Zeitschrift für Spiritualität und Transzendentale Psychologie 2012, 2 (1) /
Journal for Spirituality and Transcendental Psychology 2012, 2 (1)


Editorial Ausgabe 1 / 2012

 

 

 

Ich begrüße Sie zur Ausgabe 1, 2012 von ZSTP!

 

 

Diese Zeitschrift hat es sich zum Ziel gesetzt, unsere Wirklichkeit aus einer spirituellen Perspektive und zugleich mit den Mitteln der nachaufklärerischen Vernunft neu zu betrachten. Das ist ein hehres Ziel, das für viele wie die Quadratur des Kreises erscheint: noch immer bleiben viele Intellektuelle einem materialistischen Reduktionismus verhaftet und sehen in Spiritualität ein illusionäres Produkt unseres Gehirns, vielleicht auch psychoanalytisch als Selbsttäuschung, um uns unser Leben erträglicher zu machen. Wieder andere, die konservativ religiösen Kreise, ziehen eine Aufteilung der Welt in zwei Sphären vor, wo die Religion im Privaten und die Wissenschaft im Öffentlichen das Sagen hat, aber beide sich angeblich nicht berühren: ein Waffenstillstand auf Kosten der Elimination des Gottes, der doch in allen Dingen wirkt. Dazwischen stehen Wissenschaften wie die Transpersonale Psychologie, die sich entweder als Ersatzreligion gebärdet oder ganz auf die Seite der Naturwissenschaft schlägt und dann alles Spirituelle (etwa die Meditationserfahrung) auf die „Wissenschaft des Bewusstsein“ reduziert, Transzendentes also naturwissenschaftlich wegerklärt. Für den Menschen aller alten Kulturen aber war die Welt von jenem Geheimnis durchdrungen, das sich nicht wegerklären lässt: der Existenz einer Hintergründigkeit, einer spirituellen Sphäre jenseits des materiell-sinnlich Erfassbaren.

              

Sollten wir also nicht viel mehr die alten spirituellen Traditionen aller Religionen in ihrer Bedeutung für den heutigen Menschen in vollem Sinne ernst nehmen und zugleich die Wissenschaft in ihrer Gänze einbeziehen und beides ernsthaft zu vereinen versuchen? Ein Beispiel soll zeigen, was das im Sinne einer solchen transzendentalen Psychologie bedeutet: Der Herausgeber, der als freiberuflicher Psychologe arbeitet, erhält zuweilen Anrufe von Menschen, die unerwartet Erfahrungen paranormaler Art machen. Das Paranormale bricht plötzlich in ihr Leben ein und verunsichert die Betroffenen. In einer pluralen Gesellschaft wie der unseren stehen ihnen und ihrer Umgebung nun alle genannten Muster zur Erklärung und Bewältigung zur Verfügung: Sie können an eine reduktionistisch-materialistische Psychiaterin geraten, die den Neurotransmitteraustausch in ihrem Gehirn für unbalanciert hält. Sie können an einen Pfarrer oder Zen-Lehrer geraten, der ihnen mit ebenso reduzierter Perspektive dazu rät, zu beten oder weiter zu meditieren. Oder umgekehrt: zuweilen raten Pfarrer dazu, einen Psychiater aufzusuchen. Häufig entscheiden die Betroffenen sich selbst für den Ausweg in die flache Welt der Pseudo-Esoterik, in der alles außergewöhnliche Erleben undifferenziert als „Erleuchtungserfahrung“ gepriesen wird. Das stärkt das eigene Ego und wirkt erst einmal aufbauend. Leider entsteht dadurch zugleich eine Zementierung der Krise, die zu dem Ausbruch der spirituellen Erfahrung geführt hat. Denn das Ego, das sich jetzt von den „außergewöhnlichen Fähigkeiten“ nähren kann, bleibt in seiner labilen, fragmentierten oder entwicklungsbedürftigen Form stecken, kann nicht zu einem wahren Selbst heranwachsen. Transpersonalpsychologen therapieren deshalb die geschwächte, in die Krise geratene Psyche, ohne die spirituelle Erfahrung wegzudiskutieren. Ihr Ziel ist das Hinauswachens über die Krise auf die transzendente Dimension hin. Wer die alten spirituellen Traditionen ernst nimmt, wird zudem betonen, dass ein solcher Weg, das Ego im Göttlichen aufgehen zu lassen, sich an dem orientieren sollte, was alte Menschheitstraditionen als Wegweiser errichtet haben. Diese Art von transpersonaler Psychologie, eine auf die Erkenntnis der Wirkungsweisen und Wirklichkeit des Transzendenten ausgerichtete, dennoch wissenschaftliche Psychologie haben wir transzendentale Psychologie genannt. Hier treffen sich praktische Anliegen des psychologischen Klinikers mit theoretischen Anliegen. Die Integration beider Seiten ist das Anliegen dieser Zeitschrift. Wie lassen sich Psychologie, Gesellschaftswissenschaften, Naturwissenschaften, Geisteswissenschaften einerseits und die spirituellen Traditionen andererseits zu einer gemeinsamen Kooperation zusammenführen?

 

In wissenschaftlichen Teil der heutigen Ausgabe finden sich Beiträge, die aus der Perspektive christlicher Theologie sprechen, wie die Reflexion von Christina Bergmann über die Transzendenzerfahrung, die im Weg des Transsexuellen erlebbar wird, im Gemeintsein durch Gott und im dahinter Gemeinten, das in der Transsexualität das Überschreitende hin zum Anderssein aufscheinen lässt. Wo dieser Beitrag sowohl persönliche als auch fundamentaltheologische, kerygmatische und seelsorgerliche Aspekte enthält, so begegnet uns im zweiten Beitrag eines christlichen Theologen zu dieser Ausgabe eine hochakademische Arbeit. Nikolaos Garagounis hat die Entwicklung des so genannten Filioque in der Geschichte der katholischen Kirche ausgiebig studiert und erläutert in seinem Beitrag die historische Entwicklung der Einführung des Heiligen Geistes ins Trinitätsdogma anhand der Geschichte entsprechender Abbildungen im Frühchristentum. Im Beitrag des Herausgebers zum wissenschaftlichen Teil dieser Ausgabe wird das Thema der Abgrenzung zwischen Psychose und spirituelle Erfahrung fortgesetzt, das in der letzten Ausgabe in einem ersten Teil behandelt wurde.

 

Auch die übrigen Teile der Zeitschrift verdienen die Beachtung des Lesers. Die Essays unter der Rubrik „Meditationes“ widmen sich den Themen „Innen und Außen“ und „Die Botschaft des Leidens“. Der Herausgeber erlaubt sich im ersten Essay, das Verhältnis zwischen Innen und Außen, oben und unten des weltlichen und des spirituellen Weges ins Verhältnis zu setzen zu den Notwendigkeiten eines Lebens auf diesem Planeten und dem Ruf nach spiritueller Entsagung. Das Verhältnis spiegelt sich wieder im Vergleich mit dem Verhältnis von vita activa und contemplativa, von Psychotherapie und spiritueller Praxis, von Tiefenpsychologie und Verhaltenstheorie. Im zweiten Essay wird menschliches Leiden als Grundbedingung des Lebens in dieser Existenzform gemäß verschiedenen religiösen und spirituellen Systemen reflektiert, um zum Schluss zu kommen, dass Schmerz nicht nur unvermeidbar, sondern sogar sinnvoll ist, während Leiden das ist, was wir zu überwinden aufgerufen sind. Der Praxistest, in dem regelmäßig spirituelle Angebote aus der subjektiven Sicht eines sie Erlebenden vorgestellt werden, behandelt diesmal einen Besuch bei dem Medium Anouk Claes in Basel. Stefan Rufs Rezension von Pim van Lommels Buch „Endloses Bewusstsein“ belegt die Bedeutung dieses Buches und des gesamten Forschungszweiges der Nahtodesforschung für die heutige unvoreingenommene Beschäftigung mit dem, was den Menschen ausmacht. Die Rubrik „Spirituality Check“ blieb diesmal leider unbesetzt, da sich kein Experte fand, um die gewohnte kompetente Darstellung eines Themengebiets aus dem Bereich der Spiritualität zu verfassen.

 

 

Wir wünschen allen Lesern eine inspirierende Lektüre!

 

E. W. Harnack

Herausgeber