Zeitschrift für Spiritualität und Transzendentale Psychologie 2011, 1 (3) /
Journal for Spirituality and Transcendental Psychology 2011, 1 (3)



Rezension zu

Georg Milzner (2010): Jenseits des Wahnsinns.
Würzburg: Königshausen & Neumann

E. W. Harnack

 

 

 

In eine Betrachtung von Psychose als Ausnahmeerfahrung, die über Wahnsinn und Normalität hinaus weist, in einen Bewusstseinszustand Jenseits des Wahnsinns will der Psychologe, Hypnoanalytiker und Schriftsteller Georg Milzner den Leser führen und damit Perspektiven für eine andere Psychiatrie eröffnen (so der Titel und Untertitel dieses Buches). Milzner geht es um einen Perspektivwechsel im Blick auf die Psychose, wie ihn die Antipsychiatriebewegung schon einmal formulierte: Psychose nicht als an und für sich krankhaften, sondern zunächst einmal als abweichenden, als andersartigen Zustand zu begreifen. Dabei kann sich der Autor sogar auf die zeitgenössische Neurowissenschaft berufen: Denn die Zustände, die das Gehirn produziert, sind als biologisch gegebene Möglichkeiten für den radikal naturwissenschaftlichen Betrachter – unter Ausklammerung kultureller Standards – völlig wertfrei und somit in keinem Fall per se pathologisch. Wenn es tatsächlich, wie eine radikale Neurobiologie betont, keine geistige Welt außerhalb von Gehirnprozessen gibt, dann ist nicht einzusehen, warum die eine Art von Gehirnprozessen gesund und die andere pathologisch sein soll.

 

Dass in derartigen Ausnahmezuständen ein Eigenwert zumindest grundsätzlich verborgen liegen kann, das zeigt er an den Parallelen zu schamanistischen, künstlerischen und religiösen Ausnahmezuständen auf. Sie alle seien vor allem durch veränderte Bewusstseinszustände – Trancen im weiteren Sinne des Wortes – gekennzeichnet. Milzner kleidet diesen Gedanken ins Bild des Brückenbauens: Er baut Brücken von den Erfahrungen von Schamanen, Künstlern und Mystikern zu den Erlebensweisen von Psychotikern. Die Unterschiede zwischen diesen Zuständen bleiben bestehen, werden in einem Kontinuum angeordnet. An deren einem Ende steht der völlig rigide Bewusstseinszustand des ganz im Konventionellen Verstrickten, dessen Geist zu Trance und Ausstieg aus der sozial geteilten Welt kaum in der Lage ist. Am anderen Ende des Kontinuums steht der Schizophrene, der in scheinbar spontanen Trancen lebt, dabei aber in seiner Eigensinnigkeit versinkt. In der Mitte befinden sich die Künstler, Schamanen und Mystiker, die zum Wechsel zwischen den Welten in der Lage sind und daraus Kreativität beziehen.

 

Milzners Versuch, die Besonderheiten der spirituellen Audition, Vision oder Meditation, der schamanistischen Trance und der „künstlerische[n] Berufung als psychosenahes Erlebnis“ (73) aufzuzeigen, zielt in beide Richtungen zugleich: die Parallelen zur Verfassung des Psychotikers im Sinne der Brückentheorie herauszuarbeiten und die Differenzen im Sinne des von der Brücke überwundenen Grabens zu ermitteln. Es sei vor allem die leitende künstlerische Idee, der Werkbezug des Künstlers, der ihn vom Psychotiker unterscheide. Ebenso sei es die Intentionalität und Wohlgesteuertheit des Ausnahmeerlebens des Schamanen, in dem er sich eben nicht als wahnsinnig erweise. Interessant ist Milzners Vermutung zum dritten Vergleichspunkt, dem Mystiker, der nicht – wie der Psychotiker – gesellschaftlich verdrängte, aber relevante Inhalte individualisiert und zum Ausdruck bringt, sondern von derartigen Bezügen zum gesellschaftlichen und individuellen Unbewussten als auch vom narzisstischen Gewinn seiner Rolle unabhängig sei.

