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Zeitschrift für Spiritualität und Transzendentale Psychologie 2012, 2 (2)



Der Praxistest:

Ein Besuch bei Gabriele Hoffmann,
Hellseherin in Berlin

 (A Visit to Gabriele Hoffmann, Diviner in Berlin)

Edgar W. Harnack

 

 

Die biblische Aussage „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen“ (Mt. 7, 16) wollen wir wörtlich nehmen. Was sind die Früchte, die Personen und Gemein­schaften aus dem spirituellen oder esoterischen Bereich wirklich hervorbringen? Ein „Warentest“ für solche Angebote darf nicht nur innerweltlichen Kriterien genügen; er muss die Möglichkeit außergewöhnlicher Erfahrung und echter persönlicher Transformationserlebnisse vorbehaltlos einbeziehen. Aber er muss gleichwohl kritisch dazu in der Lage sein, weniger zielführende von hilfreicheren Angeboten zu trennen. Solange wissenschaftliche Kriterien hierfür kaum existieren, müssen die Erfahrungsberichte einzelner herangezogen und veröffentlicht werden. In der Reihe „Der Praxistest“ stellt eine Autorin oder ein Autor ihre/ seine Erfahrungen mit einer Institution oder Person in kritischer Reflexion dar. Der Bericht gibt die subjektive Erfahrung des Autors (der Autorin) wieder und ist nicht als objektives Verdikt zu verstehen.

 

 

 

Waren Sie schon einmal bei einer Wahrsagerin? Dann haben Sie sich vielleicht schon gefragt, warum Ihnen viele von deren Aussagen so unglaublich zutreffend erschienen. Die Psychologie kennt viele Erklärungen für diesen allgemeinen Effekt. Die Barnum-Technik ist eine davon. Phineas T. Barnum war der erfolgreiche Direktor eines jener Kuriositätenkabinette, die im 19. Jahrhundert mit exotisch aussehenden Menschen und Tieren (die behaarteste Frau der Welt, der kleinste Mann der Welt, der schwärzeste Schwarze Afrikas) zur Unterhaltung der Massen dienten. Barnums Spezialität lag darin, seine Kunst mit so allgemeinen Parolen anzupreisen, dass damit alles und nichts ausgesagt werden konnte. Wenn Ihnen also eine Wahrsagerin verspricht: „Sie werden im kommenden Jahr einige gesundheitliche Probleme haben, aber die werden vorübergehender Natur sein“, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass diese Aussage auf Sie zutrifft – ganz ohne paranormales Wissen. Bei objektiv schwerlich prüfbaren Fakten, die sich beispielsweise auf Charaktermerkmale oder die Denkinhalte Anderer beziehen, kommt noch eine gute Portion Suggestion hinzu: Es ist einfach, Ihnen einzureden, Sie seien „ein sensibler Mensch“, „der schon viel durchgemacht hat“, weil es keinen objektiven Maßstab gibt, auf wen eine solche Aussage zutrifft und auf wen nicht; oder Sie interpretieren jedes Geschehen immer im Lichte der Prophezeiung und bestätigen dadurch die Vorhersage. Zudem können Suggestionen, die die Zukunft betreffen, dazu führen, dass Sie sich im Sinne dieser Prophezeiung verhalten und sie dadurch selbst auslösen (das bezeichnet man als Self-fulfilling prophecy). Gute Schein-Wahrsager arbeiten zudem mit Tricks, die in der genauen Beobachtung kleinster nonverbaler Reaktionen des Gegenübers bestehen oder darin, dass mit Sherlock-Holmesschem Spürsinn sichtbare Details zur Grundlage von Vermutungen dienen. Aber reichen diese und alle ähnlichen aktiven Täuschungsmanöver und Selbsttäuschungen des Kunden aus, um alle Effekte zu erklären, die Wahrsager bei uns auslösen: das Gefühl, dass „das keiner so genau voraussagen kann, der nicht über paranormales Wissen verfügt“?

