Zeitschrift für Spiritualität und Transzendentale Psychologie 2012, 2 (1) /
Journal for Spirituality and Transcendental Psychology 2012, 2 (1)



Rezension zu

Pim van Lommel: Endloses Bewusstsein.

Neue medizinische Fakten zur Nahtodeserfahrung.

4. aktualisierte Auflage 2011,  Patmos Verlag

Stefan Ruf

 

Viele Jahrzehnte lang wurde das Phänomen der Nahtodes-Erfahrung (NTE) von Medizin und Neuropsychologie ignoriert oder pathologisiert, weil es schwerlich mit dem bestehenden Paradigma – das Gehirn ist der Erzeuger von Bewusstsein – in Einklang zu bringen ist. Und in der Tat: Wie kann es in einer Reanimationssituation, in der eben jenes Gehirn aufgrund eines Kreislaufzusammenbruchs (Herzinfarkt, Schlaganfall, Unfall) klinisch tot ist, zu Erfahrungen kommen, die in ihrer Intensität, Klarheit, Raum- und Zeitlosigkeit den Erfahrungen des normalen Wachbewusstseins um ein Vielfaches überlegen sind. Diese Erfahrungen finden bei einem völlig reduzierten Hirnstoffwechsel statt, der sich in Messungen als Nulllinien-EEG abbildete. Man würde also entweder einen Zustand der tiefsten Bewusstlosigkeit erwarten oder aber ein wirres Wahrnehmungs- und Empfindungschaos, ausgelöst durch chaotisches Feuern der kurz vor dem Untergang stehenden Neuronen.


Genau hier setzt der niederländische Kardiologe und Nahtodesforscher Pim van Lommel seinen Hebel an und macht eine kleine (oder große!) kopernikanische Wende: Wenn immerhin ca. 20% aller Menschen in so einem Zustand Erfahrungen von bestechender Klarheit machen, in denen sie eine außerkörperliche Erfahrung haben, detaillierte Berichte der Reanimationssituation abgeben können, ein Lebenspanorama sehen, verstorbenen Freunden und Verwandten begegnen, ein Tunnelerlebnis haben, eine Lichterscheinung sehen (und viele  Erlebnisse mehr), dann stehen, im Sinne der Popperschen Falsifikationstheorie, nicht diese Menschen in Erklärungsnot, sondern eine Geist-Hirn-Theorie, die diese Erfahrungen nicht erklären kann.


Van Lommel kann seine Kritik mit einiger Autorität anbringen, weil er 2002 in einer allen konventionellen wissenschaftlichen Standards genügenden prospektiven Studie an 344 Patienten, die es immerhin zu einer Veröffentlichung im Lancet brachte (neben dem New England Journal of Medicine das medizinische Journal mit der höchsten Reputation), dieses Phänomen und seine Auswirkungen auf die Biographie der Betroffenen untersuchte. Prospektive Studie heißt: es wurden Patienten nach erfolgreicher Reanimation befragt, ob sie eine NTE erlebt haben (im Gegensatz zu den bis dato durchgeführten retrospektiven Studien, wo sich Menschen melden sollten, die eine NTE erlebt hatten). 82% erlebten keine NTE, 18%, also 62 Patienten, berichteten davon. Beide Gruppen wurden dann nach 2 und 8 Jahren erneut befragt. So konnte man einen Eindruck bekommen über die gravierenden Veränderungen, die nach der – z. T. sehr mühsamen - Einarbeitung dieser Ereignisse in das personale Ich vonstatten gegangen sind und zu einer spirituelleren, transpersonaleren Sicht des Lebens geführt haben. Dieser Prozess dauerte bei den meisten mehrere Jahre und unterschied sich in seinen Auswirkungen in manchen Bereichen von dem, was die Patienten ohne NTE durchmachten.


Sehr  imponierend war der Fall eines 44 jährigen, klinisch toten Patienten, dessen Gebiss während der Reanimation von einem Intensivmediziner beiseite gelegt wurde und verloren ging. Nach erfolgreicher Reanimation wird er, noch immer im komatösen Zustand, auf die Intensivstation verlegt, wo er eine Woche später diesem Arzt begegnet und ihn mit den Worten empfängt: „Dieser Mann weiß, wo mein Gebiss ist“. Er kann dem verblüfften Mediziner haargenau beschreiben, wo er das Gebiss hingelegt hat und das, obwohl er zu dem Zeitpunkt tief komatös gewesen ist. Er kann es, weil er es in einer Out-of-body-Erfahrung während der Reanimation von der Perspektive der Zimmerdecke aus haargenau beobachten konnte; neben vielen anderen überprüfbaren Details.


