Zeitschrift für Spiritualität und Transzendentale Psychologie 2011, 1 (3) /
Journal for Spirituality and Transcendental Psychology 2011, 1 (3)


Psychotherapeuten und spirituelle Lehrer: Gemeinsam Neues wachsen lassen

E. W. Harnack

 

 

 

Tskonyi Rinpoche, ein mit 43 Jahren noch junger und mit westlichen Schülern vertrauter Abt eines buddhistischen Klosters in Kathmandu, rät unbedingt dazu, emotionale Schwierigkeiten mittels psychotherapeutischer Methoden aufzuarbeiten, ergänzend und begleitend zur buddhistischen Praxis. Sein älterer Kollege Namkhai Norbu, einer der bekanntesten zeitgenössischen Lehrer des tibetischen Buddhismus, schreibt hingegen: „I am not at all against psychotherapy. It can have a real benefit. However, it is like modern medicine (and I am not against modern medicine at all, as everyone knows. I think we should make use of all that is available in the modern world, but see it for what it is). Psychotherapy is like a pill or a drug for a specific ailment, but, like medicine, it cannot cure the soul, it can only cure a local disease… (11) But psychotherapy and the Dharma do not have the same goal, nor are they the same path… (12)… So, the Dharma is for helping the individual to get out of samsara, while therapy is to help one to function better in samsara. And to mix the two implies that somehow the Dharma is lacking in methods to really help people. It is as if one were saying that the Dharma needs some improvement, so if I add a little psychotherapy to it, it will be something powerful. However, the Dharma is a complete path (13f.)“[1]. Solchermaßen kritisch, wenn auch differenziert, ist die Meinung vieler bedeutender fernöstlicher Lehrer zur Psychotherapie, etwa auch diejenige des tibetischen Lamas und Psychologen Chögyam Trungpa. Obwohl er Psychotherapie generell für sinnvoll hält, warnt er aus buddhistischer Perspektive vor der Fixierung einer Persönlichkeit, die aus ihrer Vergangenheit heraus verstanden und behandelt werden müsse: „Was uns am meisten daran hindert, unseren Patienten auf diese Weise zu helfen, ist wieder die Vorstellung von einem ‚Fehler’ und die daraus resultierende Fixierung auf die Vergangenheit. Die meisten un­serer Patienten werden in irgendeiner Weise die Vergangenheit aufarbei­ten wollen. Aber dieser Ansatz kann gefährlich werden, wenn er zu weit geht. Wenn man dieser Spur folgt, muss man auf die eigene Empfängnis zurückblicken, dann auf die Erlebnisse seiner Familie davor, auf die Urgroßeltern und so weiter. Das kann sehr weit zurück führen und sehr kompliziert werden. Der buddhistische Standpunkt betont die Unbeständigkeit und Ver­gänglichkeit der Dinge“[2]. Allerdings bezieht sich Chögyam Trungpas Kritik nicht auf Psychotherapie generell, sondern speziell auf tiefenpsychologische und noch spezieller auf psychoanalytische Ansätze.



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