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Zeitschrift für Spiritualität und Transzendentale Psychologie 2011, 1 (1) /
Journal for Spirituality and Transcendental Psychology 1 (1), 2011



Der Praxistest:

Tian Gong Tempel, Berlin

E. W. Harnack

 

 

Die biblische Aussage „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen“ (Mt. 7, 16) wollen wir wörtlich nehmen. Was sind die Früchte, die spirituelle Lehrer und Gemeinschaften unserer Zeit wirklich hervorbringen? Eine „Stiftung Warentest für spirituelle Institutionen“ muss anderen als rein mundanen Kriterien genügen; sie muss die Möglichkeit spiritueller Erfahrung und echter persönlicher Transformationserlebnisse in allen spirituellen Traditionen einbeziehen. Aber sie muss gleichwohl kritisch dazu in der Lage sein, aufgrund offensichtlicher als auch subtiler (transzendentaler) Kriterien Scharlatane von wirklich hilfreichen Angeboten auf dem Weg zu trennen. Solange wissenschaftliche Untersuchungen zur Klärung dieser Frage kaum vorliegen, sollen an dieser Stelle die Erfahrungsberichte Einzelner bei der Beurteilung der aktuellen „spirituellen Szene“ weiterhelfen. In der Reihe „Der Praxistest“ stellt eine Autorin oder ein Autor ihre/ seine Erfahrungen mit einer spirituellen Institution dar. Der Bericht gibt lediglich die subjektive Meinung des Autors (der Autorin) wieder und ist nicht als objektive Beurteilung der betreffenden Institution zu verstehen. Die Autorin (der Autor) ist für ihre/seine Meinungsäußerung selbst verantwortlich.

 

 

Am 03. Februar 2011 besuchte ich das Tian Gong Zentrum in Berlin-Wilmersdorf und nahm an einer so genannten Bi Gu Einweihung teil. Tian Gong (chinesisch „Himmlischer Palast“) ist eine Form von Qi Gong und eine Organisation, die verspricht, Qi Gong speziell für westliche Menschen anzubieten: jenseits von Weltanschauung und allein die körperlich-seelische Gesundheit fokussierend. Wie sich dieser Anspruch, reines Gesundheitsangebot zu sein, mit den (pseudo-)esoterischen Inhalten verträgt, die Tian Gong auch in meinem hier geschilderten Erleben mittransportiert, erscheint mir fraglich. Ich muss gestehen, dass es nicht reine Neugier war, die mich dorthin trieb, sondern ein Anflug von ernsthafter Erwartung, ich könnte dort meiner Leidenschaft für leckeres Essen Herr werden, denn ich hatte gehört, dass Bi Gu jene Chi-Kräfte mobilisiere, die manche Qi-Gong-Meister ganz ohne jegliche Nahrung leben lassen. Und wenn es denn so einfach sein sollte, warum sollte man es nicht einmal versuchen? Die Teilnahme an der Bi-Gu-Einweihung steht jedem kostenlos und ohne Voranmeldung einmal monatlich offen. Ein Seminar zum Erlernen der dazugehörigen Methode kostet vergleichsweise wenig. Also nahm ich ohne Voreingenommenheit an der kostenlosen Einweihungszeremonie teil und war gleich erstaunt über das rege öffentliche Interesse, das Bi Gu offenbar erweckt. Die schätzungsweise 200 Teilnehmer vermochte der Raum, der an ein Aerobicstudio erinnerte, kaum zu fassen.

 

Zwei deutsche Anleiter, eine dunkelhaarige, schlanke Frau und ein sportlicher Mann, die sich natürlich mit Vornamen vorstellten, und deren uniform rotes Poloshirt den Eindruck der Physiotherapieeinrichtung verstärkte, standen vor dem Amphitheater der Teilnehmer und erläuterten, was es mit Bi Gu auf sich habe, welche innere Verbindung zwischen dem Respekt vor dem Nahrungsmittel und dem Respekt vor den Lebewesen auf diesem Planeten bestehe und weshalb Bi Gu zugleich mit einer Meditation für die leidende Erde verbunden sei. Noch fühlte ich mich einigermaßen gut aufgehoben bei den Worten der Trainerin, hatte auch den Eindruck, dass die Plausibilität ihrer knappen Ausführungen nichts zu wünschen übrig ließ. Neben mir saß ein gemischtgeschlechtliches Paar von gut 50 Lebensjahren. Die andächtige Faszination, mit der sie den Worten der Dunkelhaarigen nickend lauschten, erinnerte mich zwar an profanisierte Formen der Heiligenverehrung, wie sie heute in jedem Selbstverwirklichungsseminar provoziert werden, ließen sich aber nicht der Rednerin zuschreiben.

