Zeitschrift für Spiritualität und Transzendentale Psychologie 2012, 2 (1) /
Journal for Spirituality and Transcendental Psychology 2012, 2 (1)



Der Praxistest:

Ein Besuch bei Anouk Claes und Jakob Bösch

E. W. Harnack

 

 

Die biblische Aussage „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen“ (Mt. 7, 16) wollen wir wörtlich nehmen. Was sind die Früchte, die spirituelle Lehrer und Gemein­schaften unserer Zeit wirklich hervorbringen? Ein „Warentest für spirituelle Institu­tionen“ muss anderen als rein weltlichen Kriterien genügen; er muss die Möglichkeit spiritueller Erfahrung und echter persönlicher Transformationserlebnisse in allen spiritu­ellen Traditionen einbeziehen. Aber er muss gleichwohl kritisch dazu in der Lage sein, weniger zielführende von spirituell hilfreichen Angeboten zu trennen. Solange wissenschaftliche Kriterien hierfür kaum existieren, müssen die Erfahrungsberichte einzelner herangezogen und veröffentlicht werden. In der Reihe „Der Praxistest“ stellt eine Autorin oder ein Autor ihre/ seine Erfahrungen mit einer spirituellen Institution in kritischer (Selbst-)Reflexion dar. Der Bericht gibt die subjektive Erfahrung des Autors (der Autorin) wieder und ist nicht als objektives Verdikt zu verstehen.

 

Am 12.09.2011 besuchte der Autor eine Veranstaltung, die jeden Monat in einem Basler Ausflugs- und Konferenzrestaurant stattfindet. Die als hellsichtig bekannte mediale Beraterin Anouk Claes und der Psychiater Jakob Bösch führen dort jedem, der will, ihre Beratungsarbeit life und ohne doppelten Boden vor: Vier reale Klienten, vier reale Probleme werden einen Vor- und Nachmittag lang vor dem versammelten Plenum innerer Heilung zugeführt. Denn das Konzept der Spirituell Orientierten Therapie (SPOT ®), das Claes und Bösch gemeinsam entwickelten, geht davon aus, dass alles – auch körperliches – Leiden seine Ursache stets in einem Ungleichgewicht des Seelisch-Geistigen findet. Deshalb können Heilungen, seien sie seelischer oder ganz handfester körperlicher Natur, nur durch eine Veränderung des Seelischen bewirkt werden. Folglich geschieht die „Geist-Heilung“, die Claes und Bösch anstreben, eben durch eine Beratung des Klienten im Hinblick auf jene seelischen Faktoren, die der Veränderung, der Aufmerksamkeit, der Korrektur bedürfen. Das klingt recht einleuchtend. So einleuchtend, dass man sich fragt, warum zuvor noch niemand darauf kam. Kam wirklich niemand darauf? Nun, abgesehen von der gesamten Geschichte psychosomatischer Medizin von der Antike bis ins 19. Jahrhundert, ihrer Wiederentdeckung durch Psychoanalytiker wie Georg Groddeck und ihren heutigen, auch spirituellen, spiritistischen oder transpersonalen Varianten, abgesehen davon ist sicherlich noch niemand auf diese Idee gekommen.

 

Allerdings ist Anouk Claes Medium und als solches befähigt, Aura zu lesen, die Seelen Verstorbener wahrzunehmen sowie mit anderen Arten von Wesen, sogar mit Gegenständen, telepathisch zu kommunizieren. In dieser Fähigkeit liegt sicherlich eine enorme Kompetenzerweiterung des üblichen psychosomatischen Modells. Denn wenn – was wir im Sinne des Transzendenzaxioms („Es gibt eine transzedente Wirklichkeit, die für uns erkennbar und relevant ist“) offen betrachten –  es möglich ist, damit reliable Informationen zu erhalten, handelt es sich beim Aurasehen und der Kommunikation mit Geistwesen um ein diagnostisches Inventar. Das nicht zu nutzen, seine Nutzung nicht zu systematisieren, wäre also eine vollkommene Vergeudung menschlicher (im theistischen Sinne: Gott gegebener) Talente. Wir (und mit uns vermutlich alle anderen) erwarten also bei unserem Besuch der Beratungsdemonstration, dass sich im Unterschied zu einer gewöhnlichen psychosomatischen Beratung (wie der Autor sie übrigens hundertfach selbst durchführte) etwas Übernaturhaftes ereignet. Wir erwarten also, dass sich die Übernatur des Mediums und des Klienten in der Deutung von dessen Aura erweist, in den Botschaften von Geistwesen über ihn und in anderen nicht-sinnlichen Wahrnehmungsquellen eröffnet. Wir erwarten also, dass das Medium sich als Medium erweist und weder als Betrügerin (das Informationen wie ein Trickkünstler im Varieté sammelt und verwendet) noch in jene Rolle schlüpft, die auch ich als ganz gewöhnlicher psychologischer Psychotherapeut in einer psychosomatischen Beratung einnehme.

