Zeitschrift für Spiritualität und Transzendentale Psychologie 2013, 3 (1)


Editorial

 

 

 

Die Ausgabe 1/2013 von ZSTP wartet mit den folgenden Hauptartikeln auf Sie: Bernhard Wegeners psychohistorische Studie über die Geschichte menschlicher Ängste betrachtet die Angst im Kontext der abendländischen Kultur, vor allem aber der abrahamitischen Religionen. So findet sich Angst als kollektives Phänomen in der Antike in Gestalt der Grundangst vor dem Tod, aus der der Mensch sich durch die Annullierung des Todes beispielsweise in der christlichen Frohen Botschaft errettet. Angst als Zeitphänomen des Mittelalters wird aufgrund der Bedrohlichkeit der Umwelt und der unsicheren sozialen Umstände als Realangst verständlich. Die Aufklärung schließlich schafft in der Verdrängung des Irrationalen eine neue Form der Angst, der Angst vor dem Dasein in der Welt, die „Weltangst, grenzenlose Einsamkeit“ und „Horror vacui“ ist. Die Angst des modernen Menschen in seiner unsicheren, exzentrischen Position in der Welt ist ein Existential, ein konstitutiver Bestandteil menschlichen Daseins in einer spezifischen gesellschaftlichen Position. Aus der Omnipräsenz der Angst in der Geschichte der Menschheit schließt der Autor, dass die Psychologie die Angst als Existential nicht beseitigen, sondern nur die konkreten Ängste zu überwinden helfen kann. Nach der Lektüre seines Beitrags möchte man der Psychotherapie mit auf den Weg geben, die spezifischen Ängste durch eine existentielle Perspektive zu therapieren, indem man die Frage nach dem Letzten hinter allen Ängsten stellt und für den religiösen Menschen durch die Gewissheit, dass nichts im letzten Sinne ängstigen kann, beantwortet.

 

In Sohaila Javeds Text The dialectic of submission sehen wir ein sehr gutes Beispiel einer modernen Form der mystischen Reflexion, jenseits traditioneller religiöser Abgrenzungen, aber in Übereinstimmung mit ihnen. Der Aufsatz stellt eine klassische mystische Reflexion dar, die in einer islamischen, speziell sufistischen Position gründet, aber alle Abrahamitischen Traditionen in der weiten Perspektive einer vereinten mystischen Erfahrung des einen Gottes einschließt. Die von der Autorin dargestellte mystische Hauptpraxis ist die Praxis des Gebets in seiner Form als verbale und emotionale Kommunikation, aber wesentlich in seiner Eigenschaft als Unterwerfung unter das Eine.

 

Was soll eine Kultur tun, wenn sie die Wurzeln ihrer eigenen Naturspiritualität, ihren eigenen indigenen Schamanismus verloren hat? Sie muss sie neu (er)finden. Ganz Europa geht es so, dass nur noch Reste im so genannten Aberglauben ländlicher Regionen auf die frühere naturverbundene Spiritualität unserer Vorfahren hinweisen: der Glaube der Alpenregion, den Paracelsus aufgriff und systematisierte,[1] der Hexenglaube, der um die Mitte des 20. Jahrhunderts noch in vielen ländlichen Gebieten Europas verbreitet war,[2] spiegelt dieselben ethnologischen Muster wieder, die man von anderen indigenen Kulturen kennt. Doch die Verbindung zur Kraft der Mutter Erde, zu den Seelen der Tiere und Pflanzen, den Geistwesen, die in der Natur leben, und der einfachen Magie, die nach okkulten Naturgesetzen wirkt, ist der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung gänzlich verloren gegangen. Zwei Beiträge beschäftigen sich mit dieser zu Unrecht häufig desavouierten spirituellen Wiederentdeckung: Der Beitrag über Modernes Heidentum des Autors, der sich nur GardenStone nennt, erklärt einige wesentliche Grundzüge von Asatru, einem der heute neu geschaffenen Kulte der Religion der Altvorderen. Hier wie durch die Lektüre von Ralf Metzners Buch Brunnen der Erinnerung, das der Herausgeber hier bespricht, wird deutlich, dass die nordischen Götter alles andere als die sittenlosen barbarischen Unholden waren, als die sie durch das Erbe der christlichen Mission tief in unserem kollektiven Bewusstsein eingebrannt sind.

