Zeitschrift für Spiritualität und Transzendentale Psychologie 2011, 1 (2) /
Journal for Spirituality and Transcendental Psychology 2011, 1 (2)



Der Spirituality Check:

Esoterik und Pseudo-Esoterik

E. W. Harnack

 

 

In einer Gesellschaft, in der die religiöse Praxis nicht mehr von großen kirchlichen Institutionen kontrolliert wird, die mit weltlicher Macht ausgestattet sind, um dem „Laien“ religiöse Inhalte verbindlich vorzuschreiben, kann die Vielfalt zum Problem werden. Wer kein Experte ist, braucht oft kompetente Führer, um seriöse Angebote von Irreführungen unterscheiden zu können. Eine objektive Beurteilung dessen, was seriöse Spiritualität sein kann und was nicht, ist schwer zu finden, weil die meisten Experten selbst eine bestimmte weltanschauliche Position vertreten. Mit der Reihe Spirituality Check wollen wir aus der Perspektive einer transzendentalen Religionswissenschaft beleuchten, was seriöse von unseriösen Verwendungen spiritueller Begrifflichkeiten unterscheidet. Dabei wird jeweils ein Begriff in seiner Etymologie, seiner theoretischen Heimat, seiner praktischen Anwendung, seinem heutigen Vorkommen vorgestellt und im Hinblick auf seine seriösen Verwendungsmöglichkeiten diskutiert.



Esoterik einst…

Ist es nicht merkwürdig, wie ein Begriff, der auf die verborgensten Geheimnisse des Kosmos, auf die tiefsten Schichten des Wissens um die Rätsel unserer Existenz verweist, zum Synonym für Oberflächlichkeit, Betrug und geistige Wirrnis werden kann? Und wer ist schuld, dass dieser schöne Begriff des 19. Jahrhunderts, dieses Wort „Esoterik“, heute dermaßen derangiert wurde, dass es geradezu als Schimpfwort kursiert? Einen Esoteriker möchte sich keiner mehr nennen lassen, selbst der, der tief in der entsprechenden Szene und ihrem Denken steckt. Aber was ist denn diese Szene und dieses Denken? Und was hat es nun mit dem Begriff auf sich, von dem ich eben behauptet habe, dass er aus dem 19. Jahrhundert stamme? Diese Behauptung begründet sich jedenfalls darauf, dass die Wortschöpfung „Esoterik“ in dieser oder ähnlicher substantivischer Form vielleicht erstmals, jedenfalls belegtermaßen, in einigen Schriften des 19. Jahrhunderts auftaucht. In einem merkwürdigen, in Form von „Sendschreiben“ verfassten Traktat eines Mathematik- und Physikprofessors der damals schon provinziellen Universitätsstadt Frankfurt an der Oder erscheint 1817 das Esoterische substantiviert im Titel: „Esoterika oder Ansichten der Verhältnisse des Menschen zu Gott“ von Christian Ernst Wünsch. Schon Wünschs Verwendung des Begriffs verweist auf drei seiner wesentlichen Grundgehalte: Erstens die erklärte Absicht des Verfassers, dass den Inhalt „keineswegs Jedermann … zu wissen braucht und lesen soll“. Esoterik ist also Geheimwissen, nicht jedermann zugänglich und zugedacht. Zweitens geht es dem Professor Wünsch um spirituelles Wissen, das zeitlich wie dem Gehalt nach vor jeder etablierten Religion liegt. Esoterik ist also Wissen um das göttliche Geheimnis in der Tiefe und im Ursprung, jenseits aller Einzelreligion. Drittens rekurriert Wünsch auf die Antike, auf das alle Geheimnisse des Göttlichen bereits in sich enthaltende Urwissen, das die Antike besessen haben soll. Alle drei Begriffskomponenten sind richtungweisend für das, was wir heute Esoterik nennen.

