Zeitschrift für Spiritualität und Transzendentale Psychologie 2012, 2 (1) /
Journal for Spirituality and Transcendental Psychology 2012, 2 (1)



Die Botschaft des Leidens

E. W. Harnack

 

 

 

Wann immer ich in Versuchung gerate zu sagen: Sollte die Welt nicht ganz anders sein? Sollte es uns nicht allen gut gehen? Sollte es nicht auch ohne Leiden gehen? mache ich mir bewusst, dass die Konstruktion der Welt, wie sie ist, einen Sinn hat. Über diesen Sinn nachzudenken ist der Inhalt dieses „Briefes“ an irgendwen. Zuvor aber will ich etwas darüber sagen, wie sehr es mich im Innersten erschüttert, dass diese Welt so und nicht anders ist. Denn es soll nicht der Eindruck entstehen, der Zustand des Leidens, in dem wir uns alle mehr oder weniger stark und mehr oder weniger bewusst befinden, sei mir in irgendeiner Weise gleichgültig. Das Gegenteil ist der Fall: Im Gegensatz zu jener stumpfen Mehrheit in unseren Breiten, die sich das Leiden vom Leib hält, indem sie in hedonistischer Betäubung aufgeht und nicht mehr daran denkt, dass sie eigentlich in einer Welt voller Leiden steckt, ist der spirituelle Mensch gleich welcher Konfession aufgrund seiner unbedingten Ehrlichkeit, Unverstelltheit offen der Tatsache des Leidens ausgesetzt. Dazu ist es allerdings vonnöten, dass er wirklich ein spiritueller und kein pseudoesoterischer Mensch sei, dass er also nicht den Hedonismus und Konsum, den er sonst im Leben betreibt, um sein eigentliches Dasein nicht sehen zu müssen, einfach auf die spirituellen Möglichkeiten, der Welt zu entfliehen, ausweitet. Wer hingegen ganz einem Weg der Ehrlichkeit zu sich selbst, einem wahrhaft spirituellen Pfad also folgt, der kann vor dem Leiden nicht den Blick verschließen.




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Jahrbuch 2012