 

Der vorrangige theoretische Erklärungsversuch Milzners für den psychotischen Ausnahmezustand lautet also, dass dieser nichts anderes sei als eine Form der permanenten Trance. Zuweilen versteigt der Autor sich freilich dazu, Bruchstücke verschiedenster theoretischer Systeme heranzuziehen und recht unvermittelt hinzuzufügen: „Psychosen wären nach dieser Lesart gewissermaßen eine Steigerung des Traumerlebens auf der Wachebene, bei der die Unterscheidung der Ebenen nicht mehr gewährleistet ist“ oder „Ein Verlust an rationaler Logik ließe sich also womöglich damit in Verbindung bringen, dass in der akuten Psychose das gesprochene Wort die weitestgehende Dominanz vor der geschriebenen besitzt“ (32). Derartige Behauptungen über die Psychoserealität erscheinen etwas konstruiert, und die unterschiedlichen theoretischen Versatzstücke lassen den roten Faden der Argumentation zuweilen in einem Knäuel wenig fundierter Annahmen verschwinden.

 

Die Ausarbeitung einer einheitlichen Theorie und empirisch gestützten Untersuchung der Psychose als Ausnahmezustand ist die Stärke des Buches also nicht. Das von Milzner errichtete Gedankengebäude entspricht eher einer expressionistischen Collage als einer wissenschaftlich durchdachten Architektur: Wenn er etwa darauf abhebt, dass sich in der Psychose der visionäre, empfindende Seelenanteil gegenüber dem rational-verbalen steigere, dann wird dies als Hypertrophie des wahrnehmenden Seelenteils im Quadranten-Modell von C. G. Jung gedeutet. Darin aber meint Milzner zu erkennen, „dass das Ziel der Psychose eigentlich der gesteigerte Empfindungs-, Sendungs- und Ausdrucksgrad war, bei dem aber die Balance verlogen ging und nun der Weg wieder abwärts führt…“ (157).  In dieser Hypertrophie dann Ziel und Sinn der Psychose zu sehen, bedürfte indessen der Begründung. Und weshalb die Entwicklung von diesem Visionären in der Psychose – im Unterschied zu den drei Begabungen auf der anderen Seite der Brücke – dann in den Abgrund der inneren Dunkelheit statt in die Klarsichtigkeit führt und ob dies wirklich ein langsames Abgleiten statt eines Umkippens ist, scheint noch die Frage.

 

Gegen Jaspers mit seinem klassischen Postulat der Unverständlichkeit des Psychoseninhalts betont der Autor deren Einfühlbarkeit, weil Psychose als biologische Gegebenheit jeden Gehirns willentlich produzierbar sei: „Denn wenn wir Psychose nicht als Erkrankung, sondern als Hirnzustand umreißen wollen, dann bedeutet das auch, sie als prinzipiell zugänglich zu betrachten.“ (37). Wenn das menschliche Gehirn mit Spiegelneuronen ausgestattet ist, die es ermöglichen, sich in andere menschliche Zustände einzufühlen, dann müsse es doch auch möglich sein, sich in psychotische Zustände einzufühlen. Vorausgesetzt allerdings, so wäre hinzuzufügen, dass im Gehirn des Beobachters bereits ein Analogmodell des Gesehenen, also ein psychoseähnliches Erleben existiert, das durch die Spiegelneuronen aktiviert werden kann. Demnach stellt sich die Frage, wie ein nicht psychose-erfahrener Beobachter dazu in die Lage versetzt werden könnte, diesen analogen Zustand, der dem seines Gegenübers entspricht, in sich hervorzubringen.

 

Milzner beantwortet diese Frage aufgrund seiner eigenen hypnotherapeutischen Kenntnisse: Trancen, so meint er, können dissoziativ sich der Umwelt verschließen oder eben assoziativ der Umwelt anschließen. Eine assoziative Trance käme demnach einer willentlichen Verschmelzung des eigenen Bewusstseinsfeldes in seiner Totalität mit dem Wahrgenommenen gleich. Die Wahrnehmung eines psychotischen Gegenübers könne, so Milzners These, zur bewussten Modulation des eigenen Geistes in Entsprechung zu diesem führen. Die empathische Funktion des Gehirns auf die Spitze getrieben in einen Zustand der Co-Psychose also, das ist es was Milzner vorschwebt (wobei er seine Methode der assoziativen Selbsthypnose im Detail nicht erläutert, sondern dazu auf ein vorheriges Werk verweist).

