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Zeitschrift für Spiritualität und Transzendentale Psychologie 2011, 1 (1) /
Journal for Spirituality and Transcendental Psychology 1 (1), 2011



Rezension zu
Bernd Wicziok (1992): Vom Ego und vom Sum.

E. W. Harnack

 

 

Warum sollte man wohl ein Buch rezensieren, das vor zwei Jahrzehnten erschienen ist und seitdem kaum eine Leserschaft gefunden hat, und das obendrein auch noch nicht ohne große Vorbehalte empfohlen werden kann? Weil es wie kaum ein anderes dem Rezensenten bekanntes Buch die Schwierigkeiten und Ambivalenzen, die Klippen, aber auch Chancen eines transzendentalpsychologischen Ansatzes aufzeigt. Das Buch mit dem unschönen Titel „Vom Ego zum Sum“ und dem auch noch gänzlich unpassenden Untertitel „Digitalisierte Ethik“ wurde von einem Psychologen und Psychotherapeuten tiefenpsychologischer Ausrichtung verfasst und beschäftigt sich, ganz entgegen aller im Titel mitgeführten Assoziationen, mit dem, was C. G. Jung „Schattenarbeit“ nennen würde, allerdings auf eine durchaus originelle Weise, mischen sich in ihm doch transzendentale Erfahrung und psychologisches Wissen zu neuer Gestalt.


Die Begeisterung, die der Autor einleitend gegenüber einem Bestseller von so zweifelhafter Reputation wie den „Gesprächen mit Seth“ vermittelt, stimmt allerdings schon initial misstrauisch. Denn die Wertschätzung von „gechannelten“ Werken basiert ja meist auf der Annahme, Wissen, das direkt von oben kommt, sei wertvoller als ein Gedanke, der den Parcours des eigenen Verstandes passieren musste. Da beides – Verstand und Gechanneltes – aber keine innere Beziehung zueinander aufweisen müssen, darf folglich jede schön geformte Phantasie unter der Behauptung, sie sei „gechannelt“, auf eine unkritische Leserschaft hoffen. Mit dem darin aufscheinenden Grundproblem spiritueller Botschaften aber ist auch das Werk von Wicziok selbst behaftet, dessen Leserschaft nur aufgrund der Komplexität und fehlenden populären Diktion dieses Werkes ausblieb. Denn auch Wiczioks Buch basiert auf „gechannelten“ Botschaften, die über den Weg des Katathymen Bilderlebens in einem mystischen Dialog mit seinem Geistführer zum Autor fanden. Zugleich aber ist dieser offensichtlich ein in Naturwissenschaften und Technik geübter, der akademischen Psychotherapie verpflichteter Denker – und wie soll nun beides zusammengehen?


Das aber ist das Kernproblem, das sich durch Wiczioks Buch hindurchzieht, wie das Kernproblem jeder Transzendentalen Psychologie (und insofern ist Wiczioks Buch doch auch ein Versuch in zeitgenössischer Transzendentalpsychologie): Wie lässt sich die Erfahrung anderer Welten und die vernunftgeleitete Reflexion dieser Erfahrung, wie lässt sich die gänzlich andere Seinsweise des Transzendenten und die Wirklichkeit unserer Welt miteinander in Einklang setzen? Da gibt es in Wiczioks Buch einerseits die Botschaften der Geistführer – seiner eigenen und die seiner Klient(inn)en –, andererseits seine eigenen Versuche, diese wiederum in Theorien und Theoreme zu kleiden, die nicht weniger beanspruchen, als die allgemeinsten Funktionsprinzipien des seelischen Lebens auf metaphysischer Ebene zu offenbaren. Überlegen wir noch einmal genauer, unter welchen Bedingungen wir erwarten können, dass ein solcher Ansatz überhaupt gelingen kann!


Die erste Voraussetzung betrifft den Ursprung des als „empfangen“ ausgewiesenen Materials: Ist es nach der subjektiven (geheimen) Überzeugung des Behauptenden tatsächlich empfangen oder eigentlich ersonnen? Hier besteht im Fall Wiczioks kaum Zweifel an der subjektiven Echtheit des Charakters des Empfangenen, zumal der Autor sich bemüht, ein Gesamtwerk vorzulegen, dessen Tenor auch ohne den Rekurs auf die Botschaften bestand behielte, so dass es nicht als Offenbarung allein gedacht scheint.