 

Denn eine Esoterik besaß die Antike in der Tat, allerdings nicht unter dieser Bezeichnung. Als „esoterische“ Schriften bezeichneten einige zwar schon früh diejenigen Schriften des Aristoteles, die er nicht für das breite Publikum, sondern nur die Gelehrtenwelt verfasst habe, gleich wie der Professor Wünsch es seinerseits tat. Aber es war wohl keine „esoterische“, keine spirituelle Lehre des Aristoteles, die der Masse unter seinen Lesern verborgen blieb, sondern es war schlicht ein der Fachwelt vorbehaltenes Wissen gemeint. Esoterikós (e0swteriko/j), das spätaltgriechische Adjektiv, aus dem dann die „Esoterik“ wurde und das erst durch die Neuplatoniker in einem spirituellen Sinn Verwendung fand, meint einfach das Innerliche. Der Neuplatoniker Hippolyt von Rom etwa charakterisiert damit die damals schon uralten Mysterienkulte – wie die Orphiker und namentlich die Pythagoräer –, die durch die Weitergabe nur an Eingeweihte ihre Lehren vor der Verbreitung im gemeinen Volk schützten – so wirkungsvoll, dass wir bis heute über viele ihre Ansichten und Praktiken nur unzureichend informiert sind. Auch der römische Mithraskult, der dem frühen Christentum kultisch stark ähnelt und dieses möglicherweise beeinflusst hat, ist als Mysterienreligion eine Art römischer Esoterik.

 

Im Unterschied zum monotheistischen Alleingültigkeitsanspruch des Christuskultes koexistierten die esoterischen Mysterienbünde friedlich mit dem römischen Staatskult, der ganz „exoterisch“, also offen zugänglich war. So findet Cäsar die Esoterik eines anderen Kulturkreises, nämlich des keltischen, durchaus erklärungsbedürftig: Dort nämlich weigerten sich die Druiden, ihre Lehren schriftlich niederzulegen, und zwar – wie er vermutet -, weil “sie weder wollen, dass die Lehre ins Volk getragen wird, noch dass jene, die lernen, auf die Buchstaben vertrauend sich weniger ums Erinnern mühen“ (De bello Gallico, VI, 14; meine Übersetzung). Ein Großteil dessen, was heute als esoterisches Wissen des Abendlandes gilt, beruht aber nicht auf unserem spärlichen Wissen über die griechischen und römischen Kultgemeinschaften, auch nicht dem geheimen Wissen der Druiden, sondern beruft sich auf Ägypten, als die bereits in der Antike (so von Herodot) behauptete Wiege aller mediteranen Religionen. Besonders die im etwa 2. Jahrhundert verfassten oder kompilierten hermetischen Schriften galten späteren Zeiten als Beweis für die spirituelle Überlegenheit Ägyptens. Hermes Trismegistos, der ägyptisch-griechische Gott Hermes-Thot, selbst habe sie offenbart. Im 15. Jahrhundert wurden sie wiederentdeckt und aufgrund der Forschungen Marsilio Ficinos und dessen Förderers, Cosimo di Medici, zum beliebten Referenzpunkt der Renaissance-Esoterik, die man später dementsprechend Hermetik nannte (Faivre 1992). Sie selbst nannte sich oft Magie – in einem weiteren Sinne des Begriffs als heute und bezeichnete damit jene Geheimwissenschaft von den spirituellen Gesetzen des Kosmos, die wir heute als Esoterik bezeichnen. Nicht im Mittelalter, sondern in der Renaissance hatte das, was wir heute als Esoterik kennen, also seine Blütezeit im abendländischen Denken (vgl. Faivre 1992; Hanegraaf 1998). Die Wiedererweckung der magisch-hermetischen Tradition ereignete sich als Gegenbewegung zur damals sich abzeichnenden Trennung von Religion und Naturwissenschaft und als die Sehnsucht nach der Rückkehr in die Geborgenheit eines unus mundus, eines geistig-materiell durchwirkten Kosmos, den der mittelalterliche Mensch am Aufbruch in die Neuzeit verlassen musste.

 