 

Sobald er aber beginnt, das Prinzip der Selbsterfahrbarkeit in die Tat umzusetzen und die Abgründe zu schildern, in die sich der Forscher begibt, wenn er die Psychose experimentell nachzuempfinden bereit ist, wird die Lektüre zu einer verstörenden Erfahrung. Bereits der einleitend empfohlene Versuch, sich selbst Schnitte auf Armen, Oberschenkel und Brust zuzufügen, um die Selbstverletzung von Borderline-Patienten nachvollziehen zu können, aktiviert jene vom Autor oft erwähnten so genannten „Spiegelneurone“, deren Funktion uns mit Entsetzen davon abhält, es ihm gleichzutun. Die assoziative Trance, mit deren Hilfe Milzner sich ganz in die Innenwelt eines Psychotikers hineinversetzt, sogar eines psychotischen Gewaltverbrechers, gerät zum immerhin knapp gehaltenen Horrortrip, den der Leser deshalb seinerseits in assoziativer Halbtrance nacherlebt, weil er sich mit dem doch bis dahin als vernünftig eingeschätzten Autor leichter identifiziert als mit jedem Bericht über einen verrückten Gewaltverbrecher aus dritter Hand. Für einen kurzen Augenblick also wird das Experiment des Autors zum gemeinsamen Experiment mit dem Leser – und das Ziel, das Erleben des Psychotikers zu verstehen, rückt zum Greifen nahe.

 

Dabei aber bleibt es auch. Denn das Erfahrene wird – trotz der belletristischen Begabung des Autors – nicht zur geführten Reise in die Welt der Psychose und die anschließende Reflexion führt nicht wirklich tiefer hinein, sondern am Rand des Wahnsinns entlang. Immerhin ergeben sich so vielfältige Konsequenzen, die für einen anderen Umgang mit Psychotikern sprechen könnten. „Eine der vielen Früchte der Krise ist die Erkenntnis, dass ein Mangel an Einbildungskraft dasselbe ist wie ein Mangel an Realitätssinn“ (142). Die Gesamtheit der Realität ist mehr als das Alltagsbewusstsein, und die Unfähigkeit diese Gesamtheit zu erfassen, sollten sich Wissenschaften wie Psychiatrie oder Psychologie nicht unbedingt als Verdienst anrechnen. Die tatsächlichen Erfahrungen von Menschen im Ausnahmezustand in wissenschaftlicher Distanzierung zum Objekt zu machen, verfremdet sie und macht sie erst unverständlich. Viele Implikationen dieser Botschaft bleiben allerdings nur angedeutet: Dass Psychose nicht beendet, sondern bis zur therapeutischen Lösung durchgestanden werden muss, dass ihr Potential (nur dann) genutzt werden kann, wenn sie in einen anderen, beherrschbaren Bewusstseinszustand gewandelt werden kann, wird eher implizit zum Thema.

 

Die empfohlene Therapie zielt entsprechend zunächst auf den Bewusstseinszustand des Therapeuten selbst ab: „Das Verrückte so zu behandeln, dass es sich zu entwickeln vermag (und eben nicht: dass es einfach nur weg geht), das kann wohl nur ein Behandler, der vom Verrückten selbst etwas weiß, dessen Bewusstsein also den Wandel und seine Gefahren schon kennen gelernt hat. Weshalb der Ausgangspunkt unserer am Bewusstsein orientierten Psychosentherapie auch der Therapeut selbst ist“ (177). Diese Emphase muss man allerdings nicht teilen, da empathische Einfühlung oder die Veränderung des eigenen Bewusstseinszustandes die Welt des Psychotikers ebenfalls zu erschließen vermögen. Das zeigt das Beispiel des Schamanen, der keineswegs psychotisch gewesen zu sein braucht, um in Trancereisen die Seele des Wahnsinnigen zu erreichen. Und das zeigt sich letztlich auch in den hypnotherapeutisch orientierten Übungen, die Milzner zusätzlich vorschlägt und für die ein gleichzeitiger assoziierter Bewusstseinszustand des Therapeuten nicht erforderlich erscheint.

 

Milzners Buch ist ein intensives Plädoyer dafür, unser alltägliches Bewusstsein nicht für das Maß der psychischen Gesundheit zu halten, sondern als einen reichlich eingeschränkten Ausschnitt aus dem Gesamt der Bewusstseinsmöglichkeiten. Dazu zählen auch die willentlich erzeugten und produktiv genutzten Ausnahmezustände religiöser, schamanistischer und künstlerischer Art, aber auch die ungewollten, oft unproduktiv bleibenden, weil auf Krankheit reduzierten Psychose-Erfahrungen als die andere Seite der Bewusstseinsveränderung. Milzners Denkweise wie Sprache ist literarisch. Das geht auf Kosten der Präzision im akademischen Sinne, ist aber eine Bereicherung für jeden, der in das Thema, das sich Milzner gestellt hat, reflexiv einsteigen will. Milzners Buch lädt zur grenzüberschreitenden Reflexion ein und lässt die Grenzen der üblichen Betrachtungsweise von Psychosen hinter sich.