 

In dieser Spannung also beobachtete ich das erste Beratungsgespräch. Die Teilnehmer wurden weder durch Abgabe einer Erklärung noch durch Aufklärung zum Stillschweigen verpflichtet, wie das in Fachseminaren der Fall wäre. Die Beratung war öffentlich im vollen Wortsinne und das heißt: Jeder Klient, jede Klientin wusste, worauf sie sich da einlässt. Unter anderem darauf, dass ich an dieser Stelle jedes mitgeschriebene Wort und die Namen der Beratenen veröffentlichen könnte, wenn mir danach wäre. Es ist mir ganz und gar nicht danach, denn ich finde schon die öffentliche Zurschaustellung eigener Probleme merkwürdig, erst recht deren Weiterverbreitung. Deshalb sei unter Wahrung der Anonymität erzählt, dass die erste Beratung sich um ein heterosexuelles Paar drehte, deren etwa 5 Jahre alte Tochter vor Wochen an einer unheilbaren Krankheit gestorben war. Die beiden – sehr nachdenkliche, kluge, liebevolle und anrührende Menschen – griffen offenbar nach dem einzigen Strohhalm, der ihnen geblieben war und der in der Person bestand, die den abgerissenen Kontakt zum so schmerzhaft vermissten Kind würde herstellen können. Das Medium sollte nichts weiter als klären: erklären, wie es zum unerwartet frühen Tod dieses besonderen kleinen Menschen kommen konnte, und übersetzen, welche Botschaften das Geistwesen, das dieser Mensch nun war, für seine einstigen Eltern hatte.

 

Das Medium aber schwieg. Und als es sich äußerte, klang es fast gereizt, genervt. Das Weltbild der Eltern, dass wir auf Erden seien, um Lernerfahrungen zu machen, entspricht nicht der Sichtweise von Frau Claes. Wir wissen nicht, weshalb wir hier sind. Wir können nicht sagen, welchen Sinn es hat, dass das Mädchen sterben musste, wir können auch nicht sagen, dass sie irgendeinen Auftrag hatte. All dies nämlich sei unser eigenes Bedürfnis, die Welt zu erklären und reine Spekulation. Jakob Bösch hat das in einem seiner Bücher spirituellen Atheismus genannt und als die vernünftigste Form von Spiritualität angepriesen: nichts zu glauben, was man nicht wissen kann. Dabei schießt der Atheismus ja über das Ziel des Nichtwissens, des Agnostizismus ebenso hinaus wie die intellektuelle Redlichkeit der Beraterin hier nichts mit der Lebenswirklichkeit zu tun hatte, auf die ihr beraterischer Pfeil ausgerichtet hätte sein sollen. Denn die Eltern schienen natürlich genau diese religiöse Hoffnung auf Sinn bestätigt finden zu wollen und ließen nicht locker.  – Ob sie das Geistwesen des Mädchens sehen könne? – Ja, das könne sie. – Ob es glücklich sei. – Natürlich sei es glücklich, dort seien alle glücklich. – Wie ist sie, wie eine Fünfjährige? – Nein, die Seele hat kein Alter. – Leidet sie, wenn wir, die Eltern, leiden? – Nein, aus ihrer Fünfjährigenperspektive kann sie nicht verstehen, dass ihr leidet…