Was das Substantiv Esoterik als Wortschöpfung betrifft, so findet diese sich aber erst im 19. Jahrhundert. Während der Professor Wünsch bereits von Esoterika (also esoterischen Gedanken oder Schriften) spricht, bedienen sich religionswissenschaftliche Abhandlungen dann des Wortes selbst, zunächst im französischen (ésotérisme) die Histoire de Gnosticism (1828) des Jaques Matter (Faivre 1992), später auch renommierte Religionskundler wie Paul Deussen, der Okkultist Eliphas Levi oder die Theosophische Gesellschaft. Zusammen mit dem damals aufkommenden Spiritismus und der amerikanischen New Thought Bewegung bildet die Theosophie des späten 19. Jahrhunderts wie keine andere das ab, was als moderne Esoterik bezeichnet werden kann. Nun hat der Begriff vollends die Bedeutung des spirituellen Geheimwissens, des inneren Kerns der Religion, des Mysteriums erlangt, ist also mit dem zusammen gewachsen, was zuvor Hermetik oder Magie hieß. Auch wenn die Wortverwendung noch nicht sehr verbreitet war, drehte sich doch ein wesentlicher Teil der religionswissenschaftlichen Debatte des frühen 20. Jahrhunderts darum, dass es einen gemeinsamen spirituellen Kern aller religiösen Traditionen gebe, der verborgen in ihnen liege und nur in mystischem Erleben erfahren werden könne. In den Schriften Rudolf Ottos (Das Heilige; 1927) oder Frithjof Schuons (De l‘unité transcendante des religions, 1948) ist der Gedanke einer verborgenen Urform des Religiösen allgegenwärtig. Esoterik meint dann zweierlei (vgl. Dinzelbacher 1989, 151): Zum einen, dass diese Urform nicht einfach anhand der Äußerlichkeiten der Religionen offen daliegt, so dass man nur ihre offensichtlichen Gemeinsamkeiten zusammenzufassen bräuchte, um von einer spirituellen Einheit der Religionen sprechen zu können, sondern dass diese Einheit sich nur dem vertieften Forschen und Durchdenken erschließt. Und zweitens, dass die Erkenntnis dieser Einheit auch nicht allein durch Forschen und Durchdenken gewonnen werden kann, sondern sich nur demjenigen erschließt, der die spirituelle Tiefe dieser zentralen Lehren in eigener Person nachzuvollziehen imstande ist. Deshalb ist Esoterik, wie der antike Mysterienkult, eine Sache allmählicher und dem Fortschritt des Adepten angepasster Einweihungen in Wissen, das den meisten unzugänglich bleibt. Die Freimaurerei und die ihr verwandten okkulten Schulen des 17. bis 20. Jahrhunderts (die Rosenkreuzer, die Illuminaten zur Zeit Goethes, der Order of the Golden Dawn) sind Musterbeispiele solcher Einweihungs-Systeme.

 

Nun mag man sich fragen, ob Geheimhaltung und Einweihungszeremonien nicht den für sich selbst verantwortlichen heutigen Suchenden ebenso wie den objektiven Kritiker entmündigen und in Wirklichkeit nur dazu gedacht sind, den Mythos von besonderer Tiefe zu nähren, wobei nach näherem Betrachten nichts dahinter ist (dann aber ist es zu spät, um den indoktrinierten Geist noch zur Kritik gegenüber dem jahrelang Praktizierten anzuhalten). Die Geheimhaltung resultiert andererseits aus der besonderen, doppelten Verantwortung des Inhabers solchen Wissens: einerseits gegenüber dem Schüler, der in Verwirrung und schließlich in Unglauben, schlimmstenfalls in Wahnsinn gestürzt werden könnte, wenn er zu früh mit Lehren konfrontiert wird, die übliche Weltbilder sprengen; andererseits aus der Verantwortung gegenüber dem tiefen spirituellen Wissen, das durch solche, die es nicht zu fassen vermögen, entweiht, in den Schmutz gezogen, lächerlich gemacht würde. Doch wir leben in einer Zeit, in der die Informationsfreiheit des geistig emanzipierten Subjekts höher wiegt als solche Verantwortlichkeiten, so dass jetzt einst geheime Rituale und Lehren in Buchhandlungen und im Internet verbreitet werden.

 

…und Esoterik heute

Esoterik ist heute ein in mehrerer Hinsicht sehr problematischer Begriff. Wie wir gesehen haben, ist esoterikós das einem inneren Zirkel vorbehaltene Wissen. Aber in welchem Verhältnis steht diese Innerlichkeit zur Vorstellung eines innersten Kerns aller Religionen, einem Inneren im Sinne der verborgenen Tiefenstruktur hinter der Oberfläche des Sich-Äußernden. Und ist dieses wiederum identisch mit der Innerlichkeit der meditativen Versenkung im Sinne einer inneren Erfahrung? Ist mit dem Esoterischen also zugleich das aus dem eigenen Inneren entspringende Wissen gemeint? Und ist im innersten Kern der Religionen oder im eigenen Innersten das Okkulte zu finden, die Divination, die hermetischen Gesetze, oder sind sie wieder eine ganz andere Art, von Esoterik zu sprechen? Diese Schwierigkeiten löst der Esoterik-Forscher Antoine Faivre (1992) geschickt, indem er Esoterik als Denkform kennzeichnet, für die vier Elemente kennzeichnend sind: die Korrespondenzen zwischen den Sphären (z. B. „Wie oben so unten“) als Gesetzmäßigkeit; die Natur als lebendiger Kosmos; die Imagination und Vermittlung (zeichenhafter statt unmittelbarer Erfahrung des Göttlichen) als Erkenntnisweg; und die „Transmutation“, die Verwandlung des Menschen auf eine höhere Ebene als Ziel. Faivre zufolge, ist es diese Denkweise, die sich als roter Faden durch alle Esoteriken hindurchzieht, und den wir auch wieder finden.