 

Die Debatten zwischen parapsychologischen Befürwortern präkognitiven (vorausweisenden) Wissens und so genannten Debunkern oder Skeptikern sind fruchtlose Versuche, an Positionen festzuhalten, die nicht zu einer gemeinsamen Wahrheit führen, weil die Spielregeln für einen Sieg nach Punkten niemals geklärt wurden. Also streitet man sich endlos weiter. Deshalb hilft nur eines: das Selbstexperiment unter der Bedingung, dass man irgendeine Methode kennt, die einem die größtmögliche subjektive Gewissheit verleiht, sich über die Aussagekraft und Wahrhaftigkeit des wahrsagenden Mediums ein Urteil erlauben zu können. Sei es, dass man die Aussagen auf Barnum- und Suggestionseffekte prüft oder dass man dort, wo Fakten detailliert vorausgesagt werden, die bedingte Wahrscheinlichkeit zu schätzen vermag, das heißt: die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Ereignis bei mir ohne suggestiven Effekt eintritt, relativiert an der Gesamtwahrscheinlichkeit für dieses Ereignis. Zum Beispiel betätigte sich mein Augenoptiker neulich in unangenehmer Weise als Wahrsager, als er feststellte, bei mir sei keinerlei Weitsichtigkeit erkennbar, er sei sich jedoch sicher, dass ich innerhalb eines Jahres wegen Altersweitsichtigkeit wieder zu ihm käme. Woraus er das schließe, wollte ich wissen. „Alleine daraus, dass Sie jetzt kurzsichtig sind und das entsprechende Alter dafür haben, um weitsichtig zu werden!“.

 

Es gibt aber vielleicht auch Methoden, die methodologisch einem Quasi-Experiment entsprechen, einem echten Experiment also, das aber auf zufällige Versuchsgruppen verzichten muss. Ein solches Quasi-Experiment habe ich mir ausgedacht, bevor ich mich zu Berlins bekanntester und vermutlich teuerster Wahrsagerin begab. Gabriele Hoffmann ist die einzige im Berliner Handelsregister unter der Berufskategorie „Wahrsagerin“ eingetragene Geschäftsfrau ihres Standes. Ihre Begabung habe sie schon als Kind entdeckt und sich mit 19 Jahren entschlossen, sie zum Beruf zu machen. Das ist nicht weiter verwunderlich, waren doch schon ihre Urgroßmutter und Großmutter hellseherisch begabt und unterstützen sie noch heute äußerst tatkräftig: Es ist die längst verstorbene Großmutter, die Frau Hoffmann medial bei ihrer Wahrsagertätigkeit unterstützt. Da sie zugleich Spielkarten als Instrument zur Anregung intuitiven Wissens benutzt, ist sie beides: Geistmedium und Kartenwahrsagerin zugleich.

 

Frau Hoffmann arbeitet in ihrer großzügigen Gründerzeitwohnung in Wilmersdorf, deren antike, aber unprätentiöse, abgenutzte Einrichtung einen nonchalanten Charme von Traditionsbewusstsein und Echtheit ausdrückt. Frau Hoffmann ist genauso: eine einfache Berliner Göre ohne Schnörkel, die zugleich auf das Alte und Besondere (die Großmutter, die alte Tradition der Wahrsagerei) setzt, ohne eine Show daraus zu machen. Die erste und einzige Frage, die sie an mich richtet, lautet: „Sind Sie ledig, verheiratet, geschieden oder verwitwet?“. Als ich erstaunt nachfrage, wieso sie das wissen wolle (oder: noch nicht längst weiß), erklärt sie ein wenig ungeduldig, dass es ihr erstmal nur um den offiziellen Familienstand gehe. Was für ein merkwürdiger Pakt besteht hier zwischen Standesamt und Paranormalem? Aber ich antworte, und Frau Hoffmann nimmt ein Skatblatt zur Hand, das im Grad der Abnutzung meinem abgewetzten Ledersessel in nichts nachsteht. Gabriele Hoffmann streckt mir die Karten entgegen, damit ich sie mische, und ich bin etwas enttäuscht, weil ich Skatkarten nicht so mag wie die bunten Blätter des Rider-Tarot. Die Enttäuschung hält nicht lange an. Denn die Karten sind nur eine Unterstützung für sie.

 

Tatsächlich wechselt sie nach dem Auslegen der Karten ohne Induktion oder Vorbereitung aus der normalen Dialogsituation anscheinend in einen Trancezustand: Sie schließt die Augen, zuckt unvermittelt zusammen, ihr Gesichtsausdruck wirkt jetzt streng und verzückt zugleich, wie eine unruhig Träumende, dann spricht sie mit einer Ausdrucksweise, die etwas Ungehobeltes, fast Schnoddriges hat, und mit einem aggressiven Unterton, der an die Sprechweise der toten Mutter in Hitchcocks Psycho erinnert. Es ist offenbar die Stimme der Großmutter, die hier aus ihr spricht. Nach dem, wie sie sich vor und nach dem Stimmwechsel verhält, muss Frau Hoffmann diejenige Sorte von „luzidem“ Medium sein, das von dem betreffenden Geistwesen besetzt wird, ihm willentlich einen Teil des eigenen Körpers, nämlich die eigene Stimme leiht, das aber nicht vollständig in Besitz genommen wird, nicht das Bewusstsein verliert. Frau Hoffmann weiß, was sie sagt, erinnert hernach offenbar ihre Trance, wie ich selbst an einem Beispiel feststellen konnte. Und sie beginnt und beendet die Trancen völlig selbstgesteuert. Wenn man auch das als Indiz für eine unvollständige oder ganz fehlende Inbesitznahme durch den fremden Geist nehmen will: Sie redet den Kunden einmal direkt an (als die Gabriele Hoffmann), während kurz davor und danach die Großmutter aus ihr sprach. Das unterstreicht übrigens meinen Eindruck, dass hier keine Show gemacht wird, denn eine geschickte Darstellerin würde wohl den Anschein, nicht mehr von dieser Welt zu sein, noch verstärken wollen.