 

War da nicht ein Widerspruch in den letzten beiden Aussagen? Nun ja, logische Inkonsistenz ist menschlich. Aber leider – so sah ich im weiteren Verlauf – würden sich diese kleinen, aber ganz diametralen Widersprüche so oft ergeben, dass das Weltbild von Frau Claes ein ganz geklärtes, ganz einheitliches nicht sein kann. Erstaunlich auch der Fortgang der Beratung. Nicht nur, dass den Eltern keine Botschaft seitens ihrer Tochter übermittelt wurde, sie wurden sogar beraten, ihr eigenes Leben zu leben, sich nach sich selbst zu richten, nicht nach der andersweltlichen Tochter, sollten hinterfragen, was sie dazu triebe, solche Fragen zu stellen statt das Unabänderliche zu akzeptieren. Das war doch recht vernünftig, das klang doch ganz nach einer immerhin gut gemeinten psychotherapeutischen Intervention, das klang nach psychologischer Beratung. Aber wo war das mediale Element, abgesehen von dem einen Satz „Ja, ich kann sie sehen!“? Wir wenden uns dem dritten Fall zu, überspringen den zweiten, der den Ablauf des ersten gewissermaßen in anderer Weise wiederholte. Und dann reden wir doch gleich auch über den vierten Fall, der wiederum dem dritten recht ähnlich gelagert erschien.

 

Die beiden Frauen mittleren Alters, unser dritter und vierter Fall also, litten unter unerklärlichen, nicht so recht ins schulmedizinische Konzept passenden körperlichen Symptomen, die zeitweise erhebliche und schwere Beeinträchtigungen zur Folge hatten: Kopfschmerzen, Schmerzen im Schulterbereich und in den Armen, Tinnitus, paradoxe Medikamentenwirkungen. Bei der einen beginnt das Drama nach einem einschneidenden Ereignis, dem tragischen Tod der Mutter vor Jahren, bei der anderen beginnt es nach einem zunächst banal erscheinenden, jedoch mit höchstem Schrecken verbundenen Stich einer Hornisse in die Peripherie des Auges. Treffsicher erkennt das Medium – und ihrem Gefolge der Psychiater, ihr sekundierend – in der ersten (mit dem Tod der Mutter belasteten) Klientin eine tiefe Ablehnung des Todes als Tatsache, als Faktum überhaupt und schließt daraus – mit welcher Logik auch immer – auf eine Abneigung gegen das Leben. Diese müsse überwunden werden. Die Kopfschmerzen werden als Trauerreaktion des eigenen Körpers gedeutet, weil er abgelehnt werde. Wieso die Abscheu vor dem Tod eine Abscheu vor dem Leben, dessen Teil er ist, auslösen kann, ist dem Zuhörer und wohl auch der Klientin gerade noch plausibel zu machen. Wieso aber die Abscheu vor dem Tod in ihr, der Sportlichen, Gesundheitsbewussten, eine Ablehnung des eigenen Körpers verursachen sollte, das kann sie (und können wir) nicht mehr nachvollziehen. Aber wenn die uneinsichtige Klientin in ihrem Widerstand gegen die Wahrheit nicht begreifen will, dass das Medium eben mehr sieht und weiß als sie, dann muss das allemal an der Klientin liegen. Medialität allerdings – kam nicht zum Einsatz. Allenfalls reichlich undurchschaubare pseudo-psychologische Deutetechniken.

 

Wieder einmal also wird der staunende Zuschauer Zeuge, wie das Medium eine psychosomatische Beratung praktiziert, allerdings: Diese psychologische Beratung ist so laienhaft wie nur eine sein kann. Statt die Erfahrungswelt der Klientin zu explorieren, statt mittels irgendwelcher theoretischer, kommunikativer oder bewusstseinsverändernder Methoden zu einer Veränderung ihrer Sichtweise einzuladen, ihr eine Brücke zur Selbsterkenntnis zu bauen, werden ihr Deutungen an den Kopf geworfen, die mit ihr selbst nichts zu tun haben und sie wird mit Ratschlägen erschlagen, auf die sie nicht vorbereitet ist. Das Medium spricht aus der Position der Allwissenheit, aus der heraus es der Klientin die psychologische Ursache für sein Leiden präsentiert. Wird es hingegen nach Antworten aus seinem ureigensten Metier, nach metaphysischen Ursachen gefragt, so präsentiert es sich als unwissend oder nicht zuständig („Weshalb wir hier sind, weiß ich nicht“). Das Medium hat – jedenfalls an diesem einen Tag – sich als nichts anderes erwiesen denn als eine schlechte Psychologin.