 

Historisch ist die neue Esoterik unserer Zeit aus der Öffnung der Gesellschaft der späten 60er Jahre und dem Interesse der Hippiebewegung an neuen Formen von Spiritualität erwachsen. Alte Traditionen indigener Kulturen, fernöstlicher Religionen und andere Geheimlehren wurden zum allgemein zugänglichen Gedankengut. Dadurch wurde die westliche Esoterik „globalisiert“ und viel mehr ein Phänomen verschiedener kulturellen Ursprünge als eine bloße Fortsetzung der hermetischen Tradition. Und der Trend hält bis heute an: Esoterik ist weiter auf dem Vormarsch (vgl. Knoblauch 2009), und zwar nicht im Sinne einer sich ausweitenden Subkultur, sondern in dem Sinne, dass diese Subkultur im Mainstream angekommen ist und allmählich alle gesellschaftlichen Bereiche durchdringt. Esoterik ist heute Geheimwissen in demokratisierter Form. Zwar gibt es sie weiterhin, jene Form esoterischen Geheimwissens, deren Zugang man sich erst erarbeiten muss. Manche Praktiken des tibetischen oder indischen Tantra oder des Yoga werden auch heute nur unter der Prämisse gelehrt, dass der Schüler sie nicht weitergibt, und auch die westlichen Esoterikschulen existieren noch. Aber durch die Globalisierung und Popularisierung des Geheimwissens der verschiedenen Traditionen ist die heutige Esoterik nicht nur der spirituelle Kern der einen oder anderen Religion, sie ist dabei zu einer Metareligion zu werden. Auch deshalb wird esoterisches Wissen seitens der etablierten Religionen heute oft als der Religion widersprechend, nicht als ihr geheimnisvoller Kern angesehen. Insbesondere das Christentum hat sich mit der postaufklärerischen Wissenschaft verbündet und das einst in ihrem Schoß gehütete hermetisch-magische Wissen als nicht mit der Religion vereinbar ausgestoßen.

 

Esoterik bildet somit zumindest den Kern jener synkretistischen Religion des New Age (vgl. Hanegraaf 1998), die sich gegen den Partikularismus der Einzelreligionen stellt und dem priesterlichen Prinzip, dass Andere dem Einzelnen vorschreiben, was er zu glauben hat, eine individuelle Spiritualität gegenüberstellt. Für Esoterik als Kern des New Age ist somit zudem Individualisierung charakteristisch. Zwar gab es Individualismus in der Esoterik schon früher: die Alchemisten, die Magier der Renaissance, die jenseits aller kirchlichen Orthodoxie oder spirituellen Schule aus dem Bücherwissen der Alten und aus dem Buch der Natur lernten. Aber generell waren im Westen wie im Osten die spirituellen Geheimlehren Teil von Lehrer-Schüler-Verhältnissen oder von ordensähnlichen Gemeinschaften, die über die rechte Auslegung und Anwendung der Lehren wachten. Heute ist jeder Einzelne dafür selbst verantwortlich, welche magischen Praktiken aus Internetforen er anwendet oder bei welchem Schamanen sie in welche Bewusstseinszustände eintaucht. Denn Individualisierung zusammen mit Globalisierung bedeutet, dass das Individuum nicht nur aus der heimischen, sondern aus dem gesamten Fundus der spirituellen Traditionen der Menschheit schöpfen und sich daraus eine eigene Form von Spiritualität zusammenstellen kann.

 