 

Sie ist also nicht willenlos, sondern scheint sich eher einer Stimme hinzugeben und sie aussprechen zu lassen, was diese möchte, statt von der fremden Wesenheit okkupiert zu sein. Wenn alles im Fluss ist, wenn es gut läuft, dann sieht diese andere oder Frau Hoffmann selbst wohl etwas wie Bilder, die sich aneinander anschließen und manchmal sogar so schnell sprudeln, dass sie sich übereinander schieben. Das hat sie mir gesagt. Nachprüfen kann ich es nicht, aber es steht nicht im Widerspruch zu dem, was ich erlebt habe. Aber was habe ich denn nun erlebt? Waren die Aussagen der Wahrsagerin über jeden Zweifel erhaben oder entsprachen sie ganz dem, was Debunker grundsätzlich allen Wahrsagern vorwerfen: nicht exakt nachprüfbare, schwammige; suggestive und zu selbsterfüllenden Prophezeiungen neigende; aus Gewusstem/Gesehenem ableitbare Aussagen?

 

Frau Hoffmann traf eine einzige, nicht wirklich verifizierbare, aber durchaus stimmige Aussage zu meiner frühesten Kindheit, zwei weitere rein subjektiv stimmige Aussage, die mein bisheriges Leben im Gesamten betrafen, zwei Aussagen zu meiner gegenwärtigen Situation, die mir ebenfalls subjektiv stimmig erschienen, und sechs Aussagen zur Zukunft. Außerdem schob sich dazwischen noch ein ohne jeden Zusammenhang stehender Kommentar, der eine unmittelbare Antwort auf eine Frage zu sein schien, die von niemandem gestellt worden war (meinerseits auch nicht in Gedanken). Von den sechs Aussagen zur näheren Zukunft haben sich 4 als möglicherweise korrekt erwiesen, eine deutet sich als korrekt an, eine weitere ist noch offen. Alles in allem war ich aber ein wenig enttäuscht. Die Aussagen waren allgemein gehalten und wenig präzise. Zwar waren sie spezifisch genug, um nicht alles bedeuten zu können, sie waren aber keineswegs wirklich konkret überprüfbar. Ein Beispiel soll das aufzeigen.

 

Eine der medialen Äußerungen lautete: „Am Ende dieses Jahres [2011] wird der Rücken oben schmerzhaft sein. Nicht verschleppen, setzt sich sonst fest“. Tatsächlich hatte ich stärkere Probleme im Nackenbereich, die aber erst im Frühjahr 2012 manifester wurden. Auch davor hatte ich allerdings Probleme mit Nackenverspannungen, so dass man höchstens sagen könnte: „Jetzt sollte man mehr darauf achten als früher“, aber nicht: „Jetzt treten die Problem erstmals auf“. Davon abgesehen, dass der zeitliche Zusammenhang nicht exakt zutreffend bestimmt war, ist es zudem unklar, ob man mit dem oberen Rücken auch den Nacken meinen kann. Wenn wir nun hinzunehmen, dass man mir die Nackenverspannungen möglicherweise ansah, ist es sehr schwer, die Aussage als präzise wahrsagerische Vorhersage gelten zu lassen.

