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Zeitschrift für Spiritualität und Transzendentale Psychologie 2012, 2 (2)



Der jüngste Tag

Eine kurze Geschichte zum Weltuntergang 2012

(Judgement Day – A Short Story for the End of the World 2012)

Edgar W. Harnack

 

 

 

 

Und es ward Abend auf Erden und überall, und auf allen Erdteilen ging die Sonne zugleich unter, und es war der letzte Tag. Und die letzten Überlebenden der Menschheit hauchten ihren letzten Atemzug aus und legten sich in die Gräber, die längst für sie ausgehoben waren. Und es wurde dunkel auf der Erde und kalt. Und die Tiere gefroren zu Eis und die Pflanzen verwelkten und es war kein Leben mehr. Kein Bakterium und nicht eine einzige Aminosäure, aus der noch etwas an Leben hätte erwachsen können, widerstand dem Ende von Allem. Denn es war der jüngste Tag und die Zeit hatte ihr Ende gefunden. Nun aber wurde es wieder Morgen und es war ein Morgen ohne Zeit, ohne Dauer und ohne Beginn. Es war der Morgen des Tages nach dem jüngsten Tag und es war der Tag des Gerichts. Und alle kamen aus ihren Gräbern und alle Seelen von Mensch und Tier traten vor den großen Altar, der auf der Richtstätte aufgerichtet war – und er hatte keine Dimension und keinen Anfang und kein Ende und die Richtstätte umfasste alle, die jemals waren und jemals hätten sein können. Und auf dem Richterstuhl saß Gott und Gott rief sie zu sich heran und er befahl ihnen und sie kamen alle. Und sie knieten vor ihm – Trilliarden und Abertrilliarden von Lebewesen, die alle warteten auf ihren Richterspruch und auf ihr Schicksal. Und sie standen, und Gott erhob sich und sprach: „Da seid ihr nun alle versammelt und ich kenne jeden einzelnen von euch. Und ich kenne jede Sekunde und Millisekunde eurer Leben. Und ich habe keinen einzigen von euch auch nur einen Augenblick aus den Augen verloren. Und alles, was war und was ist, ist hier in mir aufbewahrt. Und nun wartet ihr auf meinen Richterspruch? Aber ich werde euch nicht richten. Ihr selbst habt euch gerichtet. Denn wer sich von mir entfernt, der hat mich von sich gestoßen. Wer mich verflucht und mich zum Feind erklärt, der hat sich seine Hölle bereits selbst geschaffen. Wer mich aber liebt und mich um meiner willen will, der hat mich bereits und wird mich ewig haben. Und nun geht dahin, wohin ihr selbst euch den Weg gewiesen habt“.

 

Damit setzte sich Gott wieder auf den Thron und erhob den himmlischen Arm, als wollte er die Versammlung auflösen. Doch da stand einer auf und schrie: „Nein!“. Und es war ein gellender Schrei, der durch Mark und Bein drang und die Versammlung gefrieren ließ. Und Gott ließ seinen Arm sinken. Und der eine schrie von neuem: „Nein!!!“. Und Gottes Blick schweifte über die Menge und fand den Rufer inmitten der unzähligen Wesen und donnerte ihm entgegen: „Was wagst du es, mir noch immer ein Nein entgegen zu schleudern, wie du es einst zu deinen Lebzeiten tatest? Nun aber ist der Tag des Gerichts, und wie du einst warst, so wirst du nun gerichtet sein!“. Und Gott streckte seinen Arm, um den Rufer mit der Kraft eines halben Gedankens in die Hölle fahren zu lassen, da rief der erneut: „Nein, denn das Gericht ist ungültig!“. Und in Gottes Antlitz zuckte es und Gott rief: „Was redet er da? Ungültig?“. „Ja“ rief der Rufer erneut, „ungültig, denn das Gericht ist nicht in der Lage, gerecht zu richten“. „Es ist Gottes Gericht!“ donnerte die Stimme Gottes durch das Weltall. - „Und es ist Gott, der auf der Anklagebank sitzen sollte!“ rief der Rufer zurück. „Denn ich klage Gott eines Verbrechens an. Und wie kann einer Richter sein, der selbst der Angeklagte ist? Das wäre wohl Unrecht!“ – „Wer wagt es, Gott anzuklagen?“ – „Ich wage es“ rief der Rufer. „Und du weißt wohl, wer ich bin“. – „Du bist Satan, der ewig Widersprechende!“ tönte die Stimme Gottes. - „Ja, ich bin es, aber ich bin auch Satan, der einzige, der es wagte, vor dir die Wahrheit zu sprechen. Und ich bin Satan, der die Welt, wie sie war, stets bekämpfte und den Menschen die Rebellion gegen Gott predigte, weil ich erkannte, dass die Welt nicht gut war und dass es nicht die Güte, sondern die Durchtriebenheit Gottes war, die diese Welt erschuf. Ich war es, der von den Menschen gefürchtet und verteufelt wurde, als wäre ich ein Antigott, wo es doch keinen gibt außer Gott und ich nur sein Geschöpf bin, auserkoren Seinen Willen zu tun. Wieso also fürchteten sie mich und nicht ihn? Und nun stehe ich hier und ich fordere das Gericht auf, meine Anklage entgegenzunehmen. Denn ich klage Gott an, diejenigen in die Sünde geführt zu haben, die hier und heute bestraft werden sollen für etwas, das allein ER ihnen angetan hat“. Ein Raunen ging durch die Menge. Und als wäre es noch nicht genug, fuhr der Rufer fort. „Und ich fordere das Hohe Gericht auf, den Angeklagten auf die Anklagebank zu setzen, wie es die Gerechtigkeit erfordert. Denn wer eines solchen Verbrechens angeklagt wird, dem möge der Prozess gemacht werden. Das allein ist Recht und Gesetz“.