 

Bald darauf aber begann ich an der Seriosität der Institution leichte Zweifel zu hegen. Nach einer Phase der Meditation, begleitet von den Worten der Anleiterin, wurde von ihm, ihrem Kollegen, der Bi Gu Segensstrom auf die Teilnehmer ausgegossen. Damit geschah der eigentliche Hauptteil von Einweihung und Übertragung der Bi Gu Energie. Hier drängt sich die Frage der Legitimation ganz automatisch auf: Wenn eine Übertragung spiritueller Wirkungskraft durch einen Menschen auf andere Menschen behauptet wird, muss man doch zunächst etwas darüber wissen, woher der Übertragende die Autorität zu solch einer Handlung nimmt (und besaß seine Kollegin diese nicht oder weshalb waren die Rollen so aufgeteilt?). Das allein aber ist eine offene Frage, keine Kritik. Nicht einmal, dass ich nichts von der behaupteten Energie wahrnahm, kann als Schaden für die Methode ausgelegt werden: Was im subjektiven Erleben nicht stattfindet, kann verschiedene Ursachen haben. Aber als Hypnotherapeut, der ich bin, waren mir die Ehrfurcht einflössenden chinesischen Initiationsformeln und deutschen Suggestionen: „Starke Bi Gu Energie strömt in Dich ein! Sehr starke Bi Gu Energie!“ doch recht offensichtlich auf die Psyche der Teilnehmer und nicht auf ihre spirituellen Seinsweisen gemünzt. Denn mittels solcher Suggestionen, zusammen mit vorhandenen Erwartungshaltungen der Teilnehmer und den nonverbalen Inszenierungen des Mysteriösen lässt sich bei entsprechend disponierten Personen mit absoluter Sicherheit auch ohne irgendeine spirituelle Verbindung eine subjektive Wirkung herstellen.

 

Dieser erste Eindruck verstärkte sich noch, als in der anschließenden Auswertung der „Erfahrung“ alles, was zu einer guten Suggestion gehört, auf den Tisch gepackt wurde: Man werde nach dieser kräftigen Einweihung, die eigentlich nicht durch anwesende Menschen, sondern einen transzendenten Meister erfolgt sei, entweder keinen Hunger mehr verspüren oder weniger Hunger. Es könne allerdings auch sein, dass man mehr Hunger verspüre. Und wenn man (also: gleich viel) Hunger verspürt (wie bisher), solle man dann seinem Körper folgen und essen, weil Bi Gu eben den Körper frei mache, das zu verlangen, was er brauche. Das gleiche ließe sich genauso wirkungsvoll ohne Bi Gu behaupten: Hör auf Deinen Körper, er wird Dir sagen, was er braucht. Suggestive Meisterleistungen waren aber auch die Frage, ob denn jemand den transzendenten Meister gesehen habe, das komme vor (ja, eine Dame meldet sich), eine andere will wissen, ob es derselbe Meister sei, zu dem sie schon seit Jahren bete. Und vielleicht als der Blick der Dunkelhaarigen über mein offensichtlich zweifelndes Gesicht schweift, insistiert sie sybillinisch: Man solle jetzt doch bitte auch alle negativen Energien noch aus dem Raum entlassen. Weder in Worten noch in Taten konnte ich einen eigentlichen spirituellen Kern der Veranstaltung entdecken, wie ich ihn der alterwürdigen Tradition des Qi Gong für würdig befunden hätte, dafür aber viele Anzeichen, die sowohl dieser Spiritualität als der behaupteten weltanschaulichen Neutralität widersprachen: Vor dem Veranstaltungsraum zu handelsüblichen Preisen verkaufte CDs, die versprachen, man werde durch deren Anhören Energien übertragen bekommen und besondere Zustände erreichen, gar schwierige Qi-Gong-Übungen meistern können, wirken auf mich in etwa so grotesk wie die Idee, reich zu werden, indem man sich eine mit 500-Euro-Geldscheinen bedruckte Tapete ins Wohnzimmer hängt.

 

Dabei will ich nichts darüber aussagen, ob die in der Veranstaltung verwendeten Suggestionen nicht psychologisch wertvoll sind. Ich will auch nicht bestreiten, dass der Leiter des Zentrums, der Gründer von Tian Gong oder ein transzendentes Wesen, das Tian Gong begleitet, hohe spirituelle Verwirklichungen besitzen könnten. Allerdings genügen meines Erachtens einige sehr zweifelhafte Aspekte, um zu schlussfolgern, dass am Ganzen einer Institution etwas faul ist. Im Nachhinein muss ich zugeben, dass ich meiner eigenen irdischen Hoffnung auf eine schnelle Verringerung meines Appetits aufgesessen bin, nicht einer echten spirituellen Hoffnung. Das wird deutlich, wenn man aus dem Mund seriöser Qi-Gong-Lehrer hört, der Bi Gu Prozess sei stets das Ergebnis langer und sehr mühseliger Bemühungen, nicht einer kurzen Zeremonie. Das aber will der westliche Konsument nicht hören und gibt sich lieber einer angenehmen Suggestion hin, die ja nur deshalb potentiell nicht zum Erfolg führt, weil sein Körper „eben gerade etwas anderes will“.

 

 

Hinweis: Alle Schilderungen und Einschätzungen beruhen auf meinen subjektiven Eindrücken und lassen sich nicht verallgemeinern. Sie stellen keine Empfehlung und kein objektives Urteil dar.

 

Angaben zum Autor:

E. W. Harnack ist Diplom-Psychologe, approbierter Psychotherapeut und Supervisor; schreibt und arbeitet in freier Berufsausübung in Berlin.