 

Allerdings muss man Frau Hoffmann zugute halten, dass ihre Sitzungen normalerweise doppelt so lange dauern wie diejenige, die ich hatte und das, worüber ich hier berichten kann, nur das Vorspiel war. Es bleibt also – in dubio pro reo – die Möglichkeit, dass im zweiten Teil nach dem Aufwärmen mehr und präzisere Aussagen gekommen wären. Dass es zu diesem zweiten Teil nicht mehr kam, ist nun das eigentlich interessante Ereignis dieses Besuchs. Der Abbruch der Sitzung nach dieser einleitenden Seance hat nämlich möglicherweise (was aber natürlich nicht sicher ist) mit jenem Experiment zu tun, das ich mir zuvor überlegt hatte, um die paranormale Echtheit sowie die Arbeitsweise des Mediums zu testen. Dazu muss man wissen, dass jemand mit einigermaßen gründlicher Meditationserfahrung in der Regel dazu in der Lage ist, seinen Geisteszustand soweit zu kontrollieren, dass er seine Aufmerksamkeit vom normalen „Gedankenklatsch“ im eigenen Kopf abziehen und einem singulären Objekt oder einer völligen Entleerung von allen Gedanken zuwenden kann. Als mehrjährig Meditierender habe ich mir also überlegt, ob es einen Unterschied für ein Medium machen würde, wenn die Person, der es gegenüber sitzt und um die es ihm geht, sich in diesem Moment von seinem gewöhnlichen, quatschenden Geist abgetrennt hätte. Wäre das Medium nämlich auf einen Zugang zu diesem Geist angewiesen, um wahrsagen zu können, würde das zweierlei beweisen: erstens, dass es sich um ein Medium mit gewissen paranormalen Zugängen handelt. Und zweitens, dass es sich nicht um einen unmittelbaren, unvermittelten Zugang zu einer höheren oder höchsten Wirklichkeitsebene (der alten indischen Akasha-Ebene oder was auch immer) handelt.

 

Unter diesen Voraussetzungen hatte ich geplant, zur Mitte der Sitzung kurzfristig zu versuchen, einen meditativen Geisteszustand hervorzubringen, in dem mein gewöhnliches geistiges Geschnattere zum Erliegen kommen sollte. Als Frau Hoffmann – in der Person der unter uns lebenden Gabriele Hoffmann – die Karten wieder einsammelte, um sie ein zweites Mal auszulegen und wieder ihre Großmutter in sich sprechen zu lassen, ging ich ebenfalls in eine Art Wachtrance und wandte mir bekannte meditative Techniken an, um selbst „nicht mehr ganz da zu sein“. Ob es daran lag oder ein reiner Zufall war, lässt sich wissenschaftlich nicht klären. Aber da ich nichts zu sagen hatte und Frau Hoffmann mich nicht ansah, kann es kaum sein, dass sie durch mir sicherlich nicht bewusste Ausdruckskomponenten darauf gebracht worden ist, dass ich „meditierte“. Jedenfalls ereignete sich nun spontan eine Blockade im Durchfluss dessen, was die Großmutter durch Frau Hoffmans Mund sprach. Wörtlich stammelte sie nun die folgenden Satzfetzen: „Das reißt aber ab - da ist das Bild zu - so kann ich nicht rein - ist nicht deutlich - so nicht - weil es nicht geht“. Das letzte könnte eine Antwort der Großmutter auf eine gedachte Frage des Mediums Gabriele Hoffmann gewesen sein. Danach verließ die Wahrsagerin ihren Kontakt mit der Großmutter und komplimentierte mich rasch zur Tür hinaus. Geld wollte sie keines. Sie entschuldigte sich für den Abbruch und erklärte, bei hunderten oder gar tausenden von Sitzungen sei ihr so etwas nur eine Handvoll Male passiert, dass es einfach nicht weiter gegangen sei. Ich verließ ihre Praxis, ohne sie über mein absichtliches Störmanöver aufzuklären.

 

Im Rückblick scheinen mir die wenigen Zukunftsvoraussagen, die sie machte, zu unkonkret, um sie von Barnum-Sätzen abgrenzen zu können, wenn sie auch für mein subjektives Empfinden nicht uninteressant sind, weil sie auf Tendenzen hinweisen, die ich selbst ebenso erkennen kann, ohne dies Frau Hoffmann zuvor gesagt zu haben. Möglicherweise handelt es sich dabei aber um eher telepathisch vermitteltes Wissen oder eine Ahnung, die nur für jemanden zugänglich ist, der dazu in der Lage ist, sich der Informationen im (unendlichen) Bewusstseinkontinuum eines Anderen zu bedienen. Jedenfalls beeindruckte mich das (anscheinende) Gelingen meines Bewusstseinsexperiments mehr als die konkreten Voraussagen, die die Wahrsagerin traf.

 

 

Hinweis: Dieser Artikel gibt rein subjektive Erfahrungen mit einer öffentlich bekannten Persönlichkeit wieder. Auf diesen Artikel findet das Urheberrecht volle Anwendung. Jede – auch auszugsweise – Verwendung bedarf meiner schriftlichen Zustimmung.

 

Über den Autor

Edgar W. Harnack ist Psychologe und Psychotherapeut.