Die zweite Voraussetzung betrifft die Frage nach der Wahrheit der Äußerungen aus fremder Quelle. Dabei kann Wahrheit – scholastisch gedacht als die Übereinstimmung zwischen Aussage und referiertem Gegenstand – bei empfangenen Botschaften aus zwei Gründen nur schwer bestimmt werden. Der erste liegt in der Aussage selbst, die in vielen Fällen empfangener Botschaften orakelhaft mehrdeutig ist (dies nur teilweise auch bei Wicziok). Der zweite Grund liegt auf der Seite des referierten Gegenstandes, der oft nicht direkt geprüft werden kann. Im Falle Wiczioks etwa handelt es sich um Botschaften wie „Hass ist gestaute, zurückgehaltene Liebesenergie“ (S. 231) oder „Es ist egal, wer höher steht oder niedriger, jeder hat seine Funktion“ (444), die beide auf der Ebene allgemeiner Lebensweisheiten stehen, für die es schwer (nicht aber unmöglich) ist, Belege oder Widerlegungen zu finden. Dennoch macht genau das die Faszination der von Wicziok empfangenen Botschaften aus (dieselbe Faszination, wie sie etwa bei Neil Donald Walsch spürbar wird): dass es sich tatsächlich um Weisheiten handelt, die also nicht allein abstrakte Allgemeingültigkeit, sondern zugleich lebenspraktischen Gehalt besitzen. Inwiefern diese nun wahr sind, insofern ihre (transzendenten) Verkünder sich „wirklich“ mit der metaphysischen Konstitution unserer Welt, unserer Psyche und unserer sozialen Wirklichkeit auskennen, ist schlichtweg so nicht festzustellen.


Das eben ist der Stolperstein aller Aussagen, die den Anspruch erheben, direkt aus höheren Quellen zu stammen: Es könnte eben auch sein, dass sie aus dem Unbewussten des Empfangenden stammen. Es könnte ebenfalls sein, dass sie den höchsten Ebenen von Wissen entstammen, das in diesem Kosmos verfügbar ist. Es könnte schließlich sein, dass sie transzendenten Ebenen entstammen, die selbst nur relatives Wissen besitzen (und die deshalb nur relative Wahrheit beinhalten). Letzteres übrigens ist das Modell, das Wicziok selbst nahe legt (die Geistführer seien immer nur ein Stück dem Menschen voraus und ab einem bestimmten Entwicklungsniveau des Menschen müsse auch der Geistführer ausgetauscht werden, um einem höheren Wesen Platz zu machen). Dann aber können wir folgern, dass empfangene Wahrheiten für eine Person bestimmt sind und nicht für andere, dass ihre Weisheit als auch nie absolut wahr ist. Damit haben wir keine Schwierigkeiten, wenn wir einen pragmatisch-phänomenalen Wahrheitsbegriff anlegen, für den der Begriff der einen absoluten Wahrheit gar keinen Sinn macht, weil es immer nur die Frage ist, ob die geäußerte Wahrheit für die einzelne Person oder das Kollektiv nach dem Stand ihrer mentalen, emotionalen und spirituellen Entwicklung einen Wert besitzt. Dann aber ist es konsequenterweise nicht gut möglich, aus den persönlich empfangenen Botschaften allgemeingültige Theorien abzuleiten, die für alle Menschen gelten sollen. Selbst wenn die Botschaften, wie im vorliegenden Fall, Allgemeingültigkeit selbst nahe legen.


Solche allgemeingültigen Theoreme können zwar auch so aufgefasst werden, dass jeder, der auf dem Niveau der geäußerten Botschaften steht und deshalb selbst etwas damit anfangen kann, diese als subjektiv gültige Botschaften empfangen und jeder Andere sie ignorieren mag. Das ist bei anderer psychologischen (Ratgeber-)Literatur auch nicht anders. Wird aber der prätentiösere Anspruch erhoben, für alle Menschen gültige Wahrheit über die ontologische Beschaffenheit des menschlichen Daseins zu verkünden, muss dieser Anspruch einer Prüfung unterzogen werden können. Damit empfangenes Wissen auf diesem Niveau in prüfbares Wissen überführt werden kann, gibt es im Wesentlichen die beiden Wege abendländischen Geistes, welche die Psychoanalyse und die Verhaltenstheorie eingeschlagen haben. Der erste, geisteswissenschaftliche Weg, den auch Wicziok als Tiefenpsychologe nimmt, besteht in der Errichtung eines systematischen theoretischen Gebäudes, in das sich die Einzelannahmen so einfügen lassen, dass eine logische Kohärenzprüfung wie die Anwendbarkeit auf den Lebensalltag möglich ist. Der zweite, naturwissenschaftlich orientierte Weg bestünde in der Operationalisierung der Aussagen in der Weise, dass sie direkt empirisch prüfbar werden. In jedem Fall ist aber ein Denken, das Wissen schafft, an drei Voraussetzungen und drei Funktionen von Wissenschaft zu orientieren, nämlich an den Kriterien, dass darin referentielle Aussagen vorkommen (statt solche rein dogmatischer oder normativer Art), dass diese Aussagen in sich nicht widersprüchlich sind und dass sie geprüft werden können; außerdem die drei Funktionen der Erklärung, Vorhersage und Technologie, d. h. dass solche referentiellen Aussagen Sachverhalte der Wirklichkeit verständlich machen oder erklären, dass sie diese Sachverhalte vorhersagen (ihre Entstehungsbedingungen angeben) können und dass sie deshalb auch zu Methoden der Herstellung von Sachverhalten führen können (z. B. psychotherapeutische Techniken hervorbringen). Indem nun Wicziok versucht, Weisheiten von großer Allgemeingültigkeit zu einem theoretischen statt einem operationalen System auszubauen, erachtet er das Kriterium der empirischen Prüfbarkeit gering. Indem es ihm aber zugleich nicht gelingt, ein geschlossenes psychotherapeutisches oder transzendental-psychologisches System zu errichten, aus dem die drei Funktionen von Wissenschaft resultieren könnten, bleiben seine allgemeingültigen Einsichten, so tief sie auch sein mögen, bloße Allgemeinplätze.