Die Religion des New Age erschafft also neue, nicht-hierarchische und nicht-institutionalisierte Wissenstraditionen, in denen besonders begabte Einzelne ohne die Autorität einer Gemeinschaft als Lehrer fungieren und die Verantwortung ganz beim Individuum liegt. Eine solche Demokratisierung der Religion kann ein Segen sein, solange sie nicht mit Vulgarisierung einhergeht, also ihre Inhalte öffentlich zugänglich, aber nicht zugleich verflacht und verfälscht werden. Voraussetzung ist allerdings, dass das Individuum mit diesen Inhalten umgehen und sie sinnvoll nutzen kann. Oft aber scheint weder der Einzelne genügend Orientierung in sich vorzufinden, um spirituelles Wissen ohne Lehrer nutzen zu können, noch entgeht dieses der Vulgarisierung. Für die meisten Menschen nämlich ist esoterisches Wissen eigentlich schwer zu begreifen und noch schwerer umzusetzen. Deshalb reagieren sie darauf entweder mit unumwundener Ablehnung oder aber sie spüren dessen wahren Gehalt und vertreten dann mit großer Begeisterung etwas, das sie nicht verstehen. Um aus dieser Begeisterungsfähigkeit Kapital zu schlagen, bedarf es der Vereinfachung in einer solchen Weise, dass das eigentliche Geheimwissen durch Verflachung und Verfälschung im besten Fall spirituell ungefährlich, weil unwirksam wird, aber so leicht eingängig und verdaubar geworden ist, dass eine große Masse es schnell und belanglos zu konsumieren vermag. Körper- und Gesundheitskult, die Steigerung egozentrischer Glücksgefühle und kommerzielle Erfolgstrainings („Erfolg ist keiner der Namen Gottes“ – Martin Buber) werden so zum vermeintlichen Partner von Spiritualität.

 

Pseudoesoterik sollten wir wohl besser vieles von dem nennen, was heute bewusst verunglimpfend als Esoterik bezeichnet wird. In der Pseudoesoterik erweist sich, wie effektiv der Materialismus und Konsumismus alle Ideologien in seine eigene Maschinerie einverleibt und zur Unkenntlichkeit verwandelt. Denn der „spirituelle Materialismus“ (Chögyam Trungpa) der Pseudoesoterik verwandelt die Suche nach Überweltlichem in den Konsum von ganz und gar Weltlichem. Esoterische Spekulation, von Uneingeweihten falsch verstanden, wird schließlich sogar zu materialistisch-antireligiöser Propaganda – und als hätte Christian Ernst Wünsch mit seinem Wunsch recht behalten, kein Unverständiger möge sein Buch in die Hände bekommen, ist der Text des Physikers von 1817 ein Beispiel hierfür: Seine (vermutlich aus noch früherer Quelle stammende) Erklärung der Geburt Jesu als Mythologisierung astronomischer Ereignisse wird heute in dem spekulativen Programmfilm „Zeitgeist“ ausgiebig zur Begründung dafür verwendet, dass Jesus von Nazareth selbst eine Erfindung und Religion rein naturwissenschaftlich zu sehen sei.

 

Hilfe zur Unterscheidung: Esoterik und Pseudoesoterik

Hinter die Individualisierung, Popularisierung und Globalisierung einst gehüteten Wissens können und sollten wir nicht zurück, damit der Mensch dieses neuen Jahrhunderts tatsächlich zum Mystiker werden kann, wie der Theologe Karl Rahner es bereits forderte. Jetzt geht es um den verantwortlichen Umgang damit und um die Unterscheidung der Geister: Denn Pseudoesoterik ist im Unterschied dazu durch Vulgarisierung, Kommerzialisierung und Erdichtung charakterisiert. Damit soll gesagt werden, dass ursprüngliches esoterisches Wissen vereinfacht und gemäß den Konsumbedürfnissen der Massen so weit verändert wird, dass es sich gut verkaufen lässt (Vulgarisierung). Spirituelles Wissen wird dadurch zu einem x-beliebigen kommerziellen Marktwert, an dem verdient oder der eigene Ruhm begründet werden soll (Kommerzialisierung). Die Gesetze des Marktes diktieren folglich die verkündeten Lehren und Behauptungen, nicht die alten Traditionen, die ohne Skrupel verfälscht und gänzlich neu erfunden werden (Erdichtung). Die folgenden Kriterien sollen helfen, Esoterik von Pseudoesoterik zu unterscheiden:

 

1) Der Ursprung des Wissens

Handelt es sich um Wissen, das in einer anerkannten esoterischen Tradition steht, so spricht das eher für echte Esoterik. Propheten und Mystiker, die esoterische Zugänge finden, ohne eine spirituelle Schulung zu besitzen, hat es immer gegeben (beispielsweise Jakob Böhme). In der Regel aber ist privat offenbartes Wissen, das nicht mit den existierenden spirituellen Traditionen übereinstimmt, eher pseudoesoterisch, weil der Abgleich mit verschiedenen Offenbarungen fehlt, die Lehre nicht auf eine Jahrhunderte lange Testphase und den Diskurs mit anderen Experten zurückblicken kann.