 

In seinem Beitrag zur Transzendentalen Semiotik setzt der Herausgeber seinen ersten Artikel zu diesem Thema fort, der in der Ausgabe 2/2011 von ZSTP erschienen war. Der dort bereits diskutierte Ansatz eines Verständnis von spirituellen Erfahrungen als Zeichen einer anderen Wirklichkeit wird hier stärker methodologisch fortgesetzt und das Gewicht dabei auf die Probleme und Möglichkeiten der Einzelfallanalyse gelegt. Eine auf die Bedürfnisse der psychologischen Analyse des Einzelfalls zugeschnittene Hermeneutik wird als die geeignete Methodik dargestellt, spirituelle Erfahrungen zu untersuchen. Hermeneutik ist als geisteswissenschaftliche Methode der Textinterpretation seit der Antike bekannt und kann viele Formen annehmen. Der Autor zeigt auf, dass sie – trotz ihres Rufs, keine objektiven Ergebnisse hervorzubringen – die beste Möglichkeit darstellt, sich einem ersten wissenschaftlichen Verständnis spiritueller Erfahrungen zu nähern. In einem unter den Rezensionen erscheinenden Literatureinblick (Begegnungen mit immateriellen Wesen) setzt er diesen Ansatz in die Tat um und betrachtet einige wenige der vielen Bücher, die Erfahrungsberichte mit nicht-körperlichen Wesen enthalten.

       

In ihrem hier in autorisierter deutscher Übersetzung des englischen Originals erscheinenden Artikel Die Kraft der radikalen Akzeptanz zeigt die Psychotherapeutin und buddhistische Lehrerin Tara Brach wie sich Elemente der buddhistischen Achtsamkeitspraxis und Traumatherapie integrieren lassen. Brach fokussiert dabei vor allem auf die Akzeptanz-Komponente der Achtsamkeitspraxis, die sie als ‚radikale Akzeptanz’ zum vorrangigen Agens der Integration traumatischer Erfahrungen in die psychische Struktur der Klientin erhebt.

 

Horst Peschel fordert in seinem programmatischen Artikel Plädoyer für eine Humanisierung der Psychologie nicht etwa eine Humanistische Psychologie. Für ihn ist der Mensch konstituiert durch seine liebesfähige Seele und seinen Gott zugewandten Geist. Eine Psychologie, die diese Anteile des Menschseins außer Acht lässt, kann seiner Meinung nach keine gültigen Aussagen über den Menschen selbst treffen. Peschel fordert deshalb dazu auf, zu einer anderen Psychologie zurückzukehren oder sie neu zu erfinden, eine Seelenlehre. Man meint zuweilen Rudolf Steiner oder die frühen Theosophen herauszuhören in seinem Bemühen, alle spirituellen Traditionen vor der Matrix der christlichen Anthropologie und diese wiederum mit der modernen Wissenschaft zu vereinen.

 

Neu ist eine Rubrik, die wir Hagia Empeiria nennen wollen. Hagia Empeiria ist altgriechisch und bedeutet “Heilige Erfahrung”. Die Erfahrung des Heiligen ist das Thema dieser Rubrik. Autorinnen und Autoren sollen hier zu Wort kommen, die ihre eigenen spirituellen Erfahrungen ungeschmickt zu schildern bereit sind. Der Sinn dieser Rubrik ist nicht die Bewertung und theoretische Reflexion, sondern die persönliche Präsentation authentischer Erfahrungen und Einsichten. Laura Teske berichtet als erste Autorin dieser Rubrik von ihrem drei Tage anhaltenden, großen mystischen Erlebnis, das im Sinne monotheistischer Gotteserfahrung an die tiefen Erfahrungen eines Mystikers wie Ignatius von Loyola erinnert. Vermutlich wird ihr nur deshalb nicht derselbe Ruhm zuteil werden, weil sie nicht innerhalb einer kirchlichen Hierarchie eine Rolle spielt und die Zeit, wo spirituelle Erfahrungen dieser Art zu Heiligsprechungen führten, zudem vorbei zu sein scheint. Heute schauen die großen Kirchen mit Skepsis auf die vielen Menschen, die von ihren eigenen spirituellen Erfahrungen so berichten, als wären diese etwas Selbstverständliches. Wo kommen wir denn da hin, wenn jeder ein tiefes mystisches Erlebnis haben darf, während Bischöfe und Priester nichts dergleichen für sich verbuchen können? Wir kommen dahin, wo wir schon längst sein sollten: In eine Zeit, in der das Spirituelle wieder Einzug in den Alltag und die Lebenswirklichkeit der Menschen hält.

 

 

 




[1] Vgl. Sergius Golowin, Paracelsus. Mediziner – Heiler – Philosoph, Bindlach 2001

[2] Als Beispiel sei die ethnologische Untersuchung Westfrankreichs von Jeanne Favret-Saada, Les mots, la mort, les sorts. La sorcelleric dans la Bocage, Paris 1977 (dt. Die Wörter, der Zauber, der Tod, Frankfurt a. M. 1979), genannt. Dasselbe ist mir jedoch auch von Regionen des Schwarzwalds um 1950 noch bekannt.