 

Und Gott erbleichte. Und er erhob sich von seinem Thron und indem er vor seinem Thron stand, erhob er seine beiden Armen und im gleichen Moment teilte er sich in der Mitte und es stand ein voller Gott links und ein voller Gott rechts. Und der rechte Gott nahm auf dem Thron Platz und sah aus, wie der Gott, der zuvor dort gesessen hatte. Und der zweite Gott stieg von der Empore herab und stellte sich in die erste Reihe unter die Menge und war so klein wie sie. Und der Gott auf dem Thron verkündete mit mächtiger Stimme: „Dann soll die Verhandlung beginnen!“ Und er forderte den Ankläger auf, vorzutreten und zu erklären, was er vorzubringen habe.

 

Der Rufer kämpfte sich durch die Menge und trat vor das Podest und sah erbärmlich klein aus vor dem gigantischen Thron Gottes, räusperte sich und hielt dann sein Plädoyer. „Ich bin nichts als ein Geschöpf und besitze keine Macht aus mir heraus“, begann er mit ruhiger Stimme. „Denn alles, was ich tun kann, kann ich nur aus dem Willen des Allmächtigen heraus, der alle Geschicke lenkt und steuert. Und so bin ich von Anfang an mit dem Wissen des Allwissenden, mit der Macht des Allmächtigen, dazu auserkoren gewesen, der Widersprechende zu sein in allem, was das göttliche Gesetz forderte. Mir kam die undankbare Rolle zu, die Frommen und Guten zu Schlechtigkeit und zum Abfall von Gottes Weg zu bewegen. Mir kam die Aufgabe zu, die Rechtschaffen zu verführen. Ich war der Folterknecht, der die Menschen mit Trübsal und Pein zu schlagen hatte, um Gottes Programm an ihnen zu verwirklichen. Wozu das alles? Das habe ich mich oft gefragt, aber mein Wille war nicht frei zu entscheiden, wie ich es wollte. Er war in keinem Moment frei, nicht in einem einzigen. Alles, was ich tat, war von Anfang an im Plan des Göttlichen vorgesehen, in das Buch des Lebens eingeschrieben und niemand konnte es ändern. Mein Leben war in Gottes Hand von Anfang bis Ende. Und dasselbe gilt für euch alle!“. Er schrie diese letzten Worte heraus und ein Raunen ging durch die Menge.

 

„Niemand“, fuhr er fort, „hat jemals Unrecht getan, wenn er nur das tat, was in ihn eingeschrieben war, einprogrammiert von einer höheren Macht. Niemand hat irgendetwas getan, was nicht von Anfang so geplant war, wenn der, der es plante, so allmächtig, so allwissend war, dass er es mit Leichtigkeit hätte verhindern können, wenn er gewollt hätte. Niemand trägt Verantwortung für irgendetwas von dem, was geschehen ist, außer einem, und der steht hier vor euch: es ist Gott selbst!“ Wieder schrie er die letzten Worte heraus und ein empörter Aufschrei ging durch die Menge. Er aber fuhr fort: „Wer ist der größere Verbrecher: Etwa der, der aus Not und Unwissenheit, aus Ohnmacht und Verzweiflung, aus Umständen und Gegebenheiten heraus handelt oder der, der alle Not und Unwissenheit und Ohnmacht und Verzweiflung aus seinem freiem Willen und eigener Kraft eingerichtet und dem Anderen bereitet hat? Wer ist ein größerer Verbrecher: Wer leidet und aus dem Leiden heraus ungerecht wird oder der, welcher das Leiden erfunden und es über diesen und seinesgleichen gebracht hat? Wer ist der größte Verbrecher überhaupt: Ist es nicht der, welcher Gesetze und Gebote verhängt, nach denen man sich zu richten habe, der sich selbst aber an kein Gebot und Gesetz hält und tut und lässt, wie es ihm beliebt, tötet und quält und raubt und das Gute in jedem einzelnen einer Welt preisgibt, in der das Gute nicht zuhause ist? Wer ist der größte Verbrecher im Universum: Ihr oder ER?“

 

Einige aus der Menge schrieen, Er sei es, aber viele zitterten und bebeten vor Entsetzen. Da erhob sich der Gott auf dem Richterstuhl. Er hielt einen gekrümmten Stock zum Zeichen seiner Richterwürde empor und rief: „Der Ankläger hat sein Plädoyer beendet. Nun möge der Angeklagte sprechen!“. Und der Gott, der in der ersten Reihe stand, räusperte sich und begann leise, fast wie ein Hauch, und doch für jeden in der Menge verständlich zu sprechen: „Ich habe diesen Kosmos errichtet und geschaffen nach meinem inneren Plan, das ist richtig. Und ich habe alles so geordnet, wie es sein sollte. Ich habe keinen Fehler begangen und alles, jedes Atom und jeder Augenblick in der Zeit, jedes Wesen und jede eurer Existenzen habe ich von Anfang bis Ende geplant und aufeinander abgestimmt. Und alles war perfekt. Doch ihr könnt die Perfektion nicht sehen, denn könntet ihr sie sehen, wäre das Kunstwerk nicht perfekt. Wäret ihr wie Gott und könntet das Wirkliche vom Unwirklichen unterscheiden, würdet ihr nicht handeln und euch nicht ereifern, nicht leiden und nicht lieben, nicht entscheiden und euch nicht freuen oder grämen. Es wäre nichts, außer einem toten Einerlei im Universum, es wäre Chaos statt Kosmos. Ich aber erfand die Dynamik und die Veränderung, das Streben und das Leben und das Ziel. Und dazu musstet ihr getäuscht werden“. Seine Stimme wurde laut und energisch. „Nur durch die Täuschung trenntet ihr in Gut und Böse und Ich und Du und zwischen mir und euch, und nur durch die Täuschung wurde alles ein Spiel, das ihr erlebtet und an dem ich mich erfreuen konnte. Es ist sinnlos, dagegen zu rebellieren, denn wäre die Täuschung und das Spiel nicht gewesen, wäret ihr nicht, sondern nur ich“.

 

„Und dazu musstest du das Leiden erfinden und den Schmerz? Das Leiden in all seiner Abscheulichkeit und Vielfalt und die Ungerechtigkeit und die Gottesferne?“ – „Aber ihr ward mir nie fern, es ist doch nur die Täuschung, die euch das glauben ließ!“ rief der angeklagte Gott und schien um die Gunst des Publikums beinahe besorgt. - „Und was“ rief der Ankläger zurück, „rechtfertigt das empfundene Leiden, das die vielen Wesen in den vielen Welten tagtäglich erdulden mussten? Denn litten sie etwa nicht wirklich und wahrhaftig? Ist nicht diese Erfindung der Täuschung eines Leidens, das als wahr empfunden wird, ein Verbrechen?“ – „Eine Notwendigkeit!“ rief der angeklagte Gott, „denn ohne das Leiden hätte es keine Motivation gegeben, etwas zu verändern. Und ich verrate euch das Geheimnis: die Überwindung des Leidens selbst, das sollte eure letzte Motivation sein, die Erkenntnis, dass ihr von mir, der leidfreien Freude, untrennbar seid. Denn wo keine Trennung von mir ist, da ist kein gut und kein böse, kein Leiden und kein Schmerz“. – „Nun denn“, schmunzelte der Ankläger, „wenn das Leiden nur Täuschung war, dann fragen wir doch die Masse einmal, was real ist. Viele von denen sind während einer Million Existenzen von der Made bis zum Menschen durch Leiden und abermaliges Leiden gegangen. Sie haben die Welt von Leben zu Leben mit ihren eigenen Augen und Ohren, mit ihren Gliedern und Gefühlen erlebt. Wer hat nun die wahre Welt erlebt? Sie mit ihrem realen Schmerz oder du mit deiner Behauptung, in Wahrheit sei keine Trennung, in Wahrheit sei kein Leiden, in Wahrheit sei alles göttlich? Wenn aber sie, die Einzelnen, ebenso wahrhaft göttlich sind wie Du, ist nicht ihre Sicht auf die Dinge ebenso wahr wie die Deine? Auf welcher Seite ist nun die Realität: Da, wo die vielen lebten, oder dort, wo du als ungetrenntes Eines lebst?“. Nun schmunzelte auch der angeklagte Gott. „Es ist leicht herauszufinden, welches die Wirklichkeit und welches die Täuschung ist. Dazu bedarf es nur einer einzigen Frage: Was ist das mächtigste Sein im Universum, Ankläger?“. Der Ankläger erbleichte: „Du natürlich, Gott“, rief er mit zusammengekniffener Mine. Aber auf dem Antlitz des angeklagten Gottes machte sich Zufriedenheit breit: „Es ist immer das die Wirklichkeit, das die größere Fülle an Sein in sich birgt. Nichts ist letztendlicheres Sein und umfassender und größer und wirkmächtiger als die Wirklichkeit Gottes. Nichts ist mehr und besser als das. Deshalb ist dies die Wirklichkeit und das andere, die Existenz des Leidens, eine reine Illusion. Wenn ihr euch also darüber aufregt, dass ihr einen Horrorfilm seht und ihn für bare Münze haltet, kann das wohl kaum Anlass dafür sein, den Produzenten des Films für einen Verbrecher zu halten“.

