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Zeitschrift für Spiritualität und Transzendentale Psychologie 2012, 2 (2)



Editorial

 

 

 

Eine Zeitschrift wie die vorliegende macht nur Sinn, wenn sie nicht nur den Austausch von Spiritualität und Wissenschaft fördert, sondern darüber hinaus zu einer Plattform für Autoren aus den traditionellen geisteswissenschaftlichen Disziplinen wird, die eine besondere und außergewöhnliche Sichtweise jenseits des Mainstreams vertreten. Die Beiträge der letzten Hefte haben diesen Trend bereits erwiesen, der hier fortgesetzt wird. Von seltsamen Geschehnissen jenseits der offiziellen kirchlichen und naturwissenschaftlichen Doktrinen weiß der erste Beitrag in der Rubrik Wissenschaft zu berichten. In Dirk Schlottmanns ethnologischer Studie über die Bewohner der philippinischen Insel Siquijor, die offiziell meist zum Katholizismus konvertiert wurden, wird die noch aktive Tradition der einheimischen Geistheilungspraxis vorgestellt. Dabei lassen sich diese traditionellen philippinischen Heiler - vor allem aufgrund des Fehlens einer definitionsgemäß wesentlichen Trancepraxis - nicht als Schamanen bezeichnen. Offenbar ist ihr Heilungsgeschehen bewusstseinstheoretisch nicht dem ekstatischen und ebenso kaum dem enstatischen Pol der Bewusstseinsverschiebung zuzuordnen, sondern entspricht eher dem Zustand tageswachen, gläubigen Gebetes. Es wäre interessant zu erfahren und weiterer ethnologischer Vergleichsstudien wert, ob nicht manche Heiler und Hexer anderer Kontinente, etwa des afrikanischen, ebenfalls ohne erkennbare Bewusstseinsveränderung praktizieren.

 

Nikolaos Garagounis setzt mit seiner dogmengeschichtlichen Studie über die theoretische und bildliche Repräsentation des heiligen Geistes in der Frühchristenheit den ersten Teil seines Artikels fort. Er erweist der Zeitschrift damit die Reverenz des Fachs der katholischen Theologie, das sich hier als Jahrhunderte langes Ringen um das intellektuelle und künstlerische Erfassen der inneren Struktur des Göttlichen zeigt.

 

Kritisch zum Mainstream ist wiederum die historische Faktensammlung von Giorgio Tortelli über die Hexenverfolgung im Val Camonica des Jahres 1518 angelegt. Dieses ganz Europa überziehende gewaltige Pogrom, das die Unfähigkeit des Christentums erwiesen hat, die Nachfolge des liebenden Christus anzutreten, dieses Phänomen in Gänze verstehen zu wollen, ist nicht die Absicht seines Beitrags. Zu komplex sind die Gründe und Hintergründe: „Monokausale Erklärungsmodelle haben sich als unzureichend erwiesen“ schreiben Renate Jost und Marcel Nieden.[1] Allerdings wird im multikausalen, „spezifisch kumulativen Konzept, dem sog. ‚Hexenmuster’“[2] der heutigen wissenschaftlichen Debatte einer These meist jedes wissenschaftlichen Gewicht verweigert: Offenbar „… werden substantialistische Deutungsansätze, die von einer wie auch immer gearteten, real existierenden Hexenbewegung ausgehen, heute meist zurückgewiesen“[3]. Sicherlich haben die Exzesse, die in deutschen Landen zum schrecklichen Bild ungebändigter Grausamkeit führten, viele Ursachen, von Massenhysterie aufgrund vitaler historischer Bedrohungen, über Sozialneid und materielle Vorteile der Denunzianten bis zu antifemininen, ödipalen Reaktionsmustern. Aber muss in anderen Fällen und auch in anderen Regionen nicht noch einmal genauer die substantialistische These der Existenz einer realen Hexenbewegung überprüft werden? Gibt es möglicherweise doch einen substantiellen Nukleus magischer und paganer Aktivitäten, der die Begründung für viele andere Massenpogrome lieferte?

