Zeitschrift für Spiritualität und Transzendentale Psychologie 2011, 1 (2) /
Journal for Spirituality and Transcendental Psychology 2011, 1 (2)



Über die Gurus, bei denen alles einfach ist

Edgar W. Harnack

 

 

 

Wie sehr sehnt sich der Mensch nach dem Einfachen. Er will es sich einfach machen mit dem Haushalt, also besorgt er sich technische Geräte oder eine Putzhilfe. Er will es sich einfach machen mit dem Glück, also kauft er das Glück, das es zu kaufen gibt. Er will es sich einfach machen mit der Transzendenz, also sucht er nach Antworten, die seinen Geist nicht überfordern. Glücklicherweise gibt es Gurus, bei denen alles einfach ist. Wenn man sie etwas fragt, wissen sie immer eine eindeutige Antwort. Wie transzendent das Thema auch sein mag: Sie wissen immer eine eindeutige Antwort. „Verlässt die Seele nach dem Tod den Körper?“ – „Komm her, ich erkläre es dir, das ist nämlich so und so!“. „Wie ist das Verhältnis von Karma und Meditation, von Handeln und Einsicht, von Ethik und anderen Bewusstseinszuständen?“ – „Karma, Ethik, Handeln – das ist alles unwichtig! Wenn du nur genügend meditierst, wird dein Karma von alleine besser!“. „Muss man sich von allen äußeren Sinnesreizen zurückziehen und sich kontemplativ in sich vertiefen, um spirituell zu wachsen?“ – „Natürlich muss man das, es gibt keinen anderen Weg!“. „Gibt es einen Gott und hilft er mir spirituell voranzukommen?“ – „Gott? Wieso redest du von Gott? Wer sich wirklich auf dem Weg befindet, spricht vom großen Erwachen, mein Lieber!“.

 

Die Gurus, bei denen alles einfach ist, sind sehr hoch entwickelte Menschen. Denn das müssen Sie wohl sein, wenn ihnen die Wahrheiten so leicht von der Hand gehen! Müssen sie nicht alles, was sie sagen, aus allererster Hand wissen, wie der Buddha, wie Jesus, wie die höchsten Hindu-Heiligen, die mit beiden Beinen in dieser Welt standen, aber mit dem Kopf in die andere Welt hineinreichten? Ja, wer mit Eindeutigkeit spricht, muss alle Wahrheit kennen, nicht weil er sie gehört hat, nicht weil er sie erdacht hat, nicht weil er sie als wahr vermutet, sondern weil er sie in sich als wahr erkennt. Sonst machte doch seine Sicherheit keinen Sinn. Sonst wäre seine Sicherheit ja eine Lüge für sich, die sich auf die andere Lüge, er wisse, wie es sich verhalte, draufsetzt. Wer von Euch weiß sicher, dass die Erde die Sonne umkreist? Habt Ihr es selbst erfahren? Und wenn Ihr es mit eigenen Augen sehen könntet: Wüsstet Ihr, dass Euch Eure Sinne nicht täuschen? Wer sich einer Sache sicher ist, so sollten wir wohl meinen, sollte sich zuallererst der einen Sache sicher sein, woher nämlich seine Sicherheit stammt. Nur wer die Quelle seiner Sicherheit sicher zu benennen vermag, mag sich selbst seiner Sicherheit sicher sein. Glaube ich an die schöne Reinkarnationstheorie meines Gurus, weil er sie so trefflich vermitteln konnte und mein Guru ein so reizender Kerl ist? Oder glaube ich daran, weil ich selbst die Kette meiner Reinkarnationen durchschaue? Oder weil ein Reinkarnationstherapeut mir in Hypnose suggeriert hat, die Bilder, die in meinem Inneren aufsteigen, stammten aus einem vergangenen Leben? Oder glaube ich daran, weil ich lange nachgedacht habe und finde, dass Reinkarnation vernunftgemäß besser zu allen Lebensäußerungen passt als jede andere Theorie? Und wenn ich dann diese Überzeugung in mir gewonnen habe, was ist das für eine Überzeugung? Ist es eine Überzeugung von der Art „Jetzt kenne ich die Wahrheit“ oder von der Art „Könnte schon sein“?
...



Über den Autor
E. W. Harnack ist Diplom-Psychologe/Psychotherapeut; schreibt und arbeitet in freier Berufsausübung in Berlin.



Weiterlesen / Proceed to the full text: