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Zeitschrift für Spiritualität und Transzendentale Psychologie 2012, 2 (2)


Warum sich in Indien Erotik und
Religion nicht widersprechen

Rezension zu: Vanamali Gunturu (2009): Heiliger Sex. Die erotische Welt des Hinduismus. München: Diederichs

Edgar W. Harnack

 

Vanamali Gunturu ist ein indischstämmiger, in Deutschland lebender Philologe, der sich durch eine ganze Reihe von Veröffentlichungen über seine indische Heimatreligion hervorgetan hat. Als Gelehrter brahmanischer Herkunft ist er mit der „ewigen Religion“[1] Indiens von Kindesbeinen an in einer lebensnahen Weise vertraut. Im vorliegenden, jüngsten Werk widmet er sich einer Rechtfertigung, die dem spirituell Suchenden Erleichterung verschaffen, dem Asketen jedoch ein Stachel des Anstoßes sein mag: der Rechtfertigung nämlich, dass sexuelle Lust in der Religion Indiens einen festen Platz einnimmt, dass sie in den Tempelbildern, den Mythen, dem Kultus, dem Denken und Alltag des Inders und der Inderin selbstverständlich zum religiösen Leben gehört.

 

Schon früh und in völligem Kontrast zum christlichen Europa hat die indische Kultur eine Wissenschaft (shastra) von der sexuellen Lust (kama) hervorgebracht. Dieses kamashastra erinnert vom Wortklang her nicht von ungefähr an das Kamasutra, jenes heute so vielfach trivialisierte Hauptwerk der Lehre von der sexuellen Lust. Wenn Sexualität im indischen Denken Teil des religiösen Lebens ist, macht es Sinn, dass das Kamasutra seine Entstehung direkt von den Göttern ableitet: Sein Verfasser, der um 250 n. Chr. lebende Gelehrte Vatsyayana, beruft sich bei seiner Abfassung auf den Begründer der indischen Sexualwissenschaft schlechthin, Babhravya, der wiederum über drei weitere Vorläufer sein Wissen direkt auf göttliche Offenbarung zurückführt. Das ist, wie Gunturu aufzeigt, mehr als antikes Marketing, denn die indische Sexuallehre ist Teil eines Kosmos, in dem das Göttliche alles durchwirkt, so dass Sexualität als Teil eines rechten Menschenlebens auch wissenschaftlich zu betreiben ist. Das Kamasutra ist in seiner Originalform wissenschaftlich-philosophische Abhandlung und zugleich praktische Anleitung für Männer wie Frauen jeden Standes, und es schließt sogar eine ausführliche Abteilung für gewerbsmäßigen Sex ein.

 

Vanamali Gunturu begnügt sich jedoch nicht damit, das Standardwerk nachzuerzählen oder einer Analyse zu unterziehen, für ihn ist das Kamasutra vielmehr repräsentativ für das Verhältnis des Hinduismus zur Sexualität überhaupt. Dieses Verhältnis als ein natürliches und zugleich metaphysisch begründetes darzustellen, ist sein Anliegen. Lust, kama, wird als eine der vier Haupttugenden der indischen Religion beschrieben, die neben der Einhaltung der kosmischen Moralgesetze, dharma, neben dem Streben nach Wohlstand, artha, und neben dem Streben nach Erleuchtung, moksha, ihren eigenen Platz in der vierfachen indischen Formel für ein gutes Leben einnimmt. So erstaunlich diese Lustfreundlichkeit uns erscheinen mag, so klar sind die Belege Gunturus dafür, dass Sexualität im Hinduismus nicht mit dem Problem ihrer Tabuisierung zu kämpfen hat. Die indische Kardinaltugend der Lust schließt sexuelle Freude selbstverständlich ein und soll nicht nur das Leben in dieser Welt versüßen – auch die Götter genießen sexuelle Freuden, wie der Autor am Anfang des Buches farbenfreudig zu schildern versteht. Es ist ein Vergnügen, die Beispiele aus der Welt der indischen Göttermythen und Epen zu lesen, die Geschichten von der Verführungskunst Krishnas, der Heilung göttlicher Depressionen durch erotische Leidenschaft und – auf einer tieferen (vedantischen) Ebene – der Geburt der Welt in der Befruchtung von männlichem und weiblichem Prinzip.

 

Interessanterweise kann Gunturu viele Belege dafür anführen, dass die historische indische Sexualwissenschaft und in Übereinstimmung damit der brahmanisch-vedische Hinduismus einst eine liberale Haltung gegenüber gesellschaftlichen Randgruppen beinhaltete, die im heutigen Indien leicht übersehen wird. So gilt die Wissenschaft vom Sexuellen nicht allein den Interessen der Männer, sondern spricht Frauen im Allgemeinen, im Speziellen aber Kurtisanen an, was sie eben nicht – wie man in patriarchalen Kulturen erwarten könnte – zum Gegenstand, sondern zu Adressatinnen der Lehren zur Steigerung und Erfüllung sexueller Begierde macht. Aber auch die heute als hijra (im klassischen Sanskrit napumsaka) bezeichneten Angehörigen des „dritten Geschlechts“[2] waren bereits in den mythischen Götterwelten des vedischen Indien vertreten und wurden, Gunturu zufolge, vom kamashastra ohne Abwertung berücksichtigt.

