Zeitschrift für Spiritualität und Transzendentale Psychologie 2011, 1 (2) /
Journal for Spirituality and Transcendental Psychology 2011, 1 (2)



Der Spirituality Check:

Esoterik und Pseudo-Esoterik

Edgar W. Harnack

 

 

In einer Gesellschaft, in der die religiöse Praxis nicht mehr von großen kirchlichen Institutionen kontrolliert wird, die mit weltlicher Macht ausgestattet sind, um dem „Laien“ religiöse Inhalte verbindlich vorzuschreiben, kann die Vielfalt zum Problem werden. Wer kein Experte ist, braucht oft kompetente Führer, um seriöse Angebote von Irreführungen unterscheiden zu können. Eine objektive Beurteilung dessen, was seriöse Spiritualität sein kann und was nicht, ist schwer zu finden, weil die meisten Experten selbst eine bestimmte weltanschauliche Position vertreten. Mit der Reihe Spirituality Check wollen wir aus der Perspektive einer transzendentalen Religionswissenschaft beleuchten, was seriöse von unseriösen Verwendungen spiritueller Begrifflichkeiten unterscheidet. Dabei wird jeweils ein Begriff in seiner Etymologie, seiner theoretischen Heimat, seiner praktischen Anwendung, seinem heutigen Vorkommen vorgestellt und im Hinblick auf seine seriösen Verwendungsmöglichkeiten diskutiert.



Esoterik einst…

Ist es nicht merkwürdig, wie ein Begriff, der auf die verborgensten Geheimnisse des Kosmos, auf die tiefsten Schichten des Wissens um die Rätsel unserer Existenz verweist, zum Synonym für Oberflächlichkeit, Betrug und geistige Wirrnis werden kann? Und wer ist schuld, dass dieser schöne Begriff des 19. Jahrhunderts, dieses Wort „Esoterik“, heute dermaßen derangiert wurde, dass es geradezu als Schimpfwort kursiert? Einen Esoteriker möchte sich keiner mehr nennen lassen, selbst der, der tief in der entsprechenden Szene und ihrem Denken steckt. Aber was ist denn diese Szene und dieses Denken? Und was hat es nun mit dem Begriff auf sich, von dem ich eben behauptet habe, dass er aus dem 19. Jahrhundert stamme? Diese Behauptung begründet sich jedenfalls darauf, dass die Wortschöpfung „Esoterik“ in dieser oder ähnlicher substantivischer Form vielleicht erstmals, jedenfalls belegtermaßen, in einigen Schriften des 19. Jahrhunderts auftaucht. In einem merkwürdigen, in Form von „Sendschreiben“ verfassten Traktat eines Mathematik- und Physikprofessors der damals schon provinziellen Universitätsstadt Frankfurt an der Oder erscheint 1817 das Esoterische substantiviert im Titel: „Esoterika oder Ansichten der Verhältnisse des Menschen zu Gott“ von Christian Ernst Wünsch. Schon Wünschs Verwendung des Begriffs verweist auf drei seiner wesentlichen Grundgehalte: Erstens die erklärte Absicht des Verfassers, dass den Inhalt „keineswegs Jedermann … zu wissen braucht und lesen soll“. Esoterik ist also Geheimwissen, nicht jedermann zugänglich und zugedacht. Zweitens geht es dem Professor Wünsch um spirituelles Wissen, das zeitlich wie dem Gehalt nach vor jeder etablierten Religion liegt. Esoterik ist also Wissen um das göttliche Geheimnis in der Tiefe und im Ursprung, jenseits aller Einzelreligion. Drittens rekurriert Wünsch auf die Antike, auf das alle Geheimnisse des Göttlichen bereits in sich enthaltende Urwissen, das die Antike besessen haben soll. Alle drei Begriffskomponenten sind richtungweisend für das, was wir heute Esoterik nennen.
...



Literatur:

Dinzelbacher, Peter (1989): Wörterbuch der Mystik. Stuttgart: Kröner.

Faivre, Antoine (1992): Esoterik. Braunschweig: Aurum.

Hanegraaff, Wouter J. (1998): New Age religion and Western culture. Esotericism in the mirror of secular thought. New York: State of New York University Press.

Knoblauch, Hubert (2009): Populäre Religion. Auf dem Weg in eine spirituelle Gesellschaft. Frankfurt / New York: Campus.

Wünsch, Christian Ernst (1817): Esoterika oder Ansichten der Verhältnisse des Menschen zu Gott. Zerbst: Andreas Füchsel.

 

Über den Autor:

E. W. Harnack ist Diplom-Psychologe/Psychotherapeut; schreibt und arbeitet in freier Berufsausübung in Berlin.



Weiterlesen / Proceed to the full text: