Zeitschrift für Spiritualität und Transzendentale Psychologie 2011, 1 (3) /
Journal for Spirituality and Transcendental Psychology 2011, 1 (3)


Der Spirituality Check:

Was ist eigentlich Yoga?

 Vanamali Gunturu

 

 

 

In einer Gesellschaft, in der die religiöse Praxis nicht mehr von großen kirchlichen Institutionen kontrolliert wird, die mit weltlicher Macht ausgestattet sind, um dem „Laien“ religiöse Inhalte verbindlich vorzuschreiben, kann die Vielfalt zum Problem werden. Wer kein Experte ist, braucht oft kompetente Führer, um seriöse Angebote von Irreführungen unterscheiden zu können. Eine objektive Beurteilung dessen, was seriöse Spiritualität sein kann und was nicht, ist schwer zu finden, weil die meisten Experten selbst eine bestimmte weltanschauliche Position vertreten. Mit der Reihe Spirituality Check wollen wir aus der Perspektive einer transzendentalen Religionswissenschaft beleuchten, was seriöse von unseriösen Verwendungen spiritueller Begrifflichkeiten unterscheidet. Dabei wird jeweils ein Begriff in seiner Etymologie, seiner theoretischen Heimat, seiner praktischen Anwendung, seinem heutigen Vorkommen vorgestellt und im Hinblick auf seine seriösen Verwendungsmöglichkeiten diskutiert.


Während das Wort ‚Yoga’ in den westlichen Ländern überwiegend als eine Bezeichnung für bestimmte Leibesübungen verstanden wird, hat es in der Gesellschaft und in den Traditionen Indiens eine Fülle von Bedeutungen: a) So ist es in der Hindu-Astrologie und im Hindu-Kalender jeweils ein Verweis auf eine bestimmte planetarische Konstellation und ein Hinweis auf daraus resultierende Folgen. In diesem Kontext wird das Wort ‚yoga’ wie eine Nachsilbe an das eigentliche Wort angehängt. Zum Beispiel: amritayoga, maranayoga, vishayoga, kartariyoga, pancananayoga, patanayoga oder gajakesariyoga. b) Das Wort bezeichnet auch die günstigen oder ungünstigen Umstände eines Menschen in einer bestimmten Lebensphase. So nennt man die vorteilhaften Umstände eines Menschen, der in seinem Leben an allen Fronten nur Erfolge und keine nennenswerten Niederlagen erlebt und einen steilen Aufstieg macht, Rajayoga – Königsyoga. Es bedeutet jedoch nicht unbedingt, dass er ein König sein wird. Das Gegenteil, Patanayoga, bedeutet, dass ein erfolgreicher, angesehener Mensch sich im Fall befindet, unglückliche Erfahrungen macht – er wird verleumdet, beleidigt, bestraft und von seinen eigenen Leuten verraten. Das Wort hat aber auch moralische Konnotationen. Hierbei ist duryoga ein Negativum  und sadyoga ein Positivum.  c) Yoga wird auch als die Spitzenleistung verstanden, die man auf einem Gebiet, gleich welchem, erreichen kann. Das verwandte Wort ‚yogyata’ bedeutet Eignung, oder ‚qualifiziert sein’. d) Im Zusammenhang mit religiösen und theologischen Fragen bedeutet das Wort ‚Weg’, ‚Methode’ oder ‚Technik’. Man denke an die Bezeichnungen Bhakti-, Karma- und Jnanayoga, die Wege der Hingabe bzw. Liebe, des Handelns oder der Erkenntnis, die zu Gott führen sollen. Interessant ist der Name ‚Ashthanga yoga’, der ‚achtgliedrige Weg’’, wie Patanjali in seinem Werk  ‚Yogasutras’ das gesamte Teilgebiet von Praxis und Technik nennt.
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Literatur:

Dvivedi, Patanjalis Yogasutras, Delhi 1992

Swami Virupakshananda, Sankhyakarikas of Isvarakrishna, Madras 1995

Swami Nirvikalpananda, Srimadbhagavadgita, Madras 1944

Swami Vevekananda, The complete works, Vol. VIII, Calcutta 1977

Dasgupta, Surendranath, A study of Patanjali, Delhi etc. 1989

Hiriyanna, M., Essentials of Indian Philosophy, Bombay 1978

Radhakrishnan, S., Indian Philosophy, Vol. II Bombay etc. 1996

-, The Principal Upanisads, Bombay etc.1990



Über den Autor:

Der Autor wurde 1956 in Nellore/A.P., Indien in einer Gelehrtenfamilie geboren und studierte in Hyderabad Sanskrit-Literatur, englische Literatur und Geschichte. 1995 promovierte er in westlicher Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Er lebt als freier Autor und Dozent in der Nähe von München. Zu seinen Veröffentlichungen zählen, neben Romanen: Krishnamurti: Leben und Werk, Diederichs 1997; Mahatma Gandhi: Leben und Werk, Diederichs 1999; Hinduismus: Die große Religion Indiens, Diederichs 2000; Hinduismus, Diederichs Kompakt 2002; Mensch sucht Sinn, Gabriel Verlag 2004; Der Kamasutra-Ratgeber: Sex, Lust und die Kunst der Verführung, Atmosphären Verlag 2004; Heiliger Sex: Die erotische Welt des Hinduismus, Eugen Diederichs Verlag, 2009.

Homepage: http://www.gunturu.de/



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