 

Esoterische Traditionen, die auf eine längere Geschichte zurückblicken können und deren Wissen heute vorliegt, sind beispielsweise

·       die mystischen Traditionen der westlichen Religionen: des Christentums (inklusive der ostkirchlichen und der Wüstenväter), des Islam (Sufismus), des Judentums (Kabbalah und Chassidismus),

·       die esoterischen Lehren der östlichen Religionen: des Buddhismus (z. B. tibetisches Tantra), Hinduismus (indisches Tantra und manche Yoga-Lehren) sowie der chinesischen Religion

·       teilweise die esoterischen Schulen des Westens: Rosenkreuzer, manche Teile der Freimaurerei etc.

·       die okkulten Wissensabteilungen des Westens wie Ostens: Alchemie (als spirituelle Praxis), Astrologie, Mantik (Tarot, I Ging etc.), Magie, Spiritismus etc.

·       die Lehren traditionaler Kulturen: Schamanismus, traditionelle Dämonologie etc.

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Hingegen wissen wir heute viel zu wenig darüber, womit sich Kelten, ägyptische Priester, die legendären Ritter der Tafelrunde (als Hüter des heiligen Grals) oder die Templer wirklich befasst haben. Die Literatur über Runenorakel, Edelsteinkunde und das Wissen der Hexen ist in der Regel heutigen Ursprungs, selbst wenn sie sich auf die spärlichen Berichte aus früheren Zeiten beruft. Zwar mag sich auch im „wiederentdeckten Wissen von Atlantis“ das kollektive Überbewusste neu offenbaren, mag beim Einen oder der Anderen positive Entwicklungsprozesse anstoßen, aber es sollte klar sein, dass dieses Wissen nicht durch Tradition und Diskurs geprüft wurde und einem Auto ohne TÜV gleichkommt, das reale Gefahr läuft, nicht am Ziel anzukommen oder gar schwere Unfälle zu verursachen.

 

2) Der Umgang mit dem traditionellen Wissen

Ob eine Person die esoterische Tradition frei interpretiert oder exakt weitergibt, ist ein weiterer möglicher Unterscheidungsweg zwischen esoterischem und pseudoesoterischem Wissen. Gerade bei der Neuschöpfung pseudoesoterischer Lehren aus altem Wissen heraus nämlich entstehen solche Lehren, die wie alte klingen, es aber nicht sind. Wer sich für ein neues esoterisches Wissensgebiet interessiert, sollte deshalb zuallererst seriöses Wissen über die traditionelle Auslegungsweise dieses Gebiets erwerben, bevor er oder sie sich in Seminaren oder Büchern frei geschaffene Interpretationen aneignet. Seriöse Lexika oder die Bücher aus einem ausgesprochenen Fachverlag (z. B. Diederichs) bieten belegte Informationen.

 

3) Die spirituelle Tiefe der Person, die das Wissen verkündet

Personen, die spirituelles Wissen verkünden, sollten an anderen Maßstäben zu messen sein als Personen, die wissenschaftliche Vorträge oder Business-Workshops abhalten. Spirituelle Lehrer sollten auch durch ihre Integrität überzeugen, insbesondere wenn keine spirituelle Tradition ihr Wissen bestätigt. Das gilt noch mehr, wo der Verdacht vordergründiger finanzieller oder narzisstischer Interessen (beispielsweise Machtmissbrauch) nicht von der Hand zu weisen ist. Da jeder spirituelle Lehrer auch Mensch ist, sollten die Maßstäbe allerdings nicht so weit in die Idealisierung hinein übertrieben werden, dass nur ein fehlerfrei erscheinender Lehrer – dieser dann aber mit idealisierender Bewunderung – als spiritueller Lehrer akzeptiert wird.

 

 

Literatur:

Dinzelbacher, Peter (1989): Wörterbuch der Mystik. Stuttgart: Kröner.

Faivre, Antoine (1992): Esoterik. Braunschweig: Aurum.

Hanegraaff, Wouter J. (1998): New Age religion and Western culture. Esotericism in the mirror of secular thought. New York: State of New York University Press.

Knoblauch, Hubert (2009): Populäre Religion. Auf dem Weg in eine spirituelle Gesellschaft. Frankfurt / New York: Campus.

Wünsch, Christian Ernst (1817): Esoterika oder Ansichten der Verhältnisse des Menschen zu Gott. Zerbst: Andreas Füchsel.

 

Über den Autor:

E. W. Harnack ist Diplom-Psychologe/Psychotherapeut; schreibt und arbeitet in freier Berufsausübung in Berlin.