Van Lommel kritisiert aber nicht nur das gegenwärtige Paradigma, sondern entwickelt in seinem Buch eine neue Theorie des Bewusstseins. Diese stützt sich, zu einem großen Teil, auf quantenphysikalische Theorien. Van Lommel nutzt dieses Paradigma, wie etliche andere Autoren, auf die er sich auch stützt, weil es offensichtlich viele Parallelen zwischen der Quantentheorie und der Phänomenologie der NTE gibt. In beiden Fällen wird das Raum-Zeit-Kontinuum mit seiner Kausalität außer Kraft gesetzt. Es gibt eine Einflussnahme zwischen Wesen (oder Teilchen), die schneller als Lichtgeschwindigkeit verläuft. So wie die Manifestation des Elektrons als Teilchen oder Welle mit den Bedingungen des Versuchskontextes zu tun hat, das Wesen dahinter aber eine Wahrscheinlichkeits-welle ist, die weder Teilchen noch Welle ist und die von einer völlig anderen Dimension („Vakuum“) ausgeht, die nicht lokal ist, so ist das menschliche Bewusstsein ein Teilaspekt des nicht lokalen endlosen Bewusstseins. „Alles Sichtbare entspringt dem Unsichtbaren“. Träger dieses „sichtbaren“ Teilbewusstseins sind das menschliche Gehirn und der restliche Körper.


Diese Entwicklung einer Geist-Körper-Theorie aus der Quantentheorie heraus  ist aber gleichzeitig auch eine gewisse Schwäche: es werden nämlich unterschiedliche Ebenen, die der Teilchenphysik und die des Bewusstseins, miteinander gleichgesetzt. Van Lommel tut das sehr behutsam und lässt Raum für das Mysterium (der quantentheoretische Begriff des Vakuums mit seiner Nähe zum buddhistischen Konzept der Leere lädt ja auch dazu ein). Trotzdem macht er etwas, was Ken Wilber bei anderen Autoren zu Recht kritisiert hat: er vermischt die Ebene der Physik mit der des Geistes und hierin liegt sowohl die Gefahr der Reduktion und Banalisierung des Geistigen (was van Lommel, weil er hier sehr respektvoll vorgeht, nicht passiert) als auch die Gefahr, dass bei Widerlegung der gegenwärtig populären physikalischen Theorie auch die spirituelle Theorie ein Erklärungsproblem hat.


Ein weiterer Kritikpunkt ist die bisweilen grenzwertig missionarische Haltung, in der deutlich anders geartete religiöse Beschreibungen aus alten Mythologien (bspw. Altes  Ägypten, Islam) zu Zeugnissen anderer Kulturen für NTEs verklärt werden. Ähnlich mutet es an, wenn der Autor aus Umfragen („haben Sie schon mal das Gefühl gehabt, mit Verstorbenen in Kontakt zu stehen? – Ja sagen 12%“) Fakten macht („ 12% der Niederländer haben schon Begegnungen mit Verstorbenen gehabt“). Solche großzügige Aneignung ist einerseits verstehbar, wenn man den Widerstand von konventionell wissenschaftlicher Seite gegen diese Art der Forschung berücksichtigt, die ja mit mindestens ebensolchem Bias arbeitet. Sie schadet aber der Sache, gerade vor dem konventionell wissenschaftlichen Publikum, und van Lommel hätte das gar nicht nötig.


Unter dem Strich aber ist es ein sehr gutes Buch, das exemplarisch zeigt, dass man sehr wohl mit den Methoden der konventionellen Wissenschaft auch im transpersonalen Bereich weiterführende Forschung betreiben kann, die zudem von der konventionellen Wissenschaft zur Kenntnis genommen werden muss – und sie so, das ist die Hoffnung, peu à  peu transpersonalisiert.

 


Über den Autor:

Dr. med. Stefan Ruf ist Facharzt für Psychosomatische Medizin und lebt in Berlin. Kontakt: alruf[at]gmx.de