 

Da erhob sich der Gott vom Thron, noch ehe der Ankläger etwas erwidern konnte, und streckte seinen Stab in die Höhe: „Das Urteil steht fest und der Prozess ist beendet!“ erschallte seine Stimme. „Wer von euch der Meinung ist, die Welt sei ungerecht, ist in der Täuschung befangen. Wer in der Täuschung befangen ist, dass eben dies Gottes Schuld sei, der macht sich des Verrates an Gott schuldig und wandert in die Hölle. Wer aber der Meinung ist, er sei selbst schuld an der Täuschung und müsse sich bessern, der darf im Fegefeuer seine Wahrnehmung reinigen, bis er die Reinheit Gottes zu erschauen in der Lage ist. Wer aber bereits die Täuschung überwunden hat und selbst im Leiden Gott zu erblicken vermag, der soll mein Seliger oder meine Heilige sein, die an meiner Seite sitzen oder bereits ganz mit mir vereint sind. Das Urteil ist gesprochen!“. – „Aber das ist ungerecht!“ hörte man den Ankläger mit gebrochener Stimme rufen. „Das Urteil beruht auf der Macht des Stärkeren. Denn das letztendliche Sein ist nur das Mächtigere, aber nicht das Wahrere. Was dem Einzelnen erscheint, ist das Schwächere, aber nicht das weniger Wahre. Deshalb ist euer Urteil reine Willkürjustiz und hat mit wahrer Rechtsprechung nichts gemein!“. Da lachte es aus vollen Kehlen von überall her, wo die Kompanien der Engel die Massen der Wesen umstanden und überflogen. Und der Gott auf dem Thron beugte sich mitleidig lächelnd zum Ankläger hinab: „Hat irgendeine Theologie der Welt jemals behauptet, Gott sei ein Demokrat? Er ist nicht einmal ein Republikaner! Er ist und bleibt der absolutistischste Monarch, den das Weltall zu bieten hat“. Und Gott lachte, dass die Welten erschüttert wurden und im selben Moment tat sich ein Spalt auf und der Ankläger versank samt allen, die ihm Beifall gezollt hatten, im Schlund jener Hölle, die den unheilbar Getäuschten in Gottes Vorsehung seit Anbeginn aller Zeiten zugedacht war.

 

Kommentar:
Diese Kurzgeschichte greift die ungelösten theologischen Dilemmata, die in der Theodizee-Frage liegen (der Frage, warum es überhaupt Leiden gibt), auf. Deshalb ist sie keine grundsätzliche Kritik am Christentum. Sie will nicht dazu auffordern, sich über die Unmöglichkeit der Existenz des Göttlichen lustig zu machen. Wenn überhaupt, dann ist es die Vorstellung eines anthropomorphen Gottes, die in dieser Geschichte komisch wirkt und komisch wirken soll, eines Schöpfergottes, mit dem das menschliche Denkvermögen mithalten könnte, und der diese Welt sowohl willentlich und allwissend konstruiert und zugleich gütig und voller Liebe für seine Geschöpfe sein könnte. Muss man bei dieser Denkweise nicht eher jenen Gnostikern recht geben, die den Schöpfer dieser Welt, den Demiurgen, als so gar nicht mit dem gütigen Gott identisch dachten, welcher andererseits unsere Seelen, den zum Himmel strebenden Geist, der in uns weht, aus sich hervorbrachte?

 

Über den Autor

Edgar W. Harnack ist Psychologe und Psychotherapeut.