 

In den von Tortelli vorgelegten Quellen sprechen Zeitzeugen, die uns als kritische, unvoreingenommene Beobachter, als zufällige Zeugen erscheinen. Als Teil einer Gesellschaft, deren Annahmen und Überzeugungen die Sicht- und Denkweise des Einzelnen stets prägt, können sie zwar keineswegs objektiv gewesen sein. So zeigt Tortellis Aufsatz auch auf, wo sich Zeitzeugen aus sozialem und obrigkeitlichem Druck dem „Hexenwahn“ nicht entziehen konnten. Aber so schnell sollten wir doch den Menschen des 16. Jahrhundert nicht unterstellen, durchweg ohne Distanzierungsfähigkeit geurteilt zu haben. Mag man alle anderen sozialen und weltanschaulichen Ursachen der Hexenverfolgung auch im Fall der Verfolgungen im Val Camonica vorfinden, so bleibt hier doch ein Zweifel: ob nämlich magische Sekten nicht damals tatsächlich in diesem abgelegenen Tal ihr der Kirche entgegen gesetztes Wesen trieben?

 

Axel Leopoldts gut lesbare Einführung in die spirituelle Psychologie von A. H. Almaas bewegt sich ganz im Bereich der transpersonalen Psychologie, also jenes Zweiges der akademischen Psychologie, die der Zeitschrift für Spiritualität und Transzendentale Psychologie ein besonderes Anliegen ist. Almaas wird hier als über alle konfessionellen Beschränkungen hinaus denkender, moderner Vertreter einer heilsamen Spiritualität, einer psychotherapeutischen Methode zur Gesundung der Seele auch in ihrer spirituellen Dimension präsentiert.

 

Pünktlich zum so genannten Weltuntergang am 21.12.2012 (dem Ende des Kalenderzyklus des derzeitigen Zeitalters nach dem Mayakalender) informiert Bernhard Wegener in seinem Beitrag über apokalyptische Weltuntergänge in verschiedenen Kulturen der Menschheit. Kenntnis- und faktenreich zeigt er auf, dass die Weltuntergangsszenarien der heutigen Zeit aufgrund der Säkularisierung und materialistischen Einseitigkeit westlicher Gesellschaften einen endgültigen und deshalb bedrohlichen Charakter besitzen, während die Apokalypsen religiöser Art regelmäßig die Hoffnung auf einen Wandel hin zu einem Anderen einschlossen (wie auch heute wieder im New Age).

 

An einige kürzeren Beiträgen in den übrigen Sektionen wird die Themenvielfalt dieser Ausgabe deutlich: Angelika B. Hirsch, Religionswissenschaftlerin und psychologische Trainerin, plädiert in „Was ist Spiritualität?“ für einen Begriff des Spirituellen jenseits religiöser Festlegung. Tara Brach, international bekannte buddhistische Lehrerin, fasst in „Mit Schwierigkeiten arbeiten: Die Segnungen des REGENs“ leicht nachvollziehbare Grundsätze buddhistischer Geisteshaltung im Alltag zum Akronym „REGEN“ zusammen. Und Alan Sanderson rezensiert begeistert ein Buch des US-amerikanischen Psychologen Tom Zinser, in dem dieser eine transpersonale Psychologie entwirft, die seinen eigenen Erfahrungen mit dem Kontakt zu geistigen Wesenheiten entspringt. Diese Kontakte spielen auch eine Rolle im Praxistest des Herausgebers. Ein essayistischer Beitrag des Herausgebers ist eine halbwegs satirische Auseinandersetzung mit dem Leibnizschen Theodizee-Problem, passend zum „Endzeitjahr 2012“ bezogen auf den Jüngsten Tag. Und in den Rezensionen werden ein ausgezeichnetes Buch zur buddhistischen Alltagspraxis von Thubten Yeshe und Vanamali Gunturus lesenswerte Einführung in die hinduistische Sexuallehre vorgestellt.

 

 

 

Edgar W. Harnack

   Herausgeber




[1] in: Hexenwahn: Eine theologische Selbstbesinnung, hrsgg. v. R. Jost und M. Nieden, Stuttgart, 2004, 8.

[2] Christian Strecker, Im Namen des Anderen, in: Hexenwahn: Eine theologische Selbstbesinnung, hrsgg. v. R. Jost und M. Nieden, Stuttgart, 2004, 33

[3] a. a. O., 34