Denn nur ein widerspruchsfreies System aufeinanderbezogener Sätze, aus denen sich Verstehen, Vorhersage und Methodik ableiten, schafft neues Wissen (was eben auch für ein geisteswissenschaftliches System gilt). Dabei könnten Teile wie die Analyse des Schattens, die Wicziok liefert, hervorragend einer transpersonal-psychologischen Psychotherapie dienen: Das Böse (der Schatten) als das uns Aufgegebene ist das Resultat des Lebensgrundvertrages, mit dem wir auf diese Welt gekommen sind, um zu lernen; denn dieses Böse ist nichts als der äußere Spiegel unserer selbst, es ist die Aufgabe, die nicht existierte, wenn wir nicht wären, was wir sind: unvollkommen und zugleich auf dem Weg zu höherer Vollkommenheit. Insofern ist das Böse in Wiczioks Entwurf zugleich das, was im Äußeren angenommen und mit dem gearbeitet werden muss, als auch dasselbe im Inneren; auch hier muss der Teufel erst einmal akzeptiert werden, um ihn zu transformieren. Und er fordert: „Ich muss den Mut aufbringen, mich meinem inneren Hass zu stellen und ihn in mir zu behalten“ (220). Dies aber geht nur über die Anerkenntnis der dem Hass zugrunde liegenden Traurigkeit. Es ist wichtig, das Gefühl bei mir zu lassen, weil es keine äußere Wirklichkeit gibt, die hassenswert wäre. Die Welt ist die Lernumgebung, die für meine Lernaufgaben geschaffen wurde. Was ich an ihr lernen soll, spielt sich in mir ab. 


„Wir sind selbst der Autor unseres Lebens, das heißt, wir gestalten unsere Realität selbst. Das Leben ist ein Traum. Jeder träumt seinen eigenen Traum. Wie innen, so außen. Jeder ‚verdient’ genau das Leben, das er lebt, denn es ist in völligem Einklang mit dem Wesen und Reifegrad seiner Persönlichkeit, und so wie es in seinem Herzen und seinem Kopf aussieht, so sieht seine persönliche Welt aus“ (369) heißt es bei ihm. Das mag man für Wahrheit oder Theorie halten, für originell oder nicht, aber sein transzendentaler Wert lässt sich nicht entscheiden. Dasselbe gilt für andere psychotherapeutisch wertvolle Gedanken, wie die Unterscheidung zwischen dem großen NEIN, das wir zum Leben und seinen Tatsachen sprechen, die wir nicht haben wollen und radikal ablehnen; was er als den Wesenskern des Egos bezeichnet, aus dem unser Hass und Neurotizismus resultieren. Und dem kleinen „nein“, das die Tatsachen nicht grundsätzlich ablehnt, aber als „Kommentar auf die Realität“ manches – berechtigterweise – nicht toleriert. Manche Gedanken aber kommen über den Stellenwert von Privatoffenbarungen nicht hinaus.


Und das ist schließlich das Resümee bei den meisten Neuoffenbarungen: Sie sind oft nur für den Empfangenden gemeint. Sie weisen hinaus über das, was er selbst wissen konnte und mögen insofern (was im Einzelfall zu prüfen wäre) echt sein, tatsächlich aus einer ihm gegenüber höheren Quelle entspringen. Aber damit aus dem, was das Bewusstsein des Empfangenden übersteigt, eine Botschaft von solcher Tragweite werden kann, dass sie auch den Bewusstseinszustand anderer, sekundärer Hörer übersteigt, bedarf es jener Systematisierung und hermeneutisch zirkulären Rückbindung an die Empirie, die losgelöste Neuoffenbarungen selten, spirituelle Traditionen hingegen meist besitzen. Aber selbst von diesem entscheidenden Mangel kann durch elegante Rhetorik und ästhetische Sprachform abgelenkt werden, sofern diese vorhanden sind. Insofern wären Wiczioks Buch einige geneigte Leser gewünscht, die an derartigen Äußerlichkeiten den Wert eines Textes nicht messen. Und die dazu in der Lage sind, die Perlen unter den Allgemeinplätzen auszusondern und die wertvollen metaphysischen Deutungen der menschlichen Lebenswelt in lebensweltliche Praxis zurückzuübersetzen. 


Besprochenes Buch:

Wicziok, Bernd (1992): Vom Ego zum Sum. Digitalisierte Ethik. Regensburg: Kommafünf-Verlag (Exemplare sind beim Autor des Buches erhältlich).


Referenzen:

Roberts, Jane (2001): Gespräche mit Seth. München: Goldmann

Walsch, Neale D. (2009): Gespräche mit Gott. München: Goldmann