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Zeitschrift für Spiritualität und Transzendentale Psychologie 2011, 1 (1) /
Journal for Spirituality and Transcendental Psychology 1 (1), 2011



Der Spirituality Check:

     Was ist eigentlich…

…Spiritualität?

 Edgar W. Harnack

 

 

In einer Gesellschaft, in der die religiöse Praxis nicht mehr von großen kirchlichen Institutionen kontrolliert wird, die mit weltlicher Macht ausgestattet sind, um dem „Laien“ religiöse Inhalte verbindlich vorzuschreiben, kann die Vielfalt zum Problem werden. Wer kein Experte ist, braucht oft kompetente Führer, um seriöse Angebote von Scharlatanen und gefährlichen Verführern unterscheiden zu können. Eine objektive Beurteilung dessen, was seriöse Spiritualität sein kann und was nicht, ist schwer zu finden, weil die meisten Experten selbst eine bestimmte weltanschauliche Position vertreten. Mit der Reihe Spirituality Check wollen wir aus der Perspektive einer transzendentalen Religionswissenschaft beleuchten, was seriöse von unseriösen Verwendungen spiritueller Begrifflichkeiten unterscheidet. Dabei wird jeweils ein Begriff in seiner Etymologie, seiner theoretischen Heimat, seiner praktischen Anwendung, seinem heutigen Vorkommen vorgestellt und im Hinblick auf seine seriösen Verwendungsmöglichkeiten diskutiert.

 

Woher stammt der Begriff?

Der Begriff Spiritualität macht genau genommen nur innerhalb der christlichen oder – für die heutige Situation gesprochen – innerhalb der vom Christentum vorgeprägten, aber ihm entfremdeten postaufklärerischen Kultur des Westens Sinn. Der Terminus „Spiritualität“ leitet sich von lateinisch spiritus ab, dessen sprachgeschichtliche Entwicklung selbst eine „Spiritualisierung“ beinhaltet: War damit doch zuerst der Lufthauch angesprochen, der dann mit dem Atem und darüber hinaus dem Lebenshauch, der Lebenskraft selbst gleichgesetzt wurde, und weiter sublimiert zum Geist als dem höchsten Seelenteil wurde, schließlich in den lateinischen Bibelübersetzungen auch zum Heiligen Geist, dem spiritus sanctus, einer der drei Personen der Gottheit. Spirituell (als Adjektiv, spiritualis) ist im Neuen Testament (1. Korintherbrief) das, was den Menschen als Geistwesen von seinem körperlichen Teil (carnalis) und von den tierischen Trieben (animalis) abgrenzt. Die dadurch vorgegebene Verwendung des Begriffs trägt sich durch das gesamte Mittelalter fort: bei Thomas von Aquin als dem wichtigsten mittelalterlichen Theologen wird spiritualitas von carnalitas (Fleischlichkeit) abgegrenzt und damit Spiritualität in den Bereich der Askese, der Entsagung des Weltlichen gestellt. Im 12. Jahrhundert schreibt Rimbaud de Liège: „Wenn wir also das, was Gottes ist, sehen wollen, ist es erforderlich, dass wir das Animalische ablegen und das Spirituelle annehmen“ (in Solignac 1990, 1145; Übers. d. Verf.).
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