 

Zum weit verbreiteten indischen Asketentum besteht dabei in Gunturus Augen kein Widerspruch. Der Hindu „hat keine Schwierigkeiten damit, wenn zwei verschiedene Naturen und Wahrheiten nebeneinander existieren“ (16). Sexualität ist für die einen, Enthaltsamkeit für die anderen Naturen gedacht. Zudem unterscheidet die indische Volksreligion vier Lebensphasen (des Mannes der drei eigentlichen Kasten), in denen jeweils ein unterschiedlicher Sittenkodex als angemessen gilt. Demnach soll nur der Mann im mittleren Lebensalter sexuell aktiv sein und für Nachwuchs sorgen. In der Jugend hingegen ist es ihm bestimmt zu lernen und im Alter soll er sich auf Pilgerschaft und schließlich in die Yogaübung zur Vorbereitung des Todes begeben. Allerdings hat der Verfasser des Kamasutra vorgesorgt, um nicht in Konflikt mit solchen Prinzipien indischer Lebensführung zu geraten, und zugleich die Lustfreundlichkeit, die er in ihrem Wesen zu verteidigen trachtete, nicht schmälern zu müssen, indem er das angemessene Alter für sexuelle Betätigung auf die Zeitspanne von 16 bis 70 Jahren festgesetzt hat. Danach und davor könne man dann ja enthaltsam leben.

 

Was Gunturu hier freilich nur im Nachwort kurz thematisiert, um den positiven Grundtenor seiner Apologie eines lustvollen und zugleich religiösen Lebens „a la indienne“ nicht zu zerstören: Sexualität hat seinen festen Platz nur in jenem Teil des Hinduismus, der als Volksreligion noch heute das Leben der meisten Inder prägt. Das kamashastra selbst ist, so Gunturu, philosophisch sogar der materialistisch-atheistischen Carvaka-Philosophie zuzuordnen, also gerade nicht einer der spirituellen Traditionen Indiens, die als die subtilsten Schöpfungen indischen Geistes auch im Westen immer mehr Anhänger finden: dem Yoga-Samkhya oder dem Vedanta, welche die Grundlage für die indischen Guru-Linien und Swami-Orden abgeben. Hier gilt ebenso wie für den spirituellen Pfad des älteren Mannes, den sanyassin im vier-phasischen Lebensmodell des Volksglaubens, dass der Verzicht auf sexuelle Betätigung als das höhere, das reifere Modell der spirituellen Entwicklung gilt. Wenn der Autor also betont, dass beide Modelle nicht als unvereinbar angesehen werden dürfen, so heißt das nur: zum allgemein-indischen Lebensmodell gehört Sexualität essentiell hinzu – und im Unterschied zur christlichen Verdammung sexueller Lust hat es einen anerkannten Platz in der religiösen Kultur gefunden. Das gilt aber nicht gleichermaßen für die spirituellen Traditionen Indiens, die davon als getrennt betrachtet werden müssen. Hier wird die Beherrschung der Sinne höher bewertet: Sexualität als Selbstzweck wird dort ebenso abgelehnt wie jede andere weltliche Verstrickung. Eine ausführliche Diskussion des (echten indischen) Tantra als beide Positionen transzendierendes spirituelles System wäre in Gunturus Buch wünschenswert gewesen, würde aber wohl das Anliegen des Buches sprengen, das sich ganz der Volksreligiosität Indiens widmet.

                                                                

Allerdings räumt Gunturu eine Einschränkung des Lustprinzips auch innerhalb der hinduistischen Volksreligion ein: dass nämlich das Kamasutra doch in einem gewissen Widerspruch zu jenem Teil der hinduistischen Orthodoxie steht, der gemäß den allgemein gültigen sittlichen Gesetzen des mythischen Gesetzgebers Manu die Ehe als geheiligt ansieht und außereheliche Sexualität generell verwirft. Denn das kamashastra kennt nur das Lustprinzip, das sich aus der hervorgehobenen Bedeutung des Körpers für die materialistische Philosophie begründet, und setzt sich über Fragen von ehelicher Moral und gesellschaftlicher Ordnung bewusst hinweg. Deshalb war es Gunturu zufolge Teil einer Befreiungsbewegung von gesellschaftlichen Zwängen, die die spätantike indische Gesellschaft verändert hat. Die Darstellung dieses Verdienstes des kamashastra, das Allzumenschliche aus den Zwängen einer rigiden Sozialordnung befreit zu haben, ist eine der faszinierenden Erkenntnisse aus Gunturus leicht lesbarem gelehrtem Werk.

 

Über den Autor:

Edgar W. Harnack ist Diplom-Psychologe und Psychotherapeut in Berlin.




[1] Sanskrit: sanatana dharma; die indische Bezeichnung für den Hinduismus

[2] Das „dritte Geschlecht“, ein Ausdruck, den der Klassiker der deutschen Sexualwissenschaft, Magnus Hirschfeld, auf homosexuelle Männer und Frauen anwendete, kann ebenso transsexuelle wie intersexuelle Menschen und kastrierte Männer (Eunuchen, oft in Folge homosexueller Neigung) umfassen. Dieselbe Bedeutungsvielfalt scheint der heutige wie der historische Inder im Begriff hijra bzw. napumsaka zu vereinen, so dass die entsprechende Personengruppe oft pauschal als „Zwitter“ angesehen wird, obwohl sie alle genannten, sehr unterschiedlichen Möglichkeiten umfasst. Berücksichtigt man dies nicht, ergeben sich beispielsweise Verständnisschwierigkeiten bei der Übersetzung der im buddhistischen Ethik-Kanon (vinaya) vorausgesetzten Diskussion über die Ordenszugehörigkeit von napumsakas („Zwittern“) nach künstlicher Geschlechtsumwandlung oder ohne diese (d. h. von Kastraten oder Hermaphroditen).