 

Dasselbe wiederholte sich bei der Klientin mit dem Hornissenstich, bei der immerhin das Geistwesen der mittlerweile eventuell verstorbenen Hornisse selbst durch das Bewusstsein des Mediums hindurch die Interpretation für die Krankheit liefert: Sie – die Klientin, so die Hornisse – müsse die Hornisse in sich finden. Das klingt ja nun mal wieder recht überzeugend! Nicht aber für die Klientin, die einige Widerstände an den Tag legt, bis sie sich endlich willig zeigt, der höheren Weisheit zu folgen. Vielleicht kam auch bei mir etwas von einer Ausstrahlung der Klientin an, was auf eine blockierte Lebensfreude schließen ließ, auch wenn das noch nicht dasselbe ist wie eine blockierte hornissenmäßige Aggression. Andererseits: Die innere Hornisse, den eigenen Stachel wieder zu entdecken – welcher Dame mittleren Alters können wir das nicht anraten, ohne wenigstens ein Bisschen ins Schwarze zu treffen (der berühmte Zirkuswahrsager Phineas Barnum weiß ein Lied davon zu singen)? Aber verbirgt sich darin nicht ein Widerspruch zur Metaphysikfreiheit, zum spirituellen Atheismus von vorhin: Wenn doch die Hornisse selbst ihren Stachel ausgefahren hat, damit die arme Frau aus ihrem Stich etwas lernt, ist dann nicht offenbar der Kosmos in Gänze, ist dann nicht jedes einzelne Wesen eingebunden in einen großen Plan, der uns lernen und uns weiterentwickeln lassen soll? Wie sehr hatten die Eltern des toten Mädchens auf diese Botschaft gehofft!

 

Sicherlich fand ich einige der Anweisungen, die Frau Claes ihren Klientinnen erteilte, doch recht eindrucksvoll, so beispielsweise: Die Klientin solle nicht die Gegebenheiten der sichtbaren Ebene auf die unsichtbare übertragen und nicht von Blockaden sprechen, als gäbe es die wirklich. Das klingt psychotherapeutisch (besonders hypnotherapeutisch) sehr einleuchtend: Dass man nicht – auch nicht im Sprachgebrauch – etwas imaginieren soll, was sich im Unbewussten als hinderliches Bild festsetzt und fortwirkt. Originell und schön finde ich ihre Handlungsanweisung gegen paradoxe oder unerwünschte Medikamentenwirkungen: mit Medikamenten, die einem nicht gut tun, vor der Einnahme zu reden und sie zu fragen, was sie wollen (ich glaube tatsächlich, dass das eine sinnvolle Methode ist). Ich maße mir also nicht an, Person und Wirken von Frau Claes oder des (jedenfalls in meiner Wahrnehmung) in ihrem Schatten agierenden Privatdozenten Dr. Bösch in irgendeiner Weise grundsätzlich in Frage zu stellen. Ich teile nur meine eigenen, persönlichen Beobachtungen und unmittelbaren Schlussfolgerungen mit. Ein objektives Urteil über die medialen und beraterischen Fähigkeiten dieses Teams ist damit nicht zu fällen und kann und soll auch nicht gefällt werden. Vielleicht hatte Frau Claes an diesem einen Tag mit Unpässlichkeiten zu kämpfen, vielleicht spürte sie telepathisch den kritischen Beobachter in ihrem Nacken und reagierte blockiert (auch wenn es Blockaden ihrer Aussage nach nicht wirklich gibt) – das will ich gar nicht ausschließen. Alles andere bleibt dem Leser und seiner eigenen Prüfung überlassen.