkeit. Toleranz bedeutet hier das Dulden und Akzeptieren von Meinungen, Überzeugungen, Glauben und Handlungen Anderer, solange sie dir keinen Schaden zufügen.

-   Wissen und Weisheit Wissen ist zuerst einmal die Erkenntnis der eigenen Wünsche und Einstellungen. Die Einsicht in die gesellschaftlichen Tendenzen und Mechanismen, um diese ablehnen oder akzeptieren zu können, dies alles macht den Prozess des Wissenserwerbs zur Erlangung von Weisheit aus. Wissen gepaart mit der Fähigkeit, dieses in Beziehung zu setzen zu Wünschen, Zielen, Gedanken und Empfindungen – eigenen oder denen eines Ratsuchenden - macht den Weisen aus.

-        Arbeitsamkeit und Fleiß waren bei den alten Germanen selbstverständlich und erforderlich; ohne sie gab es kein Überleben. Arbeit nur für das eigene Wohlergehen ist für Asatru nicht ausreichend. Die Gemeinschaft sollte ebenso wichtig sein und das bedeutet, Initiative zu entfalten, in Vereinen oder kulturellen Organisationen mit zu arbeiten. Auch eine Asatru-Gruppe kann mehr tun, als nur für sich zu sorgen.

 

Diese Werte sind sicherlich keine bindenden Vorschriften. Sie dienen als Leitfaden, als erstrebenswert. Da Asatru keine besseren Menschen sind als Anhänger anderer Religionen, sollte man auch nicht erwarten, dass ein Asatru immer arbeitsam und fleißig ist, immer tapfer, immer freundlich usw. Den Weg dieser Tugenden zu gehen, ist oftmals steinig und wenn dann ein einfacher Weg daneben liegt, ist die Verführung groß, den steinigen Weg auch einmal zu umgehen.

 

Asatru kennt wie praktisch jede Religion magische Aspekte, jedenfalls im weitesten Sinn, wenn z.B. in Ritualen Kontakte zu den Göttern aufgebaut werden. Darüber hinaus hat Asatru in dieser Hinsicht aber reichlich mehr zu bieten: Es gibt die Runen, die nicht nur Schriftzeichen waren so wie unser Alphabet, sondern auch magische Bedeutung hatten. So wurden z. B. auf Gräber Runeninschriften gefunden, die verhindern sollten, dass der Verstorbene wieder ins Leben zurückkehrt und seine vorherige Stellung und Reichtümer wieder einfordert. Auch gibt es aus Wikingerzeiten die Geschichte, dass magische Zeichen, eingeritzt in ein Trinkhorn, davor schützen, dass der Trinker vergiftet wird, denn dann sollte das Horn rechtzeitig zerspringen. Da die Germanen ihre Erfahrungen, Rituale und magische Praxis nicht schriftlich festgehalten haben, kann es keine Rekonstruktion geben und die heutige Runenmagie ist eine Neubildung – überlieferte Fragmente wurden dabei kombiniert mit magischer Praxis aus anderen europäischen Magierichtungen und nordasiatischen Kulturen. Siehe dazu auch das Buch „Germanische Magie“ vom gleichen Autor, das neben historischen und mythologischen Hintergründen eine Fülle an runenmagischer Praxis bietet.

Zudem gibt es die germanischen Formen des Schamanismus, oftmals mit einem Sammelwort als „Seid“ oder „Seidhr“ bezeichnet. Auch hier trifft die vorherige Bemerkung der Neubildung zu; Seid ist gegründet auf fragmentarische Überlieferung aus der Wikingerzeit und Praxis anderer Kulturen (Lappland, Tuva usw.). Zu Seid gehören Trancereisen, Trance-Vorhersagung und die entsprechenden Techniken den Trancezustand zu erreichen, aber auch Zaubergesang (Galdr) und das ‚Draußensitzen‘ an geeigneten Stellen, um mit Göttern, Geistern oder Verstorbenen zu kommunizieren.

 

Es gibt auch die Ansicht, alle germanische magische Praxis könnte Seidhr genannt werden, eingeschlossen die vielen Möglichkeiten der Runenmagie und des Vorhersagens mittels Runenwerfen. Zu diesen schamanischen Themen bietet z. B. Christian Kordas, Asatru und Eldaringmitglied, über seine Website www.seidhr.de Vorträge, Workshops und Seminare mit verschiedenen Schwerpunkten an.

 

Es mag jetzt vielleicht deutlich geworden sein, das Asatru keine einheitliche, klar strukturierter Religion ist, basierend auf einer ‚Bibel‘ und mit einer Liturgie. Zwar bieten Vereine Ritualstrukturen an, diese sind aber nicht bindend, es sind Hilfen, die man annehmen oder ablehnen kann ohne dadurch Asatru zweiter Klasse zu werden. Asatru sind bewusst „gläubige Individualisten“, die zu Recht stolz darauf sind, dass Glaubensinhalte nicht von irgendeiner Instanz vorgeschrieben werden – Asatru als ‚neue Religion‘ wird demnach sehr unterschiedlich mit Inhalten gefüllt, diese können manchmal sogar konträr zu einander sein. Dennoch zelebrieren Asatru mit solchen Differenzen zusammen Rituale, diskutieren, plaudern, feiern zusammen in allseitiger Akzeptanz und mit Respekt – religiöse Differenzen innerhalb Asatru trennen in diesem Sinn nicht, sie verbinden eher.

 

Literatur:

Dieser Beitrag beruht auf dem Buch „Germanischer Götterglaube“ vom gleichen Autor. Darin befindet sich auch eine ausführliche Liste von Literaturquellen. Das Buch ist beim Autor direkt bestellbar (siehe unten).

 

Über den Autor:

Der Autor GardenStone ist Niederländer, er wohnt in Deutschland im Taunus und ist langjähriger praktizierender Heide und Asatru-Mitglied im Eldaring, Deutschlands größtem Asatruverein (www.eldaring.de). Er schrieb mehrere Bücher, einige davon sind sowohl auf Englisch als auch auf Niederländisch übersetzt.

Kontaktmöglichkeiten:

Webshop: http://www.hg-shop.eu

E-Mail: GardenStone@boudicca.de

Facebook: https://www.facebook.com/GardenStone